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Alon Ketzef In der Krise will ein israelischer Versicherer nach Deutschland expandieren

Der israelische Versicherer Passportcard will Corona nutzen, um hierzulande in den Markt für Expats einzusteigen. Doch die Konkurrenz ist groß und Experten sind skeptisch.
24.05.2020 - 15:31 Uhr Kommentieren
Der israelische Versicherer sieht in der Krise eine Chance. Quelle: PassportCard
Alon Ketzef

Der israelische Versicherer sieht in der Krise eine Chance.

(Foto: PassportCard )

Düsseldorf Der Plan klingt angesichts der Corona-Pandemie mehr als verwegen: Alon Ketzef will mitten in der Krise mit Passportcard in den deutschen Markt für Auslandskrankenversicherungen einsteigen – mit besonderem Fokus auf langfristig in fremden Ländern stationierte Deutsche, sogenannte Expats.

„Das Coronavirus trennt die Männer von den Jungs“, sagt der israelische Versicherer. Und: „Man muss einsteigen, wenn die Wellen am höchsten sind.“ Sein unternehmerisches Kalkül: Ketzef hat den Prozess, sein Produkt deutschen Expats zur Verfügung zu stellen, extra beschleunigt, um von den Coronasorgen profitieren zu können. „Die Nachfrage nach unserem Produkt ist seit Beginn der Krise um 300 Prozent gestiegen“, sagt der 54-Jährige. „Wenn man sieht, wie der Nachbar von einem Krankenwagen abgeholt wird, fragt man sich, wie es eigentlich um die eigene Krankenversicherung steht.“

Passportcard gehört zu 50 Prozent der David Shield Gruppe, deren Geschäftsführer Ketzef ist, und zu 50 Prozent der auf den Bermudas ansässigen White Mountains Insurance Group. In Ketzefs Heimatland Israel und in Australien ist Passportcard bereits ein viel genutzter Versicherungsgeber. „Wir versichern jährlich zwei Millionen Menschen, die ins Ausland gehen“, sagt Ketzef. Seit 2015 kooperiert das Unternehmen auch mit der deutschen Allianz für kürzere Reisen und Urlaube. Jetzt hat sich Ketzef deutsche Expats vorgenommen.

Das besondere Konzept der Versicherung ist eine eigene EC-Karte, mit der Kunden direkt nach dem Arztbesuch bezahlen können – also ohne in Vorleistung zu gehen oder die Rechnung später einreichen zu müssen. So müssten sich die Patienten nicht mit dem Papierkram herumschlagen, sagt Ketzef. Und das Unternehmen spart Kosten für die Sachbearbeitung.

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    Um Missbrauch vorzubeugen, berechnet Passportcard für jeden Gesundheitsanbieter einen Korridor, der den minimalen und den maximalen Preis für eine Behandlung vorgibt. Innerhalb dieses Korridors kann die EC-Karte genutzt werden. In die Berechnung flössen Daten mit unternehmenseigenen Erfahrungswerten aus 150 Ländern ein, heißt es bei Passportcard. Übersteigen die Kosten die Kalkulation, wird das Unternehmen direkt eingeschaltet. „Der Kunde ruft uns aus der Praxis an, sodass wir mit dem Arzt den Grund für die höheren Kosten besprechen können“, heißt es.

    Was erst mal nach einer einfachen, schnellen Lösung klingt, kann sich allerdings nach Meinung von Rainer Elsmann, Versicherungsexperte des Vereins Deutsche im Ausland, vor Ort als Problem entpuppen. Wer hat wohl Lust, in einer Extremsituation in eine Diskussion über die Kosten einer Behandlung einzusteigen? Im schlimmsten Fall in einer fremden Sprache?

    Das sei für Versicherte kein angenehmes Szenario, sagt Elsmann und erklärt: „Das Vertragsverhältnis einer Behandlung entsteht zwischen Patient und Arzt.“ Ob die Versicherung die Kosten der medizinischen Dienstleistung trage, sei für den Behandler erst einmal unerheblich.

    Die eigene Erfahrung

    Ketzef versichert: „Es gibt keine Einschränkungen bei der Wahl der Anbieter.“ Dieses Versprechen rührt von einer eigenen Erfahrung her. 1994 arbeitete er in New York, als bei ihm ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert wurde. „Die Ärzte sagten mir, dass ich mein Leben lang im Rollstuhl sitzen müsste, wenn ich überhaupt überleben würde“, erinnert sich der Gründer. Er beschloss, das auf diese Art von Tumor spezialisierte Krankenhaus in Boston zu besuchen – das nicht Teil des Netzwerks seiner Versicherung war.

    Ketzef überlebte, musste aber insgesamt 400.000 Dollar für die Behandlung bezahlen, wovon nur 60.000 von der Versicherung übernommen wurden. „Da habe ich gesagt, ich will nicht, dass andere Expats die gleiche Tortur erleben müssen“, so Ketzef.

    Das Versprechen hat seinen Preis: „Wir sind nicht billig“, gibt er zu. Je nach Alter, Gesundheitszustand und Zielland müssten Kunden zwischen 100 und 1000 Euro pro Monat für die Versicherung bezahlen. Dafür bietet Passportcard auch Behandlungen über Telefon und Internet von Ärzten vor Ort oder im Heimatland. Ein Dienst, der vor allem in Corona-Zeiten stark in Anspruch genommen werde. „Wir sehen eine Steigerung der Nachfrage nach Telemedizin um das Zehnfache“, sagt Ketzef.

    Trotz der gestiegenen Nachfrage nach den Angeboten von Passportcard rechnet das Unternehmen mit Verlusten in den kommenden zwölf Monaten – wegen der Coronakrise. Er kalkuliere daher mit einem Prämienzuschlag von bis zu 15 Prozent über einen Zeitraum von sieben Jahren. Langfristig, da ist sich Ketzef sicher, werde die Corona-Situation allerdings einen Mehrwert für Passportcard bringen. „Der Expat-Markt ist auf langfristige Verträge ausgelegt“, sagt er. Die derzeit steigende Nachfrage werde in den nächsten Jahren zu Gewinnen und Wachstum führen.

    Dazu muss Passportcard auf dem deutschen Versicherungsmarkt Fuß fassen. Allianz Partners sagen über ihre seit fünf Jahren bestehende Kooperation und das Konzept der kundeneigenen EC-Karte: „Für uns bedeutet das Angebot ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Reisemarkt.“ Auch das neue Angebot für im Ausland stationierte Arbeitnehmer ist ein gemeinsames Projekt von Passportcard und Allianz. Passportcard Deutschland ist Vertragspartner, Allianz Partners ist Versicherer und übernimmt das Risiko.

    Experten zweifeln

    Dass sich Passportcard auf dem deutschen Markt durchsetzen kann, bezweifelt Versicherungsexperte Elsmann jedoch. Er halte die Abdeckung für gut genug, das Angebot von Passportcard wiederum für teuer und nicht konkurrenzfähig: „Ich glaube nicht, dass es Passportcard in einigen Jahren hierzulande noch geben wird.“

    Und mit Blick auf das Coronavirus findet er, das sei „eine normale Behandlung, die von allen Anbietern problemlos übernommen wird“. Auch die Telemedizin sei bei vielen Versicherern im Vertrag enthalten. An Orten, an denen sich viele Expats aufhalten, hätten die Versicherer zudem eigene Kooperationen mit wichtigen Krankenhäusern abgeschlossen.

    Schließlich haben die meisten großen Arbeitgeber mit vielen Mitarbeitern im Ausland bereits Gruppenverträge mit Versicherern, sodass es schwierig für Passportcard werden könnte, einen Platz zu finden. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit vielen Arbeitnehmern im Ausland weist ihre Mitarbeiter etwa darauf hin, dass für Pflichtmitglieder einer gesetzlichen Krankenversicherung auch bei einem Auslandseinsatz der bisherige Vertrag bestehen bleibt. Privatversicherten bietet die GIZ einen Gruppentarif bei der Halleschen Krankenversicherung.

    Auch Ketzef weiß: „Deutschland ist ein weit entwickelter Versicherungsmarkt.“ Trotzdem bestand für Pass‧portcard kein Zweifel, dass der europäische Hauptsitz in Deutschland aufgebaut werden sollte. Kanada und Lateinamerika könnten Märkte für zukünftige Expansionen sein. Nur die USA seien für ihn keine Option, sagt Ketzef. Das Versicherungssystem dort sei zu speziell. In diesem Punkt spricht er wohl auch aus eigener Erfahrung.

    Mehr: Israels Hightech-Firmen sehen in der Coronakrise eine Chance.

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