Barbaros Özbugutu Zwei Gründer wollen das Paypal des Nahen Ostens schaffen

Der deutsche Unternehmer baut in der Türkei ein innovatives System auf, um Zahlungsvorgänge zu vereinfachen. Jetzt will er expandieren.
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„Wir wollen das Paypal in der Region werden“, so Özbugutu.
Barbaros Özbugutu und Tahsin Isin

„Wir wollen das Paypal in der Region werden“, so Özbugutu.

IstanbulWas früher der Flohmarkt war, funktioniert heute per Link. Wer damals, vor dem Internet, ein ungeliebtes Kleidungsstück oder ein Buch verkaufen wollte, musste mitunter stundenlang mit Decke auf dem Marktplatz warten, bis ein williger Käufer vorbeikam. Barbaros Özbugutu ist überzeugt, dass das im digitalen Zeitalter einfacher geht.

Er hat auch gleich die Lösung dafür entwickelt. Dafür muss man seinen nicht mehr ganz so geliebten Gegenstand abfotografieren und das Foto mitsamt einem bereitgestellten Link auf Facebook oder Instagram veröffentlichen. Klickt ein Interessent auf den Link, kann er gleich bezahlen.

Özbugutu und sein Geschäftspartner Tahsin Isin haben das passende Tool dazu entwickelt. Der Verkäufer benötigt nicht mal eine eigene Homepage, geschweige denn ein teures Kreditkartenterminal. Längst nicht nur Flohmarktverkäufer nutzen inzwischen ihre Innovation, sondern auch immer mehr Firmen. Und so wurde aus dem Start-up inzwischen ein ständig wachsendes Unternehmen namens Iyzico („Easy-Co“) mit mehr als 100 Mitarbeitern – Tendenz steigend.

Ihre Firma aus Istanbul ist damit mittlerweile auf Expansionskurs. Kürzlich expandierte das Unternehmen nach Osteuropa. „Wir wollen Finanztransaktionen demokratisieren“, beschreibt Özbugutu das Firmenprinzip. Er hat sein Fach in Deutschland gelernt – und könnte bald auch dort den Bezahlmarkt aufmischen.

Das Büro, aus dem Özbugutu das Bezahlen revolutionieren will, könnte im Silicon Valley stehen, ist aber auf der asiatischen Seite Istanbuls gelegen, im 19. Stockwerk eines tristen Hochhauses nahe einer Schnellstraße.

Schlüsselmoment bei der Konkurrenz

Iyzico hat in der Türkei längst den bekannten Zahlungsdienstleister Paypal abgelöst, seit dieser 2016 das Land verlassen hat. Özbugutu fügt selbstbewusst an: „Wir wollen das Paypal in der Region werden.“ Das klingt ambitioniert und passt gleichzeitig zum Aufstieg des Unternehmensgründers. Der hat als Callcenter-Mitarbeiter bei Telefónica angefangen. Die Finanzchefin des Hauses hat ihr Handwerk bei Siemens gelernt.

In die Heimat seiner Vorfahren auszuwandern stand für Özbugutu eigentlich nie zur Debatte. 2012 hatte er jedoch einen Schlüsselmoment. Özbugutu hatte damals das Deutschlandgeschäft des schwedischen Dienstleisters Klarna aufgebaut. Der Wert des Gesamtkonzerns hatte sich in der Zeit auf 1,25 Milliarden US-Dollar verfünffacht. „Das kann ich auch“, dachte er sich. Wenige Monate später gründete er in Istanbul sein eigenes Unternehmen.

Seine Weggefährten beschreiben Özbugutu durchgehend als Mann mit einem Ziel vor Augen. „Er hat einen Jagdinstinkt“, bestätigt zum Beispiel sein ehemaliger Vorgesetzter bei Klarna. Das scheint zuzutreffen: Bisher konnte Özbugutu über Finanzierungsrunden mehr als 24 Millionen US-Dollar von Investoren einnehmen.

Die Türkei ist aus Sicht eines Zahlungsdienstleisters ein äußerst lukrativer Markt. 80 Millionen Einwohner, eine junge Bevölkerung, von der zwei Drittel mindestens sieben Stunden pro Tag das Internet nutzen. Jedes Jahr steigt dieser Wert laut dem „Digital in 2018“-Report um 13 Prozent. 25 Prozent der Menschen kaufen demnach online ein, 40 Prozent davon bezahlen mit dem Handy.

Die Zahlen sprechen für Özbugutu und seinen Plan. Bisher verzeichnet seine Firma 19,3 Millionen Transaktionen, der Umsatz liegt bei umgerechnet rund 700 Millionen US-Dollar, der Gewinn bei 12,3 Millionen Dollar.

Zu den Nutzern gehört auch ein Hotel der Luxusmarke Kempinski in der türkischen Ferienhochburg Bodrum. Obwohl die Hotelkette eine eigene Internetseite mit Buchungsfunktion hat, entschied sich das Haus für Özbugutus Lösung. Häufig riefen Gäste an der Rezeption an, um ein Zimmer zu buchen, anstatt online ein Formular auszufüllen, erklärt er.

„Jetzt bekommt der Gast per Mail oder WhatsApp den Link zur Zahlung zugeschickt, im selben Augenblick wird das Zimmer reserviert.“ Als weiteres Beispiel nennt Özbugutu eine junge Frau aus Gaziantep an der türkisch-syrischen Grenze, die den Verkauf eines Möbelstücks an einen Mann aus Kanada über den Zahlungslink abgewickelt hat.

Bei der Unternehmenskultur haben die Chefs sich ganz auf ihre deutschen Karrierewurzeln verlassen. Regelmäßig müssen Führungskräfte in eine Art Zwangspraktikum in die Fachabteilungen. Außerdem geben Özbugutu und seine Vorstandskollegen alle drei Monate die Geschäftszahlen bekannt – vor allen Mitarbeitern. Ungewohnt in einem Land, in dem viele erst einmal sich selbst bereichern wollen.

Jeder darf mitreden

Von seinen Mitarbeitern fordert er, selbstständig zu denken und dem Chef auch mal Feedback zu geben. „In einer stark hierarchischen Unternehmenskultur wie in der Türkei ist das für viele neue Mitarbeiter erst einmal befremdlich“, weiß Özbugutu.

Ein Unternehmen in dem Land zu gründen beschreibt er als einfach, die Gründung habe nur einen Tag gedauert. Der Betrieb gestaltet sich da schon etwas aufwendiger. Die Mehrwertsteuer muss im Voraus abgeführt werden. „Gerade wenn am Anfang die Kassen noch leer sind, ist das eine ganz schöne Belastung“, so Özbugutu.

Es geht noch weiter. Ein Mitarbeiter, der nach mindestens sechs Monaten im Unternehmen die Kündigung bekommt, kann bis zu acht Monate Gehalt als Abfindung aushandeln – per Gesetz. Einer Schwangeren, die freiwillig kündigt, stehen bis zu vier Monate Gehaltsfortzahlung zu.

Ein Vorteil: Iyzico lagert alle Kundendaten in der Türkei. Das schreibt die türkische Regulierungsbehörde seit 2015 vor. Daraufhin soll Marktführer Paypal gedroht haben, das Land zu verlassen, weil das Unternehmen alle Kundendaten in die USA sowie nach Luxemburg ausgelagert hatte. Weil die türkische Behörde nicht nachgab, zog sich Paypal im Jahr darauf tatsächlich aus der Türkei zurück.

Özbugutu glaubt, dass sein Unternehmen ohnehin türkischer Marktführer geworden wäre, selbst wenn es Paypal noch als Konkurrenten geben würde. Seiner Meinung nach ist die gesamte Region wie geschaffen für digitalen Zahlungsverkehr.

Das einzige Problem: die schwache türkische Lira. Die Heimatwährung hat zum US-Dollar innerhalb eines Jahres 40 Prozent an Wert verloren. Schlecht, wenn Özbugutu das Geld der Investoren irgendwann zurückzahlen will. „Wir müssen schneller wachsen, als die Lira fällt.“ Doch das dürfte ihn nicht aufhalten, weiter zu expandieren. Der Markteintritt in zwölf Ländern Osteuropas hat gut geklappt. „Als Nächstes ist der Nahe Osten dran.“

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