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Familienunternehmen Wie die Familie Wohlfahrt die deutsche Weihnacht zum Exportschlager machte

Käthe Wohlfahrt steht weltweit für Festtagsstimmung. Was mit dem Verkauf von Erzgebirgskunst begann, baute der Gründersohn zum globalen Mittelständler aus.
13.12.2018 - 04:17 Uhr Kommentieren
„Bei uns ist das ganze Jahr Weihnachten.“ Quelle: Käthe Wohlfahrt
Harald Wohlfahrt

„Bei uns ist das ganze Jahr Weihnachten.“

(Foto: Käthe Wohlfahrt )

Rothenburg ob der Tauber Die beiden jungen Chinesinnen warten am zugigen Provinzbahnhof auf die Regionalbahn nach Rothenburg ob der Tauber. Auf ihrer Europareise besuchen sie Paris, Venedig und London – und das fränkische Fachwerkdorf an der Romantischen Straße. „Dort wollen wir unbedingt das Weihnachtsdorf von Käthe Wohlfahrt anschauen“, erzählen die Frauen aus der Zwölf-Millionen-Metropole Shenzhen.

Denn bei Käthe Wohlfahrt ist das ganze Jahr Weihnachten. Mitten im Fachwerkhaus steht ein riesiger weißer Christbaum mit 1400 Glaskugeln und 12.000 Lichtern – alle mit Ökostrom gespeist. Im Weihnachtsdorf kommen Touristen aus aller Welt auch bei über 30 Grad in Weihnachtsstimmung. „Das ist kein Kitsch, den wir verkaufen, sondern erzgebirgische Tradition“, betont Harald Wohlfahrt, Unternehmer in zweiter Generation.

Der Name Käthe Wohlfahrt steht heute auf der ganzen Welt für deutsche Weihnacht. Dafür hat ihr Sohn Harald gesorgt, der den Weihnachtsladen von Rothenburg aus zu einem globalen Unternehmen mit 400 Mitarbeitern und 1500 Saisonkräften ausbaute.

„Wir haben die deutsche Weihnacht exportfähig gemacht“, sagt der 64-Jährige mit dem weißen Schnauzer. So war er sich nicht zu schade, im Weihnachtsmannkostüm im Frühsommer 1981 auf der deutschen Tourismusmesse in Tokio zu werben. „Was habe ich geschwitzt mit dem Kissen vorm Bauch“, erinnert er sich. „Die deutsche Delegation hat uns damals belächelt.“

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    Doch sein Einsatz lohnte sich. Nicht nur in Tokio, auf 56 Weihnachtsmärkten weltweit von Verona bis Vancouver ist Käthe Wohlfahrt heute vertreten. Daneben gibt es Läden von Berlin bis Minnesota. Seine Frau Fumiko lernte er auch beruflich kennen.

    Zu ihrer Hochzeit titelte die große japanische Zeitung „Asahi Shimbun“: „Japanerin heiratet den Weihnachtsmann in Deutschland“, amüsiert sich Fumiko Wohlfahrt noch heute. Sie hilft im Familienbetrieb mit wie die Schwestern ihres Mannes.

    Zur Weihnacht kam die Familie durch reinen Zufall. Harald Wohlfahrt wurde 1954 über einem Kuhstall im sächsischen Vogtland geboren. Sein Vater Wilhelm sollte in der DDR eine LPG gründen. Er löste sie auf, da sie unwirtschaftlich war. Als er deshalb in Haft sollte, flüchtete die Familie über Nacht in den Westen.

    Wohlfahrts fassten in Böblingen Fuß, wo sich der Vater beim US-Konzern IBM zum Programmierer ausbilden ließ. Um sein Englisch zu verbessern, suchte er Kontakt zu US-Soldaten.

    Mit einer Spieldose fing alles an

    Eine amerikanische Familie, die Wohlfahrts Weihnachten ins kärgliche Heim luden, bewunderte deren Holz-Spieldose „Christi Geburt“ aus dem Erzgebirge. Der Vater wollte den Freunden eine schenken. Doch er wurde nur im Großhandel fündig, wo er zehn Stück abnehmen musste. Die restlichen verkaufte er in den Kasernen. „Doch die US-Militärpolizei nahm ihn mit aufs Revier wegen Hausierens“, erzählt Sohn Harald. Dort traf er eine US-Offiziersfrau, die ihn mit den Spieldosen zum Wohltätigkeitsbasar der Kaserne einlud.

    Die Weihnachtsartikel aus dem Erzgebirge fanden dort reißenden Absatz. Weil Wilhelm Wohlfahrt bei IBM arbeitete, meldete er die Firma auf seine Frau an. Käthe Wohlfahrt half kräftig mit im Betrieb. Sie starb im Juli mit 85 Jahren.

    Der Handel mit Weihnachtsschmuck florierte bald nicht nur im Advent. US-Soldaten, die heimkehrten, verlangten ihn auch unter dem Jahr. So boten Wohlfahrts seit 1964 Weihnachtskunst ganzjährig an auf Basaren von Italien bis England. „Indirekt unterstützte mein Vater die DDR-Wirtschaft, indem er deren Produkte an den Klassenfeind verkaufte“, lacht Wohlfahrt.

    Schließlich kündigte Wilhelm Wohlfahrt seine gut dotierte Stelle bei IBM. „Familie Wohlfahrt hatte den Mut, Weihnachten ganzjährig zu inszenieren. Da hat sie ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Jürgen Rothauge, Direktor Einzelhandel der Manufaktur Meissen.

    In einem Rothenburger Fachwerkhaus eröffnete die Familie im Sommer 1977 den Christkindlmarkt. Das sprach sich bei Amerikanern schnell herum. Doch es war schwer, Kredite und Personal zu bekommen. „Wer will schon für einen Verrückten arbeiten, der das ganze Jahr Weihnachten feiert?“, fragt der Sohn. Im Dorf fühlten sich die Sachsen lange wie Stasi-Spitzel beäugt.

    Der erste Schock kam im Herbst 1977. Ganz Rothenburg machte Winterpause. Wo sollten Wohlfahrts Kunden übernachten? Eilig machte die Familie Werbung für das Städtchen, damit auch im Winter Touristen kamen und Hotels öffneten. Harald Wohlfahrt arbeitete von Anfang an mit. Als der Vater erkrankte, ließ er sein BWL-Studium kurz vor dem Diplom sausen – und kam ganz in die Firma.

    Pionier im Erlebnishandel

    Ein Jahr lang überredete er den Vater, das erste Erlebnisfachgeschäft überhaupt – das Käthe Wohlfahrt Weihnachtsdorf – zu bauen, das war 1981. Sogar Mystery Shopper von Nobelkaufhäusern wie Harrod’s und Isetan kamen vorbei. Doch da die Kunden meist aus dem Ausland kamen, war das Geschäft krisenanfällig. Zur Libyenkrise 1986 blieben Touristen weg, die Einnahmen fielen um ein Drittel. Noch schlimmer war der erste Golfkrieg mit 50 Prozent minus. Aus der Not bestückten Wohlfahrts immer mehr Weihnachtsmärkte.

    Auch der Mauerfall brachte Schwierigkeiten. „Wir freuten uns sehr, aber nun konnte jeder Erzgebirgskunst direkt kaufen.“ Harald Wohlfahrt, seit 1990 Firmenchef, entschied: „Wir brauchen eigene Produkte.“ Er stellte Drechsler aus dem Erzgebirge und Maler der Manufaktur Meissen ein, die in Rothenburg designen. „Unsere limitierten Weihnachtseditionen sind unsere Lebensretter in Zeiten von Amazon“, sagt Wohlfahrt, der auch einen Onlineshop betreibt.

    „Käthe Wohlfahrt ist der Inbegriff für deutsche Weihnacht“, konstatiert Jürgen Rothauge von der Manufaktur Meissen. Quelle: Käthe Wohlfahrt
    Nussknacker aus Holz

    „Käthe Wohlfahrt ist der Inbegriff für deutsche Weihnacht“, konstatiert Jürgen Rothauge von der Manufaktur Meissen.

    (Foto: Käthe Wohlfahrt )

    Hauptwettbewerber sind Baumärkte und Möbelhäuser mit preiswerter Weihnachtsdeko aus Asien. „Die wird schnell wieder ausgemustert“, weiß Wohlfahrt. „Unser Schmuck dagegen wird vererbt.“ Rund 240 Millionen Euro gaben die Deutschen 2016 laut Institut für Handelsforschung für Weihnachtsdeko aus. Tendenz steigend. „Die Menschen wollen es sich zu Hause heimelig machen. Neben günstigen Importen geht der Trend zu hochwertigem Weihnachtsschmuck“, so Margit Herberth von der Messe Christmasworld.

    „Käthe Wohlfahrt ist der Inbegriff für deutsche Weihnacht“, konstatiert Rothauge von Meissen. Harald Wohlfahrt sei ein Visionär, der bodenständig geblieben sei. Bei aller Expansion ins Ausland habe er immer die Wirtschaftlichkeit im Blick. Die Manufaktur Meissen hat in diesem Jahr einen Weihnachtsbecher „200 Jahre Stille Nacht“ exklusiv für Käthe Wohlfahrt entwickelt.

    Der Erfolg übertrifft Rothauges Erwartungen. „2018 haben wir ein gutes Jahr“, sagt Wohlfahrt, der gern viel erzählt, aber zu Geschäftszahlen schweigt. 2020 werde noch besser – wegen der Festspiele in Oberammergau.

    In diesem Jahr feiert die Familie erstmals Weihnachten ohne Namensgeberin Käthe Wohlfahrt. Ihr Mann starb bereits 2001. Wie jedes Jahr gibt es Gans, am Baum hängt Holz- und Glasschmuck. Auch die drei Kinder feiern mit. Der ältere Sohn ist seit gut einem Jahr in der Firma, der jüngere seit Dezember. „Schließlich ist Weihnachten Familiensache.“

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