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Coronakrise „Martialische Rhetorik schürt Ängste“ – Unternehmer Hager kritisiert Frankreich

Der Elektronikkonzern Hager hat Hauptsitze in Deutschland und in Frankreich. In Zeiten der Coronakrise wird das für den Unternehmenschef zur Herausforderung.
03.05.2020 - 17:18 Uhr Kommentieren
Vor zwölf Jahren übernahm der heute 48-Jährige die Führung der Hager Group. Quelle: Hager Group
Daniel Hager

Vor zwölf Jahren übernahm der heute 48-Jährige die Führung der Hager Group.

(Foto: Hager Group)

Düsseldorf Daniel Hager fährt zurzeit häufig mit dem Zug, zumindest einen Teil des langen Weges. Er wohnt inzwischen in München, bis Karlsruhe nimmt er dann den ICE, der derzeit so leer ist, dass der Chef der Hager Group kein Problem mit dem Abstandhalten hat. „Und die Züge sind pünktlich“, sagt der 48-jährige Unternehmer, der vor zwölf Jahren die Führung in dem 1955 gegründeten Familienunternehmen übernahm.

Das Besondere: Die Hager Group hat zwei Hauptsitze, einen im saarländischen Blieskastel, einen in Obernai nahe Straßburg, wo Hager auch lange lebte. Dort, aber auch in China oder Italien werden Stromkästen, Schalter und Elektronik für Smarthomes produziert.

Seit Anfang Januar bestimmt das Coronavirus sein Geschäft. Das Unternehmen betreibt zwei Werke in China. Die haben nach den Neujahrsferien erst zwei Wochen später wieder öffnen können.

In Europa war Hager zuerst in Italien betroffen. In Frankreich mussten die insgesamt fünf Werke am 17. März schließen, in Spanien von Ende März bis zum 14. April. Auch ein Werk in Polen war betroffen, das von der Produktion und Lieferung aus dem Elsass abhängig war. Derzeit ist nur noch das Werk in Indien komplett geschlossen.

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    „Man muss eine regelrechte Trauerkurve durchlaufen, wie aus der Psychologie bekannt“, sagt Hager. Erst denke man sich: „Das kann nicht sein“, dann suche man einen Schuldigen und dann finde man Lösungen, sagt er nachdenklich. „Als Unternehmer muss man die ersten Handgriffe in der Krise beherrschen.“

    Er meint, die Gesundheit und die Sicherheit der Mitarbeiter kämen zuallererst. Dann müsse man sehen, dass das Unternehmen nicht zu sehr durchgeschüttelt werde. „Man steckt in einer Riesenrauchwolke“, beschreibt er seine Ausgangssituation. „Erst wenn sich der Rauch legt, hat man den Kopf frei, um weiter zu denken.“

    Das allerdings sei sehr schwierig. Auch die politisch Handelnden wüssten ja nicht, wie lange die Beschränkungen noch gelten. „Die Bundesregierung hat gut gehandelt, war aber schlecht vorbereitet, was das Material zum Gesundheitsschutz angeht.“

    Man habe insgesamt in Europa die Krise unterschätzt. Dann aber seien die Einschränkungen umso heftiger gewesen. Vor allem in Frankreich, weiß Hager.

    Hager sieht großen Schaden

    In Frankreich beschäftigt Hager die meisten Mitarbeiter, es sind dort 3500 von mehr als 11.500. Und die Regierung habe dem „gallischen Volk“ nicht so recht getraut, davon ist Hager überzeugt.

    Schließlich sei es in dem Land ein Volkssport, staatliche Anweisungen zu umgehen. Die Maßnahmen, die die Regierung von Emmanuel Macron ergriffen habe, hätten enormen Schaden angerichtet, „psychologisch und wirtschaftlich“.

    Tatsächlich war der Lockdown in Frankreich härter als hierzulande. Es sei zwar niemand daran gehindert worden, zur Arbeit zu gehen, sagt Hager, „aber die martialische Rhetorik schürte Ängste, und so blieben viele Franzosen der Arbeit fern. Selbst auf den Baustellen ruhten die Kräne und Bagger zu 90 Prozent, obwohl die Beschäftigten arbeiten durften. „Ich bin momentan lieber in Deutschland eingeschlossen. Es erschließt sich mir nicht, dass ich beispielsweise nur zwischen 19 Uhr abends und zehn Uhr morgens joggen darf, wie es in Teilen Frankreichs der Fall ist.“

    Nachdem klar gewesen sei, dass Präsident Macron es übertrieben habe, habe sein Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire die Franzosen dazu aufrufen müssen, zur Arbeit zu gehen. Dagegen sei es hierzulande vergleichsweise gut gegangen, Bund und Länder seien nah an den Bürgern, ist Hager überzeugt. Der Föderalismus funktioniere.

    Viele Werke laufen noch nicht auf Volllast, die Nachfrage ist aber groß, Lieferrückstände entstehen. In Frankreich startete die Produktion Anfang April mit einer Produktionskapazität in Obernai von 25 Prozent.

    Bis Ende April waren es rund 60 Prozent, ab dieser Woche sollen es 70 Prozent sein. Aktuell gibt es im Unternehmen knapp 100 Covid-19-Verdachtsfälle, die meisten in Frankreich (50) und Deutschland (40).

    Klar ist für Hager aber auch, dass seine deutschen und französischen Mitarbeiter zunächst zur Temperaturmessung gehen, bevor sie die Werke betreten. Im saarländischen Blieskastel ist es Pflicht, an den anderen Standorten freiwillig. Die Messung erfolgt immer in Abstimmung mit dem Betriebsrat.

    Der Temperaturcheck sei neben vielen weiteren Aktionen, „die wir gemeinsam mit der Arbeitgebervertretung festgelegt und durchgeführt haben, ein wichtiger Baustein zum Gesundheitsschutz aller Mitarbeiter“, sagt Thorsten Schön, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats in Deutschland. Diese Maßnahme erfolge unter Einhaltung aller Datenschutzrichtlinien und werde von Mitarbeitern gut angenommen.

    Unternehmer registriert Ressentiments

    Was Unternehmenschef Hager jedoch besorgt, sind die Ressentiments, vor allem gegen die Grenzgänger, die in dem einen Land leben und in dem anderen arbeiten. Europa, sagt Hager, sei doch noch nicht so weit, wie man es sich wünsche.

    Bei Hager wurden die Grenzgänger gemäß der Empfehlung der Landesregierung für einige Wochen freigestellt, erzählt Konzernbetriebsratschef Schön. „Die Rückkehr der Grenzgänger verlief problemlos, und auch das Verständnis füreinander ist gegeben.“

    Nun jedenfalls geht es erst einmal aufwärts bei Hager. Der Unternehmenschef geht davon aus, dass der Markt kleiner wird und die Rekorde aus dem Vorjahr mit dem höchsten Umsatz in der Unternehmensgeschichte mit mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz nicht zu erreichen sind. Eine detailliertere Prognose wagt Hager noch nicht.

    In zwei Ländern verwurzelt

    Die Unternehmensgruppe wurde 1955 von Daniels Vater Oswald, seinem Onkel Hermann und seinem Großvater Peter im saarländischen Ensheim gegründet. Das Saarland war nach dem Krieg wirtschaftlich an Frankreich angegliedert, der deutsche Markt deshalb nicht zugänglich. Doch die Gründer wollten auf beiden Märkten Fuß fassen.

    1959 eröffnete Hager die Dependance in Obernai, kurz vor der wirtschaftlichen Eingliederung des „Saargebiets“ als neues Bundesland. Bis heute sind Unternehmen und Familie in Deutschland und Frankreich verwurzelt.

    Im Kampf gegen die Pandemie hat das Innovationsteam in Obernai mithilfe von 3D-Druckern Halterungen für Schutzvisiere sowie Adapter hergestellt, die an die Easybreath-Masken und Atemschutzmasken von Decathlon angepasst sind. Diese gefertigten Teile wurden an Krankenhäuser in Straßburg geliefert. Inzwischen laufen weitere Anfragen von anderen Krankenhäusern. Hager spendete auch Masken in beiden Ländern.

    Das ist „Brot und Spiele“, während die Unternehmer nachts nicht schlafen. Daniel Hager (Chef der Hager Group, selbst Fußballfan, über die Diskussionen um die Geisterspiele im Profifußball)

    Bislang will Daniel Hager das Geschäftsmodell aber nicht grundsätzlich umstellen. Wie eine Umfrage des Handelsblatts unter mehr als 260 mittelständischen Unternehmen beim „Corona-Update für den Mittelstand“ letzte Woche ergab, ist Hager damit in guter Gesellschaft.

    66 Prozent haben derzeit keine Pläne, ihre Geschäftsmodelle zu ändern. Bei Hager gehört Smarthome ohnehin zum Portfolio, berührungslose Steuerung ist ein Thema. Und in der eigenen Organisation funktioniert das Arbeiten der Angestellten aus dem Homeoffice.

    Bei der Digitalisierung könne man aber noch „eine Schippe drauflegen“, sagt Hager. Er will sich vor allem die Produktionsprozesse anschauen. Die Schichten aus Hygienegründen auseinanderzuziehen und die Schichtgruppen zu verkleinern, das alles koste Wirtschaftlichkeit.

    Wenn Hager, selbst Fußballfan, auf die Diskussionen in Deutschland zu den Geisterspielen im Profifußball schaut, spricht er von Willkür: „Das ist ‚Brot und Spiele‘, während die Unternehmer nachts nicht schlafen.“ Immerhin ist die Gruppe solide finanziert: Hager verfügt über eine Eigenkapitalquote von mehr als 60 Prozent.

    Mehr: Weg aus dem Shutdown: Frankreich lockert Beschränkungen

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