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Corporate Governance Führung von Familienunternehmen: Kaum Chancen für Frauen

Eine Studie der Allbright-Stiftung zeigt: Große Familienfirmen sind für Karrieren von Frauen noch weniger offen als Dax-Konzerne. Doch es bewegt sich etwas.
10.06.2020 - 07:11 Uhr 1 Kommentar
Die Vorstandsvorsitzende der B. Braun Medizinprodukte ist eine der wenigen Chefinnen in den großen deutschen Familienunternehmen. Quelle: B. Braun Melsungen AG
Anna Maria Braun

Die Vorstandsvorsitzende der B. Braun Medizinprodukte ist eine der wenigen Chefinnen in den großen deutschen Familienunternehmen.

(Foto: B. Braun Melsungen AG)

Düsseldorf Viele deutsche Familienunternehmen präsentieren sich gerne als Firmen mit einer ganz besonderen gesellschaftlichen Verantwortung. Doch wenn es darum geht, Frauen in Führungspositionen zu bringen, endet das Engagement offenbar. „Bei der Karriere von Frauen haben sie einen blinden Fleck“, stellt Wiebke Ankersen, Mitgeschäftsführerin der Allbright-Stiftung, fest.

Und sie kann das auch mit Zahlen belegen: In den Geschäftsführungen der 100 größten deutschen Familienunternehmen arbeiten nur knapp sieben Prozent Frauen, in absoluten Zahlen sind es 30 Frauen und 406 Männer. Das belegt eine Studie der Allbright-Stiftung, bei der Ankersen Mitautorin ist. Zum Vergleich: Bei den 30 Dax-Unternehmen sind es immerhin 15 Prozent.

Die Allbright-Stiftung wurde 2011 von dem schwedischen Unternehmer Sven Hagströmer in Stockholm gegründet, seit 2016 ist sie mit Sitz in Berlin auch in Deutschland aktiv. Ihr Ziel: mehr Diversität und mehr Frauen in Führungspositionen. Regelmäßig gibt die Stiftung Studien heraus und sensibilisiert für das Thema.

Dabei ist die mangelnde Präsenz nicht nur ein gesellschaftliches Problem. Die Familienunternehmen verschenken damit auch Potenzial. Denn es gebe zahlreiche Studien, die belegen, dass diversere Führungen besser performen, sagt Ankersen. „Die Performance steigt zweistellig und die Innovationskraft nimmt um zehn Prozent zu, wenn ein signifikanter Anteil des Managements weiblich ist.“

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    Die Vorteile von diverserer Führung: „Höhere Innovationskraft, bessere Fähigkeit, Toptalente anzuziehen, Entscheidungsfindung auf einer breiteren Basis, verbesserte Kundenorientierung, besseres Arbeitsklima“, zählt die Expertin auf. All das führe unterm Strich dazu, dass die Unternehmen profitabler werden.

    Doch für viele Familienunternehmen sei es kein strategisches Ziel, mehr Frauen in der Geschäftsführung zu haben, zeigt die Studie. „Sie haben noch nicht erkannt, dass Diversität kein Governance-, sondern ein Performance-Thema, und kein Problem, sondern eine Chance ist.“

    Eine Chance, die jedoch auch im Jahr 2020 noch immer nicht viele Familienunternehmen sehen. Nur 29 der 100 größten Familienunternehmen haben überhaupt eine Frau in der Geschäftsführung. Und nur in einem von ihnen – dem Medizintechnikkonzern B. Braun mit Vorstandschefin Anna Maria Braun – gibt es neben der Vorstandschefin eine weitere Frau in der Geschäftsführung. Daneben wird von den Top 100 noch der Laserspezialist Trumpf seit Jahren von einer Frau, Nicola Leibinger-Kammüller, geführt.

    Es gebe noch viel Potenzial nach oben bei den Familienunternehmen, denn die Frauen aus der Unternehmerfamilie hätten schon einen Vorteil, sagt Ankersen. „Sie können von Anfang an mehr gestalten und Karriere und Kinderbetreuung besser unter einen Hut bekommen als andere Frauen, die Karriere machen wollen.“

    „Diversität ist kein Zeitgeistphänomen“

    Dabei könnten die Familienunternehmen relativ schnell etwas daran ändern, meint Ankersen. „Familienunternehmen in privater Hand können sehr schnell entscheiden.“ Sie glaubt, dass die nötige Wahrnehmung bei vielen Familienunternehmen einfach noch nicht vorhanden sei: „Es ist eine Fehleinschätzung vieler Familienunternehmen, wenn sie Diversität nur als Zeitgeistphänomen wahrnehmen.“

    Insgesamt 43 Familienmitglieder arbeiten heute in den Geschäftsführungen der 100 größten deutschen Familien-unternehmen, erst drei von ihnen sind Frauen. In 27 dieser Unternehmen liegt der Vorsitz der Geschäftsführung bei einem Familienmitglied, zwei davon sind Frauen.

    Transparenz jedenfalls scheint die Wahrscheinlichkeit für weibliche Führungen zu erhöhen. Immerhin die Hälfte der 20 börsennotierten Familienunternehmen von den 100 größten hat eine Frau in der Geschäftsführung, bei den 80 privaten Familienunternehmen ist es weniger als ein Viertel. Am schlechtesten schneiden die Unternehmen ab, die zu 100 Prozent in Familienbesitz sind, hier liegt der Frauenanteil in den Geschäftsführungen bei nur 4,8 Prozent.

    Ein Grund dafür ist laut Studie, dass allein durch die längere Verweildauer von Führungskräften an der Spitze von Familienunternehmen weniger Fluktuation herrscht. Inzwischen werden die oftmals über 100 Jahre alten Unternehmen aber häufig von Fremdmanagern oder in Kombination mit Fremdmanagern geführt. Theoretisch hätten Frauen da gleiche Chancen, doch würden auch familienfremde Manager aus den bestehenden Netzwerken rekrutiert, in denen Frauen noch weit weniger vertreten sind, heißt es in der Studie.

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    Der westdeutsche Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieur Mitte fünfzig präge die Chefetagen in Familienbetrieben noch viel stärker als in Börsenunternehmen. So haben die Studienautoren nachgezählt: In der Führung der 100 größten Familienunternehmen gibt es allein mehr Thomasse und Michaels als Frauen insgesamt.

    Doch es finden sich auch immer mehr Beispiele von Frauen, die es schon in einem jungen Alter schaffen, ihre Netzwerke auszubauen und in Führungspositionen aufzusteigen. So hat es etwa Melanie Köhler in Deutschlands größtem Handelskonzern, der Schwarz Gruppe, zur Nummer drei hinter Konzernchef Klaus Gehrig und seinem designierten Nachfolger Gerd Chrzanowski gebracht. Die erst 29-Jährige ist Vorstandschefin des Bereichs Schwarz Dienstleistungen und hat damit eine Schlüsselfunktion im Unternehmen inne.

    Der entscheidende Punkt: In der Schwarz Gruppe ist nach langen Jahren der Männerdominanz in jüngster Zeit eine Kultur entstanden, die Karrieren von Frauen begünstigt. So ist Köhler kein Einzelfall. Bei Schwarz Dienstleistungen arbeitet sie eng zusammen mit Leonie Knorpp (30), Vorständin für Recht, Compliance und allgemeine Verwaltung, und mit Annabel Ehm (29), Bereichsvorständin Interne Prüfung und Beratung. Auch bei der Tochter Kaufland ist eine Frau stellvertretende Vorstandschefin: die 35-jährige Stephanie Griesbaum.

    Das ist unter den Familienunternehmen noch eher die Ausnahem. Doch dass aber zumindest in einigen Unternehmen etwas in Bewegung kommt, zeigt die Studie ebenfalls: Bei den Neurekrutierungen aus den vergangenen zwölf Monaten sind 22 Prozent weiblich, 26 Prozent stammen aus dem Ausland.

    Auch Aufsichtsräte sind männlich dominiert

    Diesen Trend bestätigt auch Tom Rüsen vom Wittener Institut für Familienunternehmen: Familienunternehmen seien in der Vergangenheit sehr traditionellen Mustern gefolgt. Nicht nur bei der Wahl der familieninternen Nachfolger, sondern eben auch bei der Auswahl familienexterner Führungskräfte. Die aktuellen Führungsstrukturen spiegelten das wider. „Unsere Untersuchungen zeigen allerdings, dass hier ein Musterwechsel vollzogen wird: In den nächsten fünf Jahren werden wir nicht nur mehr weibliche Familienmitglieder in Top-Positionen in Führungs- und Aufsichtsgremien sehen, sondern es werden auch familienexterne Topmanagerinnen das Heft des Handelns übernehmen.“

    Allbright-Expertin Ankersen empfiehlt dafür einen Blick nach Schweden: „Ein Unternehmen wie H&M, mit einer Frau an der Spitze und sechs Frauen und sieben Männern in der obersten Führung. Und das ohne Quote.“

    Man könnte meinen, dass die Familienunternehmen zumindest in den Aufsichtsgremien besser abschneiden, weil es ja zumindest mehr Gesellschafterinnen gibt, doch auch dort scheinen die alten Muster noch vorzuherrschen. Der Frauenanteil in den Aufsichts- oder Verwaltungsräten der Familienunternehmen beträgt 24,5 Prozent. Auch hierbei zeigt sich: Bei den börsennotierten Familienunternehmen liegt der Frauenanteil bei 35 Prozent, die privaten Familienunternehmen erreichen nicht einmal 18 Prozent.

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    Natürlich gibt es einflussreiche Frauen in Familienunternehmen, dazu zählen etwa Friede Springer (Axel Springer), Liz Mohn (Bertelsmann), Susanne Klatten (BMW) und Maria-Elisabeth Schaeffler (Schaeffler). Sie sind Gesellschafterinnen, die „als machtvolle Aufsichtsratsmitglieder ihrer Unternehmen agieren, ohne Aufsichtsratsvorsitzende zu sein“, heißt es in der Studie.

    Doch die Aufsichtsratschefinnen in den 100 größten deutschen Familienunternehmen kann man an einer Hand abzählen: Bei Henkel ist Simone Bagel-Trah seit zwölf Jahren Aufsichtsratsvorsitzende, Bettina Würth hat den Aufsichtsratsvorsitz bei der Würth Gruppe inne, und Catharina Claas-Mühlhäuser ist Aufsichtsratsvorsitzende beim Landmaschinenhersteller Claas. Seit Mai neu hinzugekommen ist Doreen Nowotne. Sie führt den Aufsichtsrat beim Duisburger Familienunternehmen Haniel, einem Unternehmen, das 1756 von einer Frau, Aletta Haniel, gegründet wurde.

    Nowotne folgte im April als erste Frau und zudem als Familienfremde auf Aufsichtsratschef Franz Markus Haniel. „Unser Familienunternehmen hat verstanden, dass Diversity nichts mit Imagepolitur, sondern mit erfolgreicher Zielerreichung zu tun hat“, sagte Haniel. Die Quote in den Aufsichtsräten habe gezeigt, dass man Frauen finde, wenn man sie suche, auch für die Geschäftsführungen. „Wir haben schon sehr lange mehr BWL-Absolventinnen als -Absolventen.“

    Es gibt aber auch noch ein besonderes deutsches Phänomen, hat Studienautorin Ankersen festgestellt: „In Deutschland blieben rein männliche Gremien oft unkommentiert, das hat sich inzwischen geändert.“

    Familienunternehmen sollten deshalb den öffentlichen Druck nicht unterschätzen. Die Allbright-Stiftung schaut sich regelmäßig die Gremien in den Unternehmen an und hat festgestellt, dass die öffentliche Erwartungshaltung stärker wird und wirkt. So zeige das Beispiel Zalando, sagt Ankersen, dass zahlreiche Kundinnen ihre Accounts gelöscht hätten, nachdem der Onlinehändler sich die „Zielgröße null“ für den Vorstand gegeben hatte. „Das hat zumindest die Absicht verändert, sodass die Zielgröße jetzt bei 40 Prozent liegt.“

    Mehr: Frauen sind die Verlierer der Coronakrise – doch der Trend wird sich umkehren

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    1 Kommentar zu "Corporate Governance: Führung von Familienunternehmen: Kaum Chancen für Frauen"

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    • "Der westdeutsche Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieur Mitte fünfzig präge die Chefetagen in Familienbetrieben noch viel stärker als in Börsenunternehmen. "
      Als ich mein Studium der Elektrotechnik begann gab es bei 200 Studienanfängern nur 4 Frauen. Eine davon hat noch den Abschluß gemacht.
      Wo bitteschön sollen dann die 50% qualifizierten Ingenieurinnen herkommen, die für eine Pari-Besetzung in einem Unternehmen notwendig sind?
      Ich befürworte sehr eine gemischte Besetzung in allen Teams - ich wehre mich aber gegen eine institutionalisierte Bevorzugung bestimmter Geschlechter, wie sie zur Zeit propagiert wird. Gute Leute machen ihren Weg, egal ob Mann oder Frau.

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