Industriegase-Spezialist Das Schicksal der Messer Group hängt an der Fusion von Linde und Praxair

Stefan Messer will sein Unternehmen mit dem Kauf des US-Geschäfts von Linde zu alter Stärke bringen. Die Kartellbehörden könnten das nun vereiteln.
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Der Chef der Messer Group hofft auf eine erfolgreiche Fusion von Linde und Praxair. Quelle: Messer Group
Stefan Messer

Der Chef der Messer Group hofft auf eine erfolgreiche Fusion von Linde und Praxair.

(Foto: Messer Group)

Bad SodenBeim Blick ins Archiv muss Stefan Messer laut lachen. Es war im Jahr 2005, als der Unternehmer in einem Interview gestand, dass er von Finanzinvestoren und deren Renditevorstellungen „nun erst mal genug habe“. Kurz zuvor hatte er seine bisher größte unternehmerische Tat vollbracht und zwei Finanzinvestoren deren Mehrheitsanteile am Industriegase-Spezialisten Messer abgekauft. Das von seinem Großvater 1898 gegründete Unternehmen war endlich zurück in Familienhand.

Noch heute ist Stefan Messer stolz darauf, wie er damals Goldman Sachs und Allianz Capital nach drei Jahren Zusammenarbeit vom Ausstieg überzeugte. Familienunternehmer und Private Equity – das geht schließlich selten lange gut. Doch 14 Jahre nach dem Deal muss er amüsiert feststellen, dass sich Geschichte wiederholt. Nur, dass Messer diesmal einen Finanzinvestor freiwillig ins Unternehmen bittet.

Messer setzt zu einem Coup an, der dem von 2004 kaum nachsteht. Für 2,8 Milliarden Euro will das Unternehmen fast das komplette Nordamerikageschäft von Linde sowie Standorte in Lateinamerika übernehmen. Die Messer Group würde damit in eine völlig neue Dimension wachsen: Es käme damit mehr Umsatz hinzu als bisher. Und sie müsste sich dafür kräftig verschulden.

„Die Chance ist einmalig“

Auf 1,2 Milliarden Euro Umsatz kam Messer 2017. Rund 1,4 Milliarden Euro bringen die Amerikageschäfte, die Linde im Zuge der Fusion mit Praxair aus kartellrechtlichen Gründen verkaufen will. So eine Übernahme kann Messer nicht allein stemmen.

Der Unternehmer hat sich den Finanzinvestor CVC an die Seite geholt. Andere Familienunternehmen würden vor so einem Deal zurückschrecken. Messer jedoch sagt: „Die Chance ist einmalig.“ Mit hellem Hemd und dunkler Fliege sitzt er in seinem Büro und wirkt sehr entspannt, wenn er durch die großen Glasfenster über die Häuser von Bad Soden im Taunus blickt.

Doch nun ist plötzlich wieder offen, ob der Sprung in die Weltklasse wirklich gelingt. Denn die US-Kartellbehörde FTC hat überraschend verkündet, ihr reichten die geplanten Verkäufe an Messer für eine Genehmigung nicht aus. Auch beim Käufer soll sie Bedenken haben. Bei Messer wollte man sich nicht zu der neuen Lage äußern – nun müsse erst einmal die weitere Entwicklung abgewartet werden.

„Linde bremst auch den Dax aus“ – Platzt der Deal mit Praxair?

Dabei wäre der Deal für das Unternehmen so wichtig, wäre es doch die wohl letzte Gelegenheit einer Großübernahme in dem stark konzentrierten Markt. Es steckt aber auch ein familiäres Motiv darin. Für Stefan Messer wäre es der entscheidende Schritt zur Vollendung seines Lebenswerks, die Firma zu alter Stärke zurückzuführen. „Es ist mein größtes Ziel, das Unternehmen gut und reibungslos an die nächste Generation zu geben“, sagt er.

Wer sich fragt, woher er den Mut zu so einer Übernahme nimmt, muss in die Vergangenheit dieses Mannes schauen. Sie erzählt von einer Kämpfernatur.

Als 1997 sein Vater starb, musste Stefan Messer ohne geregelte Übergabe ins kalte Wasser springen. Es war sogar eisig kalt: Das Unternehmen gehörte damals mehrheitlich zur Hoechst AG und war hochverschuldet. Der Chemiekonzern hatte kein Interesse mehr an Messer, er befand sich in der Auflösung und wollte den Industriegasehersteller verkaufen.

Der damals 42-jährige Stefan ging als Minderheitsgesellschafter in die Geschäftsführung und erlebte dort wie auch im Kreis seiner Familie Streit und Konflikte. Ein Kauf der Hoechst-Anteile durch die Familie kam auch finanziell nicht infrage. Schließlich übernahmen Goldman Sachs und Allianz Capital die Zweidrittelmehrheit und setzten Stefan Messer als Geschäftsführer ein.

„Am Ende war das für uns glücklich“, erinnert sich Messer. „Wir konnten das Unternehmen zeitlich befristet mit den Finanzinvestoren sanieren und dann deren Anteile übernehmen.“ 2004 war es so weit, allerdings zu einem hohen Preis: Um das Geld für den Rückkauf aufzubringen, musste Messer große Teile des Unternehmens verkaufen – das Deutschlandgeschäft ebenso wie die Nordamerika-Standorte, die an Konkurrent Air Liquide gingen.

Messer war 2004 zwar zurück in Familienhand, aber deutlich geschrumpft. Doch der Firmenchef kämpfte sich in den folgenden Jahren wieder zurück. Erst in Deutschland – und bald vielleicht durch die Übernahme der Linde-Standorte in Nord- und Südamerika.

Für den geplanten Deal mit Linde hat Messer ein geschicktes Konstrukt gewählt: Die zugekauften Geschäfte sollen nicht in die Gruppe integriert werden, sondern kommen in ein Gemeinschaftsunternehmen mit CVC. Der Finanzinvestor schießt das Eigenkapital für die Übernahme zu, Messer wiederum bringt seine westeuropäischen Geschäfte als Wert in das Joint Venture ein. Auf dieser Basis kommen beide Partner an die nötige Finanzierung durch die Banken.

Private Equity wäre damit nach 14 Jahren wieder zurück in der Messer Group. Sicher nicht aus Liebe, sondern aus rein rationalem Kalkül. „Wir haben uns für CVC entschieden, weil die sehr viel Erfahrung auch in der Restrukturierung mitbringen“, sagt Messer. Noch wichtiger war aber die persönlich Ebene: CVC wird in Deutschland von Alexander Dibelius geführt, den Messer schon lange kennt.

Dibelius war Deutschlandchef von Goldman Sachs, als der Finanzinvestor an Messer beteiligt war. Zwischen 2001 und 2004 arbeiteten sie gemeinsam bis zum Ausstieg an der Neuausrichtung des Gaseherstellers. Messer lobt das gutes Vertrauensverhältnis, das beide seit Langem haben. „Er weiß, was wir erreichen wollen und umgekehrt“, sagt Messer.

Übernahme wäre ein Kraftakt

Branchenexperten geben Messers US-Plänen gute Chancen. „Es ist ein mutiger, aber sinnvoller Schritt“, sagt Chemieanalyst Markus Mayer von der Baader Bank zu einer Übernahme der Linde-Geschäfte. „Die Marke Messer ist in Nordamerika bekannt, zudem ist mit CVC ein starker Finanzpartner an der Seite.“

Es sei ohne Frage ein Kraftakt für Messer. Doch dürfte das stabile Geschäft in den nächsten fünf Jahren einen starken Cashflow abliefern. Möglicherweise ist dann schon der Ausstieg von CVC beschlossene Sache. Denn Messer will das Joint Venture in einigen Jahren gerne komplett übernehmen und integrieren. Ein Börsengang wäre zwar auch möglich, aber den würde der Unternehmer persönlich lieber ausschließen.

Stefan Messer sieht sich durch den Erfolg aus dem Jahr 2004 für das neue Projekt mit CVC bestärkt. „Es war motivierend, dass wir diesen Schritt nun mit den gleichen oder ähnlichen Leuten machen können, wie sie damals schon dabei waren“, sagt er.

Für seine Leistung erntet die Kämpfernatur allerorts Anerkennung. „Es ging ihm immer um Zukunftsfähigkeit und den Erhalt des generationenübergreifenden Erbes“, sagt Tom Rüsen, geschäftsführender Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen. Messer sei ein Familienunternehmer aus dem Bilderbuch, der sich von persönlichen Rückschlägen nie habe entmutigen lassen.

Ein weiteres Schicksal hat Stefan Messers Willenskraft gestärkt. 2008 erkrankte er an Zungenkrebs. Fast ein Jahr fiel er aus, aber er gewann den Kampf gegen die Krankheit. „Ich glaube schon, dass mich das mutiger und ausdauernder gemacht hat“, erzählt er. Heute lebe er mit kleineren Einschränkungen, fühle sich aber „topfit“.

Als Unternehmer setzt Messer auf Respekt und Vertrauen zu seinen Mitarbeitern, ihm ist der Zusammenhalt im Unternehmen wichtig. Die Integration des neuen Amerikageschäftes will er mit ihnen noch persönlich zum Erfolg führen.

Die nächste Generation könnte dies schon miterleben: Schwiegersohn und Sohn sind bereits im Unternehmen tätig. „Wenn alles gut integriert ist und die beiden so weit sind, dann würde ich mich ausklinken“, sagt Messer und fügt schnell hinzu. „Ich bin aber erst 63 Jahre alt und möchte weiter mitwirken.“

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