Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Die größten Familienunternehmer der Welt Vorsichtig öffnet sich die Schokodynastie Mars

100 Jahre hat das Traditionsunternehmen geschwiegen. Nun spricht die Familie über ihr Imperium, das längst mehr mit Tiernahrung als mit Schokoriegeln verdient.
Kommentieren
Die bunten Schokolinsen wurden erstmals 1941 in den USA verkauft. Quelle: imago stock&people
M&M's-Werbung am Times Square

Die bunten Schokolinsen wurden erstmals 1941 in den USA verkauft.

(Foto: imago stock&people)

New York Mehr als ein Jahrhundert – konkret sind es 106 Jahre – ist es her, dass Frank und Ethel Mars ihr Süßwarenunternehmen mit Karamellbonbons in ihrer Küche in Tacoma im Bundesstaat Washington gegründet haben. Seitdem hat Mars Inc. weltweit expandiert, und die Familie war zwischenzeitlich die reichste der Vereinigten Staaten von Amerika. Mars galt als einer der verschwiegensten Großkonzerne der Welt.

Der Schokoriegel-Gigant hat seinen Sitz längst vom äußersten Nordwesten der USA nach McLean im Bundesstaat Virginia in die Nähe der US-Hauptstadt Washington verlegt. Aber geredet haben auch die Nachfahren nie. Es gab keine Fotos und auch keine Interviews. Doch das beginnt sich zu ändern.

Als Chairman sitzt heute Stephen Badger an der Spitze des Verwaltungsrats. Er trägt zwar nicht den Namen der berühmten Familie, da seine Mutter Jacqueline Mars den Nachnamen ihres Mannes angenommen hat. Aber er ist der Urenkel von Frank und Ethel. Und er ist es, der nun in der vierten Generation die Öffnung vorantreibt. Damit reagiert Badger vor allem auf den Druck von außen.

„Wir wollten über lange Jahre, dass nur unsere Marken zu den Verbrauchern sprechen“, erklärte er jüngst in einem Video-Interview mit „Business Insider“. „Aber die Zeiten haben sich gewandelt.“ Dabei geht es der Familie auch darum, talentierte Mitarbeiter für sich zu gewinnen. „Unsere aktuellen und unsere zukünftigen Mitarbeiter wollen wissen: Wer ist dieses Unternehmen, für das wir arbeiten? Was ist die Vision?“, sagt der 50-jährige Manager mit blond-grau melierten Haaren.

„Wenn Sie heutzutage zu geheimniskrämerisch sind, dann will keiner für Sie arbeiten“, erklärt Rohit Deshpande, Professor für Marketing und Branding an der Harvard Business School. In Washington scherze man wegen der örtlichen Nähe der Mars-Zentrale zum CIA-Sitz, man wisse nicht, wer von den beiden Organisationen geheimnisvoller sei.

Jared Koerten, Analyst des Marktforschungsinstituts Euromonitor, sagt, Mars sei lange als eine Art „Black-Box-Unternehmen“ bekannt gewesen. Alle Infos gehen hinein. Aber nichts dringt nach außen.

Was ist Mars für ein Unternehmen? Das fragen sich auch immer mehr Verbraucher. Bekannt ist es vor allem für seine Kalorienbomben von Milky Way über Snickers bis M&M's. Noch immer machen Süßigkeiten und Kaugummis einen großen Teil des Umsatzes von 35 Milliarden Dollar aus, und Mars ist laut Euromonitor die Nummer eins im Süßwarenmarkt.

Doch den Großteil des Geschäfts macht Mars seit Jahrzehnten mit der Befriedigung der Bedürfnisse von Haustierbesitzern und ihren Lieblingen. Das reicht von Tierfuttermarken wie Whiskas, Royal Canin und Eukaniba bis hin zu Tier-Krankenhausketten in den USA und in Europa. Laut Euromonitor ist Mars auch im Tierfuttermarkt mit einem Marktanteil von 24 Prozent die klare Nummer eins, gefolgt von Nestlé.

Von den insgesamt 100.000 Mitarbeitern arbeiten nach Angaben des Unternehmens 45.000 im Bereich der tierärztlichen Pflege. Vor zwei Jahren hat Mars für rund neun Milliarden Dollar mit VCA eine der größten Tierkrankenhausketten der USA übernommen. Im Sommer 2018 kam die AniCura Holding mit ihren 200 Kliniken für rund zwei Milliarden Dollar hinzu. Damit ist Mars der größte Betreiber von Veterinär-Kliniken weltweit.

„Damit haben wir ein Ohr am Markt“, erklärt Badger den angenehmen Nebeneffekt, Tierärzte im eigenen Netzwerk zu haben.

Größte Familienunternehmen der Welt – Lesen Sie auch:

Außerdem hat Mars einen Wagniskapitalfonds aufgelegt, mit dem das Familienunternehmen in Start-ups investiert, die mit Haustieren zu tun haben: von der Ernährung bis zur Genetik. Unter anderem hat Mars das Start-up Whistle übernommen, das eine Art Fitbit – ein Fitness-Band – für Haustiere anbietet. Ein weiteres Standbein von Mars ist die Lebensmittelsparte. Dazu gehören Uncle-Ben’s-Reis ebenso wie Spaghetti mit Sauce von Mirácoli.

Ende Juni dieses Jahres engagierte sich Mars in einem neueren Segment des Lebensmittelmarkts überraschenderweise in Deutschland. Und die Inhaberfamilie sei sogar involviert gewesen, als der Lebensmittelgigant aus den USA sich an dem deutschen Start-up Foodspring beteiligte, erzählen die Gründer Philipp Schrempp und Tobias Schüle im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Grafik

Seit 2013 vertreiben sie mit ihrer Marke Foodspring eine Alternative zu klassischen Proteinpulvern für Sportler – aus neuseeländischer Weidemilch. Inzwischen gehören Produkte mit Superfruits und Wellness-Drinks ebenfalls zum Foodspring-Sortiment.

Es ist kein Wunder, dass die Mars-Erben seit vielen Jahren mehrgleisig fahren. Euromonitor-Analyst Jared Koerten meint: „Zucker ist so etwas wie der Staatsfeind Nummer eins geworden, und fast alle Anbieter von Süßigkeiten stehen heute unter Druck. Nicht nur die Politik droht, mit Gesetzen den Zuckergehalt in der Ernährung zu begrenzen. Auch die Verbraucher wollen gesünder leben und greifen immer seltener zu den verpackten Kalorienbomben.

Mars-Chairman Badger weist gerne darauf hin, dass das Unternehmen auf jede Verpackung schreibe, wie viel Fett, Zucker und Kalorien die Menschen damit in sich hineinfressen. Aber das ändert nichts daran, dass der schlanke, durchtrainierte Mann andere Menschen mit seinen Produkten zum ungesunden Lebensstil verführt. Tierprodukte sind da etwas weniger verfänglich.

Fokus auf Nachhaltigkeit

Auch bei der Talentsuche könnte die Ausrichtung auf Produkte rund um Haustiere helfen. „Heute will doch keiner mehr der eigenen Familie erklären, dass sie oder er für ein Unternehmen arbeitet, das schuld an Übergewicht und anderen Krankheiten ist“, erklärt der Harvard-Professor Deshpande. „Da erzählt man doch viel lieber, man arbeitet für ein Unternehmen, das auf Tiernahrung und -gesundheit setzt.“

Auch Badger hat nicht immer nur für das Schoko-Imperium gearbeitet. Neben seinem Job als Chairman, den er 2014 für ein paar Jahre an seine Cousine Victoria Mars abgab, hat sich Badger auch als Produzent von Dokumentarfilmen einen Namen gemacht.

Mit seinem Film „Muscle Shoals“ über zwei Musikstudios in Alabama, in denen legendäre Aufnahmen von Aretha Franklyn, The Rolling Stones und Bob Dylan entstanden, war er beim Sundance Festival und wurde für einen Grammy nominiert.

Unter Badgers Führung setzt CEO Grant Reid auch verstärkt auf Nachhaltigkeit. Diesen Prozess hatte die Urenkelin des Gründers, Victoria Mars, als Vorgängerin von Badger schon eingeleitet. Eine Milliarde hat Mars bereits vergangenes Jahr in seinen „Sustainable in a Generation Plan“ investiert. Damit und mit weiteren Investitionen will Mars sein Geschäft nachhaltiger ausrichten.

Der Gründer-Urenkel gibt zu, dass der derzeitige CO2-Fußabdruck von Mars „so groß ist wie der von Panama“. Das sagte er auch im Oktober, als er zur Climate Week nach New York kam. „Das wollen wir in Zukunft neutral gestalten.“ Als Ziel hat sich Mars das Jahr 2050 gesetzt, um wirklich CO²-neutral zu sein. Da sind die Unternehmen in Europa schon etwas ehrgeiziger.

Der Klimawandel ist ein großes Thema für die Familie. Badger schreckt auch nicht vor der Kritik an der amtierenden Regierung zurück. „Wir waren enttäuscht, dass die Trump-Regierung aus dem Klimaabkommen von Paris ausgetreten ist“, stellt er klar.

Der Harvard-Professor Deshpande nimmt der Familie ihr Engagement in Sachen Nachhaltigkeit ab. „Das ist authentisch bei denen“, ist er überzeugt. „Als Familienunternehmen hat die Mars-Familie einen Horizont, der über Generationen geht. Da macht Nachhaltigkeit einfach auch finanziell Sinn.“

Bei einem Thema jedoch will die Mars-Familie nichts ändern: Das Unternehmen soll auch in Zukunft zu 100 Prozent in Familienhand bleiben. Externe Vorstandschefs wie der amtierende Vorstandsvorsitzende Grant Reid, der im Unternehmen Karriere gemacht hat, sind gerne gesehen. Aber die Familienmitglieder sollen die Eigentümer bleiben.

„Die stehen finanziell robust da“, sagt Deshpande. Das Unternehmen sei sehr profitabel, auch wenn genaue Zahlen nicht bekannt seien. Dabei beschränken sich die Erben nicht aufs Zuschauen und Kassieren. Sie gestalten auch aktiv mit, wie zuvor schon Victoria Mars, die ja selbst drei Jahre Chairwoman war.

Nun reist die Frau, die auch privat viel für Umweltprojekte spendet, in Sachen Nachhaltigkeit um die Welt. Erst kürzlich war sie in Madagaskar, um dort dafür zu sorgen, dass die Bauern, die die Vanille für die Mars-Süßwaren erzeugen, stärker von den hohen Weltmarktpreisen profitieren.

Dabei macht Victoria Mars keinen Hehl daraus, dass ihre Bemühungen auch gut fürs Geschäft sind. „Wir hoffen natürlich, dadurch auch die Qualität und die Quantität zu sichern, die wir brauchen“, erklärt die Frau mit dem Lockenkopf in einem Unternehmensvideo im türkisfarbenen T-Shirt unter Vogelgezwitscher aus den Bäumen um sie herum.

Die Cousins der Mars-Familie sind sich da einig und ganz realistisch: Nachhaltigkeit machen sie nicht nur der Umwelt, sondern auch sich selbst zuliebe: „Den Klimawandel anzugehen ist nicht nur nötig für den Planeten, sondern auch fürs Geschäft“, stellt Chairman Badger klar. „Wenn wir den Klimawandel nicht angehen, dann gehen auch die Kosten für unsere Rohstoffe hoch. Und wir sind im Grunde genommen ein Agrarkonzern. Wir verwandeln landwirtschaftliche Rohstoffe in Produkte, die von Menschen und Tieren gegessen werden.“

Tierliebe lebt die Familie auch in ihrem Unternehmenssitz in McLean vor. In dem Megagroßraumbüro, in dem alle – vom Praktikanten bis zum Vorstand – an gleich großen Tischen arbeiten, dürfen Mitarbeiter ihre Katzen und Hunde zur Arbeit mitbringen. Zusammen mit dem überdurchschnittlichen Gehalt vielleicht mit ein Grund dafür, dass es Mars immer wieder weit nach oben schafft in den Rankings zum „Best Place to Work For“. Trotz aller Geheimniskrämerei.

Mehr aus der Serie „Die größten Familienunternehmen der Welt“:

Teil 1: Was Familienunternehmen so erfolgreich macht – und vor welchen Gefahren sie stehen

Teil 2: Wie die erzkonservativen Koch-Brüder ihr Industrie-Imperium führen

Teil 3: Cargill: Dieser stille Riese prägt das globale Lebensmittelgeschäft

Teil 4: Schwarz-Gruppe: Der Eigentümer von Lidl und Kaufland steht vor einem schwierigen Umbau

Teil 5: Schleichende Revolution: Warum Aldi Nord und Süd zusammenrücken

Teil 6: Groupe Auchan: Der Clan hinter Décathlon steckt in Schwierigkeiten

Teil 7: Ikea: Wie die Söhne aus dem Schatten des Gründervaters treten müssen

Teil 8: Mehr als Schokoriegel: Vorsichtig öffnet sich die Schokodynastie Mars

Weitere Teile der Serie „Die größten Familienunternehmen der Welt“ finden Sie in unserem 23-seitigen PDF-Dossier zum Download.

Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter
Startseite

Mehr zu: Die größten Familienunternehmer der Welt - Vorsichtig öffnet sich die Schokodynastie Mars

0 Kommentare zu "Die größten Familienunternehmer der Welt: Vorsichtig öffnet sich die Schokodynastie Mars"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote