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Fensterhersteller Velux-Chef David Briggs beklagt: „Generation Indoor“ lüftet zu wenig

Das dänische Familienunternehmen hat das klappbare Dachfenster 1942 erfunden. Nun verbessert der Weltmarktführer mit smarten Fenstern das Raumklima.
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„Der Teamsport Rugby hat mir im Beruf sehr geholfen“, sagt der Velux-Chef. Quelle: Velux
David Briggs

„Der Teamsport Rugby hat mir im Beruf sehr geholfen“, sagt der Velux-Chef.

(Foto: Velux)

MünchenDavid Briggs lehnt sich aus dem offenen Dachfenster und atmet tief. Der frühere Rugbyspieler liebt frische Luft. „90 Prozent ihrer Zeit verbringen Menschen heute in geschlossenen Räumen“, sagt der Chef von Dachfensterbauer Velux. „Selbst beim Sport sind die meisten Stubenhocker.“

Häuser sind heute fast luftdicht. Aber die „Generation Indoor“ lüfte viel zu wenig, klagt der 52-jährige Brite, der den Weltmarktführer aus Dänemark seit einem Jahr leitet. Dabei ist die Luft selbst in der Stadt deutlich weniger belastet als im Haus, wo Möbel, Gasherd oder Teppiche Schadstoffe und Feinstaub ausdünsten, wie Studien belegen.

Das Familienunternehmen Velux, Erfinder des klappbaren Dachfensters, hat nun eine Lösung gefunden, wie sich das Raumklima verbessern lässt – selbst wenn die Bewohner gar nicht zu Hause sind. Möglich macht es eine intelligente Steuerung der Dachfenster und ihrer Rollos. Die misst Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Kohlendioxidgehalt im Zimmer. Verbunden ist alles mit dem Wetterbericht und einem Regensensor. Ist es zu heiß, zu feucht oder fehlt Sauerstoff, öffnet sich automatisch das Dachfenster. Kommt Regen, schließt es rechtzeitig. Wird es draußen zu heiß, spenden die Rollos Schatten.

„Das alles lässt sich per Sprachbefehl oder Smartphone-App aus der Ferne steuern und nachträglich schnell einbauen“, so Briggs über seine „Weltneuheit“. Intelligentes Lüften übers Dachfenster könne gar eine Klimaanlage ersetzen. Traditionell macht Velux mit seinen rund 10.000 Mitarbeitern alles selbst. Für die Smart-Home-App taten sich die Dänen aber mit dem französischen Spezialisten Netatmo zusammen. „Das ist kein spinnertes Gadget, das steigert den Wohnkomfort“, betont Briggs.

Briggs sucht gezielt nach neuen Geschäftsfeldern

Eigentlich könnte sich der Velux-Chef zurücklehnen – bei Rekordumsätzen und einem komfortablen Weltmarktanteil von rund 75 Prozent. Doch der Brite, der sich bei Velux in diversen Ländern seit Anfang der 90er-Jahre hochgearbeitet hat, lässt das Traditionsunternehmen nicht ruhen.

Ganz gezielt sucht er neue Geschäftsfelder. „Wir wollen weiter wachsen“, betont der CEO, der intern als „tough, aber motivierend“ gilt. Beim Teamsport Rugby habe er viel gelernt, was ihm auch im Beruf helfe, sagt der Brite. Anders als beim Fußball zähle beim Rugby jeder einzelne Spieler. „Ein Messi allein bringt keinen Sieg“, lautet auch Briggs Führungsmotto.

Velux kauft kräftig zu. Allein 2018 hat Briggs drei Wettbewerber übernommen. Denn die Dänen wollen nicht nur Wohnhäuser mit Dachfenstern ausstatten – ein endlicher Markt, der hauptsächlich von Renovierungen lebt. Künftig will Velux auch Bürogebäude, Einkaufszentren, Flughäfen oder Kliniken mit großen Schrägfenstern beliefern. „In diesem lukrativen Markt sind wir bisher kaum aktiv“, bedauert Briggs.

Im März 2018 kaufte Velux Wasco in den USA. „Das hat uns dort zur Nummer zwei für Tageslichtsysteme in Geschäftsgebäuden gemacht“, sagt Briggs. Im Oktober übernahm Velux die Jet-Gruppe aus dem Teutoburger Wald, den deutschen Marktführer für gewerbliche Dachfenster mit mehr als 800 Mitarbeitern. Hinzu kam Vitral, der dänische Hersteller für Glasdächer in Geschäftshäusern.

Vitral war sogar einst von Velux-Gründer Villum Kann Rasmussen gegründet, aber 2005 verkauft worden. Der dänische Ingenieur Rasmussen startete Velux 1942 mitten im Zweiten Weltkrieg. Er wollte mehr Wohnraum schaffen. Also entwickelte er große wetterbeständige Dachschrägfenster – der Rahmen außen aus Aluminium. Die brachten Licht in düstere Speicher. Die eigentliche Revolution kam später. Rasmussen erfand ein Scharnier, mit dem man Fenster nach innen klappen und putzen konnte.

Deutschland ist der größte Markt für Velux

Der Name Velux kommt von „Ventilation“ und „Lux“ (lateinisch für Licht). Die Firma wuchs rasant. Nach zehn Jahren gründete Rasmussen in Hamburg ein Joint Venture mit einer Tischlerei. Heute hat Velux in Deutschland seinen größten Markt mit rund 1.000 Mitarbeitern und einem Werk in Thüringen. Mitte der 60er-Jahre stellte Velux auf einer Messe ein goldenes Dachfenster aus – das millionste in Deutschland verkaufte.

Gründer Rasmussen, der gerne im Stillen agierte, ärgerte diese Prahlerei sehr. Das habe Wettbewerber erst auf den lukrativen Markt aufmerksam gemacht. Trotzdem hat Velux heute nur zwei nennenswerte Wettbewerber: Roto aus Bad Mergentheim und Fakro aus Polen.

Der deutsche Fenstermarkt insgesamt wächst leicht. 2018 wurden 14,4 Millionen Einheiten für zehn Milliarden Euro verbaut. „Im Trend liegen große bodentiefe Fenster, auch bei Dachflächenfenstern“, sagt Frank Lange, Geschäftsführer des Verbands Fenster + Fassade. Fensterhersteller bieten immer mehr Automatisierung wie Verschattung an. „Aber die meisten Kunden haben die Vorteile von intelligenten Fenstern noch nicht erkannt“, so Lange. Hier gebe es noch großes Wachstumspotenzial.

Darauf hofft auch Velux. Obwohl schon 2018 laut Briggs ein gutes Jahr für Velux war. Über den Umsatz schweigt das Familienunternehmen. Es veröffentlicht nur Zahlen für die VKR Holding, die 2017 umgerechnet 2,5 Milliarden Euro erwirtschaftete. Zur Holding, die von Gründerenkel Mads Rasmussen geführt wird, gehören auch Solaranlagen und Vertikalfenster. Mads arbeitete davor als Manager bei diversen Velux-Töchtern. Sein Vater Lars Rasmussen war lange Jahre selbst Velux-Chef.

Die Eigentümerfamilie macht keinen Druck

Von den Gewinnen der VKR Holding – die Ebit-Marge lag 2017 bei gesunden 15 Prozent – fließt einiges in die Familienstiftung, die Hauptaktionärin von VKR ist. „Die Familie macht keinen Druck, Umsatz und Gewinn kurzfristig zu maximieren“, sagt Briggs. Das Einzige, was ihn der Beirat fragt: Wie wirken sich die Entscheidungen auf unser Geschäft in zehn Jahren aus? Den nachhaltigen Spirit bei Velux lernte Briggs erst richtig zu schätzen, als er zwischenzeitlich für einen US-Heimausstatter arbeitete. „Da ging es nur um schnellen Profit, das war schrecklich“, so Briggs, der bald zu Velux zurückkehrte.

Johannes Schwörer, Chef von Fertighausbauer Schwörerhaus aus Schwaben, schätzt Velux als fairen Partner. „Das Management lässt die Kunden die große Marktmacht nicht spüren“, sagt er. Velux sei innovativ. Auf den Trend Healthy Building zu setzen, fand Schwörer zunächst mutig. Doch sehe er nun viele Möglichkeiten.

Nach Deutschland sind Frankreich und Großbritannien die wichtigsten Märkte für Velux. Wenn der Brite Briggs an den Brexit denkt, wird er emotional. „Ich habe in Frankreich studiert, in vielen Ländern Europas gearbeitet. Ich fühle mich als echter Europäer“, betont er. Der Brexit werde die britische Wirtschaft schädigen – und auch die Geschäfte von Velux, wenn Laster an der Grenze im Stau stehen.

Europäer Briggs hat seinen Lebensmittelpunkt in Kopenhagen und Südfrankreich, wo seine Kinder aus erster Ehe leben. Dort hat er ein Haus gekauft. Im Sommer will er die vier Dachfenster auf zwölf erweitern. „Ich brauche eben viel Luft und Licht.“

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