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Italien Kaffee-Unternehmer Andrea Illy: „Wir erleben ein Versagen der politischen Führung“

Der jüngste der vier Illy-Brüder führt den Familienkonzern mit gezielter Strategie durch die Coronakrise. Im eigenen Land sieht er dringenden Reformbedarf.
16.05.2020 - 13:59 Uhr Kommentieren
„Ich glaube, dass wir eines der größten Versagen der politischen Führung in der Geschichte erleben.“ Quelle: Bloomberg
Andrea Illy

„Ich glaube, dass wir eines der größten Versagen der politischen Führung in der Geschichte erleben.“

(Foto: Bloomberg)

Rom Kaffee ist lebensnotwendig, nicht nur für überzeugte Espresso-Fans. Deshalb hatte der italienische Kaffeeröster Illycaffè Glück im Unglück in der Coronakrise. „Wir haben die Produktion nicht anhalten müssen, da die Lieferung an Geschäfte und Supermärkte im Lockdown offengeblieben ist“, sagt Andrea Illy, Chef des Familienunternehmens aus Triest.

Und auch der Onlinehandel laufe gut, so der 56-Jährige. „Jetzt kommt es uns zugute, dass wir in den vergangenen Jahren viel in die Logistik investiert haben“, erklärt er am Telefon. Ein Besuch im Hauptquartier in Norditalien ist nicht möglich, denn die Ausgangssperre ist immer noch sehr strikt.

„Das, was wir tun konnten, haben wir gemacht“, sagt Illy. Er gibt sich wie alle italienischen Unternehmer trotz der desaströsen Wirtschaftslage durch Covid-19 optimistisch. Aber er gibt auch zu, dass der Erfolg der beiden Vertriebskanäle nicht hilft, um die Verluste des dritten auszugleichen, die Illy unter „ospitalità“ zusammenfasst.

Mit dieser „Gastfreundschaft“ sind 300.000 Gaststätten, Bars und Hotels in 140 Ländern gemeint, die Illy beliefert. „Jetzt sind fast alle geschlossen, auch unsere eigenen Läden, 269 Stores in 43 Ländern.“ Auch in Flugzeugen und auf Kreuzfahrtschiffen gibt es Illy-Kaffee. „Normalerweise sind das 200 Millionen Passagiere, jetzt ist alles blockiert“, sagt er. Zwei Drittel des Geschäfts mache der Kanal „ospitalità“ aus.

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    Gerade erst hat der Kaffeeröster mit seinen 1405 Mitarbeitern gute Zahlen für 2019 vorgelegt: Der Umsatz lag bei 520,5 Millionen Euro, ein Plus von 7,7 Prozent zum Vorjahr, der Nettogewinn betrug 19 Millionen Euro.

    Doch die Bilanz präsentierte nicht Illy selbst, sondern Massimiliano Pogliani. Er ist der erste CEO, der nicht aus der Familie kommt, Illy hatte ihn vor vier Jahren geholt. „Das haben wir für unseren organischen Wachstumskurs so geplant“, erklärt er. „Unser Ziel ist es, Illy zu einer ,world class organisation' zu machen.“ Der einzelne Verbraucher, ob er zu Hause, im Büro oder auf Reisen ist, sei wichtiger als der Verkaufskanal. Und außerdem könne sich so die nächste Generation vorbereiten.   

    „Die Wahl eines Managers von außen war gut“, meint Alessandro Zattoni. „Zu viele Familienunternehmer wollen nicht abgeben, dabei bringen eine Öffnung und ein externer Manager einen nicht zu unterschätzenden zusätzlichen Wert für die Stakeholder“, sagt der Direktor des Unternehmens- und Management-Departments der römischen Wirtschaftsuniversität Luiss.   

    Italienische Geschichte geschrieben

    Andrea Illy ist der jüngste von vier Brüdern. „Wir teilen uns die Aufgaben“, sagt er. Er selbst ist seit 30 Jahren im Unternehmen, 22 davon als Vorstandschef, jetzt als Vorsitzender des Verwaltungsrats. Sein Großvater Francesco kam nach dem Ersten Weltkrieg nach Triest und gründete dort 1933 das Unternehmen.

    Zwei Jahre später patentierte er die Illetta, die erste Espressomaschine mit automatischer Wasserdosierung und heißer Druckluft – der Rest ist italienische Geschichte. Rund 130.000 Kaffeebars gibt es im Land. Ende Mai sollen sie endlich wieder öffnen.

    In den 1950er-Jahren kam die silberfarbene Aluminiumdose als Verpackung dazu, auch ein Patent der Familie, in der der Espresso ohne Sauerstoff das Aroma hält. „So kann man Kaffee aufbewahren wie einen Wein“, sagt Illy.  

    Das dritte Element ist das Rezept für den Espresso: neun Sorten reiner Arabica-Bohnen. „Die lassen wir zu unseren Standards direkt bei den Produzenten in 20 Ländern nur für uns auswählen“, sagt der Chef und fügt hinzu: „Wir wollen den besten Kaffee der Welt herstellen und anbieten.“ Jeden Tag würden acht Millionen Tassen in über 140 Ländern getrunken, heißt es in der Illy-Werbung. „Bei mir sind es fünf am Tag“, sagt der Chef.

    Doch seit Corona ist nichts mehr, wie es war, vor allem nicht für ein global operierendes Unternehmen. Der studierte Chemiker, der in den letzten sieben Jahren auch Präsident des italienischen Luxusverbands Altagamma war, ist ein analytischer Kopf. Er hat die Folgen der Pandemie untersucht und auf das eigene Unternehmen heruntergebrochen: „Wir müssen jetzt verstehen, wie die Welt sein wird“, sagt er.

    Zukäufe schließt er aus, diese brächten keinen zusätzlichen Wert. Deutschland sei ein wichtiger Markt, da gebe es noch Potenzial für Wachstum. „Unsere Strategie setzt auf die Einzigartigkeit des Produkts und der Marke“, sagt er. Das sei der richtige Weg, meint Managementexperte Zattoni. Der Name Illy sei bekannt für sein exzellentes Produkt. „Der Chef ist umweltbewusst und achtet seine Lieferanten. Das ist das richtige Rezept für die Zukunft“, sagt Zattoni.  

    Für die Welt nach Corona sieht Illy zwei Risiken. Zum einen, dass die Menschen die Gewohnheiten beibehalten, die sie im Lockdown angenommen haben. „Das Cocooning bedeutet weniger Mobilität, mehr Digitalisierung und elektronische Treffen. Das kann zu weniger Konsum und einer Reduzierung des Bruttoinlandsprodukts führen. Das kann gut für die Gesellschaft und für die Umwelt sein, wäre aber für die Wirtschaft katastrophal.“ 

    Das zweite Risiko sieht er für den internationalen Handel. Es bestehe die Gefahr des Unilateralismus, sagt er, und der weiteren Verbreitung nationalistischen Denkens. „Denn wenn die Politik überlegt, mehr heimische Produkte zu konsumieren, trifft das den Export.“

    Öffentliche Verwaltung als Problem in der Krise

    Er schaut kritisch auf das Handeln der Mächtigen in der Coronakrise. „Ich glaube, dass wir eines der größten Versagen der politischen Führung in der Geschichte erleben“, meint er. „Denn das Auftauchen einer Pandemie war kein Risiko, sondern eine Gewissheit. Seit 1980 bis heute gab es 12.000 Viren, die 44 Millionen Menschen infiziert haben.“ 

    Es gebe ein Risiko-Management mit allen Präventivstrategien gegen Kriege, Terrorismus, Hackerangriffe und für den Schutz der Privatsphäre. „Aber nichts gegen das Risiko einer Infektion der Atemwege.“ Die Weltgesundheitsorganisation habe am Anfang der Krise die falschen Anweisungen gegeben. „Das hat zu großer Konfusion geführt.“

    Ebenso nüchtern analysiert er die Situation in Italien. „Die Regierung hat ihr Bestes getan, und der Gesundheitsnotstand ist bestmöglich verwaltet worden.“ Doch was die Wirtschaft angehe, seien die Auswirkungen des Lockdowns unverhältnismäßig höher. „Es wird mehr Arme geben und mehr Unternehmen, die es nicht schaffen.“ Europa habe Instrumente zur Verfügung gestellt, Italien könne erst einen Plan aufstellen, wenn entschieden sei, was mit dem Rettungsfonds geschehe.

    Illy spricht in diesen Tagen viel mit anderen Unternehmern über die Zukunft Italiens. Und er berichtet, dass sich alle einig seien: „Das große Problem ist, dass die öffentliche Verwaltung so langsam ist bei der Auszahlung der Hilfsgelder“, sagt er. Und es müsse wieder investiert werden.

    „Kapital ist vorhanden, es gibt Erspartes, und es gibt Investitionspläne. Es fehlt auch nicht an Ideen, außerdem haben Industrie, Dienstleistungen und Tourismus Wachstumsreserven.“ Was fehle, seien Reformen, die Vertrauen schaffen. Doch dazu brauche es politische Stabilität - und das sei das italienische Problem. „Seit 1946 hatten wir 66 Regierungen“, sagt er, „wenn eine Regierung weniger als zwei Jahre im Amt bleibt, hat sie nicht mal die Zeit, um Reformen überhaupt nur anzugehen.“  

    Doch wie alle Italiener ist er Zweckoptimist. „Italien gibt immer sein Bestes im Moment größter Schwierigkeiten“, sagt er. „Wir sind ein Land mit vielen Talenten, die ihre Intelligenz zusammenbringen, wenn es Schwierigkeiten gibt.“

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