Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Didier Toubia

Der 45-Jährige hat bereits zwei Firmen erfolgreich verkauft.

(Foto: picture alliance/dpa)

Didier Toubia Als wär’s ein Stück vom Rind – Dieser Mann will Steaks im Labor herstellen

Der französisch-israelische Gründer Didier Toubia produziert Fleisch, ohne Tiere zu schlachten. Auch deutsche Firmen interessieren sich für die Technologie.
Kommentieren

Tel AvivWie stillt man den Hunger der Menschheit? Im Labor, so lautet die Antwort von Didier Toubia. Er bastele an der Ernährung der Zukunft, sagt der gebürtige Franzose, Mitbegründer und CEO von „Aleph Farms“, einem israelischen Start-up, das in ein paar Jahren Steaks aus Zellkulturen auf den Markt bringen will.

Auch andere Forscher arbeiten an Fleisch aus der Retorte, nicht nur in Israel, auch in den USA, in den Niederlanden und in Japan. Die meisten, meint Toubia, würden sich darauf beschränken, Frikadellen oder Würste herzustellen. Das sei zwar anspruchsvoll – „aber um wie viel schwieriger ist es, im Labor ein ganzes Steak herzustellen?“, fragt Toubia ganz unbescheiden.

Das Handelsblatt gehört zu den ersten Medien, die einen Prototyp des schlachtfreien Steaks testen dürfen. Die Szenerie für die Verkostung des „revolutionären Produkts“ (Toubia) besteht aus einem Tisch, einer Flasche Wein, zwei Gläsern, Messer und Gabel sowie zwei weißen Tellern.

Am Herd steht Chefkoch Amir Ilan, der bei der Suche nach dem zellkultivierten Fleisch eng mit Toubia zusammenarbeitet und sicherstellen soll, dass Toubias Fleisch auch wie Fleisch schmeckt. Ilan würzt das Minutensteak, bringt es zum Brutzeln, und schon verbreitet sich ein angenehm milder Geruch.

Der Prototyp lässt sich auf dem Teller wie traditionelles Fleisch schneiden und mundet im Gaumen wie ein klassisches Steak. Einerseits. Andererseits ist das Stück flach, höchstens zehn Zentimeter lang und wiegt lediglich an die 50 Gramm.

Dabei ist das Steak mit 50 Dollar noch sehr teuer. Der Preis sei in diesem Entwicklungsstadium nicht übertrieben, meint Toubia: Sobald er in großem Stil produziere, werde sein Steak erschwinglich sein. „In vier Jahren wird man unsere Steaks in den handelsüblichen Ausmaßen und zu konkurrenzfähigen Preisen in Restaurants bestellen können“, sagt der Gründer. Später wolle er auch die Supermärkte beliefern.

Großkonzerne investieren

Die Zeit drängt. Derzeit versuchen weltweit rund zwei Dutzend Firmen, Fleisch im Labor herzustellen, schätzt der amerikanische Journalist Paul Shapiro, dessen Buch über „sauberes Fleisch“ im vergangenen Jahr ein Bestseller war. Das Thema hat die Nische längst verlassen.

Für Steaks aus dem Labor interessieren sich auch Produzenten von traditionellem Fleisch. So ist Deutschlands größter Geflügelkonzern Wiesenhof eine Partnerschaft mit dem israelischen Start-up SuperMeat eingegangen. US-Branchenriesen wie Cargill, PHW Group oder Tyson Foods haben ebenfalls in die Technologie investiert. Dem Vernehmen nach sollen sich auch deutsche Firmen für die Technologie von Aleph Farms interessieren – aber Toubia will noch nicht verraten, um wen es sich handelt.

Um die komplexe Form, das Aussehen, die Textur und den Geschmack eines Steaks nachzubilden, werden einer Kuh vier verschiedene Zellarten entnommen: Stützzellen, die die Gewebestatik stärken, Fettzellen als Geschmacksträger, Muskelzellen, die für die richtige Fleischtextur sorgen, sowie Blutzellen für die Farbe.

Die Zelltypen werden kombiniert und genährt, bis sie zu einer komplexen Matrix heranwachsen, aus der das Muskelgewebe nachgebildet wird. Bis das Steak auf dem Teller landet, vergehen drei bis vier Wochen.

Sein Projekt sieht Toubia auch als wichtigen Beitrag für eine bessere Welt. Einer Studie der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft zufolge könnte der weltweite Fleischkonsum in den nächsten drei Jahrzehnten um 70 Prozent wachsen. Zellfleisch belaste die Umwelt deutlich weniger als Fleisch aus der Massentierhaltung, meint Toubia. Die Herstellung beanspruche weniger Land und Wasser. Beides stehe dann für andere Zwecke zur Verfügung.

Es gibt allerdings Studien, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen. „Letztlich ist der Produktionsprozess entscheidend“, räumt Toubia ein. Sein Start-up entwickle deshalb sechs verschiedene Produktionsprozesse und prüfe sie auf ihre Energieeffizienz. Er hoffe, dass er am Ende der Testreihen eine im Vergleich zu konventionell hergestelltem Rindfleisch bessere Bilanz nachweisen könne. Zudem erfordere der Prozess derzeit keine Genmanipulation von Zellen.

Der 45-jährige Toubia, der in Dijon Agraringenieurwesen studiert und später an der israelischen Business-School Kellogg-Recanati einen MBA gemacht hat, trauert der traditionellen Viehzucht zwar aus emotionalen Gründen nach. Früher hätten die Bauern eine Beziehung zu den Tieren gehabt. In der Massentierhaltung würden diese aber ausschließlich als Proteinlieferanten betrachtet.

Noch hat sich kein einheitlicher Begriff für das Produkt eingebürgert, an dem Toubia mit seinem Team forscht. In den USA spricht man von „clean meat“ oder von „cell-based meat“, in Frankreich von „la viande de culture“. Toubia favorisiert den Begriff „Steak aus Zellkulturen“.

Noch fehlen Genehmigungen

In der Start-up-Nation Israel, sagt Toubia, profitiere er davon, dass die Zellforschung und -biologie bereits über eine Tradition verfüge und, anders als in vielen Ländern des Westens, nicht abgelehnt werde. Zudem finanziert die staatliche Innovationsbehörde einen Teil des Budgets. Der Inkubator, in dem Aleph Farms gedeihen soll, gehört Strauss, einem der großen Nahrungsmittel- und Getränkekonzerne in Israel.

Noch beschäftigt Didier Toubia hier gerade mal 13 Mitarbeiter. Aber mit zwei Exits hat der Gründer bewiesen, dass er sein Handwerk versteht. 2010 ging er mit Icecure Medical an die Tel Aviver Börse. Die Firma hat ein Verfahren zur Entfernung gutartiger Tumore in der Brust entwickelt.

Zwei Monate nach der Zulassung durch die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hatte die Firma einen Marktwert von 10,5 Millionen Dollar. 2016 erfolgte mit NLT Spine der nächste Exit. Die Firma, die Implantate zur Stabilisierung der Wirbelsäure entwickelt, wurde von der kalifornischen Käuferin SeaSpine mit rund 50 Millionen Dollar bewertet.

Dieses Mal will Toubia nicht verkaufen: „Wir wollen eine weltweit führende Lebensmittelfirma sein, die mehrere Milliarden Dollar umsetzt“, sagt er. Derzeit bemühe er sich im Austausch mit den relevanten Behörden der USA und der EU um Bewilligungen.

In Kontakt ist er auch mit religiösen Autoritäten, mit Imamen und Rabbinern. Sie sollen seine Steaks als „halal“ respektive als „koscher“ anerkennen. Kompliziert werde die Sache in Indien, wo die Kuh als heiliges Tier gilt: „Dort müssen wir beweisen, dass die Kuh bei der Zellentnahme nicht verletzt wird.“

Startseite

Mehr zu: Didier Toubia - Als wär’s ein Stück vom Rind – Dieser Mann will Steaks im Labor herstellen

0 Kommentare zu "Didier Toubia: Als wär’s ein Stück vom Rind – Dieser Mann will Steaks im Labor herstellen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%