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EU-Studie Lukrativer als Drogenhandel – wie Produktpiraten Milliardenumsätze klauen und Jobs vernichten

Immer mehr Unternehmen leiden unter Produktfälschungen aus China, Indien oder der Türkei. Eine aktuelle EU-Studie zeigt: Die Schäden sind gewaltig.
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Jährlich bis zu 60 Milliarden Euro – „Plagiate schaden uns massiv“

Witten, Wülfrath, IserlohnWilfried Neuhaus-Galladé konnte kaum glauben, was er auf der chinesischen Online-Handelsplattform Alibaba sah: Der Chef von J.D. Neuhaus aus Witten, die seit mehr als 270 Jahren Hebezeuge für schwere Lasten herstellen, entdeckte dort die dreiste Kopie eines seiner Produkte.

Neuhaus-Galladé bestellte das Imitat – und was er sah, ärgerte ihn nur noch mehr: „Von außen ein sklavischer Nachbau, nicht von unserem Produkt zu unterscheiden“, sagt er. Doch schon im Probelauf begann die Fälschung gefährlich zu schmoren. „Die Mängel fallen auf uns zurück, denn der Käufer glaubt ja, er hat ein Qualitätsprodukt von uns erworben.“

Immer mehr Unternehmen werden Opfer von Produktpiraten, die geistiges Eigentum stehlen. Eine Studie des EU-Amtes für geistiges Eigentum (EUIPO), die am Mittwoch veröffentlicht wurde, zeigt: Die Schäden sind gewaltig. Demnach beklagen 13 bedeutende Wirtschaftszweige, die besonders anfällig für Fälschungen sind, Einnahmenverluste von insgesamt 60 Milliarden Euro.

Betroffen sind Hersteller von Kosmetik über Bekleidung, Schuhe, Sportartikel, Spielzeug, Uhren und Schmuck, pharmazeutische Produkte bis zu Smartphones, Pestiziden, Alkoholika, Batterien und Reifen. Diese Branchen müssen auf Einnahmen von im Schnitt 7,5 Prozent ihres Umsatzes verzichten. EU-weit gehen dadurch unmittelbar 434.000 Arbeitsplätze verloren, errechneten die EU-Beamten.

„Durch unsere Arbeit wollen wir politischen Entscheidungsträgern und Bürgern den Schaden, der durch die Verletzung von Rechten des geistigen Eigentums hervorgerufen wird, deutlich vor Augen führen“, sagt António Campiono, Exekutivdirektor der EUIPO.

Allein in Deutschland entstehen in diesen Branchen Verluste von 8,5 Milliarden Euro im Jahr. Die Hersteller von Bekleidung, Schuhen und Accessoires trifft es dabei besonders hart mit 4,2 Milliarden Euro entgangenen Einnahmen im Jahr, die Pharmabranche büßt 1,5 Milliarden Euro ein. Zudem besteht die Gefahr, dass Verbraucher durch gefälschte Medikamente gesundheitlichen Schaden nehmen.

Durch den Klau geistigen Eigentums gehen hierzulande rund 66.500 Arbeitsplätze unmittelbar verloren. Auch der Luxusarmaturenhersteller Dornbracht aus Iserlohn ist beliebtes Opfer von Produktpiraten weltweit. „Wir könnten bestimmt 100 Leute mehr einstellen, gäbe es die Kopien nicht“, klagen die Firmenchefs Andreas und Matthias Dornbracht, die 1000 Mitarbeiter beschäftigen. „Man muss sich wehren.“

Doch geistiges Eigentum schützen zu lassen und Nachahmer zu verfolgen, ist teuer und mühsam. Laut Studie tun das nur neun Prozent der kleinen und mittelständischen Firmen in der EU tun das.

Einer davon ist Puky: Der Hersteller von Kinderfahrzeugen aus Wülfrath geht konsequent gegen jedes Plagiat vor. Sei man erfolgreich gegen eine Kopie vorgegangen, tauche diese oft kurz danach wieder im Markt auf, heißt es bei Puky. Bisweilen sei das ein Kampf gegen Windmühlen. „Das kostet viel Zeit, Geld und Nerven“, erklärt das Unternehmen.

Risiken für Fälscher sind gering

Tatsache ist: Produktpiraten können schnell richtig reich werden. Das Geschäft mit Fälschungen ist sogar noch deutlich lukrativer als der Drogenhandel. Laut dem „International Institute of Research against Counterfeit Medicines“ (IRACM) erzielt die Menge Heroin, die sich für 1000 Dollar herstellen lässt, einen Gewinn von etwa 20.000 Dollar. Wer zu gleichen Produktionskosten Zigaretten fälscht, kann bis zu 43.000 Dollar Gewinn einfahren – und bei gefälschten Medikamente sogar bis zu einer halben Million Dollar.

Zudem sind die Risiken gering, selbst wenn die illegalen Geschäfte auffliegen, moniert die EUIPO. So seien etwa die Haftstrafen für Produktfälscher meist deutlich milder als für Drogenhändler. Produktpiraterie gilt noch immer als Kavaliersdelikt – auch bei vielen Verbrauchern.

Sie unterstützen die kriminelle Branche, indem sie oft wissentlich gefälschte Marken günstig einkaufen. Demnach stimmt laut Studie mehr als Viertel aller Europäer der Aussage zu, dass es „akzeptabel ist, gefälschte Produkte zu erwerben, wenn der Preis des originalen und authentischen Produkts zu hoch ist“.

Das sind die dreistesten Fälschungen des Jahres
Der „Plagiarius“
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Am Freitag wurde auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ zum 42. Mal der „Plagiarius“ verliehen. Der Preis „adelt“ die besonders dreisten Unternehmen, die sich mit Plagiaten einen goldene Nase verdienen (daher auch die goldene Nase beim Zwerg). Ziel des Vereins Aktion Plagiarius ist es, Produktpiraten an den Pranger zu stellen und unseriöse Geschäftspraktiken ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

(Foto: Aktion Plagiarius)
Vorratsdose „Hot Stuff“
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Produktdesign, Produktname, Werbe-Banderole sowie Koziol-Schrifttypo wurden 1:1 kopiert. Lediglich der Firmenname „Koziol“ wurde nicht übernommen.
Links Original: Koziol ideas for friends GmbH, Erbach, Deutschland
Rechts Plagiat: Vertrieb: Glocalize SPA, Santiago, Chile

(Foto: Aktion Plagiarius)
Silikonförmchen „Amorini“
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Das Produktdesign ist 1:1 kopiert. Verpackungsdesign und der Name „Siliko” sind ebenfalls nahezu identisch und damit irreführend.
Links Original: Silikomart S.r.l., Mellaredo di Pianiga, Italien
Rechts Plagiat: Vertrieb: Ningbo Globalway Industry & Trade Co., Ltd., Ningbo, China

(Foto: Aktion Plagiarius)
Käsereibe „Kasimir“
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Seit Jahren werden unterschiedlichste Plagiate des Koziol-Bestsellers „Kasimir“ vertrieben, in Asien, Spanien oder der Türkei. Jetzt wurden auch das Top-Schild inklusive Foto und die Gummibefestigung kopiert. Der spanische Distributor hat die Plagiate aus Läden und Internet entfernt und eine Unterlassungserklärung unterschrieben.
Links Original: Koziol ideas for friends GmbH, Erbach, Deutschland
Rechts Plagiat: Vertrieb über ein spanisches Warenhaus / Geschenkeläden mit Onlineshop

(Foto: Aktion Plagiarius)
Bad-Accessoire-Serie „Royal“
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Trotz minimaler Designunterschiede bei zweien der Accessoires ist der Gesamteindruck der Serien identisch. Die Materialien sind beim Plagiat billig, die Anbringung der Strass-Steine schludrig. Die Plagiate wurden vom Markt genommen.
Links Originale: Immanuel Industrial Co., Ltd., Tainan City, Taiwan
Rechts Plagiate: Vertrieb durch einen deutschen Online-Händler über Amazon.de

(Foto: Aktion Plagiarius)
Schweizer Taschenmesser „SwissChamp“
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Das Victorinox-Markenzeichen (Kreuz und Schild) verführt zum Kauf. Das mit der Originalmarke einhergehende Qualitätsversprechen wird aber von den extrem billigen Fälschungen nicht gehalten (unscharfe Messer, nicht funktionierende Lupe etc.). Die Identitäten der Online-Händler sind schwer zu ermitteln, eine Verfolgung ist oft schwierig.
Links Original: Victorinox AG, Ibach-Schwyz, Schweiz
Rechts Fälschung: Vertrieb über das Internet

(Foto: Aktion Plagiarius)
Rahmenprofil „e-X 14”
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Ursprünglich hat Karthäuser-Breuer die Original-Rahmenprofile von Inditec vertrieben. Seit Mitte 2017 stellt die Einzelfirma Raminkus optisch identische Rahmenprofile her und vertreibt diese selbst sowie über Karthäuser-Breuer.
Links Original: Inditec GmbH, Bad Camberg, Deutschland
Rechts Plagiat: Herstellung / Vertrieb: Raminkus Inh. Guido Minkus, Lindlar, Deutschland
Vertrieb: Karthäuser-Breuer GmbH, Köln, Deutschland

(Foto: Aktion Plagiarius)

Rein statistisch kauft jeder Deutsche im Jahr Produktfälschungen im Wert von 103 Euro. Die meisten Fälschungen werden in China produziert, gefolgt von Indien und der Türkei.

Neuhaus-Galladé, dessen Hebezeug in China gefälscht wurde, wehrt sich: Das Unternehmen leitet nun rechtliche Schritte gegen die chinesische Fälscher-Firma Mutian ein. Zudem ist eine Beschwerde gegen den Plagiator auf Alibaba in Vorbereitung, damit die Plattform keine Fälschungen mehr verkauft.

Neuhaus-Galladé betont: „Auch wenn es langwierig und teuer wird für uns als Mittelständler: Es ist wichtig, den Schutz unseres geistigen Eigentums bis zum bitteren Ende durchzufechten.“

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