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Fruchtsafthersteller Schlagabtausch in Russland: Eckes-Granini droht eine Millionenklage

Ein Streit um Markenrechte des deutschen Saftherstellers eskaliert. Inzwischen ermittelt auch die deutsche Staatsanwaltschaft wegen Untreue und Betrugs.
27.10.2020 - 04:09 Uhr Kommentieren
Der Manager führte Eckes-Granini 15 Jahre lang als Vorstandschef. Quelle: dpa
Thomas Hinderer

Der Manager führte Eckes-Granini 15 Jahre lang als Vorstandschef.

(Foto: dpa)

Berlin Strohmänner als Geschäftsführer, verschobene Vermögenswerte, Verlagerung der Russlandtochter an einen Mann, der wegen Beteiligung an organisierter Kriminalität in Lagerhaft saß. Das Urteil eines russischen Schiedsgerichts zum deutschen Safthersteller Eckes-Granini liest sich wie ein Sündenregister aus der Unterwelt und nicht wie Handlungen eines traditionsreichen Familienunternehmens.

Im Mai 2019 präsentierten die Juristen dem Mittelständler aus Rheinhessen die Rechnung: 49 Millionen Euro plus Gerichts- und Anwaltskosten sowie Verzugszinsen. Unter dem Strich: 57,5 Millionen Euro. Eckes-Granini will die Strafe nicht zahlen.

„Vollständig an den Haaren herbeigezogen“, nennen die Deutschen die Forderung ihres ehemaligen Geschäftspartners, der einst für sie das Saftgeschäft in Russland ausbaute. Das verlorene Schiedsverfahren sei „im Widerspruch zu den Regeln sowohl des russischen als auch des internationalen Rechts geführt“ worden.

In der Firmengeschichte von Eckes-Granini gibt es kein Beispiel für das, was das Unternehmen gerade durchmacht. 1857 vom Fuhrunternehmer und Landwirt Peter Eckes gegründet, entwickelte sich das Geschäft vom beschaulichen Nieder-Olm aus ebenso stetig wie erfolgreich.

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    1958 kam „Hohes C“ auf den Markt, der erste Orangensaft in Flaschen. 1994 erwarb Eckes von der Melitta-Gruppe die Firma Granini. Heute ist Eckes-Granini die größte auf die Herstellung von Fruchtsäften spezialisierte Unternehmensgruppe Europas.

    Der Streit, der Eckes-Granini heute belastet, begann vor knapp 20 Jahren als große Hoffnung. Der Familienspross Konstantin Eckes lernte am Rande der Werksbesichtigung der russischen Molkerei der deutschen Ehrmann-Gruppe Axel Hartmann kennen.

    Der deutsche Geschäftsmann hatte seit 1994 Lkw-Ladungen voll mit Nescafé, Schokolade, Fünf-Minuten-Terrinen und Joghurt nach Russland geschafft. Lebensmittel aus dem Westen fanden im Riesenreich reißenden Absatz. Im Laufe der Zeit war Ehrmann auf ihn aufmerksam geworden, heuerte Hartmann erst als Vertriebsleiter an, dann wurde er Generaldirektor der Gruppe in Russland.

    Dann fanden Eckes und Hartmann zueinander. Im Juli 2003, an Hartmanns Geburtstag, schloss er mit dem damaligen Vorstandschef von Eckes-Granini, Peter Thiel, in dessen Haus in Eltville am Rhein einen Kooperationsvertrag ab. Weitere Verträge folgten, laut Hartmann investierte er gemeinsam mit Partnern 20 Millionen Euro, um für Eckes-Granini eigens für den russischen Markt entwickelte Saftmarken sowie Granini-Säfte herzustellen, abzufüllen, zu lagern und zu vertreiben.

    Dazu übernahm Hartmanns Firma Aksis zusammen mit der Firma von Sergej Schmatko und dem Sohn von Boris Gromow den Saftabfüller Gutta und modernisierte die Anlagen. Laut den Kooperationsverträgen sollte dort für zehn Jahre Saft von Eckes-Granini produziert werden. 2005 war das Projekt so groß geworden, dass Hartmann dafür seinen Job als Generaldirektor bei Ehrmann aufgab.

    Seine russischen Geschäftspartner waren bekannte Politiker. Sergej Schmatko war von 2008 bis 2012 Russlands Energieminister. Seit 2013 ist der heute 54-Jährige Berater von Präsident Wladimir Putin für internationale Energiefragen. Boris Gromow führte einst Truppen im Afghanistankrieg, war Generaloberst der Sowjetarmee, stellvertretender Innenminister der Sowjetunion, stellvertretender Verteidigungsminister Russlands und von 2000 bis 2012 Gouverneur in Moskau. Er war damit Chef in dem Territorium, wo Gutta, der Geschäftspartner von Eckes-Granini, angesiedelt war.

    Lange Zeit blieben die Hintergründe im Dunkeln

    Die Kooperation lief gut an. In den Geschäftsberichten von Eckes-Granini wurde das starke Wachstum in Russland bis 2007 ausdrücklich gelobt. 2008 hieß es plötzlich, dass „die Anteile an der russischen Eckes-Granini-Gesellschaft im vierten Quartal veräußert wurden“.

    Die Hintergründe blieben viele Jahre im Dunkeln. Erst im Konzernabschluss 2017 stand: „Ende 2015 hat ein ehemaliger russischer Geschäftspartner für die Zusammenarbeit in den Jahren bis 2008 eine hohe Schadensersatzklage gegen Gesellschaften der Eckes Gruppe beziehungsweise deren derzeitige oder ehemalige Führungskräfte angekündigt. Die Klageerhebung erfolgte 2017. Der Vorstand sieht auf Basis der vorliegenden Informationen keine Grundlage, dass etwaige Ansprüche begründet wären.“

    Es kam anders. Im Mai 2019 sprach das Schiedsgericht der Moskauer Handelskammer ein Urteil. Mehrere Eckes-Granini-Gesellschaften sowie drei damalige Topmanager inklusive des damaligen Vorstandschefs Thomas Hinderer sollten 49.024.599,75 Euro Schadensersatz für angerichtete Schäden und entgangenes Geschäft zahlen.

    Hinzu kamen Gerichts- und Anwaltskosten des Klägers sowie fünf Prozent Verzugszinsen jährlich seit 2017. In Summe: rund 57,5 Millionen Euro.

    Die Firma ist heute die größte auf die Herstellung von Fruchtsäften spezialisierte Unternehmensgruppe Europas.
    Produktion bei Eckes-Granini

    Die Firma ist heute die größte auf die Herstellung von Fruchtsäften spezialisierte Unternehmensgruppe Europas.

    Warum? Eckes-Granini gibt zu den Details des Streits keine Auskunft. „Die Vorwürfe gegen Eckes-Granini und frühere Angestellte des Unternehmens sind ausnahmslos unbegründet und frei erfunden“, sagt Unternehmenssprecher Thomas Graf. Die Unternehmensführung in Nieder-Olm hätte das Thema längst abgehakt, bis sie sieben Jahre nach dem Ende der Geschäftsbeziehung plötzlich von einer Klage Hartmanns überrascht worden sei.

    Hartmann will lange nach der russischen Eckes-Tochter gesucht haben, um seine Millionenansprüche geltend machen zu können. Die Firma wurde, glaubt man den Urteilen der Juristen am Schiedsgericht, in Unterweltmanier „beerdigt“. Vor dem Schiedsgericht der Moskauer Industrie- und Handelskammer fand der Wiesbadener Gehör.

    Zwangsvollstreckung beantragt

    543 Seiten umfasst das Urteil mit dem Aktenzeichen A-2016/50-AH. Die Lektüre ist haarsträubend: „Obwohl den Beklagten klar war, dass Zahlungsverpflichtungen gegenüber der Gesellschaft des Klägers bestehen, wurden systematisch Vermögenswerte beiseitegeschafft, zum Teil auch durch eigene Bereicherungen einzelner Beklagter – zum Teil ohne eigene Bereicherungen und nur zugunsten von Eckes-Granini-Gesellschaften“, steht im Schiedsurteil.

    Die Manager des deutschen Saftherstellers hätten vorsätzlich „sittenwidrig“ gehandelt und „maßgeblich zur Insolvenz der Gutta in rechtswidriger Weise beigetragen“. Laut Schiedsspruch seien die Deutschen dabei erfinderisch gewesen. Mehrfach habe die russische Tochtergesellschaft ihren Sitz gewechselt, umfirmiert und an fiktive Adressen gemeldet. Es seien Strohmänner als Gesellschafter eingesetzt worden und die 2008 abgestoßene russische Eckes-Tochter am Ende sogar an einen Eigentümer übertragen worden, „der sich im Gefängnis befindet“ wegen organisierten Verbrechens.

    Dreimal scheiterte Eckes-Granini mit Anfechtungsklagen in der Sache – auch vor Zivilkammern, nicht nur vor dem Schiedsgericht. Die im Raum stehende Forderung von 57,5 Millionen Euro wiegt schwer. Die Eckes AG wies 2019 bei einem Umsatz von 920,8 Millionen Euro einen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 84,3 Millionen Euro aus. Da Eckes-Granini seinen Ex-Partner Hartmann bisher nicht bezahlte und ankündigte, dies auch künftig nicht zu tun, hat dieser Zwangsvollstreckung beantragt.

    Darüber verhandelt nun das Moskauer Arbitragegericht. Und es geht um etwas, was sich in Nieder-Olm niemand vorstellen mag: die Pfändung der Markenrechte für „Hohes C“, „Granini“ und andere Marken. Wenn er in Moskau einen entsprechenden Rechtstitel bekomme, „werde ich definitiv in weiteren europäischen Staaten Vollstreckungen beantragen“, sagte Hartmann dem Handelsblatt.

    Der deutsche Geschäftsmann hatte seit 1994 Lkw-Ladungen voll mit Nescafé, Schokolade, Fünf-Minuten-Terrinen und Joghurt nach Russland geschafft.
    Axel Hartmann

    Der deutsche Geschäftsmann hatte seit 1994 Lkw-Ladungen voll mit Nescafé, Schokolade, Fünf-Minuten-Terrinen und Joghurt nach Russland geschafft.

    Für Eckes-Granini ist diese Lösung undenkbar. Das Schiedsgericht habe in dem Verfahren „elementare Rechtsgrundsätze“ verletzt, rügen die Eckes-Vertreter. Einer der drei Schiedsrichter habe sogar ein abweichendes Sondervotum abgegeben. Allerdings haben neben diesem deutschen Anwalt als Schiedsrichter ein weiterer deutscher Anwalt sowie ein angesehener russischer Professor in dem Schiedsverfahren geurteilt – mehrheitlich für den heute 52-jährigen Hessen.

    Der Gerichtsstandort Moskau war beiderseitig einvernehmlich vereinbart worden. Dem Vorwurf von Eckes-Granini in Richtung russische Justiz widersprechen Russlandexperten deutlich: Der honorige deutsche Geschäftsmann Nikolas Knauf, dessen global bekanntes Baustoffunternehmen gleichen Namens zu den größten Auslandsinvestoren im Land zählt, lobte schon vor Jahren öffentlich das russische Rechtswesen „als eines der besten der Welt“.

    Matthias Schepp, der Chef der deutsch-russischen Auslandshandelskammer in Moskau, ist überzeugt: „Im Vergleich zu den wilden Neunzigerjahren hat sich die Situation eindeutig und drastisch zum Besseren verändert. Damals wurden Geschäftsstreitigkeiten nicht selten mit Waffen, Anschlägen und Auftragsmorden ausgetragen. Die Gerichte waren beinahe durch die Bank korrupt.“ Und Florian Schneider, Partner der Kanzlei Dentons in Moskau, ergänzt: „Gerade in Zivil- und Handelsstreitigkeiten hat sich die Rechtssicherheit in Russland im vergangenen Jahrzehnt stark verbessert.“ Die Verfahren seien transparent, und die Rechtssprechungspraxis „hat sich weiterentwickelt und gefestigt“.

    Auch in Deutschland droht Eckes-Granini Ungemach

    Wie immer das laufende Vollstreckungsverfahren endet – der Entschluss des Saftherstellers steht schon fest. „Eckes-Granini wird dieser Forderung unter keinen Umständen nachkommen“, sagt Unternehmenssprecher Graf, „Wir sind vielmehr entschlossen, von den rechtlichen Mitteln Gebrauch zu machen, die im Ergebnis bewirken, dass der russische Schiedsspruch in Deutschland oder anderswo nicht vollstreckt werden kann.“

    Nun droht auch in Deutschland Ärger: Seit April ermittelt die Münchener Staatsanwaltschaft auf Anzeige Hartmanns unter anderem wegen Urkundenfälschung, Bankrott, Untreue, Gläubigerbegünstigung, Bilanzdelikts und anderer Delikte. Andrea Mayer, Sprecherin der Staatsanwaltschaft München II, bestätigte dem Handelsblatt die Ermittlungen, die aber „bislang nicht abgeschlossen“ seien.

    Diese zielen gegen die drei Ex-Manager von Eckes-Granini, darunter Thomas Hinderer. Sie wurden vom Schiedsgericht mit den Eckes-Gesellschaften dazu verurteilt, für den Gutta entstandenen Schaden gesamtschuldnerisch zu haften. Hinderer führte Eckes-Granini 15 Jahre lang als Vorstandschef. Laut Schiedsspruch habe Hinderer „die geplante Aushöhlung der EG Rus (Eckes-Granini Russland) vorangetrieben und aktiv unterstützt“.

    Hinderer, seit drei Monaten Aufsichtsratsvorsitzender des über eine Milliarde Euro Umsatz schreibenden Cateringkonzerns Apetito AG, wollte sich wie Eckes weder dazu noch zu den kritisierten Geschäftspraktiken äußern. Sie stehen auch im krassen Widerspruch zu den eigentlich Familienunternehmen zierenden Unternehmenswerten: „In der ganzen Zeit, in der ich Führungsverantwortung hatte, war für mich eines klar: Du brauchst Menschen, denen du vertraust und die dir vertrauen. Das erfordert Offenheit und Geradlinigkeit, Berechenbarkeit und Fairness.“

    Das hatte der frühere Müller-Milch-Manager als CEO in seinem letzten Eckes-Granini-Geschäftsbericht 2019 geschrieben. Dabei habe er „versucht, meine persönlichen Wertvorstellungen und meinen Führungsstil, aber auch meine Managementprinzipien in die Organisation hineinzutragen. Ich glaube, das ist mir auch ganz gut gelungen.“

    Hartmann jedenfalls ist „maßlos enttäuscht“ vom Nieder-Olmer Saftriesen. Er plane jetzt eine weitere Schiedsgerichtsklage – zuerst wieder in Moskau: „Denn auf diesen Gerichtsstandort haben sich beide Seiten geeinigt.“ Und dann wolle er, juristischen Erfolg vorausgesetzt, europaweit Eckes-Granini-Marken pfänden lassen – bis er seine erstrittenen Millionen zusammen hat.

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