Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Familienunternehmen Diese neun Frauen wollen die Champagner-Industrie revolutionieren

Ein weiblicher Thinktank will die Männerdomäne in die Zukunft führen. Dafür stellen die Frauen auch die Konkurrenz ihrer Champagnerhäuser beiseite.
12.12.2020 - 10:43 Uhr Kommentieren
Von links nach rechts: Anne Malassagne, Mélanie Tarlant, Charline Drappier, Chantal Gonet, Delphine Cazals, Vitalie Taittinger, Alice Paillard, Evelyne Boizel und Maggie Henriquez. Quelle: Gildas Boclé
Die Frauen von „La Transmission“

Von links nach rechts: Anne Malassagne, Mélanie Tarlant, Charline Drappier, Chantal Gonet, Delphine Cazals, Vitalie Taittinger, Alice Paillard, Evelyne Boizel und Maggie Henriquez.

(Foto: Gildas Boclé)

Paris Normalerweise riecht es bei einer Champagnerprobe nach Birne, Pfirsich, Toast oder getrockneten Pflaumen – nach den Aromen, die den Champagner ausmachen. Diese Probe ist anders, eine Verkostung der digitalen Art, bedingt durch die Coronakrise. Dafür kann man mit neun Frauen, die in der Champagne den Ton angeben, bei einer Videokonferenz diskutieren. Und um die Teilnehmer ein wenig mit dieser wenig sinnlichen Veranstaltung zu versöhnen, bekommt jeder vorher eine Champagnerflasche zugeschickt.

Diese zeitangepasste Veranstaltung organisiert „La Transmission“, was so viel heißt wie Übertragung oder Überlieferung. Die Vereinigung wurde schon 2016 von zwei Frauen aus der Champagne ins Leben gerufen, von Anne Malassagne, Chefin von Champagner A.R. Lenoble, und Maggie Henriquez, Geschäftsführerin des Champagnerhauses Krug.

Doch gerade jetzt in Coronazeiten hat der Auftritt an Relevanz gewonnen. La Transmission hat sich internationaler aufgestellt, weil die Internetkommunikation wichtiger geworden ist. Und den beiden Gründerinnen haben sich sieben weitere Frauen angeschlossen, die für Champagnerhäuser verantwortlich sind.

Bei allen Firmen handelt es sich um Familienunternehmen, die seit Generationen in der Familie sind. Das galt früher auch für das Haus Krug, das allerdings seit über 20 Jahren zu der französischen Luxusgruppe LVMH (Moët Hennessy Louis Vuitton) gehört.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    „Wir wollten mit Maggie Henriquez eine Gruppe von Frauen gründen, die die Vielfalt der Champagne repräsentiert“, berichtet Anne Malassagne im Gespräch mit dem Handelsblatt. Internationale Unternehmen, kleine Winzer, alle Regionen, alle Generationen sollten dabei sein. Es wurden alle tonangebenden Frauen der Champagne kontaktiert, aber nicht alle wollten mitmachen, so Malassagne.

    Möglicherweise spielten dabei Bedenken mit, als zu feministisch zu gelten. Traditionell ist die Champagne eine männerdominierte Region, in der sich die Frauen erst ganz langsam durchsetzen. Auch wenn in der Geschichte immer mal wieder vereinzelte Frauen in der Region Furore machten – so wie die Witwe Clicquot, Begründerin der Marke Veuve Clicquot.

    Für 2020 rechnet die Region, die im Jahr 2019 auf den Rekord von über fünf Milliarden Euro Umsatz kam, mit Umsatzrückgängen von mindestens 30 Prozent. Quelle: AP
    Weinkeller in der Champagne

    Für 2020 rechnet die Region, die im Jahr 2019 auf den Rekord von über fünf Milliarden Euro Umsatz kam, mit Umsatzrückgängen von mindestens 30 Prozent.

    (Foto: AP)

    Umso wichtiger war es, eine Frauengruppe zu gründen, glaubt Malassagne: „Wir wollten mit der Gruppe eine echte Botschaft vermitteln. Wir möchten Frauen ermutigen, in der Welt des Champagners zu arbeiten. Es gibt genug Platz für Frauen, wir wollen die gläserne Decke durchbrechen.“

    Frauen sollen in den Betrieben immer mehr Entscheidungspositionen einnehmen, hofft auch Mitgründerin Maggie Henriquez, die sich schon seit Jahrzehnten in der internationalen Welt des Weins durchgesetzt hat.

    Die Frauen organisieren Champagnerproben und Ateliers rund um den Schaumwein. Dabei ist die Gruppe oft komplett versammelt und bereit zur Unterhaltung. Während Corona hatten sie außer einer Videokonferenz in Frankreich auch schon Konferenzen für Deutschland und New York organisiert. Im März soll Japan an der Reihe sein, Ende des Jahres 2021 dann Italien.

    Es liegt ihnen derzeit besonders am Herzen, über ihr Produkt zu sprechen. Denn große Weinmessen fallen erst mal aus und Restaurants und Bars sind auch in vielen Ländern auf längere Zeit noch geschlossen, so wie im wichtigen Heimatmarkt Frankreich, der fast die Hälfte für die Champagnerhäuser ausmacht. Für 2020 rechnet die Region, die im Jahr 2019 auf den Rekord von über fünf Milliarden Euro Umsatz kam, mit Umsatzrückgängen von mindestens 30 Prozent.

    Fokus auf das jüngere Publikum

    Die Gruppe der Frauen versteht sich als eine Art Thinktank, es geht ihr um eine Reflexion über die Zukunft der Champagne, die Herausforderungen und die Wirtschaft der Region. Ihr Konkurrenzdenken zwischen den Häusern und eigene kommerzielle Aspekte haben die Frauen erst mal hinten angestellt. Sie wollen vor allem ihre Liebe zur Region, zu dem Terroir und dem Produkt vermitteln.

    „Wir wollen die Geschichte der Champagne erzählen“, sagt Vitalie Taittinger, Präsidentin von Taittinger. Mit den neun Frauen teile man dieselben Werte, die Leidenschaft für ihr Produkt. „In Zukunft wird es immer mehr um Klima und Ökologie gehen“, betont Evelyne Boizel, die am längsten von allen in einem Champagnerhaus aktiv ist.

    Gleichzeitig müsse man die Tradition vermitteln. Die Jüngste der Gruppe ist die 30-jährige Charline Drappier. Sie findet die Gruppe auch deshalb bereichernd, weil wir „ganz unterschiedliche Weine“ herstellen. Die Vielfalt sei eine Stärke, betonen ebenfalls Mélanie Tarlant und Alice Paillard.

    Zu ihrer Video-Weinprobe haben die Frauen die unterschiedlichsten Weine mitgebracht: zunächst einen „Blanc de Blancs“, einen Wein nur aus weißen Chardonnay-Trauben, ohne Zusatz der anderen Traubensorten Pinot Noir (Spätburgunder) und Pinot Meunier (Schwarzriesling, Müllerrebe). Dann einen Champagner nur mit Pinot Noir, den sogenannten Blanc de Noirs, aber auch trockene Weine ohne zusätzlichen Zuckerzusatz sowie Roséweine aus einer Mischung von Chardonnay und Pinot noir, die gut zu spanischem Schinken und Ziegenkäse passen. So vielfältig wie die Gruppe der Frauen.

    Für die Zukunft der Champagne sehen die Frauen voraus, dass Champagner immer häufiger nicht nur zu großen Gelegenheiten serviert wird, sondern auch bei kleineren Anlässen genossen wird. Er wird nicht mehr nur bei ausgefallenen Menus getrunken, sondern auch zum Aperitif mit Schinken und Käse.

    So könnte sich das Image des Champagners und der Region verändern: von luxuriös und arrogant zu leichter zugänglich, hofft Charline Drappier vom Champagnerhaus Drappier, die ihre ganze Karriere noch vor sich hat.

    Die Frauengruppe will ihr Produkt durch den direkten Kontakt auch einem jüngeren Publikum schmackhaft machen, das möglicherweise noch Berührungsängste mit der Welt des Champagners hat, weil sie als zu abgehoben und edel gilt. Es geht den Frauen um eine moderne Vision ihrer Region.

    Das ist der Champagnerbund der neun Frauen:

    Evelyne Boizel

    Mehr durch Zufall kam sie 1973 zur Übernahme des 1834 in Epernay gegründeten Champagnerhauses der Familie, als ihr Vater plötzlich starb. Sie war erst 23 Jahre, studierte Kunstgeschichte und Archäologie in Paris. Ohne Vorbildung im Weinbau musste sie das Familienunternehmen führen. Bis 2018 war sie die Geschäftsführerin des Champagnerhauses mit sechs Hektar Land.

    Ihre Söhne Florent und Lionel begannen 2010 im Familienbetrieb zu arbeiten und übernahmen dann in der sechsten Generation die Leitung. Aber sie setzt sich weiter aktiv für Champagner und die Region ein. Über ihre Vision des Champagners und der Champagne betont sie: „Was mich inspiriert, ist die Einzigartigkeit des Champagners.“

    Delphine Cazals

    Sie trat 1991 in das Familienunternehmen in Le Mesnil-sur-Oger bei Epernay ein und arbeitete zunächst als Buchhalterin und im Export. Einige Jahre später wurde Cazals die Eigentümerin und Direktorin. Im Jahr 1996, nach dem Tod ihres Vaters, übernahm sie die Leitung des 1897 gegründeten Hauses Champagne Claude Cazals mit neun Hektar Weinstöcken in der vierten Generation.

    Sie bereitete sich nebenbei mit einer Ausbildung in der Führung von Mittelstandsunternehmen darauf vor und erzählt, wie sie ihre Beziehung zum Boden der Champagne und zum Produkt sieht: „Seit meiner Jugend empfinde ich eine Leidenschaft für die Natur und habe immer versucht, die Umwelt zu erhalten. Dieses Thema steht heute im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit.“

    Charline Drappier

    Mit gerade 30 Jahren ist sie die Jüngste der Gruppe. Sie ist zusammen mit ihren Brüdern Miteigentümerin und außerdem Verkaufsdirektorin des 1808 gegründeten Hauses Champagne Drappier aus Urville in der südlichen Champagne mit rund 26 Millionen Euro Umsatz und 57 Hektar Land.

    Drappier studierte Literatur und Geografie an der Sorbonne in Paris und machte dann noch einen Management-Master. Danach arbeitete sie im Bereich der Gastronomie und Spirituosen. Sie schloss sich 2015 dem Familienunternehmen an, übernahm 2017 die Verkaufsleitung. Begeistert erklärt sie über die Champagne: „Kein Tag ist wie der andere. Wir stehen mit einem Fuß in der Erde und mit dem anderem unter einem Tisch der Sternegastronomie. Welch ein Reichtum.“

    Chantal Gonet

    Sie ist Miteigentümerin des 1830 gegründeten Hauses Philippe Gonet aus Le Mesnil-sur-Oger mit 19 Hektar Weinstöcken und nach letzten veröffentlichten Zahlen drei Millionen Euro Umsatz. Nach einem Studium der Luftfahrt, Informatik und Ingenieurwissenschaften entschloss sie sich, mit ihrem Bruder ins Familienunternehmen einzutreten, weil ihr Vater bei einem Unfall gestorben war.

    Erst machte sie aber noch eine Ausbildung im Weinbau. Gonet baute 1999 das Exportgeschäft in Asien aus, lebte in Singapur und in Miami. Ihr Bruder bewirtschaftet die Weinberge. Für sie ist die Champagne ein „einzigartiges Terroir mit starken Charakteren“. Sie glaubt, dass die Stärke der Gruppe La Transmission zum Wachstum in der Champagne beitragen wird.

    Maggie Henriquez

    Die aus Venezuela stammende Managerin ist seit 2009 Geschäftsführerin des 1843 gegründeten Hauses Krug aus Reims, das seit 1999 zum Imperium der französischen Luxusgruppe LVMH (Moët Hennessy Louis Vuitton) gehört. Krug besitzt 21 Hektar Weinland. Henriquez studierte vorher Ingenieurwissenschaften in Harvard, außerdem Betriebswirtschaft.

    Sie arbeitete eine Weile als Ingenieur und dann im Marketing von Spirituosen, sowohl in Mexiko als auch in Argentinien, wo sie ihre Liebe für den Weinbau entdeckte. Sie betont: „Die Herausforderungen im Weinberg sind inspirierend.“ In Zukunft gehe es darum, immer mehr biologisch zu arbeiten und weniger Unkrautbekämpfungsmittel einzusetzen.

    Anne Malassagne

    Gemeinsam mit ihrem Bruder ist sie Eigentümerin des 1920 gegründeten Hauses Champagne A.R. Lenoble in Damery bei Epernay, das einen Umsatz von 6,2 Millionen Euro hat und 15 Hektar Land bewirtschaftet. Ihre Karriere begann sie nach einem Management-Master bei L’Oréal, doch als ihr Vater 1993 in der Krise das Unternehmen verkaufen wollte, eilte sie ihm zu Hilfe.

    Als dieser erkrankte, übernahm sie mit 28 Jahren ohne Erfahrung das Haus. Es waren harte Jahre, bis sie sich durchgesetzt hatte. Sie war 2016 zusammen mit Maggie Henriquez eine der Gründerinnen von La Transmission. Sie sagt über die Gruppe: „Frauen, die ihre Erfahrung, ihre Geschichte, ihre Werte weitergeben und andere Frauen ermutigen möchten, sich in die Welt des Weins zu wagen.“

    Alice Paillard

    Sie ist Miteigentümerin und Direktorin des erst 1981 von ihrem Vater gegründeten Hauses Bruno Paillard aus Reims mit rund neun Millionen Euro Umsatz und 34 Hektar Weinbergen. Für die Champagne ist es ein junges Haus. Nach einem Master im Management an der Elite-Universität Dauphine in Paris studierte sie im Burgund internationalen Weinhandel. Sie lebte in New York, Venedig und London, doch ihr Herz schlug für die Champagne.

    Mit 25 Jahren kehrte sie 2007 zurück, um im Familienunternehmen zu arbeiten, in den Weinbergen, im Keller und im Export. Sie hat 2018 die Leitung von ihrem Vater übernommen und wirkt maßgeblich bei der Komposition des Champagners mit. Sie glaubt, dass die Champagne dringend Lösungen für die Klimakrise finden muss.

    Vitalie Taittinger

    Mit ihren Geschwistern ist sie Miteigentümerin und zudem Präsidentin des 1931 gegründeten Familienunternehmens Taittinger aus Reims mit rund 150 Millionen Euro Umsatz und 288 Hektar Weinstöcken. Es ist eines der noch wenigen großen unabhängigen Häuser der Champagne. Taittinger studierte in Lyon Kunst und arbeitete als Illustratorin, sie schwankte immer zwischen Kunst und Champagner.

    Seit 2007 war sie in der Marketing- und Kommunikationsabteilung von Taittinger und das schöne Werbegesicht der Marke. Im Januar 2020 übernahm sie den Vorsitz des Familienunternehmens, kurz vor der Coronakrise. Nebenbei setzt sie sich für zeitgenössische Kunst ein. Sie betont: „Mich inspiriert die Kraft des Champagners. Dieser Wein ist perfekt.“

    Mélanie Tarlant

    In der zwölften Generation ist Tarlant mit ihrem Bruder Miteigentümerin und Co-Direktorin von Champagne Tarlant aus Oeuilly bei Epernay. Ihre Vorfahren waren schon 1687 Weinbauern, das Champagnerhaus wurde offiziell 1900 gegründet. Das Familienunternehmen macht nach letzten Zahlen einen Umsatz von 1,8 Millionen Euro und hat 14 Hektar Weinstöcke.

    Mélanie Tarlant studierte Marketing und Kommunikation und arbeitete in der Filmproduktion, unter anderem in Schottland und Marokko. Dann entschied sie, ihren Wurzeln in der Champagne nachzugehen. Im Jahr 2005 trat sie ins Familienunternehmen ein und kümmerte sich vor allem zunächst ums Marketing. Sie ist in der ganzen Tarlant-Geschichte die erste Frau, die mit an der Spitze des Unternehmens steht.

    Mehr: Das Fach-Chinesisch des Winzers – endlich verständlich

    Startseite
    Mehr zu: Familienunternehmen - Diese neun Frauen wollen die Champagner-Industrie revolutionieren
    0 Kommentare zu "Familienunternehmen: Diese neun Frauen wollen die Champagner-Industrie revolutionieren"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%