Ex-Nationalspieler im Interview Philipp Lahm über das WM-Debakel – und sein neues Leben als Unternehmer

Der Ex-Nationalspieler spricht im Interview über die Aufarbeitung der Fußball-WM, seine Rolle beim DFB und seine Investments.
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„Als Ehrenspielführer und langjähriger Kapitän der Nationalmannschaft sehe ich mich in der Verantwortung, Diskussionen anzuregen.“ Quelle: action press
Philipp Lahm

„Als Ehrenspielführer und langjähriger Kapitän der Nationalmannschaft sehe ich mich in der Verantwortung, Diskussionen anzuregen.“

(Foto: action press)

MünchenDass ein Gesprächspartner eine Begleitung mitbringt, meist den Pressesprecher, ist bei Interviews relativ gängig. Philipp Lahm hat gleich drei Berater dabei. Seit seinem Karriereende ist der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft verstärkt auch als Investor tätig. Was das Unternehmertum angeht, müsse er aber noch viel lernen, sagt er.

Darum sitzen auch ein Experte für Unternehmensentwicklung, einer für BWL und rechtliche Fragen und einer für Marketing rund um den Couchtisch in der schicken Altbauwohnung im Münchener Süden – hier hat Lahms Stiftung für Sport und Bildung ihren Sitz.

Um das Thema Fußball kommt der Weltmeister von 2014 im Gespräch nicht ganz herum. Zu drängend sind die Fragen nach der desaströsen deutschen WM-Leistung in diesem Sommer und dem anschließenden Versuch von DFB-Präsident Reinhard Grindel und Teammanager Oliver Bierhoff, den türkischstämmigen Spieler Mesut Özil zum Sündenbock zu machen.

Herr Lahm, Sie sind Unternehmer, Investor, Buchautor, Werbepartner, haben eine Stiftung gegründet, sind neuerdings auch noch Fußballfunktionär. Wie definieren Sie Ihre eigene Rolle?
Ich hoffe, dass man mich in erster Linie immer noch als Person wahrnimmt, als Philipp Lahm, wie man ihn kennt. Außerdem unternehme ich Dinge, die mich interessieren, die zu mir passen. Gesunde Lebensführung zum Beispiel war immer ein Thema für mich, darum habe ich in die Traditionsunternehmen Schneekoppe und Sixtus investiert. Zudem will ich lernen, deshalb wage ich mich in Bereiche, die ich mir erarbeiten muss. Man muss das Richtige zur richtigen Zeit machen.

Und dazu gehört gerade auch, sich nach einer Zeit der Abstinenz wieder stärker in den Fußball einzubringen?
Die Arbeit für den DFB ist für mich eine große Ehre, dafür bin ich dankbar. Dürfen wir die Euro 2024 in Deutschland ausrichten, ist das eine große und herausfordernde Aufgabe für die nächsten Jahre. Davor habe ich großen Respekt.

Ihre stärkere Präsenz beim DFB kommt zu einer Zeit, in der das Chaos nach dem frühen Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der WM kaum größer sein könnte. Nahezu jeder steht in der Kritik – Präsident Grindel, Teammanager Bierhoff, Bundestrainer Löw. Was würden Sie beim DFB gerne ändern?
Das liegt nicht in meiner Verantwortung.

Könnte es aber bald, falls Deutschland in einem Monat den Zuschlag für die EM bekommt und Sie wie geplant Chef des Organisationskomitees werden. Als Teil des DFB-Präsidiums hätten Sie dann großen Einfluss.
Das kann sein, das wird man dann sehen. Das Wichtigste ist für mich im Augenblick, dass wir die EM nach Deutschland holen. Wenn uns das gelingt, ergeben sich daraus sehr viele Möglichkeiten. Wie will sich der DFB jetzt aufstellen, wie sich Deutschland als Gastgeber präsentieren? Ich glaube, die Euro 2024 im eigenen Land ist auch eine große Möglichkeit für die Nationalmannschaft, ein neues Wir-Gefühl zu entwickeln.

Bei der WM hatte man den Eindruck, dass genau dieses Gefühl bei der Mannschaft gefehlt hat. Sie haben daraufhin in einem Beitrag in dem Online-Netzwerk Linkedin von Joachim Löw „eine Kultur strafferer, klarerer Entscheidungen“ gefordert und dass er mit den neuen Nationalspielern weniger kollegial umgehen müsse, um Erfolg zu haben. Warum haben Sie ausgerechnet Linkedin als Plattform gewählt?
Ganz einfach, weil es modern ist. Wenn ich es bei Twitter gemacht hätte, hätte ich weniger Zeilen gehabt. Linkedin bietet gute Diskussionsmöglichkeiten.

Aber Sie hätten es ja gar nicht öffentlich machen müssen, sondern mit den Beteiligten direkt sprechen können.
Das kann man so sehen. Aber als Ehrenspielführer und langjähriger Kapitän sehe mich auch in der Verantwortung, Diskussionen anzuregen. Ich habe meine Gedanken zur Verfügung gestellt, damit man offen darüber sprechen kann.

Sie werden für diesen Schritt in die Öffentlichkeit sehr kritisiert, diese Woche erst von Jürgen Klopp. Wie gehen Sie damit um?
Kritik gehört immer dazu, und ich bin eher ein selbstkritischer Mensch. Klar, wenn man so etwas öffentlich macht, wird darüber gesprochen, und ich weiß, dass das nicht alle gut finden.

Polarisieren Sie mit Absicht?
Nein. Aber ich will zum Nachdenken animieren. Wenn alle sagen würden, der hat recht, würde es mir damit natürlich auch besser gehen. Aber man muss auch über ein Ereignis diskutieren können, das negativ war. Und natürlich denke ich intensiv über die Nationalmannschaft nach.

In Ihrer Kritik ging es auch um die Veränderung des Spielertyps. Haben die Nachwuchsleistungszentren versäumt, sich dem anzupassen?
Unterschiedliche Charaktere von Spielern brauchen unterschiedliche Führung. Jede Generation wird anders geprägt. Was jedes Mal wieder aufs Neue gelingen muss, ist, den Spielern zu vermitteln, was es bedeutet, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen.

Das voranzutreiben wäre doch eine Aufgabe für Sie, sollten Sie ins DFB-Präsidium aufrücken.
Ich werde das immer wieder tun, den Finger in die Wunde legen. Ich will, dass wir wieder erfolgreich werden. Wie soll das funktionieren? Und wie will ich, dass die Spieler auftreten? Für mich war es eine große Ehre, für Deutschland zu spielen, Kapitän der Nationalmannschaft zu sein, das war etwas ganz Besonderes.

Das klingt, als würden Sie das den aktuellen Spielern absprechen. Bezieht sich diese Kritik besonders auf Mesut Özil?
Dazu habe ich mich geäußert.

Mit DFB-Präsident Reinhard Grindel (l.) und Generalsekretär Friedrich Curtius (r.). Quelle: dpa
Philipp Lahm als EM-Botschafter 2024

Mit DFB-Präsident Reinhard Grindel (l.) und Generalsekretär Friedrich Curtius (r.).

(Foto: dpa)

Zur Erinnerung: Sie hatten bei Linkedin kritisiert, dass Özil anfangs keine Notwendigkeit sah, sich öffentlich zu erklären, und dass die DFB-Führung ihm dies schneller hätte vermitteln müssen. Hat der DFB Sie vor dem Krisengipfel in dieser Woche nach Ihrer Meinung gefragt?
Nein.

Haben Sie nach Ihrem Linkedin-Beitrag mal mit Joachim Löw gesprochen?
Ja. Wir haben telefoniert. Aber aus dem Gespräch werde ich sicher nichts erzählen.

Ihre Kritik an Löw hat insofern auch verwundert, als dass Sie in Ihren Unternehmen genauso agieren wollen, wie Sie es ihm ankreiden, nämlich kollegial und aus der Mitte heraus.
Das mache ich, aber ich muss trotzdem die Positionen klar definieren. Jeder muss seine Rolle finden – und notfalls aufgezeigt bekommen. Und dann muss jeder seine Stärke der Mannschaft zur Verfügung stellen.

Kommunikation und Führung sind Themen, die Sie sehr umtreiben. Eine klassische Ausbildung dafür haben Sie nicht – weder BWL-Studium noch Abitur. Haben Sie sich das nötige Wissen selbst beigebracht, oder haben Sie spezielle Seminare besucht?
Ich habe das Führungsthema selbst erlebt und bin hineingewachsen. Ich konnte meine Rolle, meine Position innerhalb der Mannschaft immer gut einschätzen. Als Mannschaftskapitän übernimmst du Verantwortung für das Team und das ganze Auftreten der Mannschaft. Ich wollte meine Mitspieler immer auf dem Weg mitnehmen, ich habe ihre Rollen und Aufgaben ganz gut verstanden. Hierfür habe ich keine Seminare besucht, um in der Führung besser zu werden – sondern ich habe das alles erlebt, im Fußball auf allerhöchstem Niveau.

Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass Sie, egal was Sie tun, immer ernst genommen werden?
Ich denke, da geht es um Haltung. Die Menschen haben gesehen, wie ich Fußball gespielt habe, wie ich außerhalb des Platzes aufgetreten bin, wie ich quasi mit meinem Team umgegangen bin. Ich akzeptiere auch, dass ich nur im Fußball ein absoluter Fachmann bin. Das gibt mir Glaubwürdigkeit. Wenn man meine Mitstreiter, mein Team in meinen Unternehmungen fragen würden, denke ich, nehmen sie mich nicht als Chef, sondern als Gesprächspartner wahr. Dabei lerne ich viel. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir außerhalb vom Fußball je solche tiefe Fachkenntnisse erwerben kann.

Was müssen Sie denn noch lernen?
Ich muss mir Detailwissen in der Digitalisierung, im Marketing oder in der Unternehmensentwicklung aneignen, und das mache ich zusammen mit meinen Leuten.

Das heißt konkret, dass Ihre Mitarbeiter die Bilanzen lesen?
Ja, es gibt einen Geschäftsführer in der Philipp Lahm Holding, mit dem bespreche ich wöchentlich die wirtschaftlichen Themen. Ich tausche mich mit ihm aus, so dass wir am Ende ein gemeinsames Verständnis und meine Entscheidungen eine bessere Grundlage haben.

Wie viel Zeit investieren Sie in Ihre Investments?
Ich beschäftige mich täglich damit. Wir haben viele Meetings und Telefonkonferenzen.

Schneekoppe ging es in den vergangenen Jahren ja nicht besonders gut, auch aktuell nicht, wie bringen Sie sich da konkret ein?
Indem wir uns die richtigen Fragen stellen. Wie kommen wir bei den einzelnen Themen voran? Fachexperten machen sich Gedanken, und in nächsten Runden werden diese wieder diskutiert, die Themen werden zusammengeführt, und eine Strategie wird entwickelt.

Das klingt ein bisschen, als würden die anderen die Arbeit machen, und Sie kommen dann dazu, um die Entscheidungen zu treffen. Und für Ihr Team ist das o. k?
Ja, das ist die klassische Manageraufgabe. Wir sind gerade an dem Punkt, wo wir Schneekoppe für ein mittelfristiges Wachstum entwickeln. Und hierfür müssen wir die Strukturen, die Prozesse, die Netzwerke überprüfen und anpassen.

Wie gut kennen Sie denn das Unternehmen, um solche Themen überhaupt beurteilen zu können? Sie leben in München, Schneekoppe sitzt in Buchholz, einem Vorort von Hamburg.
Ich kenne alle Mitarbeiter bei Schneekoppe und Sixtus.

Und wie oft sind Sie wirklich vor Ort?
So gut wie nie. Zumindest bei Schneekoppe. Bei Sixtus ist es einfach, sich mit allen Entscheidungsträgern wöchentlich zu treffen. Hier diskutieren wir regelmäßig über die Aufgaben und wo es hingehen soll. Bei Schneekoppe erledige ich vieles telefonisch und per Videokonferenz.

Sie haben bei beiden Unternehmen viel verändert, sind dabei, eine neue Führungskultur zu etablieren, haben das Sortiment stark verkleinert. Das hat ja sicher nicht allen gefallen, oder?
Das gehört dazu.

Haben Sie schon Entscheidungen gegen den Rat Ihrer Experten getroffen?
Sagen wir es mal so: Ich habe eine klare Meinung, aber ich habe vorher darüber diskutiert.

Im Unternehmen wie im Fußball zählt letztlich das Ergebnis. Da sieht es bei Sixtus und Schneekoppe nicht so gut aus. Was hat sich konkret getan, seit Sie da sind?
Wir entwickeln mit meinen Unternehmen ein Portfolio, das meiner Vorstellung von gesunder Ernährung und Pflege entspricht. Unser Interesse ist es nicht, innerhalb kürzester Zeit die Bilanz zu sanieren, sondern die beiden Unternehmen mittelfristig erfolgreich zu entwickeln.

Und das heißt in Zahlen?
Wir haben bei Schneekoppe in diesem Jahr fast 50 Produkte aus dem Sortiment genommen, da ist der Umsatzeffekt natürlich negativ, aber wir haben auf der Kostenseite auch entsprechend gegengewirkt, sodass das Ergebnis nicht diesen negativen Effekt mitgeht. Wir sind der Überzeugung, dass das der richtige Weg ist, um Schneekoppe wieder stärker als Marke wahrzunehmen, die für gesunde Ernährung steht. Und wir sind sicher, die richtigen Vertriebspartner gefunden zu haben.

Der Umsatz liegt mittlerweile bei deutlich weniger als zehn Millionen Euro, ist in den vergangenen Jahren immer stärker zurückgegangen. Wie lange wollen Sie so schlechte Zahlen tolerieren?
Wenn ich weiß, dass das Unternehmen, die Marke, in die richtige Richtung gehen, dann habe ich Geduld.

Und Lust, auch das entsprechende Geld reinzustecken?
Das finanzielle Risiko ist für mich vertretbar. Wir haben die richtigen Strukturen mit dem Team gelegt, und ich bin von einer positiven Entwicklung überzeugt. Wir sind gut aufgestellt und in den nächsten fünf Jahren erfolgreich.

Merken Sie denn schon einen Lahm-Effekt? Ist die Popularität Ihrer Marken gestiegen, sind die Produkte bekannter geworden?
Es gibt definitiv einen Lahm-Effekt, es bleibt aber harte Arbeit, und ich hätte mir eine positive Entwicklung schneller erwartet.

Gibt es neben den zwei großen Säulen Sixtus und Schneekoppe noch eine Marke, die gut zu Ihnen passen würde und wo man in Zukunft Engagement erwarten darf?
Ich habe aktuell eigentlich genügend Arbeit. Klar, es gibt viele Anfragen, wir hören uns einiges an. Die Aufgabe ist es jetzt, diese beiden Traditionsunternehmen in eine moderne Welt zu führen und mehr junge Menschen als Kunden zu gewinnen. Darum kommt aktuell nichts Zusätzliches infrage.

Auch keine Rückkehr zum FC Bayern – der ist ja auch ein mittelständisches Unternehmen?
Der FC Bayern ist immer spannend, das ist ein toller Verein, der erfolgreich arbeitet.

Was muss passieren, damit Sie doch in die Bayern-Zentrale zurückkehren?
Im Augenblick mache ich mir darüber keine Gedanken.

Das Sommermärchen 2006 steht wegen der Korruption vor der Vergabe nach Deutschland bis heute in der Kritik, noch immer ist nicht alles aufgeklärt. Können Sie jetzt etwas dafür tun, damit dieser Eindruck bei der EM 2024 gar nicht erst entsteht?
Das haben wir schon mit unserer Bewerbung getan. Alles ist transparent, alles ist offen. Und wenn ich etwas anderes hören sollte, wäre ich der Erste, der sagt: Ich bin raus. Ich verlasse mich auf meine Menschenkenntnis und bin der Kopf eines guten Bewerbungsteams, das gerne für die Euro 2024 in Deutschland arbeitet. Und dafür stehe ich.

Nehmen wir mal an, Deutschland bekommt die EM 2024 nicht. Sind Sie dann raus beim DFB?
Ich bin ein positiver Mensch. Das heißt: Ende September bekommen wir die Euro 2024. Das ist unser großes Ziel und meine Hauptaufgabe in den kommenden Wochen.

Welche Rolle spielt das ganze WM- und DFB-Chaos, wenn am Freitag die Bundesligasaison startet?
Deutschland ist bei der WM in der Vorrunde ausgeschieden, und das wird aufgearbeitet. Ich glaube, dass die Nationalspieler im Augenblick froh sind, wenn die Bundesliga wieder startet und sie sich der Kritik auf dem Platz stellen können – und auch im September bei den Länderspielen gegen Frankreich und Peru.

Wie nehmen Sie die Bundesliga jetzt noch wahr?
Mich interessieren die Bayern, aber auch die anderen Vereine. Und wir haben einen Sohn, der auch schon Fußball spielt. Aber nicht im Nachwuchsleistungszentrum.

Herr Lahm, vielen Dank für das Gespräch.

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