Christian Schmid in Saudi-Arabien

Der Mittelständler lobt das langfristige Engagement der Saudis.

(Foto: Schmid Group)

Christian Schmid im Interview „Es gab einen kleinen Shitstorm“ – Der Chef der Schmid-Gruppe spricht über sein Engagement in Saudi-Arabien

Trotz heftiger Kritik macht die Schmid-Gruppe Geschäfte mit Saudi-Arabien. Nun spricht der Chef des Mittelständlers aus Freudenstadt über die Gründe.
Kommentieren

FreudenstadtChristian Schmid empfängt in seinem lichtdurchfluteten Büro im Freudenstädter Industriegebiet. Strenge Einrichtung, gekalktes Eichenparkett, Designermöbel stehen im Gegensatz zu Dutzenden für mitteleuropäischen Geschmack eher kitschigen Gastgeschenken und Bildern – die meisten aus Asien.

Der 50-jährige Wirtschaftsingenieur gehört zu den Familienunternehmern, die eigentlich kein großes Aufheben um ihre Firma machen. Aber dem Handelsblatt gibt Schmid erstmals ein Interview zu einem Geschäft, das vor zwei Wochen jede Menge Aufsehen erregte.

Herr Schmid, Sie haben im Oktober als einziger deutscher Unternehmer auf dem Investorenkongress in Riad die Gründung zweier Gemeinschaftsunternehmen bekannt gegeben, während andere deutsche Unternehmen ihre Teilnahme wegen des Mordes am Journalisten Jamal Khashoggi absagten. In Saudi-Arabien wurden Sie dafür groß gefeiert. Wie waren denn die Reaktionen hier?
Das Feedback war gemischt. Von Geschäftspartnern gab es auch Glückwünsche, im privaten Umfeld eher negative Reaktionen. Auch auf der Straße sprachen mich Leute an. Im Netz gab es einen kleinen Shitstorm.

Wundert Sie das?
Nein, ich wusste ja, dass es ein schwieriges Thema werden würde.

Warum? Ein Mittelständler macht Geschäfte in einem Land mit sehr zweifelhaftem Regime, das Menschenrechte ignoriert.
Nicht, dass es falsch verstanden wird. Ich bin schockiert und verurteile die widerliche Gräueltat an dem Journalisten Khashoggi entschieden. Es ist weder erklärbar noch entschuldbar. Aber man muss Themen auch in ihrer gesamten Tiefe betrachten. Die „Vision 2030“ des Kronprinzen Mohammed bin Salman al-Saud verändert das Land nachhaltig. Man sieht es im Land und spürt es. Soll dieser Prozess wirklich gestoppt werden? Mit welchen Konsequenzen?

Immerhin hat Siemens-Chef Joe Kaeser kurzfristig abgesagt und so auf lukrative Aufträge verzichtet.
Ich glaube auch ehrlich gesagt nur sehr bedingt, dass die Großkonzerne auf solche Aufträge verzichten. Diese werden meist nur verschoben, bis die kritischen Themen für die Presse nicht mehr im Fokus stehen. Leider ein Luxus, den sich der Mittelstand kaum leisten kann.

Haben Sie sich deshalb doch entschlossen, nach Riad zu gehen und die Geschäfte zu machen?
Dafür gibt es mehrere Gründe: Alle unsere saudischen Geschäftspartner hatten eine solche abscheuliche Tat nicht für möglich gehalten und verurteilen sie. Ich kenne die Partner schon seit vielen Jahren und glaube ihnen das. In unseren beiden Joint Ventures steckt eine jahrelange Vorbereitung. Auf unserer Seite sieben Jahre Forschung und Entwicklung in die Technologie. Und es sind ernsthafte Absichten des Landes, unabhängig vom Öl zu werden. Es sind diese Projekte, die das Land braucht, um Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen und qualifizierte Arbeitsplätze außerhalb der Ölindustrie, auch gerade für Frauen, zu schaffen. Wir haben hier aber auch Technologien, die davon leben, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz in Produkte umgesetzt zu werden. Eine Verschiebung wäre sehr kritisch gewesen.

Das mag ja sein, aber bei der Großwetterlage in der Politik könnte es zu einem Embargo kommen.
Nein, das glaube ich nicht. Klammern wir mal Waffenexporte aus, das ist sicher ein anderes Thema. Aber ein Embargo bei ziviler Technologie könnte ich ehrlich gesagt nicht wirklich verstehen. Es wäre etwas heuchlerisch.

Wie meinen Sie das konkret?
Wollen Sie konsequent sein, dürften Sie vermutlich auch nicht Ihr nächstes Auto oder Smartphone kaufen. Unser saudischer Partner Sabic zählt zu den Weltmarktführern der Kunststoff-Granulat-Herstellung. Produkte von Sabic finden sich somit indirekt in vielen kommerziellen Produkten.

Das Öl aus Saudi-Arabien kaufen wir auch weiterhin gerne, aber die Unterstützung des Landes beim zukunftsfähigen Umbau ihrer Industrie sollen wir einstellen? Ich frage mich, mit welchen Ländern noch Geschäfte gemacht werden dürften, von denen ich mit meinen persönlichen Grundwerten überzeugt bin.

Worum geht es in den Projekten genau?
Es geht um eine Fabrik, die Siliziumprodukte herstellt, die wiederum in verschiedensten Bereichen, wie Solarzellen, der Halbleiterindustrie, Elektromobilität und der nächsten Generation von Lithium-Batterien, eingesetzt werden können. In einer weiteren Fabrik stellen wir Batterien als stationäre Energiespeicher auf Basis der Redox Flow Technologie her.

Wie kam denn der Kontakt zustande, mit politischer Hilfe etwa?
Nein, überhaupt nicht. Wir sind seit einigen Jahren in Saudi-Arabien aktiv, haben selbst Kontakte geknüpft, Vertrauen aufgebaut und bieten heute einfach auch eine wirklich führende Technologie an.

Und warum sucht sich ein Großkonzern wie Sabic einen vergleichsweise so kleinen Partner wie Sie aus?
Weil wir mehr als 150 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von Hochtechnologien haben und immer wieder gezeigt haben, dass wir wirkliche Innovationen zu State-of-the-Art-Produkten entwickeln können. Die von uns entwickelten Energiespeicher mit so genannter Redox Flow Technologie haben für die Zukunft das Potenzial, die günstigsten Energiespeicher der Welt zu werden.

Stationäre Energiespeicher, die Ökostrom speichern können, braucht man doch auch hier, warum gehen Sie damit nach Saudi-Arabien?
Weil sich dort für die Zukunft mit einer wirklich interessant ausgelegten Industriepolitik Großes bewegen lassen könnte. Es ist alles nicht nur auf den kurzfristigen Gewinn ausgelegt, sondern auf eine mittelfristige Strategie, globale Champions aufzubauen. Zudem haben wir dort Partner gefunden, die die Technologie zu schätzen wissen und Visionen haben.

Und hierzulande geht das nicht?
Nicht so. Wir hatten schwere Zeiten. Wir waren stark auf die Solarindustrie ausgerichtet und der Einbruch der Photovoltaik hat uns 2011/12 voll erwischt. Wir sind heute nur noch halb so groß mit 175 Millionen Euro Jahresumsatz und 900 Beschäftigten. Aber wir schreiben wieder schwarze Zahlen, haben jetzt sogar die Chance in vier oder fünf Jahren den Umsatz auf 350 bis 400 Millionen Euro zu verdoppeln. Nur das allein reicht nicht, um so innovative Projekte in Deutschland zu finanzieren.

Viele in der Solarbranche und deren Lieferkette haben nicht überlebt, warum gelang das Schmid?
Wir haben uns wieder auf den Maschinenbau fokussiert, restrukturiert, Kosten in den Firmen und Produkten optimiert, uns aber auch von Unternehmensteilen getrennt, die nicht mehr in unsere strategische Ausrichtung gepasst haben, und die Familie hat finanziell zugeschossen. Aber es war eine schwere Zeit, die leider nur von sehr wenigen Banken mitgetragen wurde.

Hier in Ihrem Zimmer sind ja einige Sammlerstücke aus Asien. Wieso sind Sie denn nicht nach China gegangen? Die Chinesen interessiert Ihre Technologie doch bestimmt?
Rein finanziell wäre China oder Taiwan sogar attraktiver gewesen. Aber es geht auch um Urheberschutz und Nachhaltigkeit. In China hätten wir einmal gut verdient, aber nach zwei, drei Jahren wären mindestens zwei Wettbewerber aus dem Boden geschossen, die uns kopiert hätten. Wir haben so viel Herzblut in die Entwicklungen gelegt und wollen dies bei beiden Projekten nicht riskieren.

Und bei den Saudis besteht diese Gefahr nicht?
Aus unserer Sicht absolut nicht. Mit Sabic haben wir die Möglichkeit, mitzuwachsen, wie wir es allein kaum könnten. Wir brauchen einen starken Partner, um auch entsprechende Marktmacht und Präsenz für Großprojekte zu bekommen. Wir bauen dort gemeinsam ein Produktionscluster auf, das weitere Geschäftsfelder entwickeln wird. Das hätten wir aus eigener Kraft schwer geschafft. Deshalb sind diese Joint Ventures für uns so wichtig.

Und einen starken deutschen Partner wie Bosch, Siemens oder BASF gab es nicht?

Wir haben dies vor einigen Jahren für eine Pilotfabrik im Bereich Lithium-Dünnschicht-Batterie versucht. Es war wirklich hoffnungslos und frustrierend. Heute betrachtet waren wir sicher unserer Zeit voraus. Aber damals dachten viele noch, warum sollen wir es in Deutschland selbst machen, wenn wir es in Asien kaufen können? Deutschland ist später quasi auf breiter Front aus der Batterietechnologie ausgestiegen.Industriepolitisch ist das ein Desaster.

Inwiefern?
Vor zehn Jahren hat auch die Autoindustrie das Thema noch völlig unterschätzt und die weltweite Entwicklung verschlafen. Dass Deutschland heute keine Autobatterien baut und damit auf die Schlüsselkomponente von Elektroautos verzichtet, ist für mich schier unglaublich. Heute sieht man, wie falsch diese Denke war, aber es zeigt auch, wie schwierig es ist, Innovationen in Deutschland als Pionier zu realisieren oder das dafür notwendige Kapital zu finden.

Aber es gibt ja Bemühungen, das doch noch abzuwenden?
Ich fürchte, das wird sehr schwierig, der Zug ist abgefahren.

Und künftig werden die Saudis auch noch den Markt mit stationären Batterien aufrollen mit Hilfe eines deutschen Mittelständlers.
Ja, das werden wir. Die Saudis meinen es wirklich ernst und investieren 200 Milliarden US-Dollar, um vom Öl unabhängiger zu werden. Deutschland hätte vor zehn Jahren ein paar Hundert Millionen gereicht und wir wären in der Batterietechnologie weltweit vorne mit dabei. Das Timing spielt eine sehr große Rolle. Wir bräuchten in dieser Hinsicht wirklich eine bessere strategische Industriepolitik und sollten uns nicht schämen, ein solches Wort in den Mund zu nehmen.

Ist das nicht etwas übertrieben?
Deutschland ist ein wirklich innovatives Land, aber wie viele dieser Innovationen bringen wir wirklich noch in Deutschland zu globalen Champions? Wir müssen uns eingestehen, dass andere Länder die Geschwindigkeit und den Willen mitbringen, dies an unserer Stelle zu tun.

Der Wille kommt in Saudi-Arabien ja aus der Not heraus, da die Ölvorräte nicht mehr ewig reichen?
Ja, aber die Verantwortlichen denken deshalb inzwischen wirklich strategisch nach vorne und suchen den langfristigen Erfolg und nicht die schnelle Rendite. Es ist ein immenses Umdenken.

Herr Schmid, vielen Dank für das Interview

Startseite

Mehr zu: Christian Schmid im Interview - „Es gab einen kleinen Shitstorm“ – Der Chef der Schmid-Gruppe spricht über sein Engagement in Saudi-Arabien

0 Kommentare zu "Christian Schmid im Interview: „Es gab einen kleinen Shitstorm“ – Der Chef der Schmid-Gruppe spricht über sein Engagement in Saudi-Arabien"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%