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Bundesligist als Sanierungsfall Wendezeit auf Schalke: Fünf radikale Änderungen nach dem Tönnies-Abgang

Dem FC Schalke 04 steht nach dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Tönnies ein echter Umbruch bevor – von der Ausgabenpolitik bis zur Rechtsform.
01.07.2020 - 17:23 Uhr Kommentieren
Beim Gelsenkirchener Bundesligisten zeichnen sich tiefgreifende Veränderungen ab. Quelle: Reuters
Geschäftsstelle des FC Schalke 04

Beim Gelsenkirchener Bundesligisten zeichnen sich tiefgreifende Veränderungen ab.

(Foto: Reuters)

München Die Worte auf dem Sterbebett waren nicht misszuverstehen: „Kümmere dich um Schalke!“ So brachte Großmetzger Bernd Tönnies im Sommer 1994, kurz vor seinem Tod, seinen Mitgesellschafter Clemens Tönnies in die Verantwortung. Der jüngere Bruder wechselte für den verstorbenen Präsidenten des Fußball-Bundesligisten in den Aufsichtsrat und löste dort 2001 den FDP-Politiker Jürgen Möllemann an der Spitze ab.

Am Mittwoch begann, 19 Jahre nach dem Tönnies-Aufstieg, eine neue Epoche im Gelsenkirchener Traditionsklub. Der 64-jährige Schlachtunternehmer aus Rheda-Wiedenbrück hatte am Vortag seinen Rücktritt erklärt, nachdem die Opposition im Aufsichtsrat gegen ihn zu groß geworden war. Für viele Fans war er zur Persona non grata geworden.

Erst stand Tönnies im Mittelpunkt einer Rassismus-Debatte, weil er sich zum sexuellen Verhalten in Afrika geäußert hatte, und musste sein Amt auf Schalke drei Monate ruhen lassen. Und dann setzte ihm der Covid-19-Skandal in seinem Unternehmen zu, mehr als 1500 seiner Leiharbeiter wurden positiv getestet.

Nun steht alles auf Neuanfang. Tönnies ist auf Schalke nur noch eine Figur der Zeitgeschichte. „Der heutige Tag ist eine Zäsur für den FC Schalke 04“, sagte Marketingvorstand Alexander Jobst auf einer Pressekonferenz am Mittwoch: „Ein Weiter-so wird und kann es nicht geben.“ Fünf Dinge ändern sich grundlegend.

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    Änderung Nummer eins: die Rechtsform.

    Seit Wochen schon diskutieren die Schalker über eine Auslagerung der Fußballabteilung aus dem Verein. So etwas ist in der Bundesliga gang und gäbe. Der FC Bayern München wählte hierfür beispielsweise die Rechtsform einer AG, der FC Augsburg die GmbH & Co. KGaA, Borussia Mönchengladbach die GmbH. Die Schalker tendieren nach Handelsblatt-Informationen zur Rechtsform der Genossenschaft. Das wäre eine besondere Mischform aus Aktiengesellschaft und Verein. Zweck wäre hier, die sportkulturellen Interessen der Mitglieder, also der Fans, zu fördern. Zum Schalker Image als ehrlicher „Malocher- und Kumpelklub“ passe die Genossenschaftsidee am besten, heißt es intern.

    Wenn man überzeugt sei, dass eine Änderung der Rechtsform Sinn ergäbe, werde man das öffentlich kundtun und diskutieren, kommentiert Marketing-Vorstand Jost. Andererseits: „Corona kann nicht das Sprungbrett für eine geänderte Rechtsform sein.“

    Marketingvorstand Alexander Jobst, Schalkes Trainer David Wagner und Jochen Schneider, Vorstand Sport, (von links) haben am Mittwoch eine Pressekonferenz zu den Konsequenzen aus der Saison-Analyse gegeben. Quelle: AFP
    Pressekonferenz

    Marketingvorstand Alexander Jobst, Schalkes Trainer David Wagner und Jochen Schneider, Vorstand Sport, (von links) haben am Mittwoch eine Pressekonferenz zu den Konsequenzen aus der Saison-Analyse gegeben.

    (Foto: AFP)

    Änderung Nummer zwei: Staatshilfe.

    Nach Informationen des Handelsblatts ist eine Landesbürgschaft in Höhe von fast 40 Millionen Euro ausgehandelt und unterschriftsreif. Zwei Geschäftsbanken, die den wirtschaftlich angeschlagenen Klub mit Krediten versorgen sollen, pochen dem Vernehmen nach auf diese Sicherheit. Die Regularien der Aufsichtsbehörde Bafin ließen keine andere Wahl. Ein Notkredit der Staatsbank KfW kommt für Schalke nicht infrage, da das Institut Vereinen kein Geld leihen darf.

    Der Klub erklärt offiziell, eine Landesbürgschaft sei ein Instrument, dessen sich Vereine und auch Schalke schon in der Vergangenheit bedient haben. Aber mit 40 Millionen? Zu allen konkreten Punkten verweisen der Klub und das Landesfinanzministerium auf Geheimhaltungspflichten. 

    Änderung Nummer drei: die Ausgabenpolitik.

    Die Coronakrise hat den Verantwortlichen klargemacht, dass die in der Tönnies-Ära gewucherten Ausgaben gekappt werden müssen. Die Personalausgaben liegen bei stolzen 124 Millionen Euro. Vorstand Jobst kündigt massive Einsparungen an: „Bei Investitionen, die nicht unbedingt notwendig sind, wird die Stopptaste gedrückt.“ Alle Einstellungen sowie Transfer- und Vertragsgespräche ruhen. Die Spielergehälter sollen bei maximal 2,5 Millionen Euro gedeckelt werden. „Das Lizenzspieler-Budget ist der größte Hebel“, sagt Sportvorstand Jochen Schneider. Im Revier herrscht nun schwäbische Mentalität.

    Der Klub hatte sich in der Vergangenheit Kredite auf Basis künftiger TV-Erlöse organisiert und mit noch weiter in der Zukunft liegenden Fernsehgeldern abgesichert. In der Corona-Spielpause zerfiel das System. Rund 200 Millionen Schulden lasten auf Schalke; 2019 machte der Verein mehr als 26 Millionen Verlust bei 275 Millionen Euro Umsatz. Mit einem Eigenkapital von minus 18,5 Millionen Euro ist Schalke Schlusslicht der Liga. Man spielt auch gegen das Gespenst der Insolvenz.

    Änderung Nummer vier: die Werbepartner.

    Bei einer Neuausrichtung hoffen die Reformer im Klub auf neue werbungtreibende Geldgeber, die bislang vom russischen Staatskonzern Gazprom abgeschreckt wurden. „Das hat uns sehr gebremst“, sagt ein Eingeweihter. Das Moskauer Energieunternehmen tritt als Hauptsponsor auf, der Schriftzug ist auf den Spielertrikots zu sehen. Hier hatten sich die Kontakte des Ex-Chefaufsehers Tönnies bezahlt gemacht, der mit seinen Fleischwaren in Russland gute Geschäfte macht und Staatspräsident Wladimir Putin gut kennt. Der Gazprom-Vertrag läuft wie jener für die Tönnies-Marke Böcklunder-Wurst noch zwei Jahre. 

    Als neuer Ärmelsponsor konnte jetzt die Essener Baufirma Harfid des Unternehmers Harfid Hadrovic gewonnen werden. Offenbar darf er auch Bauprojekte auf Schalke als Teil des Deals umsetzen. 

    Änderung Nummer fünf: die Ethik.

    Nun zählt nicht mehr das unbedingte Gewinnen-Müssen und der Zwang, in europäischen Wettbewerben mitzuspielen. Gesucht wird der Neuaufbau einer Mannschaft, die langsam reift und Vorbild sein kann – alles wie beim Rivalen Borussia Dortmund mit seinem Motto „Echte Liebe“. Clemens Tönnies passt nicht mehr zu diesem Leitbild. „Schalke ist kein Schlachthof! Gegen die Zerlegung unseres Vereins“, protestierten Fans am Samstag.

    Die großen sportlichen Erfolge waren auch unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel ausgeblieben. Die Tönnies-Rendite fehlte. Immer wieder wechselten Trainer und Vorstände. Es ist neun Jahre her, dass Schalke 04 tatsächlich im Halbfinale der Champions League stand. 2017/18 wurde man immerhin deutscher Vizemeister.

    Zuletzt aber leistete sich die Mannschaft in der Bundesliga 16 Spiele ohne Sieg. Vorstand Jobst: „In den vergangenen Monaten hat Schalke 04 in der Öffentlichkeit ein miserables Bild abgegeben. Wir haben Fehler gemacht, für die wir uns entschuldigen müssen.“

    Im Aufsichtsrat von Schalke 04 führt jetzt erst einmal der 57-jährige Rechtsanwalt Jens Buchta Regie. Der einstige Syndikus der Dresdner Bank war zuvor Stellvertreter von Tönnies. Weitere Personalentscheidungen hebt man sich für eine Klausurtagung des Aufsichtsrats im Juli auf. Dann ist die Katerstimmung nach dem Ende der Epoche Clemens Tönnies vielleicht passé. 

    Mehr: Clemens Tönnies ist in der Corona-Pandemie der perfekte Sündenbock, kommentiert Dieter Fockenbrock.

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