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Hörakustikkette Hörgeräte-Anbieter Alexander Kind: „Politik hat den Mittelstand vergessen“

Deutschlands führende Hörakustikkette hat zwar geöffnet, doch die Angst vor Corona sitzt bei den Kunden tief. Firmenchef Alexander Kind ist von der Politik enttäuscht.
21.04.2020 - 20:13 Uhr Kommentieren
Der Chef des Hörgeräte-Anbieters fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Quelle: Gerhard Westrich/laif
Dr. Alexander Kind

Der Chef des Hörgeräte-Anbieters fühlt sich von der Politik im Stich gelassen.

(Foto: Gerhard Westrich/laif)

Düsseldorf Die Coronakrise bereitet Unternehmer Alexander Kind derzeit schlaflose Nächte. „Unsere Situation ist dramatisch“, sagt der Chef von Deutschlands größter Hörgerätekette. Anders als sein temperamentvoller Vater Martin Kind ist der Unternehmer sonst eher für leise Töne bekannt. Doch nun nimmt der 46-Jährige kein Blatt vor den Mund.

Hörgeräteakustiker und Augenoptiker gehören zu den systemrelevanten Gesundheitshandwerkern. „Beide Handwerke hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in seiner ersten Ansprache zum Corona-Lockdown sogar ausdrücklich so erwähnt“, sagt Kind. Doch trotz Systemrelevanz sind die Geschäfte in den Filialen praktisch zum Erliegen gekommen.

„Nach dem Lockdown herrschte erhebliches Chaos“, ärgert sich der Unternehmer. Denn jedes Bundesland und jede Kommune legte die Coronaverbote anders aus. „So standen in etlichen unserer rund 700 Filialen plötzlich Polizei und Ordnungsamt und haben eine Schließung veranlasst. Das hat unsere Mitarbeiter stark verunsichert“, sagt Kind, der in St. Gallen promovierte und eigentlich Wirtschaftsprofessor werden wollte.

Und auch Kunden sind verängstigt. Die meisten der etwa 5,4 Millionen Schwerhörigen hierzulande gehören zur Corona-Risikogruppe – allein schon wegen ihres Alters. Seit Montag sind die Kind-Filialen wieder mehrheitlich geöffnet. Doch die Angst vor Corona sitze noch tief, sagt Kind. Die Erlaubnis zur Öffnung vieler Läden ohne Abbau der Ängste werde wenig bringen.

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    Die meisten der 3.500 Mitarbeiter waren bis vergangenen Montag in Kurzarbeit. Das Geld stockte das Familienunternehmen aus Burgwedel bei Hannover auf. Bisher boten die Kind-Filialen nur einen zweistündigen Notdienst am Tag an – vor allem für Reparaturen und Services.

    „Wir haben aber kaum Neukunden empfangen. Die Innenstädte waren ohnehin leer“, berichtet Kind. „Unser Tagesumsatz lag nahe null – unsere Kosten liefen mehrheitlich weiter.“

    Es geht nicht ohne Kredite

    „Im Gegensatz zu vielen anderen zahlen wir unsere Mieten, mit manchen Vermietern sind wir in Gesprächen über temporäre Reduktionen und Stundungen“, sagt Kind. Wettbewerber wie Geers hingegen, mit rund 650 Filialen die Nummer zwei hinter Kind, sind bei ihren Mietstundungen rigoroser.

    „Wegen der Umsatzeinbrüche oder Schließung von Fachgeschäften könnten die Mieten bis auf Weiteres nicht mehr gezahlt werden“, kündigte Geers-Eigner Sonova Ende März in einem Brief an Filialvermieter an. Zum Schweizer Konzern gehört auch die Kette Vitakustik mit mehr als 250 Fachgeschäften in Deutschland.

    Auch kleinere Wettbewerber stehen in der Krise zum Teil besser da als Kind. Hörgeräteakustiker, die einen eigenen Laden betreiben, können als Soloselbstständige auf bis zu 15.000 Euro Soforthilfen hoffen – je nach Bundesland. Solche Hilfen stehen dem Filialisten Kind nicht zu.

    Die Bundesinnung der Hörakustiker fordert, den geplanten Rettungsschirm für Gesundheitsberufe auch auf ihre Branche auszudehnen. Derzeit sollen nur Zahnärzte, Heilmittelerbringer und Eltern-Kind-Kuren Einnahmeausfälle teilweise ersetzt bekommen.

    „Es kann nicht sein, dass etwa Masseure, Logopäden oder Fußpfleger systemrelevanten Gesundheitshandwerken vorgezogen werden“, beschwert sich Jakob Stephan Baschab, Hauptgeschäftsführer der Innung. Niemand könne auf Hörakustiker verzichten. Diese machten aber derzeit hohe Verluste und benötigten schnell finanzielle Mittel.

    Filialist Kind wird Kredite aufnehmen müssen, um den Umsatzeinbruch zu kompensieren. Doch anders als bei Konzernen wie Adidas, die in kurzer Zeit Milliarden Euro von der KfW genehmigt bekämen, dauere das für Mittelständler unendlich länger, ärgert sich der Familienunternehmer.

    „Die kleinen Firmen bekommen Soforthilfe, Konzerne Staatshilfe, den Mittelstand aber hat die Politik anscheinend vergessen.“ Seine Anfragen an die Politik hierzu seien inhaltlich unbeantwortet geblieben.

    „Wir waren ein kerngesundes Unternehmen“

    Vor Corona liefen die Geschäfte von Kind nach eigenen Angaben „sehr gut“. „Wir waren bisher ein kerngesundes Unternehmen und haben stetig investiert“, sagt Kind. 2017 lag der Umsatz bei 270 Millionen Euro. Seitdem sei er weiter gestiegen, mehr verrät der Familienunternehmer nicht. Nur dass man auch mit dem Ergebnis zufrieden gewesen sei.

    1970 hatte Vater Martin Kind den Akustikerladen seiner Eltern in Hannover übernommen und ihn zur größten deutschen Kette ausgebaut. Mit dem Kauf des Thüringer Hörgerätewerks Audifon 2004 wurde der Händler auch zum Hersteller – der letzte, der in Deutschland fertigt.

    Der Slogan „Ich hab ein Kind im Ohr“ machte die Kette bundesweit bekannt. Die Kampagne dazu hatte Alexander Kind initiiert. Ansgar Heise, Chef der Mediengruppe Heise, kennt ihn seit der Schulzeit als feinfühligen Menschen: „Ein ganz anderer Charakter als sein Vater, der als Lautsprecher stark nach außen wirkt. Alexander Kind wirkt als Unternehmer eher nach innen.“

    2016 wagte der Sohn den Schritt in das neue Geschäftsfeld Augenoptik: In knapp 100 der 700 deutschen Kind-Filialen gibt es heute nicht nur Hörhilfen, sondern auch Sehhilfen. Der Markt verändert sich. Auch Fielmann und Apollo verkaufen heute Hörgeräte.

    Kinds Ziele sind ehrgeizig: „Wir wollen die Nummer drei der deutschen Optiker werden – nach Fielmann und Apollo“, kündigte er vor drei Jahren an. Mit Brillen im Schaufenster sinke die Hemmschwelle, das Geschäft zu betreten. Nun ist es das Coronavirus, weshalb sich Kunden nicht in die Läden trauen.

    „2020 sollte ein Rekordjahr werden. Die Zwangsschließungen durch Corona treffen uns mit voller Wucht“, sagt Kind. Entscheidend auf dem Weg zur Normalität sei nun, dass die Politik klare Rahmenbedingungen setze. „Nur so können die Ängste bei Kunden schrittweise abgebaut werden“, betont Kind. Hörakustiker hätten immer hohe Hygienestandards und diese nun aktuell nach den Vorgaben angepasst.

    Kind gibt sich trotz allem zuversichtlich. Er hofft, „mit zwei blauen Augen“ aus der Krise zu kommen.

    Mehr zum Thema: Selbst solide Mittelständler geraten wegen Existenz in Existenznot.

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