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Chemiekonzern Ineos Milliardenerbe George Ratcliffe steht vor der Bewährungsprobe

Der Sohn des Konzerngründers baut eine neue Sparte im Chemiekonzern Ineos auf. Mit dieser stößt auch das Familienunternehmen in neue Geschäftsfelder vor.
30.07.2020 - 01:01 Uhr Kommentieren
Ineos ist eine Gruppe chemischer Betriebe in privatem Besitz mit Hauptsitz in London. Quelle: INEOS
George Ratcliffe

Ineos ist eine Gruppe chemischer Betriebe in privatem Besitz mit Hauptsitz in London.

(Foto: INEOS)

London Sein Vater gehört zu den reichsten Männern Großbritanniens, doch George Ratcliffe blieb bisher im Hintergrund. Das ändert sich nun: Der 31-Jährige übernimmt die Führung eines neuen Tochterunternehmens im Familienkonzern Ineos. Mit diesem stößt der Chemieriese zugleich in ein neues Geschäftsfeld vor.

Ineos war bislang ausschließlich im Geschäft mit Unternehmenskunden tätig, doch künftig sollen von Ineos Hygieneprodukte – Handdesinfektionsgel und Sprays – weltweit im Einzelhandel verkauft werden. „Es herrscht weltweit eine große Nachfrage nach derartigen Hygieneprodukten, und das wird sich so bald nicht ändern“, sagt Ratcliffe im Video-Interview mit dem Handelsblatt aus seinem Büro in London. Dass die Nachfrage durch die weltweit grassierende Coronakrise immens ist, dürfte unbestritten sein.

Zwar sind die Regale in den Supermärkten und Drogerien mittlerweile nicht mehr ständig leer, weil der Einzelhandel seine Bestellungen aufgestockt hat. Sowohl der britisch-niederländische Konsumgüterkonzern Unilever, zu dem unter anderem die Marke Domestos gehört, als auch Reckitt-Benckiser mit seiner Marke Dettol haben in den vergangenen Monaten immense Absatzsteigerungen verbucht.

Ihnen will Ratcliffe den Markt nicht mehr kampflos überlassen. Ineos sei der führende Hersteller von Ethanol und Isopropylalkohol in Europa, sagt Ratcliffe, zwei der wichtigsten Rohstoffe für die Herstellung von Desinfektionsmitteln. Deswegen sei man bestens positioniert, um Hygieneprodukte in hoher Qualität herzustellen.

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    Einen Testlauf hat Ineos Hygienics bereits hinter sich: Im Kampf gegen das Coronavirus hatte Ineos-Gründer und Chef Jim Ratcliffe im März angekündigt, neue Produktionsstätten zur Herstellung von Handdesinfektionsmitteln zu bauen, eine davon im deutschen Herne. Bereits nach zehn Tagen begann die Produktion. In jeder der neuen Fabriken wurden pro Monat eine Million Flaschen hergestellt.

    Vier Millionen davon wurden kostenlos an Krankenhäuser geliefert. „Und so gern wir auch für immer die Mittel kostenlos verteilen würden – wir müssen realistisch sein. Deswegen haben wir Ineos Hygienics ins Leben gerufen“, sagt Ratcliffe junior. Künftig soll jede Fabrik bis zu fünf Millionen Flaschen Handgel pro Monat herstellen, zudem soll das Sortiment um andere Mittel ergänzt werden. Rund 200 Mitarbeiter arbeiten für die Sparte.

    Ineos-Produkte werden bei der Verarbeitung und Herstellung von Plastik, Farben, Textilien, Medizin oder technologischer Produkte wie Handys eingesetzt. Zudem ist der Konzern stark in der Öl- und Gasbranche aktiv und hat in Ölfelder und eine Pipeline in der schottischen Nordsee investiert. In dem Bereich begann George Ratcliffe nach Abschluss seines Wirtschaftsstudiums an der Universität Bath seine Laufbahn im Konzern.

    Durch riskante Übernahmen gewachsen

    Im Jahr 1998 hatte sein Vater Jim Ratcliffe mit dem Kauf einer früheren Tochterfirma von BP, die rund 300 Millionen Euro Umsatz mit Ethylenoxid machte, den Grundstein für den Milliardenkonzern gelegt. Mithilfe zahlreicher weiterer Übernahmen baute der heute 67-Jährige das Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte zum nach eigenen Angaben zweitgrößten Chemiekonzern der Welt auf.

    Erst vor wenigen Wochen vereinbarten Ineos und der Energiekonzern BP einen fünf Milliarden Dollar schweren Deal, bei dem BP sein Petrochemiegeschäft für Aromaten und Acetyle an Ineos verkauft. 22.000 Menschen arbeiten für das Familienunternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 60 Milliarden Dollar. Mehrheitseigentümer ist nach wie vor Ratcliffe.

    Beim Aufbau seines Imperiums ging der Brite nicht selten ein hohes Risiko ein: Die Finanzierung vieler Transaktionen mit hochverzinsten Schulden wurde von Experten als Wagnis bezeichnet, das sich aber auszahlte: Das Vermögen des dreifachen Vaters wird auf 12,2 Milliarden Pfund, umgerechnet 13,4 Milliarden Euro, geschätzt. Zeitweise war der gelernte Chemieingenieur der reichste Mann Großbritanniens.

    Deswegen taucht Ratcliffe auch immer mal wieder in der Presse auf. So sorgten vor einigen Jahren Berichte landesweit für Empörung, dass Ratcliffe zur Reduzierung seiner Steuerlast nach Monaco umziehen wolle – und das auch noch wenige Monate, nachdem er von Queen Elizabeth II. für seine Verdienste um die britische Wirtschaft ausgezeichnet worden war und er sich für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union eingesetzt hatte.

    Den Sitz der Chemiegruppe hatte er zwischenzeitlich schon einmal in die Schweiz verlegt, bevor diese Entscheidung wieder rückgängig gemacht wurde. Die neue Tochter Ineos Hygienics werde in London ihren Hauptsitz haben, bekräftige Ratcliffe junior.

    Fußballklubs, Lederjacken und Geländewagen

    Sein Vater, der aus bescheidenen Verhältnissen stammt und sich ungern in der Öffentlichkeit zeigt, beschränkte seine Zukäufe aber nicht auf die Spezialchemie – das weitverzweigte Firmenimperium ist auch ein Abbild der Hobbys des sportlichen Briten, der bereits den Süd- und Nordpol bereiste und Motorradtouren durch Afrika unternahm.

    Als der Automobilkonzern Jaguar Land Rover die Produktion des Land Rover Defender einstellte, kündigte Ratcliffe an, ein Auto „im Geiste“ des Geländewagens auf den Markt zu bringen. Deswegen entwickeln Ratcliffes Mitarbeiter in Deutschland den „Grenadier“, der ab dem kommenden Jahr in Produktion gehen soll. Ineos hat bereits Interesse an einer Smart-Fabrik von Daimler in Hambach signalisiert, die der deutsche Konzern verkaufen will.

    Zu Ineos gehört ferner das Radteam von Sky und 21st Century Fox, mehrere Hotels, das britische Segelteam für den America’s Cup, der Schweizer Fußballklub Lausanne-Sport und der französische Fußballklub OGC Nizza. 2017 wurde die Motorsport-Modemarke Belstaff eingegliedert, Anfang des Jahres unterzeichnete Ratcliffe mit dem Formel-1-Team Mercedes-AMG Petronas einen Fünfjahresvertrag.

    Die Sportler spielten auch beim Aufbau des neuen Geschäftsbereichs eine Rolle: Das Design der Produktverpackungen stammt vom Segelteam für den America’s Cup, OGC Nizza half bei der Koordinierung der Lieferungen in Südfrankreich, der Mercedes-Rennstall stellte Lieferwagen zur Verfügung, und das Ineos-Radsportteam organisierte die Logistik in Europa.

    Die Sportler werden die neue Sparte auch künftig beim Marketing unterstützen, sagt Ratcliffe, der von seinem Vater auch die Liebe zu Sportarten wie Laufen und Fahrradfahren geerbt hat. Auf die Frage, ob er eines Tages auch die Führung des Konzerns übernehmen werde, wiegelt er aber ab: „Das ist etwas, das sehr weit in der Zukunft liegt, und es ist keineswegs eine abgemachte Sache. Es ist ja nicht so, als würde man ein kleines Familienunternehmen übernehmen.“

    Sein Fokus liege nun erst einmal auf dem Aufbau des Hygienegeschäfts – und er hat dafür große Ziele. „Die Konkurrenten von Ineos Hygienics sind Milliardenkonzerne, und wir wollen in diese Liga aufsteigen.“

    Mehr: Ineos baut zwei Fabriken zur Herstellung von Handdesinfektionsmitteln

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