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Familienunternehmen Schadstoffarm und kompostierbar – wie Legero mit Schuhen die Welt verbessern will

Der österreichische Schuhhersteller Legero wächst rasant. Nun arbeitet der Chef des Familienunternehmens an umweltfreundlichen Modellen.
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„Mir geht es um eine offene Gesellschaft.“ Quelle: Legero
Stefan Stolitzka

„Mir geht es um eine offene Gesellschaft.“

(Foto: Legero)

GrazEin Stückchen Silicon Valley in der Steiermark – die geplante Zentrale des Schuhherstellers Legero United unweit des Grazer Flughafens nimmt unzweifelhaft Anleihen am Headquarter von Apple im kalifornischen Cupertino.

Wie ein Ufo sieht das kreisrunde Gebäude aus. Daneben entsteht ein kleines, ebenfalls rundes Gebäude: das Outlet für die Schuhmarken Legero, Superfit, Think und Vios. Mit dem Campus des österreichischen Familienunternehmens will sich Eigentümer und CEO Stefan Stolitzka selbst ein 30 Millionen Euro teures Denkmal setzen. Übernächstes Jahr sollen die beiden Gebäude für 550 Mitarbeiter fertig sein.

Das 1872 gegründete Unternehmen kann sich seinen modernen Campus in der zweitgrößten Stadt Österreichs leisten. Denn seit 2006 haben die Erlöse um mehr als 200 Prozent zugelegt. Das Wachstum soll weitergehen: „2018 erwarten wir einen Bruttoumsatz von 192 Millionen Euro, und bis 2023 wollen wir 320 Millionen Euro erreichen“, sagt Stolitzka. Die Zahl der Mitarbeiter von heute 1 100 soll sich dann auf 3 500 mehr als verdreifachen.

Im vergangenen Jahr verkaufte Legero United annähernd sechs Millionen Paar Schuhe. Bei Kinderschuhen ist das Unternehmen Marktführer in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Nachhaltige Qualität, ansprechendes Design mit Tragekomfort, leicht an- und auszuziehen und dabei ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis – das machen die Schuhe von Legero United aus“, erklärt der 59-Jährige seine Erfolgsformel.

Noch sitzt der gebürtige Wiener in einem eher nüchternen Industriegebäude inmitten eines Grazer Wohngebiets. Von dort aus lenkt der Firmenchef die Produktion an sechs Standorten in vier Ländern. Gleich ums Eck werden in Werkstätten die Prototypen für die vier Schuhmarken hergestellt. Hier riecht es noch nach Leder. Im Hochpreisland Österreich produziert Stolitzka kaum noch.

Das Gros der Schuhe wird im rumänischen Valea lui Mihai oder im südindischen Vellore hergestellt. Der Kostenvorteil der Löhne ist dort unschlagbar. In Indien soll die Zahl der Mitarbeiter in den nächsten fünf Jahren auf 2 000 steigen.

Zyklen für Schuhe immer kürzer

Die Schuhbranche ist stark in Bewegung. Der Fachhandel steht angesichts der neuen digitalen Konkurrenz wie dem Online-Schuhhändler Zalando sowie Amazon unter großem Druck. Auch die großen Handelsketten wie Zara und H&M setzen der Branche mit eigenen Schuhkollektionen zu. „Der Fachhandel verliert die Hälfte seines Umsatzes im Zeitraum von 2011 bis 2022“, ist sich Stolitzka sicher. Die Kunden kaufen lieber anderswo.

Nach einer Studie des Marktforschers IFH Köln hat der deutsche Schuhmarkt ein Volumen von 9,8 Milliarden Euro. „Trotz der steigenden Umsatzpotenziale ist die Stimmung in der Branche nicht wirklich gut“, resümiert Unternehmensberater Jürgen Hanke von der BBE Handelsberatung in München.

Der Druck auf das mittelständische Unternehmen wie auf die Branche ist hoch. „Früher war der Vorlauf für ein neues Produkt ein Jahr, bald sind wir bei zwei Monaten“, sagt Stolitzka. „Heute entscheiden Vertrieb und Marketing über den unternehmerischen Erfolg.“ In Deutschland verkauft Legero mit seiner Marke Superfit drei Millionen Paar Kinderschuhe und unter seinem Label Legero eine Million Paar Frauenschuhe.

Zuletzt erzielte die Firma einen Reingewinn von 16 Millionen Euro – die Quote liegt deutlich über dem Branchenschnitt.

Der Legero-Chef versteht sich aber auch als Weltverbesserer. Der sportlich-elegante Manager spricht leise. Immer wieder fallen die Worte Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. „Wir haben uns dem Wohl der Menschen und der Qualität unserer Produkte verschrieben. Es ist genau diese Fürsorge um den Menschen, die uns seit Generationen antreibt, Schuhe immer besser zu machen“, beschreibt er seine Mission. Noch sind Schuhe wegen ihrer Kunststoffe und Klebstoffe voller umweltschädlicher Materialien.

Stolitzka will das ändern. „Wir arbeiten an der Entwicklung von biologisch abbaubaren Klebstoffen für unser Ziel eines zu 100 Prozent abbaubaren Schuhs.“ Die seit drei Jahren bestehende Marke Vios entwickelt transparente und nachverfolgbare Produktionsprozesse und schadstofffreie Schuhe. Mittlerweile gibt es auch Vios-Kollektionen für die Marke Legero und die Kinderschuh-Marke Superfit. „Bisher konnten wir noch keine biologisch abbaubaren Klebstoffe entwickeln – ansonsten aber alles“, beschreibt der Firmenchef die Fortschritte.

Legero befindet sich zu 50,1 Prozent im Besitz der Familie Stolitzka. Vor 21 Jahren beteiligte sich die deutsche Ara AG zu 49,9 Prozent an Legero. „Ohne die visionäre und gleichzeitig den Menschen zugewandte Unternehmerpersönlichkeit Stefan Stolitzka wäre der nachhaltige Erfolg von Legero nicht denkbar“, sagt Ara-Vorstand Patrick Röseler über die mehr als 20-jährige Zusammenarbeit.

Stefan Stolitzka arbeitet unterdessen auf seinen Ausstieg hin. „Ich möchte mich in den kommenden Jahren sukzessive zurückziehen“, kündigt der 59-Jährige nach vier Jahrzehnten in der Schuhbranche an. Einst fing er bei Legero als Assistent der Geschäftsführung an, machte eine interne Lehre und kaufte 1993 schließlich die Fertigung. Nach seinen Plänen soll eine seiner drei Töchter die Nachfolge antreten.

Die 32-jährige Stefanie Lin, die Modedesign in Florenz studierte, arbeitet bereits im Unternehmen. Seine zweite Ehefrau Marija, früher im Verkauf von Christian Dior, soll künftig das neue Outlet-Center leiten. Noch steht der Wechsel an der Unternehmensspitze aber nicht unmittelbar bevor.

Denn Stolitzka ist im Gegensatz zu vielen anderen Familienunternehmern in Österreich gesellschaftlich engagiert. Er ist ein leidenschaftlicher Sammler zeitgenössischer Kunst. Über 800 Exponate, davon auch einige in der Grazer Firmenzentrale, zählt seine Kunstsammlung mit Werken von Martin Kippenberger oder Franz West bereits. Vor allem ist der Unternehmer aber ein Homo politicus mit Sendungsbewusstsein.

Der von Jesuiten erzogene Manager engagiert sich in der Industriellenvereinigung, dem österreichischen BDI. Die konservativ-rechtspopulistische Regierung mit ihrem Abschottungskurs gegen Fremde beunruhigt den Unternehmer zutiefst.

Engagement gegen Populismus

„Mir geht es um eine offene Gesellschaft“, sagt Stolitzka. „Es wird versucht, über die Angst zu regieren. Ich versuche alles, um die Zuversicht zu unterstützen.“ Im neuen Headquarter wird Stolitzka die März-Rede des Künstlers André Heller in der Wiener Hofburg zum „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland einmauern lassen. „Es kommt mir auf die Haltung an“, sagt Stolitzka.

In der Rede Hellers heißt es: „Der populistische Manipulator verleugnet seine wirklichen Gedanken und Erkenntnisse zugunsten des wahltaktisch Zweckdienlichen.“ Das Familienunternehmen wurde einst von einer jüdischen Familie Stragosch in Wien 1872 gegründet und 1938 von den Nazis enteignet. Die Erinnerung daran hält der heutige Legero-Eigentümer lebendig – gerade in der neuen Unternehmenszentrale.

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