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Familienunternehmen Plötzlicher Auftragsboom überfordert Modelleisenbahn-Hersteller Märklin

Jahrelang dümpelte der Modelleisenbahnhersteller vor sich hin. Jetzt kann die Familienfirma gar nicht genügend liefern – weil die Mitarbeiter fehlen.
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Märklin: Auftragsboom überfordert Modelleisenbahn-Hersteller Quelle: Imago
Produktion bei Märklin

Jahrelang wurde der zeitweise hoch defizitäre schwäbischen Hersteller saniert, während die Umsätze vor sich hindümpelten.

(Foto: Imago)

München Es ist Dampf im Kessel, die Lok kommt trotzdem nicht vom Fleck. Der Modellbahnhersteller Märklin kann derzeit gar nicht so viel liefern, wie die Händler bestellt haben. „Die Nachfrage ist da, aber wir tun uns schwer, Mitarbeiter für die Produktion zu finden“, sagte Eigentümer Michael Sieber dem Handelsblatt.

An den beiden Standorten in Göppingen und Györ spüre das Traditionsunternehmen die starke Konkurrenz der ortsansässigen Autoindustrie, klagte Sieber. Im Filstal sind es vor allem Daimler und seine Zulieferer, die attraktiv sind für die Arbeitnehmer.

In Györ wiederum betreibt Audi eine Fabrik, rundherum haben sich viele Lieferanten angesiedelt. „Dort bekommen wir überhaupt keine Bewerbungen“, so der Fabrikant. Daher könne Märklin nicht die nötigen Kapazitäten aufbauen, um die Aufträge abzuarbeiten.

Das ist ärgerlich für den Unternehmer. Gemeinsam mit Sohn Florian hat Sieber die angeschlagene Modelleisenbahnmarke vor fünf Jahren übernommen. Jahrelang sanierten die Franken den zeitweise hoch defizitären schwäbischen Hersteller, während die Umsätze vor sich hindümpelten. Jetzt sind die Loks, Waggons und Schienen endlich wieder gefragt, da kommen sie mit der Produktion nicht hinterher.

Märklin habe einen Sprung im Auftragseingang verzeichnet, berichtete Sieber. Ob daraus tatsächlich zusätzlicher Umsatz entstehe, „hängt jetzt davon ab, was aus der Produktion kommt,“ so Sieber. Er rechne mit einem leichten Plus im laufenden Jahr. Die für die Marke wichtigen Sammler würden auf neue Modelle auch bis nächstes Jahr warten. Eltern und Kinder bräuchten die Ware aber unbedingt bis Heiligabend.

Die letzten Jahre war es Märklin nicht recht gelungen, den Nachwuchs wieder für die Modelleisenbahn zu begeistern. Die großen Zeiten der legendären Sammlermarke schienen vorüber.

Doch Michael Sieber gab sich stets optimistisch. Schließlich hatte er in den vergangenen 30 Jahren mit seiner Simba-Dickie-Gruppe viele tief gesunkene Marken wieder zum Strahlen gebracht. Die Autolabels Schuco und Majorette, den Brettspielspezialisten Noris, oder den Bobby-Car-Produzenten Big. So stieg er zum größten Spielwarenfabrikanten in Deutschland auf.

Vater und Sohn Sieber haben Märklin in den vergangenen Jahren modernisiert und, wo es ging, automatisiert. Doch die meist mehrere Hundert Euro teuren Lokomotiven werden nach wie vor fast ausschließlich in Handarbeit hergestellt.

Service ist für Händler zu aufwendig

Sie ersannen auch neue Marketingkampagnen wie die Abwrackprämie für Modellbahnen. Wer seine alten Gleise beim Händler ablieferte, der erhielt dafür neues Material. So sollten Sammler reaktiviert werden, die sich seit Jahren nicht mehr mit den Miniaturwelten beschäftigt hatten. Zudem entwickelten sie die Jugendlinie „Start-up“.

Damit stabilisiertem die Siebers zunächst das Geschäft, der Umsatz lag zuletzt bei 108 Millionen Euro; seit diesem Jahr wächst Märklin wieder. Außerdem sei die Firma profitabel, betonte Florian Sieber schon zu Jahresbeginn. In den besten Zeiten erwirtschaftete Märklin 150 Millionen Euro Umsatz.

In der Spielwarenbranche halten viele das Engagement bei Märklin für sinnlos. Nur noch etwa 300 Händler in ganz Deutschland führen überhaupt Modellbahnen. „Wir haben uns schon vor 20 Jahren davon verabschiedet“, sagt Tobias Schonebeck. Der Kaufmann führt das Traditionshaus Schäffer in Osnabrück.

Der rund 120 Jahre alte Betrieb gilt deutschlandweit als Vorzeigehändler, sowohl vor Ort als auch im Internet. Der für Modellbahnen nötige Service sei viel zu aufwendig, meint Schonebeck. So denken viele Fachhändler.

Das ist aber noch nicht alles: Die Geschäftsinhaber haben auch Angst, auf der Ware sitzen zu bleiben. Lego-Packungen und Playmobil-Sets verkaufen sie von morgens bis abends. So manche Märklin-Lok dagegen liegt monatelang in der Vitrine.

Michael Sieber hat sich aber nie um die Konventionen der Industrie geschert – und ist damit erfolgreich. Während alle anderen noch zu horrenden Kosten in Deutschland fertigten, begann er in den 80er-Jahren mit dem Spielwarenimport aus Asien. Als auch der letzte Konkurrent anfing in China zu produzieren, kaufte Sieber Werke in Europa, etwa die von Märklin.

Seit diesem Jahr werben die Märklin-Besitzer nur noch digital für ihre Miniaturwelten. Das komme sehr gut an. Einen besonders großen Zuspruch gebe es für „Willkommen auf Gleis 1“, ein Kurzfilm von Studierenden der Filmakademie Baden-Württemberg. Dabei geht es darum, ältere Kunden wieder an ihr früheres Hobby heran zu führen. Auf der Videoplattform Youtube haben schon mehr als 100.000 Fans den Clip angeschaut.

Nächstes Jahr sind Michael und Florian Sieber gezwungen, sich mit den Arbeitnehmervertretern in Göppingen zusammensetzen. Dann läuft eine Sanierungsvereinbarung aus, die den Beschäftigten einige Zugeständnisse abverlangte, unter anderem längere Arbeitszeiten. Sie werden den Leuten wohl entgegenkommen müssen.

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