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Handelskonzern So begründet Tengelmann-Chef Haub den drastischen Stellenabbau

Christian Haub baut den Handelskonzern zu einer schlanken Holding um. Das kostet fast alle Stellen in der Zentrale – doch Haub sieht keine Alternative.
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Der Tengelmann-Chef wird von Deutschland aus die Holding führen. Quelle: PR
Christian Haub

Der Tengelmann-Chef wird von Deutschland aus die Holding führen.

(Foto: PR)

Mülheim an der RuhrAm vergangenen Wochenende war Christian Haub zum Shoppingbummel in der Essener Innenstadt. Der Tengelmann-Chef macht das gern, um nach 30 Jahren in den USA wieder ein Gefühl für die alte Heimat zu bekommen. Und was er beobachtet hat, bestärkte ihn in seinen Entscheidungen: leer stehende Ladenlokale und Menschen, die durch die Geschäfte bummeln, aber viel weniger kaufen, weil sie die Waren dann online bestellen.

„Es gibt kein Standardrezept, wie sich der klassische Handel in Zukunft entwickeln muss“, sagt Haub im Gespräch mit dem Handelsblatt. Aber gerade deswegen müsse man versuchen, so weit wie möglich in die Zukunft zu schauen, um sich auf die Veränderungen rechtzeitig einzustellen.

Das hat nun drastische Konsequenzen auch für das Unternehmen. Die Tengelmann-Holding in ihrer heutigen Form wird weitgehend aufgelöst, der traditionsreiche Unternehmensstandort an der Wissollstraße in Mülheim an der Ruhr wird aufgegeben. Die meisten der 250 Stellen in der Verwaltung fallen weg.

Er bedauere das sehr, aber es gehe nicht anders. „Es gibt große Veränderungen in unseren Märkten“, begründet er den Schritt. „Deswegen müssen wir uns in der Holding künftig stärker auf strategische Themen fokussieren.“ Die operative Führung soll weitgehend auf die Beteiligungsunternehmen wie Obi, Kik oder Tedi übergehen.

„Wir wissen, wo wir hinwollen, die Kernfragen sind geklärt, aber wir haben noch nicht alle Details“, sagt der 54-Jährige. Neun Monate hat sich das Unternehmen gegeben, um Antworten auf noch offene Fragen zu finden. So lange haben alle Mitarbeiter eine Beschäftigungsgarantie. Der neue Standort der Holding soll wieder in Mülheim sein, „um bei aller notwendigen Veränderung auch der Tradition noch die Stange zu halten“, so Haub.

Was wie eine Zäsur wirkt, stellt die folgerichtige Fortschreibung der Unternehmensgeschichte in die Zukunft dar. Christian Haub – Tengelmann-Chef

Ausgelöst hat all dies letztlich ein furchtbares Ereignis im März vergangenen Jahres. Christian Haubs Bruder Karl-Erivan, der das Unternehmen operativ geführt hatte, war von einer Skitour nicht zurückkehrt. Auch wenn er bis heute nicht gefunden wurde, war schnell klar, dass Christian die alleinige Verantwortung übernehmen musste. Und heute zeigt sich, dass er den strategischen Wandel schneller und konsequenter zu Ende führen wird.

Im Grunde wird aus dem operativen Unternehmen Tengelmann eine schlanke Beteiligungsholding – ein Weg, den auch andere Unternehmerfamilien wie beispielsweise die Haniels bereits eingeschlagen haben. Christian Haub, der eine Ausbildung als Investmentbanker absolviert hat, leitete bisher aus den USA die Venture-Capital-Gesellschaft, in der die Familie ihre US-Beteiligungen gebündelt hat, und baute das Family Office auf.

Nun verlegt der vierfache Vater seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Deutschland, um sich ganz der Firmenleitung widmen zu können. Es ist der vorläufige Höhepunkt des radikalen Umbaus eines traditionsreichen Familienunternehmens und des einst größten Handelskonzerns Deutschlands.

Aufstieg in den 1960er-Jahren

Vor mehr als 150 Jahren von Wilhelm Schmitz-Scholl als Großhandel mit Kolonialwaren gegründet, hat es die deutsche Handelsbranche geprägt wie kein zweites Unternehmen.

Den Grundstein für die Expansion im Einzelhandel legen Kaffeegeschäfte. Das erste eröffnet 1893 in Düsseldorf, schon vor dem Ersten Weltkrieg umfasst das Netz 560 Filialen.

Ihren eigentlichen Aufstieg erlebt die Tengelmann-Gruppe jedoch erst Ende der 1960er-Jahre. Da der letzte direkte Nachfahre des Gründers, Karl Schmitz-Scholl, kinderlos stirbt, wird sein Neffe, Erivan Haub, allein geschäftsführender Gesellschafter der Gruppe. Der hatte seine berufliche Karriere in den USA gestartet und, inspiriert vom dortigen Handel, hochfliegende Pläne für das Unternehmen.

Den Anfang macht er 1969 mit dem Kauf des Konkurrenten Kaiser’s. Durch immer weitere Übernahmen baut er sein Reich aus, mehr als 20 Firmen kauft er und steigert die Erträge um das Fünfzigfache. Doch schon in den 90er-Jahren zeigen sich erste Risse im Tengelmann-Imperium. Preiskämpfe in der Lebensmittelbranche lassen die Gewinne erodieren, doch Erivan Haub ist nicht bereit, Mitarbeiter zu entlassen oder Filialen zu schließen.

So rutscht Tengelmann mehr und mehr in die Krise, Haub muss einen dreistelligen Millionenbetrag aus seinem Privatvermögen zuschießen. Nach einigen innerfamiliären Kämpfen willigt Haub im Jahr 2000 ein, das Unternehmen an die nächste Generation zu übergeben. Sein Sohn Karl-Erivan Haub übernimmt die schwierige Aufgabe der Sanierung.

Haub holt neuen starken Mann in die Führung

Er trennt sich radikal von unrentablem Geschäft und verkauft letztlich sogar das Herz des Unternehmens, die Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann. Nun muss Christian Haub weiterführen, was Karl-Erivan nicht mehr zu Ende bringen konnte.

„Was wie eine Zäsur wirkt, stellt die folgerichtige Fortschreibung der Unternehmensgeschichte in die Zukunft dar“, beteuert Christian Haub. Doch schon die personellen Veränderungen an der Unternehmensspitze zeigen, dass für Tengelmann eine neue Zeitrechnung beginnt.

Neuer starker Mann neben Haub in der Führung der Holding wird Andreas Guldin als Chief Strategy Officer. Guldin ist sein engster Vertrauter aus seiner US-Zeit. Für personelle Kontinuität steht nur Ágnes Faragó, die Finanzchefin bleibt.

Auch den Beirat hat Haub umgebaut. Der bisherige Beiratsvorsitzende Thomas Kramer hat das Gremium nach zehn Jahren verlassen, geleitet wird es jetzt von Franz Markus Haniel. Auch seinen Bruder Georg, der ein eher schwieriges Verhältnis zu Karl-Erivan hatte und auf Distanz zum Unternehmen gegangen war, hat er in den Beirat zurückgeholt.

Beim Antritt von Christian Haub im vergangenen April hatten einige im Umfeld der Familie gezweifelt, ob der freundlich, aber zurückhaltend auftretende Manager das Zeug dazu hat, das Unternehmen allein zu führen. Jahrelang war er nur öffentlich in Erscheinung getreten, wenn es um wohltätige Aktivitäten der Familie ging, das Unternehmen war ganz auf seinen Bruder zugeschnitten.

Doch er hat mit seinen klaren und raschen Entscheidungen der vergangenen Monate viele positiv überrascht. „2019 wird ein Transformationsjahr, 2020 können wir dann nach vorn schauen und die strategischen Herausforderungen angehen“, sagt er selbstbewusst.

Nun möchte er auch die nächste Generation der Familie rascher in den Gesellschafterkreis aufnehmen und an die Verantwortung heranführen, wie er sagt. Denn einen Fehler seines Vaters will er nicht wiederholen: „Ich möchte das Unternehmen in guter Verfassung an die kommende Generation übergeben.“

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