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Coronakrise Schutzmasken statt Bikinis – Mittelständler stellen ihre Produktion um

Egal ob im öffentlichen Raum oder in der Fabrik – ohne Atemmasken geht kaum etwas. Mittelständler stellen ihre Produktion um und sehen darin ein neues Geschäftsfeld.
16.04.2020 - 17:03 Uhr Kommentieren
Der Autozulieferer will das Produkt auch längerfristig fertigen. Quelle: Reuters
Maskenherstellung bei Zender in Osnabrück

Der Autozulieferer will das Produkt auch längerfristig fertigen.

(Foto: Reuters)

Stuttgart, Düsseldorf Es ist eine deutliche Aufforderung. Bund und Länder empfehlen das Tragen von Atemschutzmasken in der Öffentlichkeit „dringend“, um sich und andere vor einer Infektion zu schützen. Auf mehrere Milliarden Masken schätzt Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den Bedarf in Deutschland, wenn das öffentliche Leben wieder anläuft. Gebraucht werden hochwertige Schutzmasken für medizinisches Personal aber auch einfache Atemfilter für die Fahrten in Bus und Bahn.

Die Maskenempfehlung ist eine Chance für den Mittelstand. Es gilt die eigenen Mitarbeiter weiter zu beschäftigen, eigenes Know-how einzubringen und ein bisschen Geld für das eigene Überleben zu sichern. Die Bandbreite reicht vom Bademoden-Hersteller bis zum großen Automobilzulieferer.

Statt ihrer edlen Bikinis und Badeanzüge näht die Maryan Beachwear Group jetzt nach FFP2-Standard zertifizierte Atemschutzmasken. Der vergleichsweise kleine Bademodenhersteller ist mit seinen Entwicklungs-Abteilungen am Standort Murg in Südbaden Teil einer Gruppe von Unternehmen, die im Auftrag des Landes Baden-Württemberg dringend benötigte Schutzausrüstung produzieren.

Die Voraussetzungen sind gut: Maryan verfügt über hochmoderne Schneideanlagen sowie gut ausgebildete Näher und Näherinnen.

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    Für Geschäftsführerin Maya Mehlhorn ist diese kurzfristige Umstellung der Produktion ein sinnvoller Schritt: „Ich kann die Beschäftigung eines Teils der Belegschaft während der Krise sicher stellen und so die Anzahl der von Kurzarbeit betroffenen Mitarbeiter deutlich reduzieren.“

    Die Produktion im Schichtbetrieb ist zunächst bis Ende Mai geplant. Das Unternehmen rechnet mit einer wöchentlichen Kapazität von bis zu 10.000 Stück. Die FFP2-Masken sind von der Dekra zertifiziert. Sie sind für medizinisches Fachpersonal während der Pandemie zur Bekämpfung des Covid-19-Virus zugelassen. Die Verteilung erfolgt über das Land Baden-Württemberg, Endverbraucher bekommen die Masken nicht.

    Eine Hürde ist nach wie vor die Zulassung: Die Dekra ist eines von drei Instituten in Deutschland, die die von der EU kürzlich genehmigte vereinfachten Prüfung von Dichte, Atemwiderstand und Porentiefe der Masken durchführen darf. Die Verfahren sind aufwendig: „Wir schaffen im Drei-Schichten-Betrieb zehn Modelle in der Woche“, sagt ein Dekra-Sprecher. Insgesamt seien seit Freigabe der Prüfung Maskenmodelle von knapp 40 Firmen getestet worden und die meisten schafften die Zertifizierung. Eine Prüfung kostet dabei mitunter einen fünfstelligen Euro-Betrag. Ist also nichts für Selbstgehäkeltes aus Heimarbeit.

    Das Konsortium „Fight Covid 19“, zu dem auch Maryan Beachwear gehört, wird von der Hauber-Gruppe in Nürtingen geführt. Ziel ist in Deutschland ein Masken-Wertschöpfungs-Netzwerk zu etablieren, um die Produktion von 500.000 FFP2-Masken pro Woche zu stemmen.

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    Ebenfalls zu dem Netzwerk gehört unter anderem die RKW-Gruppe, mit 3000 Mitarbeitern und 878 Millionen Euro Umsatz der führende Hersteller von Folien und Vliesstoffen für medizinische Produkte. Dazu kommt der Maschinenbauer Reifenhäuser, führend bei Maschinen zur Vliesstoffherstellung. In der Versuchsabteilung produziert das Familienunternehmen derzeit im Schichtbetrieb den Spezialstoff Meltblown, der sehr effizient selbst kleinste Partikel zurückhält.

    „Die Hilfsbereitschaft und Kreativität der Betriebe hat uns überwältigt“, sagt Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Robotik + Automation, „Dabei legen die Unternehmen eine atemberaubende Geschwindigkeit an den Tag: Es weht uns gerade eine kräftige Brise Gründerspirit um die Ohren.“

    Dazu zählt zum Beispiel der Maschinenbauer PIA Automation aus Amberg bei Nürnberg. Das Unternehmen fertigt normalerweise vollautomatische Produktionsanlagen für den Automobilbau, zählt aber auch Medizintechnikunternehmen zu seinen Kunden.

    Innerhalb weniger Wochen nach Ausbruch der Krise nahm PIA zunächst am Standort in China zwei stillgelegte Produktionslinien wieder in Betrieb und rüstete auf die vollautomatische Fertigung von bis zu 150.000 Schutzmasken pro Tag um.

    Mit dem Know-how aus diesem Pilotprojekt arbeiten die Franken mittlerweile an zahlreichen Folgeaufträgen und stellen selbst neue Montagelinien in Deutschland für die Fertigung von Gesichtsmasken her. Für Anfang Mai steht die erste Auslieferung der Agenda. Damit lassen sich mehr als eine Million Schutzmasken pro Tag herstellen.

    Autozulieferer Zender stockt auf

    Das Projekt ist kein Einzelfall: Der Maschinenbauer Ruhlamat aus Marksuhl in Thüringen hat ebenfalls mit enormem Tempo eine Produktionslinie für chirurgische Einwegmasken entwickelt. Maschinenbauer wie Ruhlamat und PIA Automation sind in der Lage, die benötigte Produktion von Atemschutzmasken auf das benötigte Volumen hochzufahren.

    Darüber hinaus engagieren sich auch große Autozulieferer. So wie Zender aus Osnabrück. Normalerweise fertigt das Unternehmen Carbon-Teile und Innenraumverkleidungen. Mehrheitseigner des Unternehmens ist Marco Dei Vecchi. Der Italiener hat in seiner Heimat erlebt, wie dringend die Masken gebraucht werden.

    Für ihn kamen nur die FFP2-Masken in Frage. Dieser Typ verfügt über das Meltblown-Vlies und ist für den Einsatz in Krankenhäusern und für Pflegekräfte zugelassen. „Wir haben uns auf unsere Kernkompetenz besonnen – wir können Industriestoffe verarbeiten und wir können Textilien cutten, nähen und schweißen‘, sagt Norbert Borner, Geschäftsführer und Gesellschafter von Zender Germany.

    Nächste Woche soll die Kapazität auf 100.000 Masken steigen. Bei Zender Germany heißt es nun Maskenproduktion statt Kurzarbeit. Die Vliesstoffe bekommt Zender von Freudenberg und verhandelt auch mit weiteren Lieferanten. Auch Zender lässt bei Dekra zertifizieren. Zender will weiterhin Masken für das Gesundheitswesen produzieren – auch wenn Corona einmal vorbei ist.

    Bisweilen entstehen ungewohnte Kooperationen. Da arbeiten bei der Maskenproduktion beispielsweise der viertgrößte deutsche Automobilzulieferer Mahle und der Unterwäschehersteller Triumph eng zusammen. Mahle liefert hierzu ein Filtermedium, das sogar FFP3-tauglich ist. Bei entsprechender Zertifizierung der Masken, können diese auch in Intensivstationen eingesetzt werden.

    „Gemeinsam mit Triumph haben wir innerhalb kürzester Zeit die Prototypen gefertigt, die Lieferkette und den Produktionsprozess aufgesetzt“, sagt Mahle-Chef Jörg Stratmann. Die Belieferung erfolgt ausschließlich an behördliche Stellen.

    Mann+Hummel, Weltmarktführer in industrieller Filtration, steigt jetzt in Deutschland in die Produktion von Filterstoffen für Gesichtsmasken ein. „Unsere Filtrationskompetenz im Automobilbereich nutzen wir nun, um die Produktion und Lieferung von Medien für Gesichtsmasken aufzubauen“, sagt der neue Mann+Hummel-Chef Kurk Wilks. Das Unternehmen stehe in Kontakt mit mehreren führenden Textilherstellern um passende Filtermedieneinlagen für Mund-und-Nasen-Masken zu liefern, die diese inzwischen produzieren. Bei den Filtermedien gab es zuletzt Engpässe.

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    „Wir verwenden für die innerhalb von zwei Wochen entwickelten Spinnfliese die gleichen Maschinen wie für unsere Luft- und Pollenfilter für Autos“, sagt der für das Projekt zuständige Chef der Innenraumfilter bei Mann+Hummel, Martin Klein. „Das Besondere ist eine spezielle Beschichtung mit langen hochfeinen Nano-Fasern. Die mögliche Kapazität liege bei „etlichen tausend Quadratmetern pro Monat“.

    Klein zeigte sich zuversichtlich, dass die Zertifizierung in der Klasse FFP2 durch eine Prüforganisation wie etwa der Dekra ohne Probleme zu erreichen ist. Solche Masken werden in Krankenhäusern außerhalb der OPs eingesetzt. Ein Projekt für Filterstoffe für die höchste Sicherheitsstufe FFP3 ist in Vorbereitung. Schwäbische Automobilzulieferer wie Mahle und Mann+Hummel verfügen über leistungsfähige Forschungslabore.

    Sich selbst zu helfen haben die Unternehmen nicht zuletzt in China gelernt, wo in der Produktion seit Ausbruch der Corona-Krise Schutzmaskenpflicht herrscht. Mann+Hummel und ZF fertigen die Masken für den Eigenbedarf in China inzwischen selbst.

    Mehr: Der Autobauer will die Fertigung in Sindelfingen schon in wenigen Wochen aufnehmen. Die Masken sollen an Daimler-Standorte weltweit gehen.

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