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Deutschland, deine Dynastien Underberg - das grüne Geheimnis

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Ab 1941 muss die Produktion ruhen, die nötigen Kräuter aus den 43 Ländern sind während des Krieges nicht zu bekommen. Außerdem plagen Familienfehden das Unternehmen, nachdem Hubert II., Familienoberhaupt der zweiten Generation, in den 1920er-Jahren drei seiner Söhne gleichberechtigt als Erben eingesetzt hatte: Joseph, Carl und Emil I. Die Brüder können sich nicht ausstehen, wachen eifersüchtig über ihren Einfluss und haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft des Unternehmens. Es entwickelt sich ein Wettstreit um den Wortführer.

Am Ende setzt sich Emil I. durch – indem er, ähnlich den Vorfahren, auf die Macht des Marketings setzt. Er erfindet in den Nachkriegsjahren die sogenannte Portionsflasche, ein kleines Fläschchen, 20 Milliliter, mit dem die Underbergs sich von Fuselbrauern zu Gesundheitsaposteln mausern wollen. Denn das Fläschchen, so will es das Marketing, beinhaltet genau die Portion Kräuterbitter, die der Magen nach schwerem Essen zur Regeneration benötigt.

In den folgenden Jahrzehnten erreicht das Unternehmen mit dem marketingaffinen Emil Underberg einen vorderen Platz in der deutschen Spirituosen-Industrie. Um die Marke in das Bewusstsein der Menschen zu bringen, lässt der Chef ab 1950 Luftschiffe und Hubschrauber mit Werbung über Deutschland und die Nachbarländer fliegen. Außerdem verschickt er Gutscheine an gut sechs Millionen Haushalte für je eine Portionsflasche Underberg, einzulösen beim Gastwirt oder Kaufmann. Eine Methode, die erst in den vergangenen zwei Jahren Konsumgüterkonzerne wie Procter & Gamble oder Beiersdorf wiedererweckt haben. Der Underberg erhält einen Werbeslogan der noch heute geläufig ist: „Täglich einen Underberg – und Du fühlst Dich wohl.“

Nicht nur im Markenbewusstsein ist Emil dem Gründer Hubert sehr ähnlich. Als sich abzeichnet, dass Emil durch seinen Marketingerfolg der unumstrittene Anführer der brüderlichen Dreiergang wird, macht er es seinen Ahnen gleich – und befördert seine Frau zur zweiten starken Persönlichkeit des Unternehmens. 1952 weiht er seine Margarethe in das Geheimnis des Underberg-Rezepts ein. Ein weiser Schritt, der, wie sich herausstellen wird, dem Unternehmen die Existenz rettet, als Emil 1958 überraschend stirbt und Margarethe Underberg die Unternehmensspitze übernimmt. Zum ersten Mal steht nun auch offiziell eine Frau an der Spitze der Familie.

Das Erbe der Matriarchin

Dass die Matriarchin mehr will, als nur den Clan zu verwalten, bis die Kinder alt genug sind, macht sie schnell klar – indem sie mit einer alten Tradition bricht. Bis dato gehörten Underbergs und ihre Heimatstadt Rheinberg zusammen wie der Magenbitter und der Alkohol. Nun aber eröffnet Margarethe 1962 eine Zweigniederlassung in Berlin. Der Magenbitter reift fortan zwar noch in der alten Heimat, abgefüllt wird er aber in der zu dieser Zeit noch geteilten Stadt. Während sie nach außen ihre Staatsbürgerpflichten betonen und auf bodenständige Unternehmensführung Wert legen, wissen die Underbergs von jeher, Vorteile für sich zu nutzen. Dafür spricht nicht nur die Verlagerung der Produktion ins staatlich hochsubventionierte Berlin, später verlegen sie auch den Sitz ihrer Gesamtholding ins Steuerparadies Schweiz.

Bürgersinn predigen, Eigennutz leben – trotz ihrer bisweilen offensiv präsentierten Frömmigkeit legen die Underbergs, wie es sich für anständige Katholiken gehört, immer wieder auch eine gewisse Schlitzohrigkeit an den Tag, wenn es um ihr Geschäft geht. Darin spiegelt sich auch das Selbstverständnis der Underbergs wider: Zu Hause, in Rheinberg, sind sie eine Macht. Sie geben der Provinz Arbeitsplätze und haben über Jahrzehnte ein unverwechselbares Familienwerk geschaffen. Dafür wollen sie Anerkennung. Das machte sie in der Vergangenheit aber auch herrisch und bisweilen zu wohlwollenden Autokraten in ihrer kleinen Welt.

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1 Kommentar zu "Deutschland, deine Dynastien: Underberg - das grüne Geheimnis"

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  • immer wieder interessant und spannend zu lesen.
    Dankeschön!