Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Deutschland, deine Dynastien Underberg - das grüne Geheimnis

Ein Kräuterschnaps machte die Underbergs reich. Sie sind keine Krupps oder Porsches – aber sie stehen für jene Tugenden, die viele deutsche Unternehmersippen groß machten: Pragmatismus, Bodenständigkeit – und Heimlichtuerei.
1 Kommentar
Hubert Underberg: 1856 braut der Kaufmannssohn den ersten Magenbitter. Quelle: Underberg

Hubert Underberg: 1856 braut der Kaufmannssohn den ersten Magenbitter.

Sie muss sich jetzt allein auf ihre Sinne verlassen. Nichts darf Hubertine Underberg-Ruder in den folgenden Stunden von den Säcken ablenken, die sich vor ihr dicht an dicht in einem kleinen Raum drängen, in dem Aromen von Eisenkraut und Nelke die Nase kitzeln. Niemand darf wissen, was sie hier in den folgenden Stunden mit den Kräutern, die in den Säcken lagern, veranstalten wird. So haben es ihre Eltern gehalten, ihre Großeltern, die Urgroßeltern und die Ururgroßeltern auch. Wie diese in den Jahrzehnten zuvor greift Hubertine Underberg-Ruder nun nach und nach in die Kräuter, mischt sie, riecht, wiegt ab, füllt nach, verpackt.

Es ist eine unspektakuläre Arbeit für die Chefin einer weltweit arbeitenden Unternehmensgruppe, die mehrmals im Jahr in diesem Raum anfällt. Sie darf diese Arbeit nicht delegieren. Sie ist das Geschäftsgeheimnis der Familie. Seit 1846 mischen die Familien- und Unternehmensoberhäupter der Underbergs die Ausgangssubstanz für den gleichnamigen Magenbitter höchstpersönlich zusammen, und seit jeher ist das Rezept, auf dem der Familien-Wohlstand gründet, streng geheim. Nur das jeweilige Familienoberhaupt und zwei eingeweihte Mönche wissen, woraus der Magenbitter besteht.

Dass es die Schnaps-Sippe aus Rheinberg geschafft hat, ihr kleines Unternehmen über fünf Generationen zu behaupten und zu einem der wichtigen Spieler auf dem deutschen Markt für Alkoholika zu werden, liegt daran, dass die Underbergs von jeher gut darin waren, ihre Grundüberzeugungen pragmatisch an Veränderungen anzupassen: Sie nannten sich heimatverbunden und betrieben Mitte des 19. Jahrhunderts die Globalisierung ihres Geschäfts; sie gaben sich barmherzig und verstießen Familienmitglieder, die sich den strikten Regeln des Clans nicht beugten; sie betonten katholisch-konservative Werte und brachten Frauen in Führungspositionen. Die Geschichte der Underbergs erinnert ein wenig an eine friesische Spezialität aus Kaffee, Rum und Sahne, die den Namen Pharisäer bekam, weil die Sahnehaube den Alkohol vor dem Pastor verstecken sollte: Die Fassade ist tadellos, aber darunter wartet die ein oder andere Überraschung. So wuchs das Underberg-Unternehmen zu einem der größten deutschen Anbieter für Alkoholika heran.

Der Gründer beliefert schnell die Welt

Über die Generationen haben die Underbergs einen Familienkonzern geformt, der heute mit etwa 1000 Mitarbeitern mehr als 500 Millionen Euro Jahresumsatz macht. Sie sind keine Krupps, keine Porsches oder Haniels, keine Familie von Weltrang, die aus ihrem wirtschaftlichen Erfolg großen politischen oder gesellschaftlichen Einfluss gezogen hätte – aber sie stehen exemplarisch für viele Familien, die die deutsche Wirtschaft mit ihren mittelständischen Unternehmen in den vergangenen zwei Jahrhunderten prägten: pfiffige Tüftler, hemdsärmelige Macher, schlitzohrige Strategen, die bei aller Bodenständigkeit einen Riecher für die Veränderungen in der Welt hatten.

1846 braut der Kaufmannssohn Hubert Underberg den ersten Magenbitter. Während seiner Ausbildung in den Niederlanden und Belgien hat er ein Kräuterelixier kennengelernt, das die Wirte mit Genever verdünnen. Hubert Underberg schätzt diesen „Magenbitter“, stößt sich aber an der willkürlichen Zusammensetzung und der schwankenden Qualität. Er beginnt, eine Mischung aus Kräutern und Alkohol zu entwickeln getreu der Devise „Semper idem“, was so viel heißt wie stets gleich bleibende Qualität und Wirkung. Den lateinischen Ausspruch übernehmen seine Erben später in den Firmennamen – Semper Idem GmbH, die Holding der Underbergs.

Ohne Katharina Albrecht, die Underberg 1846 heiratet, hätte es das Unternehmen aber nicht gegeben, denn der Kräuter-Tüftler hat zwar die Idee für die Mixtur, die den Magen beruhigen soll, ihm fehlt aber das Geld, um Produktion und Vertrieb aufzuziehen. Das bringt seine Frau schließlich mit in die Ehe. Am Hochzeitstag gründen sie die Firma H. Underberg-Albrecht. Katharina Albrecht wird neben ihrem Mann die zweite starke Figur im Unternehmen, zumal Hubert Underberg, das weiß er, seine Pläne allein nicht verwirklichen kann.

Er beobachtet, wie sich die Welt außerhalb der Kräuterküche rasant verändert. Ein neues Industriezeitalter beginnt. Die Postkutschenzeit endet, die Eisenbahn ist das Verkehrsmittel der Zukunft. In ganz Deutschland werden Schienen verlegt, in den Städten Bahnhöfe gebaut. Ab jetzt können Unternehmer weit außerhalb der Heimat Geschäfte machen. Underberg ist fest entschlossen, diese Möglichkeiten zu nutzen.

Dafür aber braucht er seine Katharina. Denn viele Märkte zu erschließen, das bedeutet auch, viel zu reisen. Und das nimmt Mitte des 19. Jahrhunderts, Eisenbahn hin oder her, viel Zeit in Anspruch. Underberg besucht die damals üblichen Weltausstellungen, präsentiert seinen Kräuterschnaps und dessen beruhigende Wirkung auf den Magen in aller Welt. Mit dieser wirbt die Familie im Übrigen bis heute.

Während Hubert also reist, führt zu Hause im niederrheinischen Rheinberg Katharina die Geschäfte. „Hubert hat schon früh erkannt, dass Frauen, insbesondere seine Katharina, etwas auf dem Kasten haben“, sagt seine Ururenkelin Hubertine. „Sonst hätte er es ja in der Zeit gar nicht geschafft, bei seinem Reisepensum das Unternehmen so zu führen, wie er es gemacht hat.“ So wird Katharina Underberg eine der ersten mächtigen Frauen der deutschen Wirtschaft.

Der Kampf um die Marke

Erfolg aber, das lernen die Underbergs schnell, hat meistens zwei Seiten. Wenige Jahre nach der Erfindung des Bitters erscheinen in verschiedenen Tageszeitungen Anzeigen, die für Billigimitate werben – oft mit gleicher Optik, ähnlicher Rezeptur und Namen, die dem Original sehr ähnlich sind. Das hat das Unternehmen bis heute geprägt, wie Besucher beim Gang in den Keller des Underberg-Stammhauses am Niederrhein erleben. Räume, so groß wie eine Kleinfamilienwohnung; Regale voller Bücher. Alte, in Leder eingebundene und moderne Kladden – Zeugnisse aus allen Zeiten der Unternehmensgeschichte. Hier lagern sämtliche Plagiate, Plagiatsvorwürfe, Patente und Akten über Patentstreitigkeiten, die die Underbergs seit 1850 geführt haben. Es sind mehr als tausend. Darunter Gerichtsurteile und Beispielfälle, die den Underbergs in wichtigen Patentfragen noch heute zum Recht verhelfen.

Nahezu alle diese Fälle haben sie gewonnen. Ob gegen fliegende Händler, die mit falschen Etiketten im 19. Jahrhundert vom Erfolg des Bitters profitieren wollten, gegen Handelskonzerne wie die Metro, die täuschend ähnlich aussehende Handelsmarken ins Regal stellten, oder Familienmitglieder, die mit dem Namen Underberg ihr eigenes Geschäft aufziehen wollten – rigoros lassen die Original-Underbergs jeden Versuch verfolgen, an ihrer Marke teilzuhaben.

So hat es ihnen einst der Gründer mit auf den Weg gegeben, als er 1851 beim Handelsgericht in Krefeld eine Flasche mit der markanten Strohpapier-Umhüllung angemeldet und so lange vor Persil, Bahlsen und Nivea eine der heute ältesten deutschen Marken etabliert hat – Grundstein für einen regelrechten Markenkult. Seine Ururenkelin Hubertine Underberg-Ruder empfängt Mitarbeiter und Gäste heute im grünen Blazer, auf den Tischen liegen grüne Servietten, die Fahrer des Hauses steuern grüne Autos, die Mitarbeiter tragen grüne Overalls – sie alle führen ein Leben in den Farben des Underbergs.

„Underberg hat schon immer eine sehr starke Kultur – ob das Beten vorm Essen oder die sehr ausgeprägte Leistungsbereitschaft der Familie –, die auf die Marke durchgeschlagen und einen sehr starken Markenauftritt über die Jahre geprägt hat“, sagt Hans-Jürgen Grabias, ehemals Marketing-Chef bei Krombacher und intimer Kenner des Getränke-Marktes.

Bis heute ist das so. „Underberg hält starr an seinen Traditionen fest und verteidigt sie gegen alles“, sagt Christofer Eggers vom Schutzverband der Spirituosenindustrie. Vor kurzem hat er das Unternehmen verklagt. Der Werbespruch, der Kräuterschnaps wirke wohltuend, benachteilige kleinere Konkurrenten. „Die schreiben das seit 150 Jahren auf ihre Flaschen“, sagt Eggers, „und wollen das nicht ändern.“ Dabei darf öffentlich eigentlich, so will es die EU, kein Zusammenhang zwischen Spirituosen und Gesundheitsförderung hergestellt werden.

Die Underbergs beharren aber darauf – und führen etwa Ernährungsberater an, die neben Placebo einen möglichen wohltuenden Effekt darauf zurückführen, dass eine bestimmte Konzentration von Alkohol und Kräutern gewisse Magennerven betäubt und damit ein subjektives Völlegefühl beseitigt. Auch eine Studie von Medical Consult aus dem Jahr 2005 bestätigt die Wirkung. Kritiker dagegen monieren die verdauungshemmende Wirkung von Alkohol, die unmöglich den Magen beruhigen könne. Die Familie jedenfalls schwört auf den positiven Effekt: „Ich verreise nie ohne einen Underberg, das tut mir gerade bei fremdem Essen gut“, sagt die heutige Chefin Hubertine Underberg-Ruder. Schließlich hat es Hubert Underberg einst genau so festschreiben lassen.

So schaffen sie sich am Niederrhein ihre eigene Welt. Sie verpflichten sich und Mitarbeiter zu uneingeschränkter Loyalität, schwören sich, gegen jeden Zeitgeist die Substanz des eigenen Werkes hochzuhalten. Zig externe Marketing-Chefs, so berichtet ein Bekannter der Familie, hätten sich die Zähne ausgebissen beim Versuch, etwa das Erscheinungsbild der Flasche zu verändern. Sie haben am Niederrhein eben ihre Vorstellung von Markenführung – und da lassen sie sich von keinem hereinreden. Die naseweisen Marketingstrategen sind längst wieder weg, die Flasche dagegen sieht noch immer aus wie eh und je.

Und sie gehen ein enges Wertebündnis mit der katholischen Kirche ein. Sie leben die Rituale des Katholizismus, etwa das Bekreuzigen vor dem Essen, und bekennen sich öffentlich zu Gebeten und Gottvertrauen. Sie predigen Zusammenhalt, Bescheidenheit und Transparenz. Dabei legen sie einen Arbeitseifer an den Tag, der eher protestantisch denn katholisch scheint. „Einfach den Tag verdaddeln, das geht nicht. Ich will am Ende etwas hinterlassen haben“, sagt die aktuelle Chefin Hubertine Underberg-Ruder.

Das Zentrum dieser Welt ist das Stammhaus in der Rheinberger Innenstadt, das größte Gebäude am Platz, erbaut im italienischen Renaissance-Stil. Dort sitzen die Erben der Underbergs noch heute und wachen an Biedermeierschreibtischen zwischen Eichenholz, schwerer Kunst und repräsentativen Firmendevotionalien über die Geschicke ihres Reichs. Sie stehen auf den Schultern nicht nur des Gründers, sondern auch nachfolgender Generationen, die viele Turbulenzen und einigen Familienzwist zu meistern hatten.

Ab 1941 muss die Produktion ruhen, die nötigen Kräuter aus den 43 Ländern sind während des Krieges nicht zu bekommen. Außerdem plagen Familienfehden das Unternehmen, nachdem Hubert II., Familienoberhaupt der zweiten Generation, in den 1920er-Jahren drei seiner Söhne gleichberechtigt als Erben eingesetzt hatte: Joseph, Carl und Emil I. Die Brüder können sich nicht ausstehen, wachen eifersüchtig über ihren Einfluss und haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft des Unternehmens. Es entwickelt sich ein Wettstreit um den Wortführer.

Am Ende setzt sich Emil I. durch – indem er, ähnlich den Vorfahren, auf die Macht des Marketings setzt. Er erfindet in den Nachkriegsjahren die sogenannte Portionsflasche, ein kleines Fläschchen, 20 Milliliter, mit dem die Underbergs sich von Fuselbrauern zu Gesundheitsaposteln mausern wollen. Denn das Fläschchen, so will es das Marketing, beinhaltet genau die Portion Kräuterbitter, die der Magen nach schwerem Essen zur Regeneration benötigt.

In den folgenden Jahrzehnten erreicht das Unternehmen mit dem marketingaffinen Emil Underberg einen vorderen Platz in der deutschen Spirituosen-Industrie. Um die Marke in das Bewusstsein der Menschen zu bringen, lässt der Chef ab 1950 Luftschiffe und Hubschrauber mit Werbung über Deutschland und die Nachbarländer fliegen. Außerdem verschickt er Gutscheine an gut sechs Millionen Haushalte für je eine Portionsflasche Underberg, einzulösen beim Gastwirt oder Kaufmann. Eine Methode, die erst in den vergangenen zwei Jahren Konsumgüterkonzerne wie Procter & Gamble oder Beiersdorf wiedererweckt haben. Der Underberg erhält einen Werbeslogan der noch heute geläufig ist: „Täglich einen Underberg – und Du fühlst Dich wohl.“

Nicht nur im Markenbewusstsein ist Emil dem Gründer Hubert sehr ähnlich. Als sich abzeichnet, dass Emil durch seinen Marketingerfolg der unumstrittene Anführer der brüderlichen Dreiergang wird, macht er es seinen Ahnen gleich – und befördert seine Frau zur zweiten starken Persönlichkeit des Unternehmens. 1952 weiht er seine Margarethe in das Geheimnis des Underberg-Rezepts ein. Ein weiser Schritt, der, wie sich herausstellen wird, dem Unternehmen die Existenz rettet, als Emil 1958 überraschend stirbt und Margarethe Underberg die Unternehmensspitze übernimmt. Zum ersten Mal steht nun auch offiziell eine Frau an der Spitze der Familie.

Das Erbe der Matriarchin

Dass die Matriarchin mehr will, als nur den Clan zu verwalten, bis die Kinder alt genug sind, macht sie schnell klar – indem sie mit einer alten Tradition bricht. Bis dato gehörten Underbergs und ihre Heimatstadt Rheinberg zusammen wie der Magenbitter und der Alkohol. Nun aber eröffnet Margarethe 1962 eine Zweigniederlassung in Berlin. Der Magenbitter reift fortan zwar noch in der alten Heimat, abgefüllt wird er aber in der zu dieser Zeit noch geteilten Stadt. Während sie nach außen ihre Staatsbürgerpflichten betonen und auf bodenständige Unternehmensführung Wert legen, wissen die Underbergs von jeher, Vorteile für sich zu nutzen. Dafür spricht nicht nur die Verlagerung der Produktion ins staatlich hochsubventionierte Berlin, später verlegen sie auch den Sitz ihrer Gesamtholding ins Steuerparadies Schweiz.

Bürgersinn predigen, Eigennutz leben – trotz ihrer bisweilen offensiv präsentierten Frömmigkeit legen die Underbergs, wie es sich für anständige Katholiken gehört, immer wieder auch eine gewisse Schlitzohrigkeit an den Tag, wenn es um ihr Geschäft geht. Darin spiegelt sich auch das Selbstverständnis der Underbergs wider: Zu Hause, in Rheinberg, sind sie eine Macht. Sie geben der Provinz Arbeitsplätze und haben über Jahrzehnte ein unverwechselbares Familienwerk geschaffen. Dafür wollen sie Anerkennung. Das machte sie in der Vergangenheit aber auch herrisch und bisweilen zu wohlwollenden Autokraten in ihrer kleinen Welt.

So erhält die schöne Fassade der integren Unternehmer Anfang 1960 am Grenzübergang Kehl Kratzer. Ein deutscher Zöllner winkt den schweren Dienstwagen der Underberg-Matriarchin Margarethe an die Seite und lässt sich vom Fahrer den Kofferraum öffnen. Er tastet nach einer Reisetasche und findet Schweizer Zigaretten, eigentlich zu versteuern, jetzt aber gut zwischen Underbergs Reiseutensilien versteckt. Die Unternehmerin, gewohnt zu herrschen, wird laut: Was der Zöllner sich erlaube, sie werde sich bei seinem höchsten Chef in Bonn, beim Finanzminister persönlich, über ihn beschweren. Der Beamter aber lässt sich nicht beeindrucken – und bringt das Vergehen zur Anzeige.

Underberg unterliegt vor Gericht und muss 50 Mark Geldstrafe zahlen. „Recht unziemlich“ findet der Richter das Verhalten der Unternehmerin.

Mehr als 20 Jahre regiert Margarethe Underberg über Familie und Marke – und macht, was ihr Schwiegervater einst versäumte: Sie regelt ihre Nachfolge rechtzeitig. Bereits 1964 rücken Sohn Emil II. und Neffe Carl-Hubertus in den Inhaberkreis. Die Grande Dame vom Niederrhein ahnt aber schon zu diesem Zeitpunkt – der Unbilden, denen ihr Mann ob der Machtteilung mit seinen Brüdern einst ausgesetzt war, noch gewahr –, dass diese Konstellation nicht gutgehen kann.

Also beginnt sie Verhandlungen mit dem Ziel, ihren Neffen aus dem Unternehmen zu drängen zugunsten ihres Sohns. Die Gespräche aber ziehen sich hin. Erst im August 1981, drei Monate bevor Margarethe sich aus dem Unternehmen zurückzieht, lässt sich Carl-Hubertus großzügig abfinden. Wie viel er kassiert, verschweigen die Underbergs bis heute. Für sie ist viel wichtiger: Emil II., Margarethes Sohn, kann alleine über das Getränke-Reich herrschen.

Das Spiel mit dem Systemfeind

Zusammen mit seiner Frau Christiane hat er große Pläne, denn die Welt außerhalb des Underberg-Kosmos ändert sich mal wieder. Im Osten, glaubt Underberg, tun sich bald große Märkte auf – und auf sich allein gestellt, auch das ist ihm schnell klar, kann ein kleines Einmarken-Unternehmen aus der Provinz in der umkämpften Getränkeindustrie kaum überleben. Also beschließt Underberg zu expandieren.

Bereits 1968 hatte Emil II. erste Kontakte mit der DDR-Führung geknüpft. Underberg will, dass sein Bitter auch die kommunistischen Mägen beruhigt. Also pirscht sich Underberg an die SED-Führung heran. Nicht irgendwohin, sondern nach ganz oben. Underberg, der konservative Katholik vom Niederrhein, hat keine Berührungsängste gegenüber den Kommunisten, wenn es ums Geschäft geht. Der Unternehmer und ein Kollege auf der einen Seite, SED-Prominenz auf der anderen Seite: Für die DDR verhandeln der Chef der Importagentur Asimex und spätere BRD-Top-Spion Günter Asbeck sowie die beiden Mitglieder des SED-Zentralkomitees Alexander Iwanik und Alexander Schalck-Golodkowski.

Vier Jahre lang treffen sie sich immer wieder. Die DDR will den Underberg zunächst nur für ausländische Besucher in den Intershops verkaufen, Underberg drängt auf eine volle Präsenz im DDR-Handel. 1971 schließlich wird in einem Ost-Berliner Spirituosenbetrieb im Rahmen eines Gestattungsvertrages – dem ersten seiner Art – die Underberg-Abfüll- und Verpackungslinie unter Qualitätskontrolle des West-Berliner Betriebs in Gang gesetzt. Underberg wird eine der ersten Westmarken, die es auch jenseits der Mauer gibt.

Immer mehr Marken

Es ist der erste Schritt Emils auf dem Weg in die Welt der Konzerne. Nach und nach verabschiedet sich Emil II. von der Tradition des Einproduktunternehmens. Er formt eine internationale Getränkegruppe. Allein ein Magenbitter als Prostmahlzeitsgetränk für ältere Vertreter des deutschen Kleinbürgertums ist auf Dauer kein Wachstumstreiber. Zwar bleibt der dunkle Kräuterschnaps das Aushängeschild des Hauses, im mehr oder weniger Verborgenen aber investiert Underberg Millionenbeträge in die Diversifizierung des Schnapsreiches und in den Aufbau einer internationalen Getränkegruppe.

Schlumberger Sekt aus Österreich, Pitu aus Brasilien, Metaxa oder Valensina, zusammen mit seiner Christiane, die den Personalbereich und ein wichtiges Tochterunternehmen leitet und neben ihrem Mann lange Zeit einzig eingeweihte in die Underberg-Rezeptur ist, schafft Underberg ein immer komplexeres Gebilde.

Dabei geht Emil ähnlich vor wie sein gleichnamiger Vorvorgänger. Mit einer Mischung aus seinem Bauchgefühl für die Wünsche des Marktes und einer gewissen unternehmerischen Raffinesse weitet Underberg den Aktionsradius seines Unternehmens aus. So ist der Senior, mittlerweile Ende 60, noch heute regelmäßig in den Landdiskotheken seiner Heimat zu treffen. Zusammen mit seiner Frau Christiane lässt er sich dann zu Partymusik im Halbdunkel an der Theke nieder – und hebt nicht nur den Altersdurchschnitt sondern kurbelt auch den Getränkeumschlag an. So wollen die Underbergs herausfinden, welche Geschmacksrichtungen unter jungen Leuten derzeit angesagt sind, welcher Konkurrent vielleicht gerade ein besseres Theken-Standing hat. Und wenn ihn etwas überzeugt, dann handelt Underberg und weitet die eigene Produktpalette aus.

Die Unternehmensgruppe besteht heute aus einer Holding und mindestens 21 Gesellschaften. Es gibt ein nach Schweizer Recht konzipiertes Dach und viele deutsche GmbHs. Der Hauptsitz, also der Ort, wo Steuern anfallen, ist aber mittlerweile wieder aus der Schweiz nach Deutschland zurückverlagert. Als Steuerflüchtlinge wollten die Underbergs dann doch nicht dastehen.

Wie komplex ihr Konzern ist, das verschweigen die Underbergs dennoch gerne. Auch, weil sie um ihren guten Ruf fürchten. Trendschnäpse wie Pitu oder Xuxu passen nicht zu dem Haus, das seine Aushängemarke als Quasi-Medizin verkauft und den maßvollen Alkoholkonsum predigt, sich also bewusst von Kontrahenten wie Jägermeister – die den Konsum von Hochprozentigem quasi zum Lifestyle erheben – abzugrenzen versucht. „Wir legen keinen Wert darauf, dass unsere Trendmarken mit dem Namen Underberg verbunden werden“, sagt Familienchefin Underberg-Ruder. Das könnte dem sorgsam gehüteten Markenbild schaden.

Notwendig ist das neue Geschäft aber schon. „Überleben funktioniert in der Alkoholindustrie derzeit nur über Wachstum“, sagt Hans-Jürgen Grabias. „Und das Wachstumspotenzial einer kleine Magenbitterflasche ist eben begrenzt. Deswegen müssen sie zukaufen, auch wenn nicht jede Marke zum Konzern passt.“ Bisher geht das Underberg’sche Wachstums- und Diversifizierungskonzept – zu der Schnaps-Sippe gehört längst auch die deutsche Traditions-Saftmarke Valensina – aber offenbar auf. Bestätigte Zahlen gibt es natürlich nicht, aber das Unternehmen widerspricht Branchenkennern nicht, die von einem konstanten Umsatz über etwa 500 Millionen Euro jährlich ausgehen. Offenbar sinkt dabei der Umsatz der Stammmarke langsam, aber kontinuierlich, wird jedoch durch die anderen Tröpfchen einigermaßen ausgeglichen.

Große Umbrüche sind aber nicht zu erwarten. Denn Emil Underberg hat sich rechtzeitig auf eine Nachfolge festgelegt. Schon 1991 bestimmt er seine Tochter Hubertine zur Nachfolgerin und installiert sie, damals 29-jährig, als Präsidentin der Schweizer Holdinggesellschaft. Ihre drei Geschwister werden abgefunden – zu ihrer eigenen Überraschung. „Ich war fest davon überzeugt, dass mein älterer Bruder das Unternehmen übernimmt“, sagt Underberg-Ruder. Die promovierte Biologin selbst hatte sich eher auf eine Karriere in ihrer eigentlichen Profession eingestellt.

Aber die Chemie zwischen Vater und Sohn stimmt nicht – und sorgt so für einen Durchmarsch der Tochter an die Spitze. Ihr Bruder ist mittlerweile abgetaucht, aber kaum ein Underberg-Beobachter zweifelt, dass Underberg senior die richtige Wahl getroffen hat. Der älteste Sohn jedenfalls, so ist etwa an dessen Studienstätte in St. Gallen zu hören, sei nicht unbedingt zum Unternehmer gemacht gewesen.

Anders als offenbar seine Schwester. Die Chefin führt so entschlossen wie ihr Vater. Mit dem stimmt sie sich nach wie vor ab. Das, so hört man im Unternehmen, durchaus auch mit der ein oder andere Reiberei – am Ende aber immer von der gleichen Vorstellung, wohin sich das Unternehmen entwickeln soll, getragen. „Mein Vater“, sagt sie, „ist ja erst 69 Jahre alt. Da will man sich ja noch einmischen. Und von seinem Naturell ist er ein richtiger Unternehmer, nicht so, dass er sich einfach zurückziehen könnte.“ Das aber, beteuert sie, sei ein „riesiger Vorteil“. „Er weiß einfach unheimlich viel aus Erfahrung, was man durch keine Expertise von außen ersetzen kann.“

Dennoch ist es Hubertine, die die Richtung vorgibt. „Jede Generation hat das Unternehmen etwas anders geführt“, sagt sie. „Die wichtigste Konstante war und ist der Wille, das Unternehmen zu erhalten.“ Ihre Mutter drückt das ähnlich aus: „Man muss sich ständig in Erinnerung rufen, dass man nur ein Glied in der Kette ist, es darum geht, das Erbe weiterzugeben“, sagt Christiane Underberg.

Die Chancen, dass das auch in der sechsten Generation gelingt, stehen jedenfalls gut. Denn neben ihren Aufgaben an der Spitze von Underberg hat Hubertine Underberg-Ruder vier Kinder großgezogen. Die Dynastie lebt.

Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter
Startseite

1 Kommentar zu "Deutschland, deine Dynastien: Underberg - das grüne Geheimnis"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • immer wieder interessant und spannend zu lesen.
    Dankeschön!