Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Florian Holsboer Dieser Mann will Menschen mit Depressionen mit personalisierter Therapie helfen

Der Mediziner und Unternehmer will mit einem personalisierten Behandlungsansatz Patienten schneller und gezielter helfen. Jetzt startet er eine klinische Studie.
Kommentieren
Der Chemiker und Mediziner hat Jahrzehnte seines Forscherlebens damit zugebracht, herauszufinden, welcher Zusammenhang zwischen einer Stressbelastung und einer Depression besteht. Quelle: ddp images
Florian Holsboer

Der Chemiker und Mediziner hat Jahrzehnte seines Forscherlebens damit zugebracht, herauszufinden, welcher Zusammenhang zwischen einer Stressbelastung und einer Depression besteht.

(Foto: ddp images)

FrankfurtPersonalisierte Therapie – in der Behandlung von Krebspatienten ist dieser Ansatz seit Jahren ein Begriff. Weil manche Medikamente nur bei bestimmten Mutationen oder Signalwegen wirken, wird mittels eines diagnostischen Tests vorab geklärt, ob ein Patient für diese Therapie überhaupt infrage kommt.

Florian Holsboer will die personalisierte Therapie nun auch bei Depressionen voranbringen. Der habilitierte Mediziner und vielfach ausgezeichnete Forscher möchte erreichen, dass Patienten mit Depressionen und Angststörungen schneller ein für sie geeignetes Medikament bekommen.

„In der medikamentösen Behandlung dieser Erkrankung werden derzeit nur Breitband-Antidepressiva eingesetzt. Die wirken bei zu wenigen Patienten, es dauert oft zu lange, bis sie wirken, und die Mittel haben oft starke Nebenwirkungen“, sagt der 73-Jährige, der 25 Jahre lang Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München war.

Mit seiner 2010 gemeinsam mit dem Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer gegründeten Firma HMNC Brain Health will Holsboer das erste Beispiel einer personalisierten Depressionstherapie anbieten. Dazu hat das Unternehmen gerade den Wirkstoff Nelivaptan vom Pharmakonzern Sanofi einlizenziert.

Ob ein Patient für die Therapie mit dem Mittel infrage kommt, wird vorab mit einem entsprechenden Test abgeklärt. „Das ist im Bereich Depressionsbehandlung eine echte Innovation“, sagt Holsboer, der seit 2014 CEO von HMNC ist.

Der Chemiker und Mediziner hat Jahrzehnte seines Forscherlebens damit zugebracht, herauszufinden, welcher Zusammenhang zwischen einer Stressbelastung und einer Depression besteht, erzählt er. Eine Erkenntnis dabei war, dass etwa 25 bis 30 Prozent der Menschen, die Depressionen haben, im Gehirn einen erhöhten Ausstoß an Stresshormonen wie Vasopressin haben.

„Deshalb haben wir schon am Max-Planck-Institut einen Test entwickelt, mit dem man feststellen kann, ob ein Patient einen solch erhöhten Ausstoß an Vasopressin hat.“

Sanofi wiederum hatte den neuartigen Wirkstoff Nelivaptan, der das Hormon Vasopression hemmt, in verschiedenen klinischen Studien untersucht, die Entwicklung aber vor Jahren nicht weiter verfolgt. Das Medikament hatte sich zwar als sicher und gut verträglich gezeigt, wirkte aber nicht viel besser als ein Placebo.

Angesichts von Holsboers Forschungsergebnissen, dass Vasopression bei nur einem Teil der Patienten Krankheitsursache ist, nicht verwunderlich. Da diese Patientengruppe nun mit dem Test herausgefiltert werden kann, glauben beide Unternehmen, dass Nelivaptan das Potenzial hat, diese Patienten besser als Standard-Antidepressiva behandeln zu können.

Um die klinischen Studien mit diesem individualisierten Therapieansatz zu finanzieren, hat HMNC Brain Health weitere Investoren an Bord geholt: Die Verlegerfamilie Jahr und den Finanz- und Immobilienunternehmer Guntard Gutmann. Die Investoren sind mit rund elf Millionen Euro in das Unternehmen eingestiegen, was HMNC nach eigenen Angaben jetzt mit knapp 100 Millionen Euro bewertet.

Das Potenzial ist groß

Guntard Gutmann, Nachfahre der gleichnamigen österreichischen Kohle- und Stahlunternehmerfamilie, wurde durch einen Vortrag von Holsboer auf das Thema aufmerksam. Wegen einer Depressionserkrankung innerhalb der eigenen Familie, die durch Suizid tödlich endete, war er an dem Thema interessiert.

Für Gutmann stellen Holsboer und Maschmeyer ein überzeugendes Gründerteam dar, „das die personalisierte Depressionsbehandlung mit Überzeugung, Freude, Schwung und hochprofessionellem Unternehmertum zum Erfolg führen wird“, teilt er auf Nachfrage mit.

Auch wenn alle Studien vorankommen wie geplant, dürften noch Jahre vergehen, bis die personalisierte Therapie von HMNC auf dem Markt zugelassen wird. Das Potenzial ist aber groß. Etwa vier bis acht Prozent der Bevölkerung sind an einer Depression erkrankt, weltweit sind es laut Weltgesundheitsorganisation rund 300 bis 400 Millionen Menschen.

HMNC will die aktuelle Finanzierungsrunde im Sommer abschließen. Dann hofft Holsboer, insgesamt etwa 15 Millionen eingesammelt zu haben. Mit dem Geld könne das Unternehmen alle Projekte einschließlich der Studie mit Nelivaptan mindestens die nächsten zwei bis zweieinhalb Jahre weiterführen, sagt er.

Der umtriebige Unternehmer hat mit HMNC bereits andere Tests auf den Markt gebracht, durch die das Unternehmen mit zehn Mitarbeitern auch einen kleinen Umsatz erzielt. Dazu gehört etwa der ABCB1-Test, der zu bestimmen hilft, ob das verordnete Medikament bei dem betreffenden Patienten leicht oder schwer in das erkrankte Hirngewebe eindringt.

Der Test ist in Deutschland, der Schweiz und Frankreich auf dem Markt. In Deutschland wird er allerdings von der gesetzlichen Krankenkasse nicht bezahlt. Außerdem hat HMNC einen Test zur Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung an ein US-amerikanisches Unternehmen auslizenziert, das ihn vor allem bei US-Kriegsveteranen anwenden will.

Ein Börsengang ist eine Option

Im Bereich Medikamente forscht das Unternehmen unter anderem auch zum Einsatz von Ketamin zur Behandlung von Depressionen. Das Mittel wird seit mehr als 40 Jahren als Narkosemittel eingesetzt. Neuere klinische Forschungen zeigen, dass Ketamin in niedriger Dosierung eine rasch einsetzende depressionslösende Wirkung hat. HMNC hat deshalb eine Entwicklungskooperation mit dem Schweizer Pharmaunternehmen Develco geschlossen, die eine neuartige Aufbereitung von Ketamin bei Patienten mit chronischer Depression untersucht.

Über die Zukunft von HMNC hat Holsboer klare Vorstellungen: Er plant, das Ketamin-Projekt in zwei Jahren profitabel auszulizenzieren. Und auch ein Börsengang könnte eines Tages eine Option sein. Banken seien jedenfalls diesbezüglich schon an die Gründer herangetreten. Dass der Name HMNC, der für „Holsboer Maschmeyer Neurochemie“ steht, für solche Aktivitäten vielleicht zu sperrig ist, ist Holsboer durchaus bewusst.

„Wir haben viele Namensideen verwerfen müssen, weil sie schon vergeben waren“, begründet er die Entscheidung für die vier Großbuchstaben und verweist darauf, dass Abkürzungen ja auch woanders recht gut funktionieren: „Bei HSBC weiß ja auch keiner mehr, wofür die Initialen stehen, und es handelt sich um einen globalen Weltmarktführer“, sagt er mit Blick auf die international agierende britische Großbank.

Einen Börsengang würde er dann aber wohl eher einem jüngeren CEO überlassen, hat Holsboer schon angekündigt. Als Forschungsvorstand weiter zu arbeiten, könnte er sich dann aber durchaus noch vorstellen.

Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter
Startseite

Mehr zu: Florian Holsboer - Dieser Mann will Menschen mit Depressionen mit personalisierter Therapie helfen

0 Kommentare zu "Florian Holsboer: Dieser Mann will Menschen mit Depressionen mit personalisierter Therapie helfen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote