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Faber-Castell Wie die Emanzipation in die Stifte-Dynastie einzog

Die ARD porträtiert Ottilie von Faber-Castell. Als Unternehmerin hatte sie es schwer. Das hat sich für die Frauen der Familie inzwischen geändert.
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Victoria Gräfin Faber-Castell, Mary Gräfin von Faber-Castell, Charles Graf von Faber-Castell und Sarah Gräfin von Faber-Castell. Quelle: Faber-Castell
Familie von Faber-Castell

Victoria Gräfin Faber-Castell, Mary Gräfin von Faber-Castell, Charles Graf von Faber-Castell und Sarah Gräfin von Faber-Castell.

(Foto: Faber-Castell)

Stein Die richtige Werbung für Buntstifte war schon vor 125 Jahren ein Großthema. Also darf die noch minderjährige künftige Chefin sich nach Lust austoben. Sie wählt in der Fabrik das Logo mit Vogel Strauß, malt es bunt aus, die Deutschen träumten am Schreibtisch ja immer gerne von einer fremden Welt. „So werden sie Teil dieser Eroberungen“, erklärt Ottilie von Faber. Ihr Großvater und Mentor Lothar, der Bleistift-Patron, der den Grafit von Sibirien und das Holz von Florida ins heimische Franken holte, lacht und stimmt zu.

Später wird die so fleißige wie lebenslustige Erbin Sätze sagen wie: „Alle behandeln mich wie eine Porzellanpuppe. Ich bin noch nicht krank, weil ich ein Kind zur Welt gebracht habe.“ Oder: „Diese Herren erniedrigen mich jeden Tag, nur, weil ich eine Frau bin und weil sie vergessen, dass sie von meinem Geld bezahlt werden.“

Da ist Fräulein Ottilie, für Freunde „Lilly“, schon verheiratet mit Graf Alexander von Castell-Rüdenhausen und ärgert sich über Direktoren ihrer Fabrik, die sie noch immer nicht ernst nehmen. Und sie hadert mit ihrem egoistischen Mann.

Mit viel Sinn für die inneren Kapriolen einer Dynastie bringt die ARD an diesem Samstag zur Primetime drei Stunden lang eine Story über das Markenunternehmen Faber-Castell. Sie wirkt wie ein Spiegel des komplizierten Seelenspiels der heutigen Eigentümer.

Wie im Film verstricken sich die achte und neunte Generation, die heute in den alten Gemäuern am Stammsitz in Stein bei Nürnberg wirken, ebenso in Kabale und Liebe, in einen Streit um Macht und Rang – und das alles vor dem Hintergrund rückläufiger Umsätze der vielen Bleistifte, Buntstifte und Füller, die in der Smartphone-Welt weniger als gewohnt gebraucht werden. Das ist fast ein eigenes Libretto wert.

Als Unternehmerin wurde die Gräfin kaltgestellt. Quelle: Faber-Castell
Ottilie Gräfin von Faber-Castell

Als Unternehmerin wurde die Gräfin kaltgestellt.

(Foto: Faber-Castell)

Da kommt so ein Film wie „Ottilie von Faber-Castell – Eine mutige Frau“ wie eine ungefragte Therapiesitzung ins Haus. Beim Screening im nahen Nürnberg war die reiche, edle, ein wenig komplizierte Familie jedenfalls zahlreich zugegen. Je nach Stamm fiel das Urteil unterschiedlich aus.

Bei denen von Castell-Rüdenhausen – deren Verwandte eine Bank, Weinbaugüter und Immobilien besitzen – machte sich Unbehagen breit über den doch sehr berechnend-chauvinistisch dargestellten Offizier Alexander, der ins Bleistift-Imperium einheiratete, seine Frau aber rasch aus dem dunkel-möbilierten Konferenzraum der Macht in die Kinderzimmer vertrieb.

Eine unglückliche Ehe, die sie schließlich mit Scheidung beendete, ein Skandal in damaligen Adelskreisen. Die Hinwendung Ottilies zu einem anderen Baron ist im Film der Befreiungsakt einer Frau, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts unabhängig und emanzipiert leben wollte.

 Alte und neue Wunden

„Unsere Urgroßmutter war eine bemerkenswerte Frau, die bereits in jungen Jahren eine große Verantwortung übernahm“, erklären Charles, Katharina, Sarah und Victoria Graf und Gräfinnen von Faber-Castell gemeinsam. Sie habe dank ihres „selbstständigen und modernen Geistes mutige und fortschrittliche Entscheidungen“ gefällt. Alexander wiederum sei ein „brillanter Geschäftsmann“ gewesen, der wesentlich dazu beigetragen habe, dass das Unternehmen mittlerweile in Besitz der neunten Generation ist.

Die jungen vier aus der Fürstenfamilie stellen die neunte Generation dar, jeder von ihnen hält 22,5 Prozent. Die Erben gehen auch auf die literarische Vorlage des TV-Spektakels ein, den 1998 erschienenen Roman „Eine Zierde in ihrem Haus“. Man begrüße, sagen die Adelskinder, dass die beiden historischen Personen so großes öffentliches Interesse wecken, einige historische Familien- und Firmendaten seien als Inspiration genutzt worden. Das Ganze sei jedoch „nicht als Biografie, sondern als unterhaltsame Fiktion zu verstehen – die Handlung ist in großen Teilen erfunden.“

Mag sein, aber in welchen Teilen nicht? 

Es war ja ausgerechnet der Vater der heutigen Eigentümer, der verstorbene Graf Anton-Wolfgang Lothar Andreas von Faber-Castell (1941–2016), der das Projekt „Ottilie“ nachhaltig gefördert hat. Der Patriarch leitete fast 40 Jahre das Unternehmen in einem Führungsstil, den er als „wohlwollende Diktatur“ charakterisierte. Bereitwillig öffnete er der Autorin und Journalistin Asta Scheib, die ihn fürs Bayerische Fernsehen interviewt hatte, Tür und Tor.

Gemeinsam war man an der Ahnengalerie vorbeigeschlendert, die lauter gelockte männliche Zauseln zeigte, unterbrochen nur von einer wunderschönen Frau auf übergroßem Bild. „Das ist meine Großmutter, ich weiß nichts über sie“, ließ Graf „Toni“ nur fallen, das Thema war unangenehm. Später stimmte der einstige Investmentbanker weiteren Erkundungsarbeiten zu. „Ottilie von Faber-Castell war im fürstlichen Haus Castell-Rüdenhausen nicht einhellig anerkannt“, sagt die Autorin Scheib. 

So saß die Münchnerin dann im alten Gärtnerhäuschen, wo die alten Unterlagen dahin moderten, und schrieb auf, was sie aus dem Leben von Ottilie und Alexander da erfuhr. Damals war das Schloss, das Ottilie und Alexander im historisierenden Stil errichteten und das 1939 von den Nazis requiriert wurde, noch kalt und schmutzig; als Repräsentationsgebäude ist es erst seit einigen Jahren in Betrieb.

Der alte Fürst von Castell-Rüdenhausen setzte angesichts des Buchprojekts zur Ottilie-Kontrolle einen eigenen Historiker aufs Sujet an, der jedoch am Ende das andere Buch besser fand. Auch Autorin Scheib bekam die Ressentiments zu spüren. Eine alte Fürstin aus dem Castell-Geschlecht grüßt sie auch heute noch mit erhobenem Zeigefinger und lauter Stimme: „Eine Zierde in ihrem Haus war Ottilie nicht!“

Eine einfallsreiche Frau

Die Zierde des heutigen Hauses ist Mary von Faber-Castell, 67, die amerikanische Witwe des legendären Grafen „Toni“, der das Haus im Zuge der Globalisierung und mit Innovationen auf Größe gebracht hatte. Die ehemalige Marketingdirektorin des Kosmetikkonzerns Chanel hatte ihn 1984 in New York kennengelernt – der Deutsche wollte Farben und Hülsen verkaufen. 1987 wurde geheiratet. Mary verwirklicht nun, ein Jahrhundert später sozusagen die Ideen, die das TV-Erzählobjekt Ottilie Anfang des 20. Jahrhunderts hatte: als unabhängige, einfallsreiche Frau das Unternehmen voranzubringen. 

„Faber-Castell ist eine der letzten Weltmarken im gehobenen Konsum, die aus Deutschland kommen“, befindet Strategieberater Franz-Maximilian Schmid-Preissler. Eine solche Marke lebe davon, dass sie von einer Persönlichkeit repräsentiert werde, und das sei im Augenblick eben Mary. Sie habe sich bereits „große Verdienste“ erworben. 

Die Witwe ist auch bis 2022 Co-Testamentsvollstreckerin und verantwortet selbst im Vorstand der Aktiengesellschaft das von ihr geförderte Geschäft mit Kosmetikstiften, wobei es im Stress der Amtsausführung gelegentlich mit dem Deutsch hapern soll. Der angekündigte Wechsel in den Aufsichtsrat unterblieb. In einem ihrer seltenen Interviews redete sie darüber, viele Jahre keine Business Card, sondern nur ihren Namen gehabt zu haben: „Ich bin eine der Übriggebliebenen der achten Generation und schlage eine Brücke zur neunten Generation.“

Schon früher fragte sie intern nach Angaben von Eingeweihten rhetorisch, warum denn nicht einmal eine Frau das Traditionshaus leiten soll – so wie es Lothar von Faber einst mit Ottilie vorhatte. Für die Unternehmensnachfolge setzt sie augenscheinlich ganz auf ihre drei Töchter. Katharina, 31, die älteste, hat an der Georgetown University über Internationale Beziehungen studiert und verantwortet heute die Unternehmensentwicklung; die Zwillinge Sarah und Victoria, 23, werden über Praktika an die Markenarbeit herangeführt, was auch Ausflüge zu Luxusmarkenartiklern wie dem Wiener Schuhhersteller Ludwig Reiter einschließt.

Ausmanövriert darf sich dagegen Charles von Faber-Castell, 38, fühlen, der erste Sohn von Graf Anton aus einer Liaison mit einer Luxemburgerin. Die führte zu einer formalen Kurzehe, um die Rechte des Juniors im Adelshaus zu sichern. Der Ex-Berater bei Roland Berger kümmert sich, unterhalb des Vorstands, als „Head of Premium“ um die Premiummarke „Graf von Faber-Castell“. Eine große Karriere unter dem Frauenregime der Stiefmutter scheint undenkbar, es droht ein „Prince Charles“-Schicksal: ewiger Wartestand. Immerhin folgte er seinem Vater im prestigereichen Job des Honorarkonsuls von Brasilien.

Auch die Karriere von Andreas von Faber-Castell, dem Schwager von Prinzipalin Mary, endete jäh. Nach 25 Jahren im asiatisch-pazifischen Raum wurde er 2017 in den Ruhestand geschickt. Bei seiner Entmachtung ein Jahr vorher wetterte er öffentlich in Richtung Witwe: „Wenn nur noch der heilige Dollar regiert, ist das Unternehmen in Gefahr.“ Schon früher kämpften in der Firma, deren Logo zwei kämpfende Ritter zieren, Geschwister des Clans gegeneinander. Die Ausgründungen von Eberhard und Johann von Faber, Brüder des ARD-Helden Lothar, mussten viele Jahre später mit Geld integriert werden. 

Ein schwieriges Gefilde also, in dem der erst 2017 geholte CEO Daniel Rogger, 51, als gescheitert angesehen werden darf. Der in der eidgenössischen Uhrenindustrie gereifte Manager ist der erste familienfremde Chef seit 258 Jahren. Schon zum Start sah er „sehr große Fußstapfen, die niemand alleine ausfüllen kann.“ Sein im Frühjahr 2020 endender Vertrag wird wohl nicht verlängert, das Unternehmen will das nicht kommentieren. Drei Jahre nach dem Tod des charismatischen Grafen „Toni“ steht fest: der Generationswechsel ist noch schwieriger als gedacht. 

Das Stammgeschäft stagniert

Der Schweizer musste in seinem ersten vollen Geschäftsjahr 2017/18 einen Umsatzrückgang um acht Prozent auf knapp 617 Millionen Euro verantworten. Auch im folgenden Jahr soll es leicht gebröckelt haben. Das Stammgeschäft „Spielen und Lernen“ stagniert. Eine Unternehmenssprecherin erwähnt nur, der Umsatz der Gruppe sei leicht gewachsen – „währungsbereinigt“.

Man werde ein „solides“ Konzernergebnis ausweisen, 2017/18 lag es bei 45 Millionen, wobei der Verkauf von nicht benötigten Flächen in Hongkong half. Nach einer strategischen Neuausrichtung zieht das Geschäft in China nun sehr profitabel an, während der zweite Hoffnungsmarkt Indien zurückbleibt. Produziert wird heute vor allem in Indonesien und Brasilien, wo Faber-Castell riesige Waldbestände besitzt. Man setzt im Hauptquartier in digitaler Zeit auch auf Entschleunigung und Stressabbau durch Zeichnen, Schreiben und Gestalten.

Bevor Kronprinzessin Katharina wirklich einmal beim Weltmarktführer mit seinen 35 konsolidierten Tochtergesellschaften die Ottilie-Rolle einnimmt, soll wohl noch ein anderer familienfremder Manager als CEO wirken. 7814 Mitarbeiter sind gespannt, wen die Headhunter finden.

„Eine Zierde in ihrem Haus war Ottilie nicht“, heißt es mitunter über die Ahnin. Quelle: ARD/Degeto/Martin ?pelda
Schauspieler aus dem ARD-Film „Ottilie von Faber-Castell – Eine mutige Frau“

„Eine Zierde in ihrem Haus war Ottilie nicht“, heißt es mitunter über die Ahnin.

(Foto: ARD/Degeto/Martin ?pelda)

Kurzfristig wird jetzt erst einmal der Farben- und Faber-Rausch in der ARD für Aufmerksamkeit sorgen. Das sei ein „sehr breitenwirksamer Stoff“, sagt Regisseurin Claudia Grande. Es habe einst viel Mut dazu gehört, die Enkeltochter zur Erbin zu bestimmen. Auch heute sei es ja oft noch so, dass ein männlicher Nachfolger das Unternehmen übernimmt: „Das war für mich das Spannende – wie verhalten sich Frau und Mann, aber auch Angehörige, unter dem Diktat des Patriarchats?“ Sie sieht den Film als „eine Art Hommage an die Familie und ihren unternehmerischen Geist“. 

Ottilies Leben spiegele, so die Regisseurin und Drehbuchautorin, einen „total emanzipatorischen Schritt wider“ – sowohl in der Rolle als aktive Gesellschafterin als auch mit dem Entschluss zur Scheidung. „Es war eine monströse Aktion, gerade Adelsfamilien hatten viel zu repräsentieren und damit auch zu verlieren.“ Es ist auch eine Geschichte, die intern Lücken füllt. Autorin Scheib berichtet von eine gespaltenen Akzeptanz ihres Buches über die Generationen des Adelshauses hinweg. „Besonders die jungen Leute kamen zu mir, um noch mehr zu erfahren“, sagt sie.

Im Film spielt Martin Wuttke den großen Ahnherrn Lothar (1817–1896), der die Familie zum Industrieadel machte. Er tut das so, als sei Zigarrenfreund Berthold Beitz von Krupp wieder auferstanden. „Man muss sich und unser Unternehmen schützen“, erklärt er der von Kristin Suckow gespielten Tochter auf dem Totenbett, einer wie Alexander von Castell-Rüdenhausen sei einer, der nie aufgibt und „nicht irgendein verliebter Schöngeist“. So dachte der Patron für seine „Faberer“ und hinterließ den Seinen in Stein bei Nürnberg den Leitspruch: „Das Beste machen, was überhaupt in der Welt gemacht wird.“ 

In einer anderen Szene sagt Ottilies Mutter über die eigene Frauenrolle: „Wir haben nicht gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen. Wir sind Geister ohne Fleisch und Mut“, das müsse sich jetzt ändern. Woraufhin die Großmutter antwortet: „Die Zeiten, von denen du sprichst, sind noch nicht angekommen.“ 

Jetzt, mit Gräfin Mary und ihren Töchtern, sind die Zeiten da. Doch es sind keine einfachen für Ottilies Erbinnen.

Mehr: Er arbeitete als Berater, er war Aufsichtsrat bei Faber-Castell, Jungheinrich, Eckes und Zwilling. Nun spricht der Manager Jürgen Peddinghaus über seine Führungsphilosophie.

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