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Familienunternehmen Sein Antrieb ist früheres Scheitern: Bio-Pionier Kaiser baut Geschäft aus

Der Chef der Bio Company will dafür kämpfen, dass die Branche lebendig bleibt. Doch der klassische Einzelhandel dringt immer tiefer in das Geschäft der Bio-Supermärkte ein.
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Der Unternehmer will den Lebensmittelhandel mit regionalen Zulieferern bewahren. Quelle: DAVIDS/Darmer
Georg Kaiser

Der Unternehmer will den Lebensmittelhandel mit regionalen Zulieferern bewahren.

(Foto: DAVIDS/Darmer)

Velten/OberhavelVor der Rauchkammer stockt der Rundgang durch das Fleischwerk. Begeistert hebt Georg Kaiser eine Metallschiene hoch. „Auf so was habe ich als Kind in der Metzgerei meiner Eltern auch die Würste aufgehängt“, unterbricht er die Ausführungen seiner Mitarbeiter zur Wurstherstellung.

Für den Unternehmer steht die Wiedereröffnung seiner „Biomanufaktur Havelland“ an diesem Dienstag in der Familientradition. Nach einer 2,5 Millionen Euro teuren Erweiterung kann der Betrieb in der Woche 120 Schweine und 30 Rinder zerlegen und verwursten. Viel mehr als einst die Landmetzgerei der Eltern, viel weniger aber als die Großbetriebe der konventionellen Fleischverarbeiter.

Kaiser ist zugleich ein Pionier und ein Nostalgiker. Seit fast 20 Jahren baut er stetig die Bio-Supermarktkette Bio Company auf, die mit 56 Filialen und 173 Millionen Euro Umsatz inzwischen die drittgrößte Biokette Deutschlands hinter Denn’s und Alnatura ist. Mit dem wachsenden Geschäft will der 52-Jährige etwas bewahren, das er aus seiner Kindheit kennt: Lebensmittelhandel mit regionalen Zulieferern.

Sein Antrieb ist ein früheres Scheitern. Die Metzgerei und den kleinen Edeka-Markt seiner Eltern musste er vor zwei Jahrzehnten schließen, als im konventionellen Lebensmittelhandel der Preiswettbewerb Überhand nahm. Heute stemmt sich Kaiser dagegen, dass den deutschen Biomärkten ein ähnliches Schicksal widerfährt.

Ein wichtiger Baustein dabei ist die eigene Fleischproduktion. In Velten, von Berlin wenige Kilometer die Havel abwärts, kaufte er 2013 einen Fleischzulieferer aus der Insolvenz. Mit insgesamt fünf Millionen Euro Investition baute Kaiser die Biomanufaktur zum zentralen Lieferanten für seine Biomarkt-Kette aus – mit Fleisch aus Brandenburg und Mecklenburg.

Ein Fünftel der Produktion geht daneben an externe Kunden, etwa die Kult-Wurstbude Curry 36 in Kreuzberg. „Das Fleischwerk ist für uns ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal“, sagt Kaiser. Bio Company könne so mehr bieten als die Konkurrenz.

Auch die Gründungsgeschichte der Kette setzt er zur Abgrenzung ein. Kaiser erzählt sie routiniert: wie er schweren Herzens den ererbten Edeka-Markt in Oberfranken schließen musste: „Es gab Wochen, da habe ich weniger verdient als die Mitarbeiter.“ Wie er danach in Berlin zusammen mit einer gelernten Krankenschwester kurz entschlossen auf 200 Quadratmetern den ersten Laden startete – mit Ikea-Regalen und gebrauchten Kühltheken.

Die Legende verdeutlicht Kaisers Botschaft: „Wir stehen für ein völlig anderes Lebensmittel-System, wir bieten ein Rundum-Wohlfühlpaket“, sagt er. Das heißt: viele regionale Produkte, Ökostrom, schon seit zehn Jahren keine Plastiktüten, Müsli zum Selbstabfüllen. Solche Sachen. „In Berlin ging das Lebensmittelverkaufen plötzlich wieder, wie ich es aus der Kindheit kannte“, schwärmt Kaiser. Nämlich mit persönlichem Kontakt.

„Bio Company schafft es vorbildlich, sich in der Region zu verankern und kleine Betriebe zu fördern“, lobt Michael Radau, Chef von SuperBioMarkt, einem Mitbewerber aus Münster: „Das schätzen vor allem junge Verbraucher, die wissen wollen, wo ihre Lebensmittel herkommen.“

Kritik bekommt Kaiser allerdings regelmäßig, weil er nicht nach Tarifvertrag zahlt. Die Löhne für ungelernte Kräfte lägen etwa acht Prozent unter dem Tarifniveau, räumt er ein. Dafür würden etwa Überstunden fair erfasst, arbeiteten im Fleischwerk 50 festangestellte Fachkräfte.

Doch die Bio-Idylle ist in Gefahr. Der konventionelle Lebensmittelhandel macht Druck: Seit wenigen Monaten bietet Lidl Lebensmittel mit dem Siegel „Bioland“ an, das es bislang nur in Bioläden gab. Edeka-Chef Markus Mosa hat gerade angekündigt, dass der Marktführer in Hamburg den ersten eigenen Bio-Supermarkt eröffnen wird. Die bisherigen Biohändler wie Kaiser hoffen darauf, dass die Kunden erkennen, wer wirklich anders wirtschaftet.

Ein Edeka-Kaufmann, der an seinen Supermarkt noch einen Bioladen anbaut, das sei doch wie ein Kohlekraftwerk, vor dem sich ein Windrad dreht, spottet ein Bio-Pionier. „Der Fachhandel ist in Gefahr“, warnt dagegen Kaiser. „Uns droht ein Preisdruck, weil die Grund-Genetik der neuen Anbieter komplett anders ist.“ Anders als die Bio-Pioniere seien die Discounter und Supermarktketten eben keine „Schicksalsgemeinschaft mit den Biobauern“, meint Kaiser. Und sie schließen auch nicht aktiv Lücken in der Biokette wie er mit seiner Fleischmanufaktur in Brandenburg, wo es an Verarbeitern fehlt.

Statt Idealismus lockt die großen Händler ein wachsender Markt: 10,9 Milliarden Euro Umsatz kamen in Deutschland 2018 laut Arbeitskreis Biomarkt zusammen. Kaiser hofft, dass den Bio-Supermärkten keine große Übernahmewelle droht, wie sie die konventionellen Händler erfahren haben. Aktiv zukaufen will er nicht, aber weiter bis zu fünf neue Läden jährlich in den drei Städten Berlin, Hamburg und Dresden eröffnen. Dabei hilft, dass knapp die Hälfte der Anteile der Schweizer Investor Bio Development hält.

„Wir müssen lernen, unsere Mission klar zu kommunizieren“, sagt Kaiser. Bio Company gibt daher neuerdings eine Kundenzeitschrift heraus. Und er selbst schreibt im Netz einen Unternehmens-Blog, in dem er auch schon mal politisch wird.

Und auch die Wiedereröffnung seines Fleischwerks inszenierte Kaiser am Dienstag professionell: Der Grünen-Parteivorsitzende Robert Habeck machte im Europawahlkampf Station. „Die Entscheidung für die Investition in die Bio-Landwirtschaft ist vorbildlich“, lobte der ehemalige schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister. Kaiser beweise damit unternehmerischen Mut.

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