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Elektroinstallation Die fliegenden Sauerländer

Obo Bettermann ist einer der typischen „Hidden Champions“ der deutschen Wirtschaft. Das Unternehmen, einer der Weltmarktführer für die Elektroinstallation, liefert Kabelbefestigungen, Schaltersysteme bis hin zum Blitz- und Brandschutz. Vater und Söhne sitzen gemeinsam im Cockpit: in den firmeneigenen Jets und in der Führung der gesamten Gruppe.
  • Bert Fröndhoff

MENDEN. Beim Familienunternehmen Obo Bettermann aus dem sauerländischen Menden kann es schon mal vorkommen, dass Kunden in die Luft gehen. Nicht vor Ärger. Sondern weil einer der Chefs aus der Familie Bettermann sie in einen firmeneigenen Jet lotst, sich ins Cockpit begibt und mit ihnen losfliegt. Etwa nach Ungarn, um im dortigen Werk die Fertigung des Elektrotechnikspezialisten zu begutachten. Das gehört zum Service, zum Geschäft. „Um Kunden muss man schließlich jeden Tag aufs Neue kämpfen“, sagt der 61-Jährige geschäftsführende Gesellschafter Ulrich Bettermann.

Es ist mittlerweile nicht selten, dass deutsche Mittelständler eine eigene Flugzeugflotte betreiben oder gar kleine Flughäfen übernehmen, um aus der Provinz schneller an die neuen Standorte im Ausland zu gelangen, die die Internationalisierung des Geschäfts mit sich gebracht hat (Details dazu siehe „Firmeneigene Flotten“). Selten aber ist es, wenn fast die ganze Chefetage die Leidenschaft fürs Fliegen teilt. Bei Bettermann sitzen neben dem Vater auch die Söhne Andreas und Thomas im Pilotensessel – und das im doppelten Sinne: in den Cessna-Maschinen und in der Geschäftsführung des Mittelständlers, der im vorigen Jahr rund 340 Mill. Euro Umsatz mit rund 2 100 Beschäftigten erzielt hat.

Obo Bettermann ist einer der typischen „Hidden Champions“ der deutschen Wirtschaft: versteckt auf dem Land, der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt, doch im Geschäft einer der Weltmarktführer. 30 000 Produkte für die Elektroinstallation liefern die Sauerländer in 50 Länder: von Kabelbefestigungen über Schaltersysteme bis hin zum Blitz- und Brandschutz. 1911 gründete Franz Bettermann das Unternehmen, dessen ungewöhnlicher Namenszusatz „obo“ „ohne bohren“ bedeutet und damit auf die Montageeigenschaften der Metalldübel aus dem Bettermann-Portfolio der 50er-Jahre hinweist.

Wer die „fliegenden Sauerländer“ in Menden besucht, ist nicht nur von der firmeneigenen Jet-Flotte überrascht, die auf dem nahe gelegenen Flughafen Dortmund steht. Sondern auch vom Zusammenspiel der Führungsspitze. Bettermann scheint gelungen, wovon viele deutsche Unternehmer träumen: Nachfolger aus der eigenen Familie aufzubauen, die das Zeug zur Führung haben.

In rund 70 000 Unternehmen pro Jahr steht die Nachfolge an, schätzt das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. Drei Viertel der Unternehmer wünschen sich einen Nachfolger aus der Familie, doch nur 44 Prozent gelingt dies, ermittelte das Institut – viele sehen sich zum Verkauf gezwungen. Und in den Unternehmen, in denen Söhne oder Töchter die Nachfolge antreten wollen, kracht es nicht selten gewaltig: Etwa, wenn der Vater als „Patriarch“ nicht wirklich loslassen kann oder sich die Geschwister zerstreiten.

Unternehmer Ulrich Bettermann verkörpert auf den ersten Blick einen typischen Patriarchen: Der Sauerländer ist ein kantiger, stämmiger Mann, der sein Umfeld im Griff hat. Doch er hat schon als junger Mann bitter erfahren, was Familienunternehmen gefährden kann. Ende der 70er-Jahre drohte ein Streit der Gesellschafter, das Unternehmen lahmzulegen, in einer Zeit, als Bettermann von seinem Vater schon längst in die Führung geholt worden war.

„Bei uns kam Dallas und Denver zusammen“, sagt der 61-Jährige rückblickend in Anspielung auf Zwist und Intrigen in den Familien aus den beiden berüchtigten US-Fernsehserien. Mit rund 200 Mill. DM kaufte Bettermann die Mitgesellschafter Anfang der 80er-Jahre schließlich aus dem Unternehmen heraus – Geld, das die Elektrotechnikfirma in den kommenden Jahren erst einmal wieder verdienen musste. Ein Prozess, der laut Bettermanns „heilsam und prägend“ war für die Gestaltung der eigenen Nachfolge und des heutigen Zusammenspiels in der Familie.

Sohn Andreas, heute 32 Jahre alt, kam 1999 direkt nach dem Studium als Prokurist ins Unternehmen. Schon nach kurzer Zeit verantwortete er den Vertrieb. „Mir blieb das Juniorsyndrom erspart“, sagt Andreas Bettermann. „Juniorsyndrom“, so nennen es Nachfolgeexperten wie Dietrich Reinhardt von der Düsseldorfer Kap 1 Consulting, wenn Sohn oder Tochter sich zwar Geschäftsführer nennen, aber tief im Schatten des Vaters stehen und kaum selbst entscheiden dürfen. Ein oft gemachter Fehler: „Junioren sollten schnellstmöglichst eigene, bedeutende Verantwortungsbereiche in der Firma erhalten“, rät Reinhardt. „Nur so bekommen sie das nötige Gefühl für Chancen und Risiken.“

Die Bettermanns haben zwar kein starres Rollenkorsett, aber ihre Aufgaben verteilt: Sohn Andreas leitet das „Front Office“ der Gruppe, der familienfremde Geschäftsführer Markus Arens das „Back Office“. Sohn Thomas, 25, führt die Schweizer Landesgesellschaft. Vater Ulrich kümmert sich um wichtige Schlüsselkunden, überlässt aber Andreas mehr und mehr das Feld: Etwa im Jahr 2006, als der die Übernahme des Gummersbacher Unternehmens Ackermann Cable Management allein verhandelte, oder jüngst, als die Sauerländer den chinesischen Joint-Venture-Partner herauskauften, um in dem Land künftig unter dem Namen Bettermann aufzutreten. Zugleich baut die Firma auf 40 000 Quadratmetern neue Produktionsflächen am Heimatstandort Menden.

Die Leidenschaft für die Fliegerei ist für die Sauerländer nicht nur Familienband, sondern Geschäft: Die Tochtergesellschaft Obo Jet-Charter ist größter privater Betreiber von Cessna-C525 Flugzeugen, beschäftigt eigene Piloten und hat andere Unternehmer und Privatleute als Kunden – vor allem aus der Region: Zwei Stunden im dichten Straßenverkehr vom Sauerland zum Flughafen Düsseldorf wollen sich Ulrich und Andreas Bettermann bei Geschäftsreisen nur in Ausnahmefällen antun – sie setzen sich lieber selbst ins Cockpit: In dieser Zeit seien sie mit den Obo-Jets meist schon längst am Ziel.

Firmeneigene Flotten

Bettermann

Beim Sauerländer Unternehmen Bettermann führte nicht nur die Leidenschaft der Chefs für die Fliegerei zum Aufbau einer eigenen Flugzeugflotte. Sondern auch der Zwang, schnell aus der Provinz an internationale Standorte zu gelangen. Chef Ulrich Bettermann ist Miteigentümer des Flughafens Arnsberg-Menden.

Firmenjets

Auf firmeneigene Flugzeuge setzen auch andere Unternehmen des gehobenen Mittelstandes, die weit entfernt von Großflughäfen ihren Sitz haben und dennoch wegen der internationalen Ausrichtung regen Geschäftsverkehr haben. Das Geschäft brummt: Hersteller von Business-Jets haben derzeit die Orderbücher voll.

Beispiele

Der Schraubenhersteller Würth besitzt vier Flugzeuge und betreibt den „Adolf Würth Airport“ in Schwäbisch Hall. Auch Heiztechnikspezialist Viessmann schickt Führungskräfte mit eigenen Jets aus der nordhessischen Provinz in die Welt. Im Allgäu haben sich 32 Mittelständler aus der Region am Flugplatz Memmingen beteiligt, um das Überleben des Airports zu sichern.

Vorteile

Es lassen sich entlegene Standort etwa in Osteuropa schneller erreichen und Regionalflughäfen in deren Nähe anfliegen. Die Zeit für Anfahrt, Einchecken und Warten an den Großflughäfen entfällt.

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