Eginhard Vietz „Der Kampf gegen Schmiergeld ist reine Heuchelei“

Der Fall Ferrostaal zeigt: Unternehmen, die Schmiergeld zahlen, drohen Geschäftseinbußen und hohe Strafen. Siemens, Daimler und MAN sind aus dem Schaden klug geworden. Doch ist die Welt wirklich besser geworden oder nur anders? "Ohne Schmiergeld geht es nicht", sagt der mittelständische Rohrleitungsbauer Eginhard Vietz im Interview mit dem Handelsblatt.
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Unternehmer Eginhard Vietz mit Angela Merkel auf der Hannover-Messe. Quelle: ap

Unternehmer Eginhard Vietz mit Angela Merkel auf der Hannover-Messe.

(Foto: ap)

Handelsblatt: Herr Vietz, Sie machen Ihr Geschäft hauptsächlich im Ausland. Haben Sie schon einmal Schmiergeld gezahlt?

Eginhard Vietz: Natürlich. Mehr als einmal.

HB: Warum?

Vietz: Weil es nun einmal Länder gibt, in denen es nicht anders geht. In Algerien, Ägypten oder Nigeria kommen Sie ohne solche Zahlungen einfach nicht durch. Das gilt auch für Russland.

HB: Gibt es in diesen Ländern keine Vorschriften gegen Korruption?

Vietz: Wen interessieren denn Vorschriften? In China steht sogar die Todesstrafe auf Bestechung bzw. Bestechlichkeit. Trotzdem habe ich selbst erlebt, dass ich Aufträge nur durch Schmiergeld gewinnen konnte. Und ich habe auch Aufträge verloren, weil ein Konkurrent mehr zahlte.

HB: An wen zahlen Sie das Schmiergeld?

Vietz: An das obere Management im Einkauf. Also die Leute, die entscheiden, wer den Auftrag bekommt. Das sind meist Beamte, man hat es in diesen Ländern ja viel mit Staatsfirmen zu tun.

HB: Und wie wird gezahlt?

Vietz: Das läuft in der Regel ganz ordentlich. Da kommt dann eine Rechnung, auf der steht: Vermittlungsprovision. Und dann ist da ein Konto in der Schweiz angegeben, und dahin wird das Geld überwiesen.

HB: Das heißt, Ihre Marge wird geschmälert.

Vietz: Nein. Der Bestechungsbetrag wird natürlich vorher auf das Angebot draufgeschlagen. Das rangiert so zwischen fünf und zehn Prozent der Auftragssumme.

HB: Sie erzählen das jetzt relativ gelassen.

Vietz: Das ist ja auch kein Weltwunder. Sie müssen sich mal anschauen, vor welchem Hintergrund das abläuft. Die Leute, mit denen man da zu tun hat, sind relativ schlecht bezahlt. Ich war selbst in deren Wohnungen. Da lebt eine dreiköpfige Familie auf 30 Quadratmetern. Und solche Leute entscheiden dann über die Vergabe von Millionenaufträgen.

HB: Sie meinen, Korruption ist eine Frage von Lebensstandard?

Vietz: Natürlich. Sehen Sie, die Entscheidungsträger werden doch von den Anbietern hofiert. Die werden eingeladen nach Deutschland oder die USA, wer immer sich um den Auftrag bemüht. Da werden also die Maschinen gezeigt, die man verkaufen will. Dann geht man schön essen. Aus der Sicht der ausländischen Beamten erleben die auf solchen Reisen den absoluten Luxus. Und davon wollen sie dann etwas abhaben. Das ist ja nur menschlich.

HB: Sagten Sie gerade USA. Die US-Unternehmen reklamieren doch für sich, besonders sauber zu sein.

Vietz: Das ist ein Witz. Mir ist schon klar, das alle zurückzucken, wenn die Amerikaner sich mal wieder aufplustern. Aber die Amerikaner sind die schlimmsten. Die nutzen ihre SEC-Behörde, um Konkurrenten weichzuklopfen, und selber schmieren sie wie die Weltmeister, und zwar mit staatlicher Deckung.

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39 Kommentare zu "Eginhard Vietz: „Der Kampf gegen Schmiergeld ist reine Heuchelei“"

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  • Mein Unternehmen hat Kunden weltweit, ich besuche und verhandele die Verträge aus mit Lieferbedingungen,Zahlungsziele, etc.
    Bis heute habe ich noch nie, ich nbetone noch nie Schmiergeld zahlen müssen. In meinen Bilanzen gab es auch kein n.A.Posten (nützliche Ausgaben).
    Die Branche war auch hart umkämpft (Automotive).
    Ich denke ich werde auch in Zukunft keine n.A. Position in der Bilanz haben.

  • Korruption gibt es überall und dabei geht es sicher nicht nur um das Zahlen von Schmiergeldern. Wie ist es denn zu bewerten, wenn einem deutschen Straßenbauunternehmen in Holland gesagt wird, dass die Straße 4mm zu hoch sei, der belag müsse wieder entfernt werden? Wie kommt der SoFFin dazu, bei der Vergabe von beratungsaufträgen eine e-mail zu verschicken, auf die die interessenten instantan mit einem Fax antworten müssen, von denen dann aber nur die drei zuerst eintreffenden in die Auswahl gelangen? Wie kann es sein, dass die Staatsbank RbS Millionenaufträge an den berater vergibt, der schon seit Jahren im Haus ist, für das Thema aber nicht der geeignete Kandidat ist und zudem auch noch zu den big Four (Wirtschaftsprüfer!) gehört? Diese Art von Korruption ist beliebig lang.

  • Die Offenheit von Herrn Vietz ehrt ihn sehr. Hier
    äussert sich ein Unternehmer, der die interationalen
    Praktiken der Auftragsvergabe en detail kennt. Nur
    sein Anstad und seine Ehrlichkeit machenihn singulär.
    Alle zahlen Privisionen nur keiner gibt das zu- und diese 'Ahnungslosigkeit hat einen einzigen Grund:
    das deutsche Strafrecht!

  • Hallo, ich war bei Vietz 1993/1994 Einkaufsleiter. Herr Vietz ist ein sehr guter Chef mit sehr viel Verantwortung für die Angestellten.

    Er ist ein sehr guter Vertriebler und sichert mit neuen Aufträgen die Arbeitsplätze seiner Mitarbeiter.

    Noch heute ziehe ich den Hut vor ihm.

    bestechungsgelder waren bis 1999 erlaubt.

    in der branche ist das ganz normal und gehört dazu.

    ich bin mir sicher er bekommt maximal eine bewährungsstrafe.

    Hoffe das Unternehmen übersteht alles unbeschadet.

    Gruß aus Hannover List

    Marcus busch

  • Endlich einer der es auspricht !! Denn so ist es !! Realität und ideal fallen weit auseinander !!

  • Also mich beeindruckt die Ehrlichkeit von Herrn Vietz. Der Mann hat Rückrat!

    ich möchte mal sehen, was diese Gutmenschen, die Korruption verurteilen, sagen würden, wenn ein Unternehmer, der keienn bakschisch zahlt, auf einmal 10% seiner belegschaft entlassen würde?
    Auf Qualität achten Unternehmen fast immer, was aber, wenn dem Auftragnehmer in Afrika, die Qualität Sch....egal ist? Dann zählt halt nur noch der "Preis".

    Aber nicht nur in Afrika wird geschmiert. Aus eigener Erfahrung klappt das hier in D genau so gut. Nur fliesst weniger Geld in bar. Hier nennt man es liebevoll "Kölsche Klüngel" oder "Gladbacher Filz".

    Hört auf zu träumen und öffnet die Augen!

  • Schade das Herr Vietz nicht mit seiner Qualität Punkten möchte, sondern lieber Zahlungen in dunkle Kanäle leistet. So glaubt man, sich das Leben zu erleichter "KOPFSCHÜTTEL"
    Dass aus Korruption niemandem ein Nachteil entsteht ist eine sich selbst disqualifizierende These, sowohl betriebs-/volkswirtschaftlich als auch juristisch - von moralisch nicht zu reden.

  • Mich würde interessieren, wie Hr. Vietz reagiert, wenn er erkennt, dass die Einkäufer in seinem Unternehmen mal eben 5-10% Provision von den Zulieferen verlangen und diese in die eigene Tasche stecken. Vielleicht erkennt er dann doch das eine Margenminderung entstehen könnte - diesmal jedoch in seinem Unternehmen.
    Das einzig positive an Hrn. Vietz ist, dass er als Unternehmer die volle Verantwortung für sein falsches Handeln übernimmt und nicht durch fadenscheinige Delegation solcher schmutziger Praktiken seine Mitarbeiter in Gesetzeskonflikte bringt - oder etwa doch???

  • Die Gemeinsamkeit zwischen beiden interviews wird aber sein,
    dass auch Vietz spätestens sein nächstes Weihnachtsfest hinter
    Gittern verbringen wird. Auf unsere Staatsanwälte ist Verlass !

    Natürlich ist es eine Tatsache, dass in Ländern, in denen ein be-
    amter 100 € / Monat verdient, ohne bakschisch kein Großauftrag
    zu plazieren ist.
    Möglich, dass für Daimler und Siemens in einigen Ländern dank
    ihrer politischen und wirtschaftlichen Lobby Ausnahmen gelten
    Der deutsche Mittelstand hat diese Möglichkeiten aber nicht und
    wird das Terrain zwangsläufig seinen außereuropäischen Konkur-
    renten überlassen müssen.
    Wen wundert es, dass chinesische Anlagenbauer zweistellige Wachs-
    tumsraten erzielen, obwohl sie noch vor 5 Jahren keine Rolle auf dem
    Weltmarkt spielten ?
    Wen wundert es, dass die aktuell größten investoren in Nigeria Mittal
    (indien) und Rusal (Russland) sind ?
    Die deutsche Politik weiß, welche Konsequenzen die aktuelle Ent-
    wicklung mittelfristig haben wird. Dennoch wird sie tatenlos hinnehmen
    müssen, dass die Tage des deutschen Exportweltmeisters für alle Zeiten
    gezählt sind !

  • @ HM: Was für ein Unfug: im Kern hat Vietz nur ausgeführt, dass er als Unternehmer in korrupten Ländern chancenlos ist, wenn er als einziger Wettbewerber auf Schmiermittel verzichtet, und das müsste eigentlich auch ein Minderbegabter nachvollziehen können.

    Solange der Kampf gegen Korruption vor allem als Konkurrenzkampf mit anderen Mitteln gegen ausländische Wettbewerber (wie es z. b. in den USA der Fall ist) verstanden wird, ist er chancenlos!


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