Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Brigitte Vöster-Alber Nach 52 Jahren übergibt die Geze-Chefin die Führung an die sechste Generation

Quasi über Nacht kam die Schwäbin an die Spitze des Schließtechnik-Spezialisten. Zum Jahresende wechselt Brigitte Vöster-Alber in den Aufsichtsrat.
05.07.2020 - 16:29 Uhr Kommentieren
Die Chefin von Geze behauptete sich 52 Jahre in einer Männerdomäne. Quelle: Geze
Unternehmerin Brigitte Vöster-Alber

Die Chefin von Geze behauptete sich 52 Jahre in einer Männerdomäne.

(Foto: Geze )

Stuttgart Vor der Firmenzentrale in Leonberg bei Stuttgart erinnert nur noch eine ausrangierte blassblaue Seilbahngondel an längst vergangene Firmengeschichte. Aus der Gondel ragen alte Skier, darunter ein Völkl Racetiger mit einer Bindung aus dem Hause Geze. Für den Fersenautomaten war die schwäbische Firma in den 70er-Jahren weltbekannt.

Brigitte Vöster-Alber brach mit dieser Tradition. „Wir haben uns 1985 vom Geschäft trennen müssen, als wir merkten, wie wenig wir tatsächlich mit den Skibindungen verdienten“, sagt die Unternehmerin heute.

Es war eine ihrer härtesten Entscheidungen. Aber sie öffnete dem Unternehmen die Tür in eine erfolgreiche Zukunft. Geze spezialisierte sich auf Hightech-Schließsysteme von Gebäuden und gehört heute zu den innovativsten Mittelständlern des Landes.

Die Schwaben gelten als einer der Vorreiter, wenn es um das vernetzte sogenannte Smarthome geht. Man findet automatische Geze-Systeme nicht nur im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart, im Akropolis-Museum in Athen sowie in der Ferrari World in Abu Dhabi, sondern auch in vielen Flughäfen, Hotels und Supermärkten.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Ihren Einstieg als Unternehmerin konnte die wohl dienstälteste Chefin eines großen Familienunternehmens in Deutschland nicht bestimmen. Den Zeitpunkt ihres Rückzugs wollte Brigitte Vöster-Alber aber selbst auswählen. Zum Jahresende wechselt sie in den Aufsichtsrat – nach 52 Jahren an der Spitze des Familienunternehmens mit zuletzt etwa 450 Millionen Euro Umsatz und rund 3200 Beschäftigten.

    Aus dem operativen Geschäft hat sie sich bereits jetzt, Anfang Juli, endgültig zurückgezogen. „Ich habe in den vergangenen Jahren schon sukzessive Aufgaben abgegeben. Finanzen und Controlling war meine letzte Funktion, für die ich einen Nachfolger gefunden habe“, sagt Vöster-Alber. Jetzt könne sie beruhigt in den Aufsichtsrat wechseln. „Es ist auch Zeit, sonst fängt man an zu klammern“, sagt die 76-jährige Vollblut-Unternehmerin.

    Brigitte Vöster-Alber wollte eigentlich Tierärztin werden. Wie das mit Jugendträumen von Unternehmerkindern so ist, aus vielen wird dann doch nichts. Der Grund dafür war allerdings gravierend. Familie Vöster gehört die 1863 von drei Handwerksmeistern gegründete Firma Geze. Mit nur 48 Jahren starb 1963 ihr Vater, der mit dem Großvater das Unternehmen für Baubeschläge und Skibindungen führte. Da war sie noch keine 20. Statt für Tiermedizin schrieb sie sich für Wirtschaftswissenschaften in Nürnberg ein.

    In Männerdomäne behauptet

    Fünf Jahre später der nächste Schlag: Ihr Großvater starb. Zuvor hatte er der Enkelin aber noch die Anteile überschrieben. Mit 24 Jahren wurde Vöster-Alber von einem auf den anderen Tag Unternehmerin. Sie musste. Aber sie wollte auch. Selbstbewusst aufzutreten war für die Geze-Chefin vom ersten Tag an unerlässlich in der Baubranche. „Ich musste mich in einer Männerdomäne behaupten“, sagt sie. Den Satz „Kann ich mal den Chef sprechen“ musste sie sich häufig anhören. Schön war das nicht. Doch sie biss sich durch.

    „Brigitte Vöster-Alber ist für mich eine hervorragende Unternehmerin und Vorkämpferin für Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft. Sie war dies bereits zu einer Zeit, als entsprechende Themen noch alles andere als selbstverständlich waren“, kommt Lob auch von Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller, die seit 15 Jahren den Laserspezialisten Trumpf im nahe gelegenen Ditzingen führt.

    Als „geschäftsführende Großmutter“ bezeichnete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Vöster-Alber einmal. Drei ihrer vier Kinder werden das Unternehmen künftig in der dann sechsten Generation führen. Sie sitzen seit Jahren mit in der Geschäftsführung. Der Übergang war sanft und gut vorbereitet. Sohn Marc, 42, ist Technik-Chef. Andrea, 40, kümmert sich um Marketing und Strategie. Sandra, 31, leitet die Rechtsabteilung.

    Die mittlere der drei Töchter, Bettina, ist als Einzige nestflüchtig. Sie arbeitet als Medizinerin. Alle vier Kinder haben bereits seit Jahren je ein Viertel der Unternehmensanteile bekommen. „Ich bin voll überzeugt, dass meine Kinder im Unternehmen gut miteinander auskommen. Ihre Streits haben sie im Sandkasten ausgetragen“, sagt die Mutter.

    Heutigen Gender-Diskussionen begegnet sie mit nüchterner Lebenserfahrung: „Wenn die Jungs in der Überzahl wären, hätte ich schon mehr Bedenken, dass es zu Machtkämpfen käme.“ Ihr Mann Hermann Alber, der über 30 Jahre lang auch Technik-Chef war, ging vor fünf Jahren 74-jährig in den Ruhestand – auch weil es zwischen Vater und Sohn Marc immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten kam.

    Hahnenkämpfen kann die Firmenchefin generell nur sehr wenig abgewinnen. „So manche Männer sollten morgens besser eine Östrogentablette zum Kaffee einnehmen“, sagt Vöster-Alber. „Männer brauchen immer eine Bühne. Frauen können sich selbst beschäftigen.“

    Sie selbst bezeichnet sich als Zahlenfreak. Die Rendite der Firma hat sie immer im Blick. Unternehmenswachstum aus eigener Kraft, Umsatz pro Mitarbeiter und möglichst große Unabhängigkeit durch eine hohe Eigenkapitalquote von um die 70 Prozent – so beschreibt Vöster-Alber ihr Erfolgsrezept. Das Unternehmen ist in den vergangenen Jahren nur langsam und organisch gewachsen.

    „Angesichts des Konjunktureinbruchs war es vielleicht gar nicht so verkehrt, dass wir keine zusätzlichen Lasten tragen müssen“, sagt die nur noch formal geschäftsführende Gesellschafterin. Geze habe noch einen finanziellen Puffer.

    „Natürlich ist auch bei uns die Nachfrage eingebrochen. Wir haben Arbeitszeitkonten abgebaut, aber bislang sind wir ohne Kurzarbeit ausgekommen“, betont Vöster-Alber. Die für Geze wichtige Baubranche läuft noch nach. Angefangene Gebäude werden ja fertiggestellt. „Danach wird es sicher schwieriger“, räumt die Unternehmerin ein. „Und bis wir davon profitieren, dass die Kunden wegen Corona aus Hygienegründen berührungsfreie Tür- und Schließsysteme tatsächlich stärker bestellen, wird es wohl zwei bis drei Jahre dauern.“

    Krisen gemeistert

    Nicht immer war das Unternehmen so gut gepolstert wie heute. Als Vöster-Alber mit 24 Jahren ihr Wirtschaftsstudium abbrach und die Geschäftsführung übernahm, stand sie ziemlich bald wegen der Probleme im Skibindungsgeschäft mit dem Rücken zur Wand. Um Geld in die Kasse zu bekommen, musste sie das Firmengelände verkaufen. Sie mietete es mit der Verpflichtung, es in Raten zurückzukaufen. Inzwischen gehört Geze wieder alles, auch dank der geschickten Unternehmensführung der Chefin.

    Als größte Herausforderung sieht die Marathon-Unternehmerin heute das Tempo der Vernetzung. Um begehrte Software- und KI-Spezialisten muss Geze mit Konzernen wie Daimler, Bosch und Porsche kämpfen. Die Familienunternehmerin lockt Führungskräfte mit mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Verantwortung. Förderung von Frauen und Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht sie als zentrale Aufgabe. „Frauen sollten sich immer an ihrer Leistung orientieren und daraus Selbstvertrauen schöpfen“, rät die Vorkämpferin. Jede dritte Führungskraft bei Geze ist eine Frau.

    Rückblickend findet die Unternehmerin schon, dass sie in ihrem Leben ein bisschen mehr Zeit für sich hätte haben können. Aber ihre Pläne für die nächsten Wochen sind schwäbisch bescheiden. „Nach meinem Ausscheiden werde ich mein Büro zu Hause von Grund auf aufräumen. Und im ganzen Haus sind noch viele Dinge zu tun, die ich in den vergangenen Jahren immer wieder aufgeschoben habe.“ 

    Die verhinderte Tierärztin hat immer noch ein Faible für Pferde, auch wenn sie nicht mehr reitet. Ihre vier Rösser stehen auf der Wiese und bekommen ihr Gnadenbrot. „Ich habe jetzt ein Fitnessarmband, das mich warnt, wenn ich nicht 250 Schritte in der Stunde laufe“, verrät Vöster-Alber, wie sie auch in Zukunft fit bleiben will.

    Die Firmenchefin zeichnet zudem großes soziales Engagement aus. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes unterstützt unter anderem mit Spenden das Stuttgarter Olga-Hospital, das auf Kinder- und Jugendmedizin spezialisiert ist. Als sie 2016 den Preis „Soziale Marktwirtschaft“ der Konrad-Adenauer-Stiftung bekam, lobte die Jury sie als „herausragende und vorbildliche Unternehmerin“.

    Die Preisträgerin verkörpere, was Innovationskraft, Weitblick, große Verantwortung gegenüber den Beschäftigten, der Gesellschaft und der Umwelt ausmachten, sagte Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut bei ihrer Laudatio in der Frankfurter Paulskirche. Viel größer hätte das Lob kaum ausfallen können.

    Mehr: Familie Reimann holt eine Französin als neue Chefin zum Kosmetikkonzern Coty

    Startseite
    Mehr zu: Brigitte Vöster-Alber - Nach 52 Jahren übergibt die Geze-Chefin die Führung an die sechste Generation
    0 Kommentare zu "Brigitte Vöster-Alber: Nach 52 Jahren übergibt die Geze-Chefin die Führung an die sechste Generation"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%