Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gerald Kassner Dem Schauinsland-Chef winkt eine millionenschwere Steuerrückzahlung

Zum 100. Firmenjubiläum bekommt der Reiseveranstalter die Rückfahrkarte für eine umstrittene Steuerzahlung. Das Urteil könnte Branchengeschichte schreiben.
Kommentieren
Von Duisburg-Marxloh in die weite Welt. Quelle: Schauinsland
Schauinsland-Chef Gerald Kassner

Von Duisburg-Marxloh in die weite Welt.

(Foto: Schauinsland)

Duisburg Magere Guthabenzinsen bereiten Unternehmer Gerald Kassner, 55, seit Längerem keine Sorgen mehr. 30 Millionen Euro hat der Alleininhaber des Duisburger Urlaubsveranstalters Schauinsland angelegt, und das mit einer jährlichen Rendite von satten sechs Prozent. Wo? Beim Finanzamt seiner Heimatstadt.

Die vorteilhafte, wenn auch nicht ganz freiwillige Geldanlage verdankt Kassner Nordrhein-Westfalens Groß- und Konzernbetriebsprüfung in Krefeld. Die hatte 2012 entschieden: Gewerbesteuer, die sich üblicherweise an der Höhe des Anlagevermögens orientiert, sei auch für vermittelte Hotelzimmer zu zahlen. Und das rückwirkend ab 2008.

Dem verdutzten Reiseveranstalter erklärte die Finanzverwaltung: Vermittelte Hotelzimmer seien so zu behandeln wie gemietete Büros oder gepachtete Lagerhallen, nämlich als steuerpflichtiges Anlagekapital. Zimmer fremder Hoteliers, so die Beamtenprosa, seien „fiktives Anlagevermögen“.

„Sinnwidrig“ sei das alles, findet Kassner. Für seinen Urlaubskonzern seien Übernachtungen schließlich Handelsware – und gehörten somit zum Umlaufvermögen. Der Unternehmer klagte beim Finanzgericht in Düsseldorf. 30 Millionen Euro, 80 Prozent der aufgelaufenen Steuerschuld, zahlte er trotzdem ans Finanzamt Duisburg.

Dem Geld steht nun eine lukrative Rückreise bevor, falls der Bundesfinanzhof dieses Jahr der Vorinstanz folgt. „Wir haben mit unserer Klage zu 100 Prozent gewonnen“, jubelt der Inhaber von Deutschlands sechstgrößtem Urlaubskonzern. Damit stünden ihm auf die irrtümlich erhobene Gewerbesteuer laut Gesetz sechs Prozent Zinsen zu.

Kassner, grauer Wuschelschopf, sportlicher Anzug, hat die Lesebrille auf die Stirn gerückt, um seinem Gegenüber besser in die Augen schauen zu können. „Den Schaden hat voraussichtlich die klamme Stadt Duisburg“, bedauert er, „obwohl nicht sie, sondern die Finanzverwaltung in Krefeld die Zahlung veranlasst hat.“

Die Sorge um die Heimatstadt ist aufrichtig. Der Ruhrmetropole am Rhein, deren Fußballstadion Schauinsland-Reisen seit 2010 als Namensgeber sponsert, verdankt das Unternehmen seine 100-jährige Geschichte.

Die ersten 80 Jahre verliefen allerdings bescheiden. Sechs Wochen vor Kriegsende 1918 hatte Gerald Kassners Großvater Erich einen kleinen Speditionsbetrieb gegründet, der Kohlen, Möbel und später die Zirkustruppe Fratellini transportierte. 1932 kamen fünf Reisebusse der Marke „Opel Blitz“ hinzu, mit denen Kassner senior vorzugsweise Ruhrgebietler in den Schwarzwald kutschierte – vorbei am Freiburger Hausberg „Schauinsland“, der später Namensgeber wurde.

Stürmischer Aufstieg

Doch selbst als die Firma Anfang der 70er-Jahre wuchs und mit LTU Urlauber nach Ibiza, Mallorca und zu den Kanaren flog, blieb sie übersichtlich. Das Wohnhaus in Duisburg-Marxloh, das seit Gründung als Firmensitz diente, erhielt einen Mauerdurchbruch zu zwei Nachbarhäusern. Das musste reichen. Bis 2006.

„Als ich die Geschäftsführung 1997 von meiner Mutter übernahm“, erinnert sich Kassner, „gab es bei uns gerade einmal 24 Mitarbeiter.“ Den Reiseboom nach der Wende erlebte Schauinsland nur von der Ferne. „Wir waren einfach zu klein, um im Geschäft mitzumischen.“

Das sollte sich in den Folgejahren gründlich ändern. In den Neubauten am Duisburger Innenhafen, von denen der jüngste 2018 bezogen wurde, residieren heute 430 Mitarbeiter.

Wie stürmisch der Aufstieg ausfiel, verdeutlichen die Konzernzahlen. Verbuchten die Duisburger 2001 gerade einmal 50 Millionen Euro Umsatz, waren es im Geschäftsjahr 2017/18 gut 1,34 Milliarden Euro. Hinter dem Erfolg, berichten Insider, steckt eine großzügige Vertriebspolitik. „Kassner bietet in seinen Katalogen nicht nur gute Produkte“, berichtet eine Agenturinhaberin, „er zahlt den Reisebüros auch eine auskömmliche Provision.“

Den Schaden hat voraussichtlich die klamme Stadt Duisburg. Gerald Kassner, Chef von Schauinsland-Reisen

Zehn Prozent vom Reisepreis gebe es, und das schon ab der ersten Buchung. Zum Vergleich: Die Tui-Tochter L’tur zahlt gerade einmal die Hälfte. Nur bei Reklamationen, bemängelt eine Vertriebsexpertin, zeige sich der Anbieter zuweilen wenig kooperativ.

Dem Wachstum tat das keinen Abbruch. Für Kreuzfahrtreedereien wie Aida, MSC oder Tui Cruises („Mein Schiff“) liefert Kassner inzwischen das Nebenprogramm an Land. Zudem erwarb er Anfang 2016 selbst eine Reisebürokette, die er auf 40 Standorte ausbaute. „Damit können wir unsere eigenen Produkte besser steuern“, begründet er den Zukauf in der vom Internet bedrohten Sparte.

Die Kauflaune ließ seither nicht nach. Mitte 2016 eröffnete Kassner das erste eigene Hotel auf Mallorca, dem vier weitere etwa auf den Malediven folgten. Um den Wettbewerbern Tui, Alltours oder FTI in der lukrativen Beherbergung nachzueifern, unterschrieb er sogar nach langer Pause wieder einen Bankkredit.

Eigene Luftflotte startete holprig

Der spektakulärste Zukauf folgte im August 2016. Mit 50 Prozent Geschäftsanteil stieg Kassner bei der Stralsunder Fluggesellschaft Sundair ein, um für den Fall einer Air-Berlin-Pleite vorbereitet zu sein. Der Plan ging zunächst schief. Die zwei bei der südamerikanischen Airline Latam erworbenen Airbus-320-Maschinen warteten monatelang auf eine Registrierung durch die EU-Luftaufsichtsbehörden.

Als der erste Jet im September 2017 abhob, war die Sommersaison vorüber. Weil man sich die verkauften Flüge ersatzweise bei Wettbewerbern besorgen musste, hinterließ das Abenteuer zunächst einen Millionenverlust. Statt einer Umsatzrendite von drei Prozent, die Schauinsland-Reisen 2016 veröffentlichte, habe es zuletzt nur noch für „etwa 2,5 Prozent“ gereicht, berichtet Kassner.

Aufgeben will er den Flugbetrieb dennoch nicht. Im Gegenteil. Zwei weitere A320-Flieger kaufte Sundair jetzt der Leasinggesellschaft von Air Berlin ab, zwei weitere A319-Maschinen sollen demnächst folgen. Nur Busse betreibt Schauinsland-Reisen seit 2004 nicht mehr. Statt Nostalgie sollen dieses Jahr Urlaubsziele wie Türkei und Ägypten für Wachstum sorgen. Ein Plus von fünf Prozent sei drin, glaubt Kassner.

Mit der Fluggesellschaft verknüpfte der Schauinsland-Chef auch ein familiäres Ziel. Sohn Steffen, 24, absolviert in der Berliner Sundair-Dependance ein Praktikum. „Er hat mir noch nicht gesagt“, stapelt der Vater tief, „dass er an Schauinsland kein Interesse hat.“ Die Familientradition, hofft er, könnte damit erhalten bleiben.

Große Überredungskünste kann sich Kassner wohl sparen. Jeder Euro, den er ins Geschäft gesteckt hat, verzinste sich zuletzt netto mit guten 9,35 Cent. So betrachtet war der scheinbar clevere Deal mit dem Finanzamt für den studierten Tourismusbetriebswirt noch ein schlechtes Geschäft.

Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter
Startseite

0 Kommentare zu "Gerald Kassner: Dem Schauinsland-Chef winkt eine millionenschwere Steuerrückzahlung"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote