Dietmar Koester

Vor mehr als 15 Jahren hat der Uhrmacher seinen Betrieb in Mainz eröffnet.

(Foto: picture alliance / Andreas Arnol)

Dietmar Koester Warum ein deutscher Uhrmacher im Kunstmuseum in Sankt Petersburg arbeitet

Der 52-jährige Mainzer Dietmar Koester restauriert mit Erfolg berühmte antike Uhren. Allerdings fehlen ihm qualifizierte Mitarbeiter.
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MainzZeit ist die große Leidenschaft von Dietmar Koester. Zeit, die man sehen – und hören kann. Der 52-Jährige ist Uhrmacher, einer der besonderen Art. Er restauriert alte Uhren, darunter auch berühmte. „Seit einiger Zeit restauriere ich mit Kollegen des Fachkreises für historische Uhren Exemplare in der Eremitage in Sankt Petersburg“, erzählt Koester. Bald will er wieder für mehrere Wochen in das Venedig des Nordens reisen. „Ich hoffe, das klappt.“

Für den Mainzer Uhrmacher ist eine solche Reise einer der Höhepunkte des Jahres – auch wenn er die Kosten selbst tragen muss. Denn die Arbeit an den antiken Zeitzählern erledigen er und seine Kollegen unentgeltlich. „Mir geht es darum, Uhren als Kulturgut zu erhalten“, beschreibt Koester seine Motivation.

Und in Sankt Petersburg gibt es davon eine Menge. Zur Zeit der Zaren gingen viele französische Uhren in die Hafenstadt – als Geschenk an die Zarenfamilie. Als die Kommunisten die Führung übernahmen, wurden die Stücke aber in die Ecke gestellt, teilweise lieblos eingemottet. Erst nachdem Michael Gorbatschow ab 1990 als russischer Präsident das Land zu öffnen begonnen hatte, merkte man, dass historische Uhren durchaus mit dazu beitragen können, den Tourismus anzukurbeln.

„Also stellte man sie auf, zunächst nur als Dekoration“, sagt Koester. Und ergänzt: „Wir bringen sie jetzt zum Laufen.“ Leisten kann Koester sich den Ausflug, auch wenn er Geschäft und Werkstatt in Mainz nur ungern für mehrere Wochen geschlossen lässt. Geschäftszahlen will Koester nicht nennen, sagt aber: „Seitdem ich den Betrieb vor über 15 Jahren gestartet habe, ging es immer aufwärts.“

Auch in Indien aktiv

Rasch sprach sich herum, dass da jemand ist, der sich mit alten Zeitmessern bestens auskennt. Heute kommen seine Kunden aus der ganzen Welt, selbst in Indien sind Koester und seine Kollegen aktiv. Der Maharadscha Gaj Singh II. hat bei der Instandsetzung wertvoller Uhren, die einst Geschenke an das Königshaus in Indien waren, um Hilfe gebeten.

Auch im eigenen Laden läuft das Geschäft gut. Überall stehen Zeitmesser aus verschiedenen Epochen – unmittelbar neben der Tür etwa eine auffällige Tischuhr mit einem gusseisernen Gehäuse. Ihr Stil ist schwer einzuschätzen, einige geschwungene Elemente erinnern an den Jugendstil, viele andere mit ihrer sehr klaren Struktur eher an moderne Zeiten. „Die ist aus 1903/1904 und stammt vom Architekten Albin Müller, der auch in der Darmstädter Künstlerkolonie tätig war. Er war seiner Zeit schon voraus“, klärt Koester auf.

Der Uhrmachermeister sagt, dass er durchaus zwei Mitarbeiter anstellen könne, um die ganze Arbeit zu bewältigen. Doch er findet keine. Zu sehr hat sich der Beruf über die Jahrzehnte verändert. Die Batterie oder das Armband wechseln – das reicht in der Werkstatt in der Mainzer Weintorstraße eben nicht. Sowieso fehlt es der Uhrmacherzunft an ausreichend Nachwuchs.

Nach der sogenannten Quarzkrise, als ab den 1970er-Jahren elektronische die mechanisch gesteuerten Uhren verdrängten, hätten kaum noch Menschen eine Ausbildung zum Uhrmacher gemacht, beschreibt Steffen Cornehl vom Fachkreis für historische Uhren die Situation. Erst langsam ändert sich das.

„Seit wenigen Jahren wird das Potenzial des Marktes neu bewertet und neu investiert und kommerzialisiert“, sagt Cornehl. Damit werde auch der Beruf des Uhrmachers wieder interessant. Mit LVMH (Frankreich) oder Audemars Piguet (Schweiz) drängen mittlerweile sogar die etablierten Hersteller von Luxusartikeln und -uhren in das Geschäft mit gebrauchten und wertvollen Zeitmessern.

Doch der Umgang mit mechanischen Uhren allein reicht in den Augen von Koester nicht. „Man muss die alte Technik, die alten Materialien kennen, man muss die Uhren aber auch kulturhistorisch beurteilen können“, sagt er. Die Leute, die er brauche, sterben langsam aus.

Koester bekam das Handwerk in die Wiege gelegt. Seine Großeltern hatten in Straßburg ein Antiquitätengeschäft, seine Mutter ist Uhrmacherin und Kunsthistorikerin. Kunst und Kulturgeschichte hätten ihn schon immer fasziniert, auch wenn er nach der Uhrmacherausbildung im elterlichen Betrieb Jura und Volkswirtschaftslehre studierte und einige Jahre als Anwalt arbeitete.

Heute erstellt Koester bei Bedarf auch Gutachten. Die sind notwendig, denn so mancher Zeitmesser ist richtig wertvoll. Französische Pendeluhren aus dem Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts etwa können Summen von bis zu 45.000 Euro erreichen.

Koesters nächstes Projekt: In einem Buch will er sein Wissen über französische Tischuhren zusammenfassen. Mit einem Verlag habe er bereits gesprochen, sagt er. Und fügt an: „Aber so was ist natürlich eine Frage der Zeit.“

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