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Deichmann-Chef im Interview Heinrich Deichmann: „Auch für uns gibt es eine endliche Zeit“

Europas größter Schuhhändler wehrt sich gegen die Vorwürfe, Mietzahlungen zu verweigern. Und er erklärt, wie angespannt die Lage bei Deichmann ist.
31.03.2020 - 04:00 Uhr 2 Kommentare
„Vier Wochen halten wir das sicher durch.“ Quelle: Dirk Hoppe für Handelsblatt
Heinrich Deichmann

„Vier Wochen halten wir das sicher durch.“

(Foto: Dirk Hoppe für Handelsblatt)

Düsseldorf „Die Firma muss dem Menschen dienen“ – so lautet schon seit Jahrzehnten der Leitspruch der Unternehmerfamilie Deichmann. Eng orientiert an der Bibel und der protestantischen Ethik des großen Soziologen Max Weber, ist es der Essener Familie gelungen, gleichsam modernen Kapitalismus mit sozialem Verantwortungsbewusstsein zu verknüpfen.

Entstanden ist mit mehr als sechs Milliarden Euro Umsatz Europas größter Schuhhändler, hochprofitabel und doch dem Menschen zugewandt.

Umso mehr trifft es Heinrich Deichmann, der die Firma seines Vaters seit 1999 führt, dass der klangvolle Name der Familie und des Unternehmens nun wie Adidas und H&M in einen unchristlichen Zusammenhang gezerrt wird, der da lautet: Erfolgreiche Unternehmen verweigern einseitig und kühl im Zuge der Coronakrise zum Schaden anderer Parteien vereinbarte Mietzahlungen.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Deichmann, wie begründen Sie die Entscheidung des Unternehmens, die Mietzahlungen auszusetzen?
Zunächst muss ich betonen, dass der Vorwurf falsch ist, Deichmann würde zulasten anderer Parteien Mietzahlungen verweigern. Nach den staatlich verordneten Schließungen sind wir schlicht nicht mehr in der Lage, unseren Betriebszweck zu erfüllen. Wir befinden uns in Verhandlungen mit den Vermietern, wie wir mit den Stundungen umgehen können. Wir wollen das partnerschaftlich machen und werden verhindern, dass Vermieter in eine Notlage kommen.

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    Sie gehen also auf jeden einzelnen Vermieter zu?
    Selbstverständlich. Wir fühlen uns ja auch für unsere Vermieter verantwortlich. Und wenn es bei einzelnen Vermietern nicht geht mit Stundungen, dann zahlen wir weiter. Große Vermieter wie Shoppingcenter und Versicherungskonzerne sind eher in der Lage und auch tendenziell bereit, die Stundungen mitzutragen.

    Wie ist die Lage in Gänze bei Deichmann?
    Wir mussten ja alle 1500 Filialen in Deutschland schließen. Ab 6. April gehen unsere Mitarbeiter hierzulande in Kurzarbeit. Dazu kommen aber ja auch die Ausfälle in all den anderen Ländern. Wir haben in 28 von 30 Ländern die Filialen inzwischen geschlossen, allein in den USA betreiben wir 600 Läden. 96 Prozent des Gesamtumsatzes fehlen uns gerade.

    Was bedeutet das für die Liquidität?
    Wir haben im Frühjahr die größten Wareneingänge, die Ware für die Frühjahrs- und Sommerkollektion muss bezahlt werden. Wir haben derzeit jeden Monat einen Mittelabfluss in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags – und das bei so gut wie keinen Einnahmen. Das allergrößte Problem aber ist, dass keiner weiß, wann sich die Lage normalisiert.

    Wie lange halten Sie das durch?
    Wenn man gezwungen wird, seine Geschäfte zu schließen, und die Kosten weiterlaufen, dann geht zwangsläufig irgendwann das Geld aus. Wann dies genau passiert, hängt davon ab, wie es uns jetzt gelingt, die Kosten anzupassen und zu sparen. Aber auch für ein kerngesundes Unternehmen wie Deichmann gibt es eine endliche Zeit.

    Mal angenommen, am 20. April dürfen Sie die Läden wieder öffnen: Was bedeutet das für Sie?
    Dann gehe ich davon aus, dass wir es gut schaffen. Vier Wochen halten wir das sicher durch. Allerdings müssen wir damit rechnen, dass die Kaufbereitschaft der Kunden auch nicht gleich wieder enorm ansteigt.

    Und wenn es doch länger dauert?
    Wenn wir über drei Monate oder mehr reden, dann wird es ernst.

    Die Familie Deichmann ist mit dem Schuhhandel vermögend geworden. Spüren Sie gerade die Last der Verantwortung als Eigentümer?
    Absolut, ich fühle mich in großem Maße für unsere Mitarbeiter verantwortlich, ich werde alles tun, um die Jobs zu erhalten und Mitarbeitern zu helfen, die mit dem Kurzarbeitergeld ökonomisch nicht über die Runden kommen. Dafür haben wir einen Unterstützungsfonds eingerichtet. Ich werde mich persönlich kümmern.

    Das allergrößte Problem aber ist, dass keiner weiß, wann sich die Lage normalisiert. Heinrich Deichmann

    Wird die Familie auch mit ihrem privaten Vermögen einspringen?
    Der absolut größte Teil unseres Vermögens liegt in der Firma. Unser privates Vermögen ist überschaubar, wir haben die Gewinne weitestgehend in der Firma belassen. Was rausgeht, sind die Gelder für unsere gemeinnützige Stiftung und unser Hilfswerk.

    Aber gänzlich mittellos ist die Familie ja trotzdem nicht. Wie ist es mit Ihrem hohen Anspruch an Ethik und Moral vereinbar, dass das Familienvermögen zunächst noch unangetastet bleibt, aber dafür Mietzahlungen ausgesetzt werden?
    Das Vermögen, das im Fall der Fälle notwendig wäre, um ein Unternehmen mit 6,4 Milliarden Euro Umsatz und einem entsprechend hohen Kostenblock zu retten, ist privat bei uns nicht vorhanden.

    Ihre Eigenkapitalquote lag laut Bundesanzeiger 2018 bei 72 Prozent. Ist die Eigenkapitaldecke inzwischen dünner geworden, wenn Sie so schnell Mieten kürzen müssen?
    Die Eigenkapitalquote ist sehr hoch. Wir sind ein gesundes Unternehmen.

    „Die Regierung managt die Krise bisher sehr gut“

    Wie sind Ihre ersten Erfahrungen im Umgang mit den Banken seit dem Beginn der Krise?
    Positiv, wir haben sehr früh mit den Gesprächen begonnen, bereits vor dem Start der Hilfsprogramme. Und wir brauchen deshalb auch noch nicht die Unterstützung der KfW. Erst, wenn die Krise deutlich über Ostern hinausgeht, würden wir uns damit befassen.

    Es gibt Stimmen, die sagen, dass der familiengeführte Mittelstand bisher von den neu aufgelegten Hilfsprogrammen besonders vernachlässigt wird? Sehen Sie das auch so?
    Grundsätzlich finde ich, dass die Regierung die Krise bisher sehr gut managt, gerade in der Gesundheitspolitik. Aber auch die Ernsthaftigkeit der wirtschaftlichen Probleme ist erkannt. Man muss vielleicht für bestimmte Zielgruppen nachsteuern.

    Profitieren Sie eigentlich derzeit gar nicht von Ihrem Onlinegeschäft?
    Die Umsätze wachsen dort, aber nicht so schnell, wie wir es uns wünschen würden. Wir liegen aber immer noch im einstelligen Bereich, bezogen auf unseren gewöhnlichen Gesamtumsatz.

    Wie gehen Sie persönlich mit der Krise um?
    Ich sorge mich zuerst um unsere Mitarbeiter. Und der Vorwurf in der Diskussion über die Mieten, wir würden uns in der Krise bereichern, trifft mich zutiefst.

    Herr Deichmann, herzlichen Dank für das Interview.

    Mehr: Mehrere Konzerne kündigen in der Krise an, die Miete für ihre Filiale vorerst nicht zu begleichen.

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    2 Kommentare zu "Deichmann-Chef im Interview: Heinrich Deichmann: „Auch für uns gibt es eine endliche Zeit“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Sind Sie sicher, dass es Frau Schaeffler war und nicht Frau Schickedanz ? Letzten Endes aber dürfte das keine Rolle spielen: beide Krisen hier waren doch wohl im Wesentlichen hausgemacht, und die Geschäftsleitungen und auch die Eigentümer konnten die Entwicklungen in ihren Konzernen über lange Zeit prägen, erleben, dulden. Da ist der vorliegende Fall doch ein ganz anderer. Zwar habe ich nur eine vage Vorstellung davon, welchen Anteil die Mietzahlungen am Cash flow der Deichmann SE ausmachen; aber dass bei unverschuldetem, plötzlichem Totalausfall der Umsatzerlöse über eine längere Periode hinweg kein noch so gut aufgestelltes Unternehmen die Ausgabenseite unverändert weiter finanzieren kann, dürfte selbstredend sein. Ich denke, zur Solidarität gehört auch, dass wir uns bewusst sind, welche tragende Bedeutung üblicherweise Steuern zahlende Unternehmen für unsere Gesellschaft haben. Und ich denke, gerade in Zeiten wie den beinahe surreal anmutenden jetzigen sollte fachkundig und nicht agitatorisch argumentiert werden. Es hat mich schon erschreckt, wie sich insbesondere auch Bundesminister unterschiedlichster Couleur offenbar gemüssigt sahen, ihren Mangel an wirtschaftlichem Verständnis oder Verständniswillen, ihr Defizit an Differenzierungsvermögen oder schlicht Differenzierungsabsicht in doch recht populistisch anmutender Manier zum Ausdruck zu bringen.

    • H. Deichmann erinnert mich an Frau Schaeffler.
      Ein Interview vor einigen Jahren wollte uns klar machen, daß alsbald Frau Schaeffler bei ALDI einkaufen muß.
      Heute zählt Fr. Schaeffler noch immer zu den reichsten Frauen Deutschlands.
      Also H. Deichmann, die Botschaft höre ich, jedoch mir fehlt der Glaube.

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