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Interview Familienunternehmer Friedhelm Loh: „Europa bleibt nichts anderes übrig, als ein eigenes Cloud-System zu etablieren“

Der Chef der Friedhelm-Loh-Gruppe spricht über die Chancen der europäischen Cloud-Initiative Gaia-X und wie schwer es ist, langfristig ein Familienunternehmen zu bleiben.
11.07.2021 - 12:37 Uhr Kommentieren
Formte einen relativ kleinen Mittelständler zum Weltkonzern. Quelle: Friedhelm-Loh-Gruppe
Friedhelm Loh

Formte einen relativ kleinen Mittelständler zum Weltkonzern.

(Foto: Friedhelm-Loh-Gruppe)

Düsseldorf Der Familienunternehmer Friedhelm Loh, Vorstandschef und Eigentümer der gleichnamigen Gruppe, war einer der ersten und lautesten Fürsprecher der europäischen Cloud-Initiative Gaia-X. Auch jetzt verteidigt er das Projekt gegen Kritik.

Es handele sich um „eine absolute Schlüsseltechnologie“, die inzwischen auch in Europa Geschwindigkeit aufgenommen habe. Es gehe um Datensouveränität. Loh rechnet fest damit, dass es künftig „immer mehr politische Institutionen geben wird, die eine Zusammenarbeit etwa mit Microsoft auf diesem Gebiet grundsätzlich untersagen werden.“ Das gebe dem Projekt, trotz des zeitlichen Rückstands auf die amerikanischen Wettbewerber, eine echte Chance.

Viele große Konzerne und Familienunternehmen gingen digitale Projekte jetzt grundsätzlich beherzt an. Loh, der einst selbst einen relativ kleinen Mittelständler übernahm und vor der Pandemie 2,45 Milliarden Euro umsetzte, sorgt sich aktuell um viele kleinere und mittlere Unternehmen.

Es fehle ihnen an Know-how, Mitarbeitern und Infrastruktur. Deshalb fordert er von der künftigen Bundesregierung Hilfen für die Transformation im deutschen Mittelstand. In der Endphase der Coronakrise sei der Druck ohnehin groß. „Die Unternehmen brauchen Beratung, aber die kostet unheimlich viel Geld, das ist eine zusätzliche Last bei allen ohnehin notwendigen und teuren Investitionen in die digitale Infrastruktur der Firmen.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Loh, Sie gehören zu den ersten und lautesten Fürsprechern der europäischen Cloud-Initiative Gaia-X. Wie beurteilen Sie den Stand des Projekts?
Da es sich bei der Cloud um eine absolute Schlüsseltechnologie handelt, bin ich sehr dankbar, dass sich meine ursprüngliche Befürchtung nicht bewahrheitet hatte. Ich hatte Sorge, dass das Projekt aufgrund seiner Komplexität keine Geschwindigkeit wird aufnehmen können. Das ist glücklicherweise nicht der Fall, sondern es wird sehr konkret an ersten Anwendungen gearbeitet.

Die Wettbewerber vor allem aus Amerika sind Gaia-X indes weit voraus und längst am Markt sehr erfolgreich aktiv. Wie soll dieser Rückstand aufgeholt werden?
Politiker und Unternehmer verstehen zunehmend, dass das Thema Datensouveränität immer wichtiger wird. Und diese Datensouveränität können Sie nur in einem geschlossenen System sicherstellen. Was in nicht ausreichend geschützten Netzen alles passieren kann, haben die vergangenen Tage mit dem globalen digitalen Hackerangriff wieder auf erschreckende Art und Weise gezeigt. Anders ausgedrückt: Es bleibt uns in Europa gar nichts anderes übrig, als unser eigenes Cloud-System zu etablieren.

Aber die amerikanischen Anbieter sind doch ausdrücklich eingeladen worden, ebenfalls bei Gaia-X mitzuarbeiten. Ist das überhaupt noch ein rein europäisches Projekt?
Das ist nicht die entscheidende Frage. Die entscheidende Frage ist: Wie gelingt es uns, hier Datensouveränität herzustellen. Es wird mit Blick auf die nächsten Jahre immer mehr politische Institutionen geben, die eine Zusammenarbeit etwa mit Microsoft auf diesem Gebiet grundsätzlich untersagen werden. Das gibt dem Projekt, trotz des zeitlichen Rückstands, eine echte Chance.

Auch für den deutschen Mittelstand?
Dass der Mittelstand bisher keinen Sitz im Board von Gaia-X hat, ist schlecht. Die großen Spieler bestimmen das Vorgehen.

Machen Sie sich grundsätzlich Sorgen um den deutschen Mittelstand?
Offen gesagt, ja. Es fehlt den kleinen und mittleren Unternehmen an Personal und Know-how, bei den gewaltigen Herausforderungen der digitalen Transformation mitzuhalten. Die Lieferketten werden sich beispielsweise komplett verändern. Das muss antizipiert werden, mit den entsprechenden strategischen Handlungen in den Unternehmen.

Sie haben selbst bereits vor zwei Jahren mit der German Edge Cloud eine Gaia-X-Anwendung entwickelt. Dabei werden die Produktionsdaten zum Beispiel von Autozulieferern direkt neben der Produktionsstraße gesammelt und analysiert. Wie wird German Edge angenommen?
Es ist wie so oft bei neuen Technologien, dass sich die Unternehmen nicht gleich darauf stürzen, mal abgesehen von den obersten Etagen in der Autoindustrie. Vor allem die Hersteller treiben das Thema.

Und die rund 100.000 Autozulieferer in Europa müssen zwangsläufig mitmachen?
Ja, wenn man auf beiden Seiten das gleiche System hat, können beide Seiten in einem geschlossenen System kommunizieren, und zwar jeweils ganz nah am Produktionsprozess. Bosch ist schon dabei. Und klar ist natürlich: Die Hersteller haben ein großes Interesse daran, die Prozesse ihrer Zulieferer in ihrer Tiefe besser zu kennen.

Inzwischen haben auch die großen Cloud-Anbieter wie Microsoft, AWS und Google die Edge-Cloud im Programm …
Da sind alle dran! Das ist ein Hauen und Stechen, aber: Wir haben da Alleinstellungsmerkmale, wir machen die Software selbst und führen sie in den eigenen Unternehmen ein. 20 Prozent unserer Belegschaft sind inzwischen Software-Leute.

Als ich das Unternehmen von meinem Vater übernahm, hatte es 200 Mitarbeiter, die kannte ich alle. Heute sind es 11.000 mit vielen Geschäftsbereichen.

Aber reicht das, um gegen die Giganten der Hyperscaler zu bestehen?
Wir müssen es einfach versuchen. Wissen Sie: Die Komplexität bei der Vernetzung nimmt ja massiv zu. Andere können anderes besser. Aber wenn es um wirklich komplexe Zusammenhänge geht, dann passt das zu unserer Mentalität. Und wenn wir deswegen eine Chance haben, dann sollten wir sie ergreifen. Was glauben Sie, warum Elon Musk seine Fabrik in Deutschland baut? Er bekommt hier viel Know-how.

Die Schwarz-Gruppe hat sich mit dem Start-up Cloud and Heat vernetzt, um eine Cloud für den Mittelstand anzubieten. Wie schätzen Sie das Projekt ein?
Genauer kann ich es nicht beurteilen, aber im Grunde hat die Schwarz-Gruppe dasselbe Thema: Wie bekommt man die Zulieferer in die eigene Wertschöpfungskette integriert? Das wird jetzt auf den Mittelstand ausgerollt. Das ist sinnvoll – für beide Seiten.

Es kommt seit einiger Zeit immer wieder zu globalen Hackerangriffen. Was leiten Sie daraus ab?
Nehmen Sie die Edge-Cloud, die Datensouveränität bietet. Das ist ein Pfund für die Zukunft. Man kann technologisch hier viel machen, aber wir müssen die Menschen mit auf diese Reise nehmen.

Was meinen Sie damit genau? Wollen die Menschen nicht, oder können sie nicht?
Wenn Sie sehen, dass Mitarbeiter trotz guten Willens es nicht schaffen, die Transformation zu verstehen, weil sie von der Komplexität überfordert sind, dann fürchte ich eine digitale Spaltung der Gesellschaft, und zwar in eine Gruppe, die mithalten kann, und eine Gruppe, die zurückbleibt. Das müssen wir verhindern.

Wie denn?
Es ist die immer wiederkehrende Forderung nach erstklassiger Bildung. Wir brauchen Schulen, an denen junge Leute etwas ausprobieren können, und Akademien in den Unternehmen. Anders und kürzer ausgedrückt: Wir müssen die Mitarbeiter schulen, schulen, schulen. Und die Politik muss das mit eigenen Angeboten und Förderung eng begleiten.

Was erwarten Sie überhaupt vom beginnenden Bundestagswahlkampf? Die CDU hat sich – wie eigentlich immer – steuerpolitisch auf die Seite der Unternehmer geschlagen, hat aber bislang dafür kein eigenes Finanzierungkonzept vorgelegt. Macht Sie das unruhig?
Alle Parteien haben Schwierigkeiten, sich Budgetrahmen vorzustellen; die Steuererklärungen für 2020 sind noch nicht abgegeben. Hinzu kommt: Die nächsten drei, vier Jahre werden infolge der Coronakrise und der hohen Neuverschuldung ohnehin sehr kritisch, was die Finanzierung betrifft.

Die Politik hat die Digitalisierung als Megatrend erkannt. Quelle: dpa
Reichstag in Berlin

Die Politik hat die Digitalisierung als Megatrend erkannt.

(Foto: dpa)

Was erwarten Sie grundsätzlich von der nächsten Bundesregierung?
Die nächste Regierung sollte dem Mittelstand auf dem Weg in die Digitalisierung helfen. Der erste Schritt ist schon getan. Berlin hat die Digitalisierung als Megatrend erkannt. Es ist schon viel wert, dass niemand mehr anzweifelt, dass wir digitalisieren müssen. Es gibt hierzulande einen riesigen Nachholbedarf. Die Großindustrie hat das angenommen und geht hochmotiviert voran. Ich mache mir aber – wie vorhin schon einmal angesprochen – große Sorgen um die kleinen und mittleren Unternehmen.

Sie sprechen vom klassischen deutschen Mittelstand, den KMU?
Ja, die Unternehmen brauchen Beratung, aber die kostet unheimlich viel Geld, das ist eine zusätzliche Last bei allen ohnehin notwendigen und teuren Investitionen in die digitale Infrastruktur der Firmen.

Wie genau kann dabei die Politik helfen?
Das Mindeste, was wir von der Bundesregierung brauchen, ist eine hohe Planbarkeit, wir brauchen Kontinuität, wir brauchen Ruhe, wir brauchen auch keine Verbotsmentalität im Sinne von Freiheitsberaubung. Wir haben Corona weitgehend hinter uns, die Digitalisierung macht Druck. Wir haben genug zu tun. Deutschland aber muss ein Standort werden, in dem wir und andere gern investieren.

Während der Finanz- und Wirtschaftskrise war Ihr Gruppenumsatz um mehr als 30 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro eingebrochen. Damals brauchten Sie Jahre, um das Vorkrisenniveau wieder zu erreichen. Wie sieht es im Pandemiejahr 2020 aus?
Zunächst, es gab zwei Tendenzen im Jahr 2019. Erstens: Die Wirtschaft entschleunigte schon im Sommer 2019. Dann sind wir optimistisch ins Jahr 2020 gestartet, ehe der Abriss kam. Insgesamt haben wir 13 Prozent Umsatz weltweit verloren. China und Indien waren am problematischsten. Das Gute: Es geht jetzt schnell wieder los.

2021 werden Sie …
… wieder das Niveau von 2019 haben, was beim Umsatz etwa 2,6 Milliarden Euro entspricht.

Sie investieren auch außerhalb der Firmengruppe. Was sind aus Ihrer Sicht besonders spannende Technologien?
Software ist das wichtigste Thema, da werden wir in nächster Zeit eine Akquisition machen, zu der ich heute im Detail aber noch nichts sagen kann. Mich interessieren auch alle Batterie- und Speichertechnologien. Außerdem wird die Energieinfrastruktur immer wichtiger, denn bald braucht jedes neu gebaute Haus eine Photovoltaikanlage.

Was glauben Sie, warum Elon Musk seine Fabrik in Deutschland baut? Er bekommt hier viel Know-how.

Ihre Firmengruppe ist bisher ein klassisches Familienunternehmen, und doch sieht es so aus, als würden Ihre Kinder nicht übernehmen wollen?
Welcher Familienunternehmer will nicht seine Kinder im Unternehmen haben? Aber ich kann und will sie auch nicht zwingen. Es ist eine sehr große herausfordernde Aufgabe. Als ich das Unternehmen von meinem Vater übernahm, hatte es 200 Mitarbeiter, die kannte ich alle. Heute sind es 11.000 mit vielen Geschäftsbereichen. Man muss weise sein an der Stelle: Man kann die eigenen Kinder im übertragenen Sinne nur einmal verbrennen. Wenn sie einmal scheitern, dann sind sie gescheitert.

Inzwischen haben Sie ein Geflecht aus Stiftungen für Ihre Unternehmen gebildet. Ist das der Königsweg?
Königswege gibt es nicht. Wenn eine nächste Generation aus den verschiedensten Gründen nicht zur Verfügung steht, dann gibt es drei Wege: Erstens können Sie ein Management-Buy-out machen. Dafür ist unsere Gruppe aber viel zu groß. Zweitens können Sie verkaufen. Dann haben Sie viel Geld, aber das Unternehmen ist weg, und die Mitarbeiter sind nicht selten enttäuscht. Und drittens bleibt Ihnen der Weg mithilfe von Stiftungen. Dafür habe ich mich entschieden. Glücklicherweise haben wir die Situation, dass die Kinder zugunsten der Fortführung der Unternehmen auf einen Großteil des Erbes verzichten. Nur so kann dieser Weg aus meiner Sicht funktionieren.

Wie genau?
Man kann satzungsmäßig eine Struktur finden, die so nah wie möglich unternehmerisch ist und die damit auch der sozialen Verantwortung im Sinne der Arbeitsplatzsicherung gerecht wird. Die Menschen sollen langfristig bei uns eine Perspektive haben, auch hier am Standort. Ich bin da durch und durch von meinem christlichen Menschenbild geprägt, und zwar von der Schuhsohle bis zum Scheitel.

Herr Loh, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Mit diesem Vorhaben will ein deutscher Familienunternehmer Amazon und Microsoft herausfordern

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