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Familie Grote Europas größte Varieté-Gruppe will die Krise ohne Kredite meistern

GOP ist bislang ohne einen Cent Subventionen ausgekommen. Nun sind die Theater der Familie Grote dicht und 1000 Mitarbeiter in Kurzarbeit.
05.04.2020 - 16:40 Uhr Kommentieren
Die Besitzer der GOP-Theater (von links): Dennis Grote, Vater Hubertus Grote und Kevin Grote. Quelle: GOP Varieté
Familie Grote

Die Besitzer der GOP-Theater (von links): Dennis Grote, Vater Hubertus Grote und Kevin Grote.

(Foto: GOP Varieté)

Düsseldorf Mitte März feierte das Programm „La Strada“ noch seine Uraufführung im Münchener GOP Varieté an der Maximilianstraße. Akrobaten, Gaukler und Musikanten versetzten das Publikum in die Straßen von Barcelona, Avignon und Rom. 100.000 Euro kostete die Neuproduktion. Doch wenige Tage später schlossen die Behörden das Theater – wie auch die übrigen sechs festen Spielstätten von GOP.

Die durch das Coronavirus ausgelöste Krise trifft Europas größte Varieté-Gruppe schwer. „Von heute auf morgen haben wir keine Einnahmen mehr“, sagt Dennis Grote. Der 31-Jährige führt zusammen mit seinem Vater Hubertus, 53, und Olaf Stegmann die Geschäfte des Bielefelder Familienunternehmens. Bruder Kevin, 26, arbeitet ebenfalls im Bereich Varieté. „Das ist ein herber Schlag für uns“, sagt Grote.

Die Corona-Maßnahmen machen den GOP-Theatern nicht nur zu schaffen, weil die Einnahmen aus Ticketverkäufen wegbrechen. Die Hälfte des Umsatzes steuerte bislang die hauseigene Gastronomie bei. 80 Prozent der mehr als 700.000 Gäste im Jahr speisen vor oder während der Aufführung – meist ein mehrgängiges Menü. Auch das Varieté-Programm auf den Kreuzfahrtdampfern „Mein Schiff“ wurde gestoppt.

Normalerweise verkauft GOP für all seine Theater rund 2000 Tickets am Tag – zum Stückpreis von 24 bis 48 Euro. Bereits gebuchte Gäste erhalten nun zur Entschädigung Gutscheine. Nur wenige verlangten das Geld zurück, berichtet das Unternehmen.

Familie Grote ist stolz darauf, dass ihr GOP Varieté bisher nie einen Cent Subventionen brauchte. Aber nun kommt das Familienunternehmen nicht umhin, seine rund 1000 festen Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken. „Das hilft sehr“, betont Dennis Grote, der als Hobbypilot starke Nerven mitbringt.

Besonders schwierig ist die Situation für Akrobaten, Clowns oder Conférenciers. Die freischaffenden Künstler erhalten als Solo-Selbstständige statt Kurzarbeitergeld einmalige Soforthilfen. Auch Minijobber wie Kellner oder Putzkräfte haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. In Hannover wollen GOP-Varieté-Künstler und -Mitarbeiter ihre Zwangspause nun als Erntehelfer und Einkaufshelfer für Senioren überbrücken.

Die laufenden Kosten für die Spielstätten in Hannover, Essen, Bad Oeynhausen, Münster, München, Bremen und Bonn zahlt das Familienunternehmen weiter aus eigener Kasse. Auf 47 Millionen Euro Jahresumsatz kamen die GOP-Theater zuletzt. „Wir hatten ein gutes Weihnachtsgeschäft“, sagt Geschäftsführer Stegmann. Wegen der Mietzahlungen befindet sich GOP in Gesprächen mit den Immobilienbesitzern. Von einigen gibt es Zusagen, die Miete nicht nur zu stunden, sondern für drei Monate teilweise auszusetzen. „In solchen Zeiten zeigt sich, wer partnerschaftlich zu uns steht“, sagt Stegmann. „Dafür sind wir sehr dankbar.“

Wolfgang Jansen vom Präsidium des Verbands Deutscher Varieté Theater attestierte GOP vor Corona „ausgeprägtes unternehmerisches Geschick“. Hinzu komme der Mut, immer wieder neue Häuser zu eröffnen. Der studierte Eventmanager Dennis Grote etwa hat das Theater in Bremen im Alter von 25 Jahren als Direktor miteröffnet.

Zum Varieté kam Familie Grote eher durch Zufall. Dennis‘ Großvater Harry war ein erfolgreicher Disco-Betreiber. Seinen Beruf als Autoschlosser hatte er aus gesundheitlichen Gründen früh aufgeben müssen. War eine Diskothek erfolgreich, verkaufte er sie und eröffnete die nächste.

1991 wurden er und sein Sohn Hubertus angesprochen, den Georgspalast (GOP) in Hannover wiederzubeleben. Der hatte bis Ende der 1960er-Jahre ein Varieté beherbergt. Vor der Tanzveranstaltung fürs ältere Publikum ließ die Familie Artisten auftreten. Später konzentrierten sich Vater und Sohn ganz aufs Varieté. Ein mutiger Schritt, aber der Familie Grote gelang es, das Image des Varietés zu entstauben. „Bei uns finden Sie Weltklassekünstler, die sonst im Cirque du Soleil auftreten“, sagt Hubertus Grote.

Nummer Zwei nach Cirque du Soleil

Nach dem Cirque du Soleil ist GOP weltweit der größte Arbeitgeber für Artisten. Den kanadischen Zirkus mit 44 Produktionen auf dem gesamten Globus hat die Zwangspause durch Corona noch härter getroffen. Rund 4 680 Mitarbeiter, 95 Prozent der Belegschaft, mussten entlassen werden. „Wir sind tieftraurig. Aber das ist die einzige Option, diese schwierige Situation zu überstehen und uns auf spätere Wiedereröffnungen vorzubereiten“, sagte Daniel Lamarre, Chef des Cirque du Soleil.

Der Unterhaltungskonzern gehört heute Finanzinvestoren. Laut Nachrichtenagentur Reuters erwägt der Cirque du Soleil, der 900 Millionen Dollar Schulden haben soll, Gläubigerschutz zu beantragen.

Für privatwirtschaftlich betriebene Kulturveranstalter ist die Coronakrise eine Katastrophe. „Städtische Theater und Varietés, die schon immer überwiegend von öffentlichen Subventionen leben, werden bleiben“, sagt Dennis Grote. Von den privaten Unterhaltungsbetrieben jedoch dürften die meisten Kleinen eine so lange Durststrecke nicht überleben, schätzt der Varieté-Unternehmer. „Ich befürchte einen Kahlschlag in der deutschen Kulturlandschaft.“

Auch Roncalli-Gründer Bernhard Paul sieht private Kulturbetriebe in diesen Zeiten in Gefahr: „Es gibt eine enorme private, nicht subventionierte Kulturszene, die sich von diesem Kulturschock jahrelang nicht erholen wird“, schrieb er jüngst in einem offenen Brief an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU).

Varieté-Unternehmer Dennis Grote sagt: „Die Zwangsschließungen kosten uns richtig viel Geld, aber wir sind zuversichtlich, dass wir heil durchkommen.“ GOP stehe auf gesunden Beinen. „Wir sind bankenunabhängig und haben immer sehr vorsichtig gewirtschaftet.“

Überbrückungskredite hat das Varieté noch nicht beantragt. „Aber keiner weiß ja, wie lange die Schließungen noch dauern.“ Der Unternehmer hofft auf die Zeit nach der Krise: „Nach der Quarantäne werden die Menschen umso hungriger auf Unterhaltung sein“, ist er überzeugt.

Mehr: Die Coronakrise und die Not der Künstler

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