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Coronakrise Einreiseverbote und Quarantäne: Fleischproduzent Tönnies bangt um seine osteuropäischen Arbeiter

Deutschlands größter Fleischversorger erlebt durch Corona einen Boom. Doch die Reisebeschränkungen bedrohen die Produktion, warnt Clemens Tönnies.
29.03.2020 - 13:30 Uhr Kommentieren
Corona: Fleischproduzent Tönnies bangt um osteuropäische Arbeiter Quelle: dpa
Fleischproduktion von Tönnies

Viele Arbeiter in den Schlachthöfen kommen aus Osteuropa.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Rheda Würstchen im Glas stehen neben Mehl und Toilettenpapier bei vielen Hamsterkäufern ganz oben auf der Einkaufsliste. Auch „Böklunder“-Würstchen sind gefragt wie nie. Das Werk in Böklund sucht nun kurzfristig 100 Aushilfen aus der Gastronomie, um den Ansturm auf Wiener und Frankfurter Würstchen bewältigen zu können.

„Durch Corona ist die Nachfrage nach unseren Fleischwaren im Lebensmitteleinzelhandel um ein Drittel gestiegen“, erzählt Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Schlacht- und Fleischkonzerns aus Ostwestfalen. Böklunder gehört über die Zur-Mühlen-Gruppe zu Tönnies, der Nummer eins in der deutschen Fleischbranche.

Der Deutsche Bauernverband bestätigt eine „sehr starke Nachfrage“ nach Frischfleisch und Wurst. Zwar bestellt die Gastronomie, die sonst 20 Prozent der Menge bei Tönnies abnimmt, durch die Zwangsschließungen so gut wie nichts mehr. Trotzdem arbeiten die Schlachter und Zerleger auf Hochtouren. Allein am Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück beschäftigt Tönnies mehr als 6500 Mitarbeiter, die Hälfte davon sind Beschäftigte aus Süd- und Osteuropa, die über Subunternehmen angestellt sind.

Das stellt das Familienunternehmen Tönnies nun vor große Probleme. Denn seit Mittwoch 17 Uhr dürfen keine Saisonarbeiter aus Drittstaaten und EU-Ländern wie Rumänien und Bulgarien mehr nach Deutschland einreisen. Das hatte das Bundesinnenministerium am Dienstag angeordnet, um die Infektionskette des Coronavirus zu unterbrechen. Polen hat zudem seit diesem Freitag eine zweiwöchige Zwangsquarantäne für seine Berufspendler verhängt.

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    „Wir machen unseren Mitarbeitern aus Süd- und Osteuropa klar, dass sie in Zeiten von Corona hier bei uns am sichersten sind und gesundheitlich am besten versorgt“, sagt Tönnies. Schließlich seien alle Tönnies-Mitarbeiter – ob direkt angestellt oder per Werkvertrag – in Deutschland sozial- und krankenversichert. „Das ist für uns ein Kostenfaktor, der sich jetzt in der Krise auszahlt“, betont der Unternehmer.

    „Die Arbeit ist hart und schlecht bezahlt“

    Fleischbetriebe wie Tönnies sind auf Beschäftigte aus Osteuropa angewiesen. „Die halten die Branche hierzulande am Laufen. Denn die Arbeit ist hart und schlecht bezahlt“, sagt Armin Wiese von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten Detmold-Paderborn. Deshalb sei die Loyalität dieser Beschäftigten manchmal nicht allzu groß. „Manche lassen schon immer in der Hochsaison Ostern ihren Job sausen und fahren zu ihren Familien“, beobachtet Wiese.

    „Wenn jetzt viele Beschäftigte in die Heimat zurückkehren oder an der Einreise gehindert sind, wäre das für Fleischbetriebe wie Tönnies eine Katastrophe“, meint der Gewerkschaftssekretär. Denn wegen der Einreisebeschränkungen ließen sich auf die Schnelle keine neuen Kräfte aus dem Ausland ins Land holen und einarbeiten.

    Seit dem Ausbruch von Corona seien kaum Tönnies-Mitarbeiter in ihre Heimat nach Polen, Rumänien oder Bulgarien gefahren, konstatiert Tönnies. Zumal auch viele Paare beschäftigt seien. „Unsere Osteuropäer bleiben derzeit lieber hier. Deshalb beschäftigen wir sie auch am Wochenende mit Sonderschichten, damit sich das Bleiben für sie lohnt.“ Das Arbeitsministerium Nordrhein-Westfalen unterstütze dies.

    Der Unternehmer plädiert für flexible Regelungen in der Coronakrise. Quelle: dpa
    Clemens Tönnies

    Der Unternehmer plädiert für flexible Regelungen in der Coronakrise.

    (Foto: dpa)

    Doch Tönnies weiß: „Wenn unsere Osteuropäer auf Heimatbesuch fahren, dort aber zwei Wochen in Zwangsquarantäne müssen oder nicht mehr nach Deutschland einreisen dürften, dann stehen bei uns bald die Räder still“, warnt er. Der Unternehmer fordert von Europas Politikern Augenmaß für grenzüberschreitende Beschäftigte. Für systemrelevante Bereich wie die Gesundheits- und Lebensmittelbranche müsse es praktikable Regelungen geben. „Da muss etwas passieren, denn Ostern steht vor der Tür.“

    Derweil versucht Tönnies, bei Betrieb unter Volllast Ansteckungsmöglichkeiten mit dem Coronavirus so weit es geht auszuschalten. Ein Spagat. Jeden Morgen um sieben Uhr trifft sich der zehnköpfige Corona-Krisenstab. Geleitet wird er von Gereon Schulze Althoff, der das Qualitäts- und Veterinärswesen bei Tönnies verantwortet.

    Eingebunden sind etwa ein Arbeitsjurist, der mit Behörden Verbindung hält, der Betriebsrat und der Arbeitsschutz. Die externen Werke sind per Skype zugeschaltet. In der Zentrale in Rheda sitzen drei bis fünf Leute. „Weit auseinander“, betont Tönnies. „Wir müssen ja mit gutem Beispiel vorangehen.“ Noch nie habe er selbst so viel Desinfektionsmittel für seine Hände benutzt wie momentan. Um 17 Uhr gibt es, falls nötig, ein zweites Krisentreffen.

    Mitarbeiter werden in 27 Sprachen informiert

    Tönnies hat früh einen Notfallplan ausgearbeitet. Das Unternehmen versucht, alle Mitarbeiter per App in 27 Sprachen, Plakaten, mehrsprachiger Firmenhotline mit Experten ständig aufs Neue zu sensibilisieren. „Wenn du Symptome hast, gehe nicht in den Betrieb, sondern melde dich bei uns, wir helfen dir“, lautet der dringende Appell. Bisher gibt es keinen Coronafall.

    Mitarbeiter aus dem Ausland, die oft in Wohngruppen zu sechst oder zu acht zusammenleben, werden im selben Bus transportiert und arbeiten in einer Schicht. Die Schichten sind strikt getrennt. Sie sollen sich nicht begegnen, auch nicht in der Kantine. In Warteschlangen stehen die Beschäftigten nun auf Abstand. Jeder, der will, kann Mundschutz tragen. „Wir gehen jedem Verdachtsfall nach, denn die Produktion muss am Laufen gehalten werden“, so Althoff.

    „Schließlich hat Tönnies in Deutschland eine wichtige Versorgungsaufgabe“, gibt sich Unternehmer Tönnies heimatverbunden, der sonst die Hälfte des Fleischs exportiert. Deshalb habe er das lukrative Geschäft in China erst einmal zurückgestellt. Wegen der Afrikanischen Schweinepest dort waren die Nachfrage und damit die Preise explodiert. Der Umsatz von Tönnies war 2019 bei gleichbleibender Schlachtmenge deshalb um fast zehn Prozent auf 7,3 Milliarden Euro gestiegen.

    „Die Fleischbranche ist in Deutschland stark exportorientiert, insgesamt hat Deutschland einen Ausfuhrüberschuss, speziell bei Schweine- und Geflügelfleisch“, sagt Werner Motyka, Partner der Beratung Munich Strategy. China warte dringend auf Schweinefleischlieferungen aus dem Rest der Welt, Tönnies und die anderen Großen könnten von der Situation profitieren.

    Weniger Exporte nach China

    Unternehmer Tönnies hat seit Corona umgedacht: „Es geht jetzt nicht um den letzten Euro mehr Ertrag in China, sondern darum, unsere Kunden hier beliefern zu können.“ Schlachter mit Lieferlizenz nach China wie Tönnies waren zuletzt in die Kritik geraten, weil sie verstärkt den lukrativen chinesischen Markt bedienten. Wursthersteller im Inland konnten sich nur unter Schwierigkeiten versorgen. Viele rutschten deshalb in die roten Zahlen.

    Nach dem Corona-Ausbruch in China hatte Tönnies einige Zeit Lieferprobleme ins Reich der Mitte. Denn die Kühlcontainer mit Fleisch konnten wegen des Shutdowns nicht entladen werden. „Der Knoten in den chinesischen Häfen ist dank der lokalen Behörden nun gelöst“, sagt Tönnies. Es kämen auch wieder große Mengen Leercontainer zurück nach Europa, auch wenn die derzeit richtig teuer seien.

    Zwischenzeitlich hatte Tönnies auch große Schwierigkeiten, sein Fleisch nach Polen zu bringen. An der Grenze wurde bei jedem Lkw-Fahrer Fieber gemessen. In den bis zu 60 Kilometer langen Staus saßen auch etliche Laster von Tönnies fest. Nun dürfte es erneut Probleme geben, falls polnische Berufspendler bei ihrer Rückkehr 14 Tage in Zwangsquarantäne kommen. Die Situation ist verworren.

    Doch selbst wenn die Grenzen dicht wären, hat Deutschland genügend Fleisch zum Schlachten. „94 Prozent unserer Schlachttiere kommen aus Deutschland. Unser Land kann sich mit Schweine- und Rindfleisch selbst ernähren“, sagt der gelernte Fleischtechniker und Kaufmann. Es sei enorm, was die Bauern in der Coronakrise leisteten.

    Clemens Tönnies selbst isst wie immer jeden Tag sein Stück Fleisch: „Tierisches Eiweiß ist zur Stärkung des Immunsystems gerade jetzt besonders wichtig.“

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