Digitale Autowerkstatt Nokia und Gerhard Cromme steigen bei Werkstatt-Start-up Caroobi ein

20 Millionen Euro sammelt das Werkstatt-Start-up Caroobi bei einer neuen Finanzierungsrunde ein – und lockt prominente Investoren an.
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Transparenz und Qualität im Markt der Kfz-Werkstätten. Quelle: Caroobi
Nico Weiler (l.) und Mark Michl

Transparenz und Qualität im Markt der Kfz-Werkstätten.

(Foto: Caroobi)

DüsseldorfSeit rund einem Jahr ist die Wagniskapital-Tochter von BMW bei der digitalen Autowerkstatt Caroobi investiert – nun gewinnen die beiden Gründer Mark Michl und Nico Weiler weitere prominente Investoren. Wie das Start-up bekanntgab, steigt Nokia, Growth Partners (NGP) Capital als neuer Investor ein. Darüber hinaus erfuhr das Handelsblatt aus Start-up-Kreisen, dass auch der frühere Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme sich engagiert. Auch die bisherigen Investoren, darunter auch Cherry Ventures und BMW, gehen bei dieser Finanzierungsrunde mit.

Insgesamt 20 Millionen Euro stecken die Investoren in Caroobi. Die Gründer gehen nach dieser Finanzierungsrunde von einer Bewertung von mehr als 100 Millionen Euro aus.

Das Geld soll vor allem in die internationale Expansion fließen. Caroobi hat zunächst Frankreich und Großbritannien im Blick. Zudem streben die Gründer mit ihrer vor drei Monaten gegründeten Autoteile-Plattform für Werkstätten nun auch ins B2B-Geschäft.

Das sei der nächste logische Schritt, sagt Co-Gründer Michl. „Der Beschaffungsprozess für Werkstätten ist wahnsinnig intransparent – allein in Deutschland existieren mehr als 1.000 Teiledistributoren.“

Michl und Weiler, beide mit Start-up-Erfahrung unter anderem bei Rocket Internet, starteten Caroobi 2015 als digitale Autowerkstatt. Die Idee: Caroobi diagnostiziert mit eigenen Kfz-Mechanikern den möglichen Reparaturaufwand und garantiert nach dieser Ferndiagnose einen Festpreis für die Kunden.

Insgesamt hat Caroobi mittlerweile in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 750 ausschließlich freie Werkstätten unter Vertrag. Zum Vergleich: Insgesamt bieten in Deutschland mehr als 21.000 freie Werkstätten ihre Dienste an.

Zurzeit beschäftigt Caroobi 130 Mitarbeiter, davon 40 Kfz-Mechaniker, die die Ferndiagnosen erstellen. Monatlich werden nach eigenen Angaben rund 2000 Autos deutschlandweit repariert.

Gerhard Cromme zieht bei Caroobi in den Aufsichtsrat, wie Michl dem Handelsblatt die Gerüchte aus der Start-up-Szene bestätigte: „Es ist richtig, dass Herr Dr. Cromme an Bord kommt.“ Bislang hat sich Cromme auf Anfrage des Handelsblatts nicht zu seinem Engagement geäußert. Für den Manager wäre es nach seinem Engagement bei Auto1 im vergangenen Jahr bereits das zweite Engagement bei einem Start-up. Anfang des Jahres hatte sich der 75-Jährige aus dem Aufsichtsrat von Siemens zurückgezogen.

Im Blick haben die Gründer den so genannten After-Sales-Markt. Gemeint sind damit vor allem Auto-Wartungen und Reparaturen bei Fahrzeugen, die älter als sechs Jahre sind und daher nicht mehr mit den Vertragswerkstätten gebunden sind.

Enorme Konkurrenz zwischen Großhändlern

Caroobi wagt sich in einen umkämpften Markt: Die Konkurrenz zwischen den Großhändlern ist enorm und dadurch seien die freien Werkstätten in einer sehr guten Verhandlungsposition, erklärt ein Brancheninsider.

Zwar ist das Potential riesig: Der Branchenverband GVA schätzt den Kfz-Aftersales-Markt in Deutschland auf 20 Milliarden Euro. Dazu zählen Ersatz- und Verschleißteile, Autochemie, Öl sowie Reifen. Laut GVA gibt es insgesamt etwa 500 Teilegroßhändler in Deutschland. Zu den rund 130 GVA-Mitgliedern zählen auch sehr große Spieler wie Stahlgruber und Wessels+Müller.

Zählt man zu den 20 Milliarden-Euro-Markt noch die Lohnkosten hinzu, würden in dem Markt sogar rund 30 Milliarden Euro umgesetzt, heißt es in Branchenkreisen.

Doch dass es Caroobi schwer haben dürfte, sich im Autoteile-Markt durchzusetzen, bestätigt auch ein Kfz-Meister, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er habe rund 50 Händler, von denen er regelmäßig Teile bezieht. Sie lieferten binnen weniger Stunden die Teile in seiner Werkstatt an, manchmal mehrmals am Tag.

Seine Ersatzteil-Beschaffung beispielsweise mit Caroobi neu aufzustellen, kommt für ihn nicht in Frage – durch langjährige Geschäftsbeziehungen erhält er von den Teile-Händlern gute Konditionen und die monatlichen Sammelrechnungen wären vom Aufwand her überschaubar.

Doch er gesteht ein, dass weniger etablierte Werkstattbetreiber durchaus einen Mehrwert von Diensten wie denen von Caroobi haben, „einfach, weil sie nicht so gute Konditionen bekommen wie einer, der seit 30 Jahren im Geschäft ist“. Caroobi-Mitgründer Nico Weiler erklärt dazu, dass die Großhändler, die binnen einer Stunde lieferten, nur über Verschleißteile verfügten – „wir bieten unseren Werkstätten hauptsächlich Aggregate an“.

Sein Kollege Mark Michl ergänzt: „Wir arbeiten mit über 100 Teile-Herstellern und Distributoren zusammen, mit der wir die nötige Logistik abdecken.“ Hinzu käme, dass Caroobi im Voraus wisse, wann ein Ersatzteil in der Werkstatt sein muss. „Daher können wir auch auf traditionelle Logistik-Methoden zurückgreifen.“

Die Investoren jedenfalls glauben an Caroobi. Neuinvestor Nokia Growth Partners beobachte den Markt schon länger und habe sich nun für Caroobi entschieden – sie wollen den europäischen Ausbau forcieren und einen globalen Champion formen. Caroobi selbst schätzt den weitweiten Aftersales-Markt auf 1,2 Billionen Dollar im Jahr 2030.

Auch Christian Meermann, Partner bei Wagniskapitalgeber Cherry Ventures, der bereits bei der vergangenen Finanzierungsrunde investiert hatte, urteilt, dass die beiden Gründer in den vergangenen zwei Jahren ein sehr starkes, agiles und schlagkräftiges Unternehmen aufgebaut hätten, dass das rasante Wachstum „sehr gut bewältigen“ könne. Und in Bezug auf die neue Plattform für Autoteile ergänzt er: „Auch im B2B-Bereich wird Caroobi mit diesem Ansatz erfolgreich sein und alle ersten Indikatoren bestätigen dies bereits.“

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