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Falk-Florian Henrich Wie ein Mathematiker die Stahlproduktion umkrempeln will

Mithilfe von Künstlicher Intelligenz macht das Start-up Smart Steel Technologies die Stahlproduktion effizienter – und sagt den großen Anlagenbauern den Kampf an.
04.08.2020 - 04:02 Uhr Kommentieren
Die Branche kämpft nicht erst seit Corona mit großen Problemen. Quelle: dpa
Stahlindustrie

Die Branche kämpft nicht erst seit Corona mit großen Problemen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Stellenanzeigen aus der Stahlbranche haben in den vergangenen Wochen einen traurigen Seltenheitswert erlangt. Die ohnehin schon krisenbehaftete Industrie ächzt wie viele andere Zweige auch unter der Corona-Pandemie. Gleichzeitig leiden die Stahlkocher unter einem globalen Überangebot. Jobkürzungen sind daher unternehmensübergreifend an der Tagesordnung – sparen, sparen, sparen lautet seit Jahren die Devise.

Nicht so bei Falk-Florian Henrich. Im Gegenteil, der Gründer des Berliner Start-ups Smart Steel Technologies ist trotz Corona in Wachstumslaune. Neun offene Stellen hat das Unternehmen, das Software für die Stahlindustrie entwickelt, derzeit ausgeschrieben – das entspricht mehr als der Hälfte der jetzigen Belegschaft.

„Corona zwingt die Stahlhersteller, ihre Performance noch schneller als bisher zu steigern, ohne Anlagenumbau. KI-basierte Lösungen sind hier der Schlüssel“, erklärte Henrich dem Handelsblatt seine antizyklische Wachstumsstrategie.

Zugegeben: Mit einem Stahlwerk hat das Büro am Treptower Park, das Henrich vor einiger Zeit mit seinen rund 15 Mitarbeitern bezogen hat, wenig gemein. Doch Smart Steel produziert auch keinen Stahl, sondern hilft Herstellern mit entsprechender Software dabei, ihre Anlagen effizienter zu betreiben.

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    „Wir setzen auf ein interdisziplinäres Team aus Industrieexperten, Software-Ingenieuren und Statistikern, die die Daten der verschiedenen Anlagen in einem Stahlwerk sammeln und mithilfe von Künstlicher Intelligenz auswerten“, erklärt der 42-Jährige sein Geschäftsmodell. „Auf dieser Basis heben wir Optimierungspotenziale.“

    Dabei weiß Henrich um die Macht der Zahlen: Zwischen 2001 und 2006 absolvierte er ein Studium der Mathematik an der TU in Berlin, parallel dazu erlangte er dort ein Informatik-Diplom. Anschließend promovierte er über „Schleifenräume in Riemann’schen Mannigfaltigkeiten“. Mit der Stahlindustrie verband ihn zu dieser Zeit allenfalls sein Geburtsort Eisenhüttenstadt, der in den 1950er-Jahren der DDR als sozialistische Planstadt rund um das dortige Stahlwerk herum entstanden war.

    Neuling in der Branche

    Und so führte Henrichs Berufsleben ihn zunächst auch nicht in die Stahlbranche, sondern in die Medienindustrie. 2011 gründete er das Software-Unternehmen Celera One, das auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierende Systeme für die Bezahlschranken vieler Presseverlage liefert. Doch im vergangenen Jahr stieg Henrich nach einem Verkauf seiner Anteile an den Axel-Springer-Verlag als Mehrheitsgesellschafter aus. Mit dem Erlös finanzierte er die Gründung von Smart Steel.

    Seither widmet Henrich sich der Stahlindustrie, die seiner Ansicht nach im Vergleich zu anderen Industrien zwar unterdurchschnittlich digitalisiert ist – aber im Gegenzug über einen immensen Datenschatz aus der Produktion verfügt, der sich hervorragend für statistische Analysen mithilfe von KI eignet.

    Temperaturen in Stranggussanlagen, Geschwindigkeiten von Walzen, Oberflächenwerte in der Qualitätsinspektion: Nahezu alle Parameter, die für die Stahlherstellung wichtig sind, werden von den Herstellern schon heute gemessen und genauestens protokolliert. Die KI von Smart Steel wertet die Daten schließlich aus – und teilt dem Anwender mit, welche Parameter wie verändert werden müssen, um das Endergebnis, also die Qualität, zu verbessern oder den Prozess insgesamt zu optimieren.

    Ein Mathematiker als Stahlexperte.
    Falk-Florian Henrich

    Ein Mathematiker als Stahlexperte.

    Das soll sich nicht nur positiv auf Größen wie den Energieverbrauch auswirken, sondern auch auf die Klimabilanz der Stahlhersteller, verspricht Henrich. „Im Schnitt lassen sich die CO2-Emissionen durch den Einsatz unserer Software um 0,5 Prozent senken“, so der Mehrfachgründer. „Gleichzeitig steigern wir die Produktqualität, weil Qualitätsabweichungen im Produktionsprozess drastisch reduziert werden.“

    Dabei wähnt sich Henrich im Rennen um die Technologieführerschaft weit vor den großen Anlagenbauern, die ihrerseits ebenfalls versuchen, ihre Anlagen durch Datenanalyse intelligenter werden zu lassen. „Wir entwickeln unsere Modelle in einem experimentellen Prozess, gehen also eher wie Wissenschaftler vor als wie Betriebswirte“, sagt der Gründer selbstbewusst. „Das verschafft uns einen Vorteil gegenüber den klassischen Anlagenbauern, die meist in starren Konzernstrukturen arbeiten.“

    Diese in der Industrie etwas ungewöhnliche Arbeitsweise soll nicht nur bessere Ergebnisse liefern, sondern auch die benötigten Fachkräfte anlocken. Smart Steel sei als Unternehmen für Bewerber attraktiv, „die nicht nur Produkte entwickeln, sondern auch ihr Forschungsinteresse befriedigen wollen“, so Henrich.

    Damit hat das noch junge Start-up offenbar Erfolg: 85 Prozent der Belegschaft haben entweder Mathematik, Physik oder Informatik studiert – also Disziplinen, deren Absolventen von nahezu allen Unternehmen jedweder Branche derzeit händeringend gesucht werden. Hinzu kommen Experten aus der Metallurgie, die Know-how aus der Stahlproduktion beisteuern.

    Weltgrößter Stahlhersteller als erster Großkunde

    Trotz der experimentell getriebenen Entwicklung hat Henrich mit seinem Start-up den Sprung in die Stahlwerke bereits geschafft. So setzt der weltgrößte Stahlhersteller, Arcelor-Mittal, die Software der Berliner an seinem Standort in Eisenhüttenstadt ein. „Wir haben die außergewöhnliche Performance von Smart Steel am Standort in Eisenhüttenstadt genau verfolgt“, sagt Reiner Blaschek, CEO von Arcelor-Mittal Bremen und Eisenhüttenstadt. „Die Resultate sind überzeugend.“ Mittlerweile wurde die Software dementsprechend auch am Bremer Standort eingeführt.

    Auch Investoren konnte Henrich mit seiner Idee bereits überzeugen. Im November investierte der Karlsruher Multi-Stage-Investor LEA Partners rund 2,1 Millionen Euro, um die Wachstumsstrategie von Smart Steel zu unterstützen. Bernhard Janke, Partner bei LEA, erklärte das Investment mit der fortschrittlichen Technologie, die bei dem Start-up zum Einsatz komme. „Der Anwendungserfolg der Produkte, die kombinierte Expertise aus IT-Entwicklung sowie Metallurgie im Team und der Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes in der Industrie haben uns nachhaltig beeindruckt“, so der Investor.

    Zusätzliches Wachstum verspricht sich Gründer Henrich dabei nicht nur durch die Ausweitung des Kundennetzwerks, sondern auch durch die Abdeckung weiterer Prozessschritte der Stahlproduktion. Derzeit bietet Smart Steel einzelne KI-Bausteine für das Temperaturmanagement in der Rohstahlerzeugung, den Strangguss, den Walzvorgang und die Oberflächeninspektion an. Künftig sollen weitere Bausteine hinzukommen. „Wir bauen unser Produktportfolio und unser Team schnell aus“, so der Mathematiker. „So werden wir sämtliche Stahlherstellungsprozesse abdecken.

    Mehr: In der Krise flüchten sich Europas Stahlhersteller in Fusionen.

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