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E-Scooter Trotz Kritik: Tier Mobility ist in Deutschland sehr beliebt

Obwohl die Kritik wächst, erobern E-Scooter Deutschlands Straßen – besonders die von Tier Mobility. Die drei Gründer drücken aufs Tempo.
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Obwohl die Kritik wächst, erobern E-Scooter Deutschlands Straßen. Quelle: dpa
E-Scooter

Obwohl die Kritik wächst, erobern E-Scooter Deutschlands Straßen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Mit einer Weltreise hat alles begonnen. 2017 nahm sich Lawrence Leuschner eine Auszeit, nachdem er aus seinem Start-up Rebuy, einer Elektronik-Verkaufsplattform, ausgestiegen war. Mit Van und Surfbrett fuhr der heute 37-Jährige durch verschiedene Länder, bis er im April 2018 in San Diego auf diese Fortbewegungsmittel gestoßen war: die E-Scooter.

Die Straßen der kalifornischen Stadt waren voll von ihnen. Und Leuschner war schnell davon überzeugt, dass das Verleihen jener elektrischen Tretroller auch in Deutschland Sinn ergeben würde – vielleicht sogar noch mehr als in den USA. Denn hierzulande sind die Entfernungen in den Ballungszentren geringer und Staus auch in den Innenstädten ein tägliches Problem.

Leuschner wollte keine Zeit verlieren. Nachdem er die E-Scooter gesichtet hatte, flog er zurück in seine Heimat nach Berlin und machte sich auf die Suche nach Geschäftspartnern. Über Freunde entstand der Kontakt zu Julian Blessin. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler war zu der Zeit noch Unternehmensberater der Boston Consulting Group (BCG), wo er zwei Jahre lang den Aufbau von Coup, einem Verleiher von elektrischen Motorrollern, begleitet hatte. Danach kam Matthias Laug hinzu, einer der Mitgründer des Essenslieferdienstes Lieferando.

Zusammen gründeten sie im Mai 2018 Tier Mobility. Nur fünf Monate später standen die ersten 300 E-Scooter zum Verleih in Wien. Mittlerweile sind es 13.000 in 28 Städten in 13 verschiedenen Ländern. Mitte Juni ist Deutschland als dreizehntes Land hinzugekommen.

Die drei Tier-Gründer haben mit ihrem Start-up zurzeit nur ein Ziel: wachsen um jeden Preis. Vor allem in Deutschland zeigen sie, welche Ambitionen sie haben. Erst seit dem 15. Juni sind elektrische Tretroller auf Deutschlands Straßen erlaubt. Kurze Zeit später tauchten die E-Scooter von Tier bereits in Berlin, Düsseldorf, München, Hamburg, Frankfurt, Köln, Bonn und Münster auf. Weder die US-Riesen Lime und Bird, die mit jeweils zwei Milliarden US-Dollar bewertet werden, noch der heimische Hauptkonkurrent Circ schafften es so schnell, ihre E-Scooter in so viele Städte zu bringen. „Deutschland hat sich nach langer Zeit endlich für E-Scooter geöffnet und dürfte der wichtigste Markt für uns werden“, sagt Tier-Mitgründer Blessin.

„Der Markt muss sich derzeit noch nicht konsolidieren“

Die Eile ist nicht unbegründet. Denn den Studien der Berater von BCG und McKinsey zufolge erwartet die E-Scooter-Verleiher ein Milliardengeschäft. Wer zu spät auf den Markt kommt, wird kaum eine Chance haben, den Rückstand aufzuholen. Es gilt die Marktlogik, der sich jedes Unternehmen der Sharing Economy, also des Geschäftsmodells des geteilten Nutzens, unterordnen muss: Wachse, oder du wirst aus dem Markt gedrängt.

Allerdings sei dieser Druck derzeit noch nicht allzu hoch, sagt Leuschner: „Der Markt muss sich derzeit noch nicht konsolidieren, weil die Nachfrage so hoch ist, dass mehrere Marktteilnehmer überleben können.“ Unterstützt wird Tier unter anderem von Nico Rosberg. Der einstige Formel-1-Weltmeister ist Mitgründer des Greentech Festivals, bei dem es unter anderem um grüne Mobilität geht, und ist im Mai bei Tier eingestiegen. „Ich habe die Gründer kontaktiert, da Tier das am schnellsten wachsende E-Scooter-Start-up in Deutschland ist“, sagt Rosberg. Der Anteil, den der 34-Jährige erworben hat, ist nicht sonderlich groß. So mischt sich Rosberg auch nicht in das operative Geschäft ein. „Ich unterstütze, wo ich kann, zum Beispiel mit meiner Reichweite, mit Marketing und meinem Netzwerk“, sagt Rosberg.

Für Tier geht es aktuell darum, die Expansion in Deutschland weiter voranzutreiben. In weiteren deutschen Städten sollen die türkisfarbenen E-Tretroller schon bald auftauchen. Doch dort, wo sie schon unterwegs sind, wächst die Kritik. Die Fahrzeuge blockieren Bürgersteige, auch erste Unfälle hat es hierzulande schon gegeben. Zuletzt fuhr am Dienstag ein 28-Jähriger im nordrhein-westfälischen Erkelenz mit einem E-Scooter auf die Autobahn, weil sein Navigationssystem ihn dorthin gelotst hatte. Die Polizei hat deswegen angekündigt, die Nutzung der E-Scooter verstärkt zu kontrollieren. Erste Städte denken über Verbotszonen nach.

Bloß kein Chaos

Leuschner, Blessin und Laug wollen ein Chaos verhindern. Beispielsweise drosseln sie das Tempo auf Schrittgeschwindigkeit, wenn ein E-Scooter in Parkanlagen bewegt wird. Laut eigener Aussagen habe es noch keinen schweren Unfall mit einem Tier-Scooter gegeben. „Aber wie bei jedem anderen Verkehrsmittel gibt es auch bei E-Scootern Menschen, die nicht die nötige Vorsicht walten lassen“, sagt Blessin. Man tue alles dafür, die Nutzer zur Umsichtigkeit zu bewegen.

Neben Sicherheitsfragen spielt auch der ökologische Aspekt für Tier eine große Rolle. Anfangs war die Ökobilanz vieler Anbieter verheerend – auch die von Tier. Da die Vehikel nicht für den Verleiheinsatz ausgelegt waren, hielten sie nur wenige Wochen, danach wurden sie verschrottet. „Die ersten, die auch Bird und Lime verwendet haben, waren für den Leihmarkt nicht geeignet“, gibt Blessin zu.

Die Tier-Gründer setzen deshalb mittlerweile auf ein eigens konzipiertes, deutlich robusteres Modell „made in China“, das über zehn Monate halten soll. Die Haltbarkeit erhöhen soll zudem, dass Tier – anders als einige Konkurrenten – seine E-Scooter nachts einsammelt und morgens wieder auf den Straßen verteilt. Denn eine längere Haltbarkeit hat auch wirtschaftlich Sinn. „Wir haben mehr Zeit, um unsere Scooter abzubezahlen und gehen daher davon aus, dass wir in Deutschland schon sehr bald profitabel sein werden“, sagt Leuschner. Michael Schreckenberg, Verkehrsforscher der Universität Duisburg-Essen hat da so seine Zweifel: „Ich sehe hinter dem E-Scooter-Verleihsystem vieler Start-ups kein nachhaltiges Geschäftsmodell.“ Auch mit dem Car-Sharing habe praktisch keiner Geld verdient.

Konkrete Daten zu Umsatz und Gewinn gibt Tier wie so viele Start-ups nicht heraus. Aber Tier erhielt in einer Serie-A-Finanzierung bis Mai 2019 insgesamt 32,4 Millionen Euro Wagniskapital. Und, so erzählt Blessin, durchschnittlich nutze jeder Fahrer einen E-Scooter für rund 15 Minuten: „Bei einem Minutenpreis von 15 Cent und einer Anfangsgebühr von einem Euro nehmen wir also pro Fahrt etwas mehr als drei Euro ein.“ Multipliziert mit den bislang fast vier Millionen Fahrten, ergibt sich grob ein Umsatz von rund zwölf Millionen Euro.

Im Bereich der Shared Mobility verdient bislang aber fast kein Unternehmen Geld – auch Tier nicht. Investor Rosberg sieht darin kein Problem. Das dauere bei solchen Unternehmen einfach ein bisschen länger.

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