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Familienunternehmen Wie Alberto Zanatta das Moonboots-Unternehmen Tecnica wieder erfolgreich machen will

Die „Mondschuhe“ von Tecnica sind weltberühmt. Doch die Italiener haben sich mit diversen Zukäufen übernommen. Nun wagen sie mit einem Investor den Neustart.
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„Wir haben lange Vollgas gegeben und Fehler gemacht“, gibt sich der Unternehmer geläutert. Quelle: Tecnica
Alberto Zanatta

„Wir haben lange Vollgas gegeben und Fehler gemacht“, gibt sich der Unternehmer geläutert.

(Foto: Tecnica)

MontebellunaEin Astronautenanzug steht unmittelbar neben dem Tresen am Empfang. Bei Tecnica im norditalienischen Montebellluna findet das niemand komisch. Schließlich hat Patriarch Giancarlo Zanatta, 80, vor fast einem halben Jahrhundert die Moonboots erfunden. Die klobigen Winterstiefel sind weltbekannt, machen inzwischen aber nur noch einen kleinen Teil vom Geschäft des Familienunternehmens aus.

Viel wichtiger sind heute Labels wie Lowa, das für Wanderschuhe steht, der Rollschuhhersteller Rollerblade und die Skianbieter Blizzard und Nordica. „Wir leben von ikonischen Marken“, sagt Alberto Zanatta, der 50-jährige Sohn des Gründers.

Als Präsident ist er so etwas wie der Chefaufseher und oberste Stratege der Sportfirma. Von dieser übergeordneten Warte aus musste er in den vergangenen Jahren allerdings erkennen, dass sich ein Unternehmen auch schwer verzetteln kann – mit zu vielen Marken im Portfolio.

„Wir haben lange Vollgas gegeben und Fehler gemacht“, gibt sich der Unternehmer geläutert. Gemeinsam mit seinem Vater hat er Marken gekauft wie andere Leute Turnschuhe. Die Sportmodelabels Think Pink und Dolomite gehörten zu Hochzeiten dazu, und auch der Snowboardhersteller Nitro.

Zudem übernahm das Duo einige marode Fabriken. Vater und Sohn haben sich dabei hochverschuldet. „Von der Finanzkrise bis 2014 hatten wir schwer zu kämpfen“, erläutert Zanatta. Der Umsatz fiel, und mit den Erlösen schwanden auch die Gewinne. Die Zinszahlungen aber liefen weiter.

Das ist inzwischen Geschichte. Weniger Marken, weniger Anteilseigner, dafür mehr Umsatz und Gewinn. Auf diese Formel lässt sich die Entwicklung von Tecnica bringen. Zanatta hat radikal umgesteuert, sich von Beteiligungen getrennt, die Fertigung umstrukturiert.

Die wohl wichtigste Entscheidung der jüngsten Zeit: Italmobiliare stieg ein, die Investmentgesellschaft von Unternehmer Carlo Pesenti. In Deutschland wurde die Familie bekannt durch den Verkauf von Italocementi an Heidelberg-Cement – ein Deal von 3,7 Milliarden Euro.

Der italienische Investor übernahm für 60 Millionen Euro 40 Prozent der Anteile an Tecnica. Andere Teilhaber hatte Zanatta vorher ausbezahlt. Seiner Familie gehören nun die restlichen 60 Prozent. Damit konnte der schlanke, sportliche Mann die Schuldenlast aus der überzogenen Einkaufstour der Vergangenheit massiv abbauen. „Die Finanzen bereiten mir jetzt keine Kopfschmerzen mehr“, sagt er.

Es geht wieder kräftig aufwärts bei Tecnica. 2010 erzielte das Unternehmen knapp 400 Millionen Euro Umsatz. Die Einnahmen schrumpften dann bis Mitte des Jahrzehnts auf 323 Millionen. Wenn es gut läuft, meint Zanatta, seien die 400 Millionen dieses Jahr wieder zu knacken. „Das Ziel sind 500 Millionen.“ Auch unterm Strich bleibt immer etwas übrig. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) kletterte 2017 um fast ein Fünftel auf gut 32 Millionen Euro, Zanatta strebt eine Ebitda-Marge von zehn Prozent an.

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die Firma erholt. Zanatta kümmert sich heute mit einem halben Dutzend Marken vor allem um das, was alle Firmen in der Region Montebelluna ausgezeichnet können: Schuhe machen. Die Heimatstadt der Zanattas ist das Zentrum der italienischen Schuhindustrie, bekanntester Hersteller ist Geox. Auch viele ausländische Konzerne sind in der Gemeinde 70 Kilometer nördlich von Venedig vertreten, nicht zuletzt Nike.

Zum größten Turnschuhproduzenten der Welt blickt Zanatta ohnehin bewundernd auf: „Die haben gezeigt, dass es auch ohne Gründer Phil Knight geht.“ Auch Zanatta hat sich vor drei Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Den Chefposten hat er Antonio Dus überlassen, ein erfahrener Manager, der zuvor Vibram führte, den wichtigsten Lieferanten von Sohlen für die Outdoor-Branche. Das spartanisch eingerichtete Büro Zanattas liegt gleich neben dem von Dus, sie trennt nur eine Glaswand. So transparent geht es in der ganzen Firma zu. Jeder kann in jedes Büro schauen, alle sind per Du.

Fast die Hälfte vom Umsatz steuert Lowa bei, die bayerische Wanderschuhmarke im Besitz von Tecnica. Lowa gehört zu den wichtigsten Sportmarken hierzulande. Bei Intersport, der größten deutschen Sporthandelskette, steht das Label auf Rang sechs der größten Lieferanten, noch vor Outdoor-Spezialist Jack Wolfskin. Händler halten die Tecnica-Tochter für gut geführt: „Die machen einen tollen Job“, sagt Andreas Rudolf, Geschäftsführer der Sporthandelskette Sport 2000.

Doch auch Skistiefel spielen eine wichtige Rolle. Die Skier leihen sich heute viele Wintersportler. Aber in fremde Skistiefel steigen, das wollen die wenigsten. „Das ist ein sehr gesundes Geschäft“, sagt Luka Grilc, Chef der Tecnica-Tochter Nordica.

Der Slowene kennt sich exzellent aus in der Sportbranche. Bevor er zu Tecnica kam, war er 14 Jahre für Skihersteller Elan tätig. Ihm gefällt, dass die Tecnica-Eigentümer langfristig denken und auch mal ein schlechtes Jahr akzeptieren: „Die verstehen, dass wir keine Skier verkaufen können, wenn kein Schnee fällt.“

Das heißt freilich nicht, dass sich Alberto und Vater Giancarlo Zanatta nicht mehr einmischen. Der Senior kümmert sich noch immer mit Feuereifer um neue Kreationen seiner Moonboots. Nicht selten ist er im Prototypen-Zimmer und denkt sich ausgefallene Entwürfe mit modernen Stoffen aus. Als begeisterter Skifahrer ist Sohn Alberto häufig bei Skitests, Rennen und Treffen mit Sporthändlern dabei. „Wir haben Spaß bei der Sache“, meint er.

Gefragte Wanderschuhe

Natürlich ist der Aufschwung bei Tecnica kein Selbstläufer. Das Umfeld ändert sich gerade radikal, der Wettbewerb wird härter. Chinas größter Sportkonzern Anta macht sich daran, für mehr als vier Milliarden Dollar Amer zu übernehmen, den wichtigsten Konkurrenten. Zu dem finnischen Konzern gehören Marken wie Salomon und Atomic. Ist Amer erst einmal Teil von Anta, hätten die Marken einen enormen Vorteil in der Volksrepublik, dem größten Wachstumsmarkt von Tecnica.

Auch die politischen Veränderungen registrieren sie in der Zentrale in Montebelluna genau. Die EU-kritische Haltung der neuen italienischen Regierung und der aufblühende Nationalismus in seinem Land gefällt Alberto Zanatta gar nicht. „Ich würde nach München ziehen, wenn wir die EU verlassen“, sagt der Vater zweier Töchter und Porsche-Fan. „Ich fühle mich in Deutschland daheim.“

An Übernahmen verschwendet Zanatta keine Gedanken mehr. „Wir können auch ohne Akquisitionen eine sehr viel größere Firma werden“, bemerkt er. Das ist ganz im Sinne des neuen Gesellschafters. Wenn es nach Carlo Pesenti geht, dann wird Tecnica ein neues, italienisches Schwergewicht in der Sportindustrie.

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