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Corona statt Kirmes Schausteller fordern Rettungsschirm

Nach Absage des Oktoberfests bangen die Kirmesbetriebe um die Saison und ihre Existenz. Volksfeste seien Traditionsgut – und ein Wirtschaftsfaktor.
22.04.2020 - 15:15 Uhr Kommentieren
Viele Karussellbetreiber fürchten wegen Corona um ihre Existenz. Quelle: imago/Michael Eichhammer
Schausteller in Schieflage

Viele Karussellbetreiber fürchten wegen Corona um ihre Existenz.

(Foto: imago/Michael Eichhammer)

Düsseldorf Schaustellerfamilie Bausch hätte dieses Jahr zum 110. Mal auf dem Münchener Oktoberfest gestanden. Ihr „Top Spin“ – eine überdimensionierte Hollywoodschaukel, die sich überschlagen kann – ist dort eine Attraktion. Doch daraus wird nun nichts. Am Dienstag wurde die Wiesn abgesagt, aus Angst vor Verbreitung des Coronavirus. Schließlich kommen jedes Jahr sechs Millionen Besucher aus aller Welt zum feucht-fröhlichen Feiern nach München.

Für Schausteller Peter Bausch ist die Wiesn-Absage ein Schlag. Seit der Winterpause hat sein Familienbetrieb wie alle anderen in der Branche keinen einzigen Euro eingenommen. „Wir können unser Fahrgeschäft nicht ‚to go‘ irgendwo aufstellen“, sagt er. Bis Ende August sind wegen der Corona-Prävention alle Großevents untersagt. Nun bangt Bausch um die komplette Saison.

„Das größte Volksfest der Welt im Oktober abzusagen hat unglaubliche Signalkraft“, fürchtet auch Kevin Kratzsch vom Präsidium des Deutschen Schaustellerbunds. Er warnt davor, nun zwingend und voreilig andere Volksfeste ab September zu streichen. „5 300 Schausteller, alles Familienbetriebe, kämpfen jetzt um ihre Existenz“, sagt Kratzsch. Soforthilfen könnten laufende Kosten wenige Monate überbrücken. Danach sei eine Insolvenzwelle unvermeidbar. „Wir hoffen auf einen Rettungsschirm, wie ihn Großunternehmen auch bekommen.“

Schließlich seien Volksfeste ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, betont der Verband. Rund 9 750 lokale Festivitäten gibt es in Deutschland, die 350 Millionen Besucher im Jahr anziehen – vom Schützenfest bis zur Kirmes. 4,75 Milliarden Euro werden auf dem Festplatz umgesetzt, weitere 1,4 Milliarden Euro geben die Gäste außerhalb aus. Auch für den Fiskus sind die Vergnügungen lukrativ: Volksfeste spielten 2018 immerhin 1,6 Milliarden Euro Steuern ein.

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    „Das Coronavirus ist für uns wie eine Naturkatastrophe“, konstatiert Top-Spin-Betreiber Bausch. Mit seinen Eltern und der Lebensgefährtin tourt er von Ostern bis Herbst quer durch Deutschland. Die Kosten für Standplatz und Versicherungen laufen weiter, auch wenn Einnahmen ausbleiben. Soforthilfen hat Bausch beantragt. „Ich will nicht undankbar sein, aber die sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt der Schausteller. Seine laufenden Kredite mit neuen Krediten zu tilgen, hält er für keine gute Idee.

    „Wann soll ich die je wieder abbezahlen?“

    Drei Millionen Euro würde die Anschaffung des Top Spin heute kosten. „All unser Kapital ist im Fahrgeschäft gebunden“, sagt er. Der Familienbetrieb ist keine GmbH, sondern eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). „Ich hafte persönlich mit meinem letzten Hemd“, sagt der Schausteller.

    Seine letzte Hoffnung ist deshalb die Politik. „Bauern bekommen schließlich auch Entschädigungen bei Dürre“, sagt er. „Ohne Hilfen können wir Schausteller nicht überleben.“ Die Politik wird derzeit von etlichen Branchen mit Forderungen nach Staatshilfen überrollt. Der Staat könne nicht für jeden durch Corona verursachten Schaden einspringen, aber versuchen, für Gerechtigkeit zu sorgen, dämpfte Kanzlerin Angela Merkel am Dienstag Erwartungen der Wirtschaft.

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    Der Schaustellerbund wehrt sich indes gegen die Geringschätzung seiner Branche. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte jüngst klargestellt: „Das, was sicherlich als Letztes wieder möglich ist, das ist im Zweifel die Party und das Volksfest.“ Das Ansteckungsrisiko sei zu hoch, und solche Veranstaltungen seien am ehesten verzichtbar. „Ihre Abqualifizierung unserer Volksfeste und damit auch unserer Arbeitsplätze ist uns unverständlich, sie verletzt und empört uns zutiefst!“, entgegnete ihm der Verband in einem offenen Brief.

    Feste als Antidepressiva

    Kratzsch mahnt, nicht alle Volksfeste über einen Kamm zu scheren. Längst nicht alle Feste seien so groß und international wie die Wiesn. Viele fänden an der frischen Luft statt. „Gerade in Krisenzeiten sind Feste wichtig“, meint der Hannoveraner. „Volksfeste wirken wie Antidepressiva.“

    Gesundheit habe Priorität, betont Kratzsch. Aber jede Stadt sollte Veranstaltungen einzeln prüfen. Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) etwa sucht Wege für eine Rheinkirmes in veränderter Form. Sie ist nach der Wiesn das größte deutsche Volksfest. Doch Kratzsch weiß auch, dass Hygieneabstände und begrenzte Gästezahlen keine richtige Stimmung aufkommen lassen.

    Eigentlich wäre Kratzsch jetzt mit seinem Stand für ungarischen Flammkuchen (Langosch) auf dem Stuttgarter Frühlingsfest, sein Bruder stünde mit Mini-Pfannkuchen auf dem Hamburger Dom. Die Imbissstände nun in der Innenstadt aufzustellen funktioniere nicht. „Die Städte wollen keine Konkurrenz für ihre Gastronomen, die nur noch außer Haus verkaufen dürfen“, sagt Kratzsch.

    Der Schausteller warnt vor den irreparablen Folgen einer Insolvenzwelle. „In unsere Branche wird man hineingeboren. Wir sind fast das ganze Jahr in Wohnwagen unterwegs, stehen bis spätnachts in der Bude. Das macht keiner des Geldes wegen.“ Er fürchtet den Verlust jahrhundertealter Traditionen: „Wenn Theater sterben, steht zwar noch das Haus. Aber keiner ist mehr da, der in der Lage ist, Hamlet aufzuführen.“

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