Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Flug-Vermittlung Lars Kleins Mitflugportal Wingly – Das Parship der Lüfte

Mit dem Geld von Ex-Vizekanzler Philipp Rösler vermittelt das deutsch-französische Start-up Wingly Mitfluggelegenheiten in Privatflugzeugen.
Kommentieren
Teile und spare. Quelle: Wingly
Lars Klein

Teile und spare.

(Foto: Wingly)

Sankt AugustinAls Joachim Fritz den Propellermotor seiner Cessna 172 aufheulen lässt, hält er den Kirchturm jenseits der Asphaltpiste fest im Blick. Schon nach 350 Metern hebt das viersitzige Sportflugzeug ab, um nur kurz darauf über der angepeilten Kapelle eine scharfe Rechtskurve ins Siebengebirge zu steuern. „Der Seitenwind vom Rhein wird gleich für Turbulenzen sorgen“, warnt Joachim Fritz, Rechtsanwalt und Hobbyflieger aus dem nahe gelegenen Troisdorf. „Kein Grund zur Sorge.“

Der 1,90-Meter-Mann, im Alltag Arbeitsrechtler, ist einer von rund 10.000 Freizeitpiloten des Mitflugportals Wingly. Und damit indirekt Kunde von Ex-Wirtschaftsminister Philipp Rösler, 45. Der einstige FDP-Chef ist seit Frühjahr an dem Start-up beteiligt, das im Internet Hobbypiloten und Fluginteressenten zusammenbringt.

Mit Privatinvestoren hat er Wingly eine Anschlussfinanzierung von zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt, nachdem das Portal 2015 mit 0,5 Millionen Euro startete. „Die Mitflugzentrale kombiniert die Faszination vom Fliegen mit dem pragmatischen Ansatz der Sharing Economy“, schwärmte der einstige Vizekanzler und Hobbypilot bei seinem Einstieg.

Fritz‘ Cessna hat sich unterdessen auf eine Höhe von 2.000 Fuß hinaufgeschraubt und dreht einen sanften Bogen um das Regierungshotel Petersberg und die Burgruine Drachenfels. Scheinbar in Spielzeuggröße überquert eine Autofähre den Rhein, bevor der Freizeitkapitän Richtung Bonn abdreht. „Hier gilt eine Mindestflughöhe von 2000 Fuß“, erklärt er und liefert den Grund gleich mit: „Fällt der Motor aus, reicht die Höhe, um bis an den Stadtrand zu segeln.“ Sollte der Pilot damit eine Beruhigung in der Magengegend beabsichtigt haben, ist der Versuch missglückt.

Gründer von Wingly ist auf deutscher Seite der gebürtige Koblenzer Lars Klein. Der erst 24-Jährige mit der schwarzen Nerd-Brille sitzt in seinem Pariser Büro und steht dem Portal bis heute als Programmierer zur Seite. Einen Flugschein besitzt Klein ebenso wenig wie einen Studienabschluss.

„Schon vor dem Abitur bekam ich als Webseiten-Programmierer Aufträge großer Firmen“, erzählt der Wingly-Gründer, weshalb er sich nie bei einer Uni einschrieb. Sogar nach China holte man ihn für ein halbes Jahr, um Spiele für Lasertechnik-Waffen zu entwerfen. Die eigene Firmenidee kam ihm im Himmel über Berlin – bei einem Rundflug über die Bundeshauptstadt. „Da habe ich erst gemerkt, wie umständlich eine Mitfluggelegenheit zu buchen war“, erinnert er sich. Das, so beschloss er damals, sollte sich ändern.

Mit Emeric de Waziers, 26, und Bertrand Joab-Cornu, ebenfalls 26, fand Klein kurz darauf im Internet zwei Mitstreiter, die wie er ein Portal für Hobbyflieger und interessierte Passagiere bastelten – quasi ein Parship der Lüfte. Mit den beiden französischen Ingenieuren und Freizeitpiloten startete der Koblenzer – kaum sechs Monate nach dem ersten Treffen – im Juli 2015 die gemeinsame Flugbörse.

„Delta-Echo-Foxtrott-Papa-Bravo“, meldet sich Cessna-Pilot Fritz beim Tower des Köln-Bonner Airports. Während der 53-Jährige auf 2 000 Fuß um den Kölner Dom kreist, handelt er mit dem Kontrollturm eine Kurzlandung auf Deutschlands siebtgrößtem Verkehrsflughafen aus.

Zunächst ohne Komplikationen. Dann aber, bereits im Anflug, muss er die zugewiesene Landebahn kurzfristig wechseln und nach Westen ausweichen. „Wir werden soeben von einem Linienjet überholt“, erklärt er beiläufig. „Geraten wir in dessen Luftwirbel, könnte uns das auf den Kopf legen.“

Wingly startete mit Gegenwind

Auch das Mitflugportal Wingly startete mit Turbulenzen. Gleich nach der Betriebsaufnahme meldete sich Frankreichs Pilotengewerkschaft mit massiven Protesten. Einen „Uber der Lüfte“ gelte es zu verhindern, wetterten die Arbeitnehmervertreter. So dreht das Start-up zunächst ab Richtung Deutschland, wo das Luftfahrtbundesamt der Idee aufgeschlossener gegenüberstand.

Inzwischen haben die drei Gründer mit den französischen Verkehrspiloten Frieden geschlossen, und auch in Großbritannien ist man aktiv. Dass der Flugvermittler etablierten Airlines Passagiere abluchst, ist ohnehin zweifelhaft. Zwar schafft selbst eine kleine Cessna mit 1 500 Kilometer Reichweite einen Flug nach Sylt oder Mallorca.

Doch nur wenige Geschäftsreisende dürften auf die Dienste der Hobbypiloten zurückgreifen, denn stets ist der Start abhängig vom Wetter. Zeigt sich die Sicht bescheiden, bleiben die Flieger am Boden. Zudem ist den Freizeitpiloten der gewerbliche Lufttransport verboten. Nur Teilen ist erlaubt, und zwar bei den Flugkosten. Mit rund 200 Euro pro Stunde gehen Chartergebühr, Tankfüllung und Flughafennutzung für den Hobby-Luftkapitän ins Geld. Findet er über Wingly einen Flugbegleiter, beteiligt sich dieser zur Hälfte.

Joachim Fritz in seiner Flugkanzel peilt die 60 Meter breite Landebahn in Köln-Bonn an. Nur Zentimeter über dem Asphalt reißt er den Steuerknüppel zur Brust und die Maschine damit steil nach oben. Was folgt, ist eine scharfe Rechtskurve, mit der er das Testgelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) überfliegt, währenddessen befindet er: „Alles, was mit Fliegen zu tun hat, ist unglaublich teuer.“

Ob sich der Einsatz finanziell für Wingly lohnt, muss sich noch zeigen. „Für das kommende Jahr haben wir erstmals einen Gewinn angepeilt“, sagt Mitgesellschafter Klein. Doch einfach wird das nicht. Denn nur 15 Prozent Provision und fünf Euro Gebühr pro Flug bleiben im Start-up hängen.

Bei den 15.000 Passagieren, die voraussichtlich 2018 mit Wingly in die Luft gehen, kommen somit rund 0,5 Millionen Euro zusammen. „So etwas rechnet sich nicht“, glaubt Martin Bott, Chef des schon 1994 gegründeten Wettbewerbers „Mitflugzentrale“. Kosten für Personal, Büroräume, Werbung und IT seien mit solchen Einnahmen kaum abzudecken. Bott hält seinen Web-Auftritt entsprechend schlicht – und nennt den kostenlosen Dienst ein „Spaßprojekt“.

Größere Ambitionen dagegen hat der in Leipzig gegründete Rivale Flyt.club. Das im Sommer 2015 gegründete Start-up profitiert allerdings von einem Stipendium des Bundeswirtschaftsministeriums, das für die Anfangsphase die Gehälter der Gründer zahlt Inzwischen nimmt die Cessna wieder Kurs auf den Heimatflughafen Hangelar bei Bonn, reduziert die Rotation des Propellers drastisch und landet sanft auf der grauen Piste.

Er sei als Pilot seit Jahren auch auf der „Mitflugzentrale“-Homepage gelistet, berichtet Fritz beim Aussteigen. Doch erst durch Wingly bekomme er regelmäßig Anfragen interessierter Fluggäste. Was er dadurch seither gespart habe? „Nichts“, sagt der vernarrte Hobbypilot. „Ich fliege jetzt einfach öfter.“

Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter
Startseite

Mehr zu: Flug-Vermittlung - Lars Kleins Mitflugportal Wingly – Das Parship der Lüfte

0 Kommentare zu "Flug-Vermittlung: Lars Kleins Mitflugportal Wingly – Das Parship der Lüfte"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.