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Interview zur Ukraine-KriseFamilienunternehmer Ulrich Bettermann: „Ich verstehe Putin nicht“

Der Mittelständler erklärt, wie er sein Energieproblem löst, was mögliche Sanktionen für sein Unternehmen bedeuten und warum er glaubt, dass Viktor Orban diese mittragen würde.Anja Müller 24.02.2022 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Der Familienunternehmer sorgt sich um die Energiesicherheit in Deutschland.

Foto: Julia Sellmann/laif

Düsseldorf. Familienunternehmer Ulrich Bettermann sorgt sich in der Ukrainekrise um die Energiesicherheit in Europa. „Wir müssen schauen, dass wir gasunabhängig werden. Wenn es gar nicht geht, dann müsste man auf Öl umstellen“, sagt der 75-Jährige im Interview mit dem Handelsblatt. Deutschland habe den Fehler gemacht, keine eigenen Reserven vorzuhalten und die Gasspeicher nicht selbst zu betreiben.

Sein Unternehmen OBO Bettermann produziert Befestigungsmaterial und zum Beispiel Kabelrinnen und ist sowohl in Russland als auch in der Ukraine aktiv. Im eigenen Betrieb hat Bettermann bereits eine Verzinkerei auf Flüssiggas aus Katar umgestellt. Die Kosten nimmt er dabei in Kauf. „Uns geht es nur um die Produktionssicherheit, nicht um Gewinn“, sagt er.

Im russischen Lipetsk, 450 Kilometer südlich von Moskau, hat OBO ein Werk mit rund 450 Mitarbeitenden. Rund fünf Prozent des Jahresumsatzes von zuletzt 800 Millionen Euro erwirtschaftet der Mittelständler nach eigenen Angaben in Russland. Bettermann selbst hat Waldimir Putin mehrfach getroffen. Für das Vorgehen des russischen Präsidenten hat der Unternehmer aber kein Verständnis, wie er betont. Eigene Projekte, etwa für eine Großverzinkerei, lägen auf Eis.

Bekannt wurde der Unternehmer, weil er 2013 mit einem seiner Firmenflugzeuge Michail Chodorkowski nach Berlin fliegen ließ. Darüber hinaus betreibt OBO eine große Produktion in Ungarn. Bettermann sieht sich als Freund von Ministerpräsident Viktor Orban, der sich gerade mit einem EU-Verfahren wegen Rechtsstaatsvergehen konfrontiert sieht. Inzwischen arbeiten mit 1420 Personen mehr OBO-Angestellte in Ungarn als im heimischen Menden.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Bettermann, haben Sie die Rede von Wladimir Putin vom Montag im Wortlaut gelesen?
Ja, und ich habe sie zum Teil live gehört. Wenn Sie bedenken, dass Donald Trump ihn gelobt hat, dann denkt man sich seinen Teil.

Sie haben den russischen Präsidenten mehrmals getroffen. Wie schätzen Sie ihn ein?
Ich verstehe ihn nicht. Man hat damals in der OSZE darüber gesprochen, dass die Nato da bleibt, wo sie war. Aber die baltischen Staaten und Polen wollten in die Nato. Auch die Ungarn. Die russische Bevölkerung bekommt ja schon mit, wie der Wohlstand sich heute in den anderen Ländern mit demokratischen Regierungen entwickelt.

Sie als Unternehmer müssen sich vor allem mit Energiefragen befassen. Mit welchen Szenarien rechnen Sie?
Wir müssen schauen, dass wir gasunabhängig werden. Wenn es gar nicht geht, dann müsste man auf Öl umstellen. Elektrisch geht es hierzulande nicht, da fehlt uns einfach Energie. Das ist in Frankreich wegen der Kernkraftwerke anders.

Sie haben bereits vor Wochen einen Notfallplan entwickelt für den Fall, dass Deutschland der russische Gashahn zugedreht wird. Sie haben nun Verträge für die Lieferung von Flüssiggas aus Katar?
Ja, der Plan wurde sogar vorgezogen. Diese Woche haben wir erstmals die Verzinkerei in Menden mit Flüssiggas aus Katar erfolgreich beheizt. Wir wollten es zum frühestmöglichen Zeitpunkt machen. Es hat alles geklappt, wir hatten einfach schon länger die Befürchtung, dass es zu Gasabschaltungen kommt. Das wäre eine Katastrophe. Für uns bliebe auch noch die Möglichkeit, auf Öl umzustellen, aber das dauert vier Wochen.

Im Moment fließt das Gas aus Russland ja noch...
Ja, aber keiner weiß, wie es aussieht, wenn es wirklich Krieg gibt.

Mittlerweile hat der Mittelständler in dem osteuropäischen Land mehr Mitarbeiter als im heimischen Menden.

Foto: OBO

Sie nehmen derzeit also weniger Gas aus Russland ab?
Wir nehmen etwas weniger Gas von den Stadtwerken ab, damit wir das Flüssiggas nutzen können. Wir fahren zweigleisig: Wir sichern uns bei dem Lieferanten für Flüssiggas ab, sodass wir bei einem Komplettversiegen des Russengases zu 100 Prozent arbeiten können und, was ebenso wichtig ist, auch beliefert werden. Das ist ein großes Problem. Man darf sich nicht abhängig machen bei so wichtigen öffentlichen Gütern wie Energie. Früher hatten wir eine nationale Reserve an Öl, in den 50er- und 60er-Jahren. Dass unsere Gasspeicher nicht dem Bund gehören, ist falsch.

Können Sie das Flüssiggas so einfach einspeisen?
Wir müssen die Düsen etwas anders einstellen, das geht am Laptop, das Flüssiggas hat einen wesentlich höheren Brennwert als das Gas, das aus Russland kommt.

Welche weiteren Maßnahmen ergreifen Sie zur Energiesicherung?
Für das Heizen unserer Produktionshallen wollen wir uns vom Gas unabhängig machen. In Ungarn machen wir das schon zu 70 Prozent mit Holzhackschnitzeln, hier in Menden fangen wir gerade damit an.

Aber mit Holzhackschnitzeln können Sie keine Verzinkerei betreiben?
Nein, da braucht man Gas, Öl oder Strom.

Sie wollten im Frühjahr mit dem Bau einer Großverzinkerei in Russland beginnen. Wie reagieren Sie nun?
Die Maschinen dafür sind bereits gekauft, aber die Umsetzung der Pläne liegt derzeit auf Eis, weil ich nicht weiß, welche Sanktionen uns treffen.

Welche Sanktionen würden Sie denn ergreifen?
Ich bin der Meinung, dass man die Sanktionen so ausgestalten muss, dass man die Politiker trifft und nicht die armen Menschen in Russland. Wir hoffen, dass wir weiterarbeiten können in Lipetsk.

Und wenn Swift aufgekündigt würde?
Dann müsste das russische Unternehmen eigenständig arbeiten, aber könnte keine Rohstoffe in der Welt kaufen, weil es sie nicht bezahlen könnte. Im Iran mussten wir unsere Tochter verkaufen, als Swift gekündigt wurde, aber da war damals nur Logistik und Vertrieb. Würde Swift Russland ausschließen, wäre das für unser Werk in Russland eine Katastrophe. Und das könnte das Ende bedeuten.

Ist Russland nicht viel autarker geworden?
Ja, das stimmt.

Ende vergangenen Jahres waren die Energiepreise ja bereits deutlich gestiegen, aktuell sind sie niedriger, aber bereits um acht Prozent gestiegen. Womit rechnen Sie?
Das ist Kaffeesatzleserei, doch der frühere Ministerpräsident Medwedew hat schon im Falle von Sanktionen mit anderen Preisen gedroht.

Russland-Projekte liegen auf Eis

Flüssiggas ist doch teurer als Erdgas?
Ja, aber ergiebiger. Uns geht es nur um die Produktionssicherheit, nicht um Gewinn.

Welche Projekte liegen bei Ihnen jetzt auf Eis?
Wir wollten einen Teil unserer Produktion von Ungarn nach Russland verlegen, weil dort die Löhne um ein Drittel niedriger sind. Das haben wir erst einmal verschoben.

Sie sind mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban befreundet. Glauben Sie, dass er auch weitreichenderen Sanktionen seitens der EU zustimmen würde?
Ja, er hat fünf Stunden mit Putin zusammengesessen. Die sind sich keinen Millimeter nähergekommen, aber er hat einen Gasvertrag mit Russland abgeschlossen. In Ungarn kümmert sich der Staat um die Energieversorgung.

Sie glauben, dass Herr Orban alle Sanktionen voll mitträgt?
Auf jeden Fall, sonst könnte er bei der Wahl einpacken.

Sie beschäftigen selbst 450 Mitarbeitende in Russland, was denken diese?
In Russland hat sich noch keine Mittelschicht etabliert, die sich umfassender international informiert, so wie in den umliegenden Ländern. Es gibt in Russland schon Menschen, die sagen, Russland wäre ein reicheres Land, wenn man nicht so viel Geld in Waffen gesteckt hätte. Aber es ist kein so großes Thema bei unseren Mitarbeitern.

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In der vergangenen Woche hofften Sie noch, dass die Verhandlungen zu einem guten Ende kommen, wie blicken Sie heute darauf?
Ich habe die Hoffnungen nicht aufgegeben, dass es gut geht. Ich habe den Kalten Krieg vom Anfang bis zum Ende erlebt und hätte nicht gedacht, dass wir uns damit jetzt noch mal befassen müssen.
Herr Bettermann, vielen Dank für das Interview.

Hinweis der Redaktion: Das Interview wurde vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine geführt.

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