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Jean-Yves Ferri und Didier Conrad Mit einem neuen Album feiert Asterix 60. Geburtstag

Den berühmten Gallier gibt es nun seit sechs Jahrzehnten. Im Gespräch mit den Machern fällt auf: Comics zeichnen ist wie einen Familienbetrieb führen.
24.10.2019 - 03:25 Uhr Kommentieren
Autor Ferri (links im Bild) und Zeichner Conrad beim Aufbau eines Asterix-Aufstellers. Quelle: Reuters
Kreatives Duo mit Held

Autor Ferri (links im Bild) und Zeichner Conrad beim Aufbau eines Asterix-Aufstellers.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Wenn ein neuer Asterix-Band erscheint, ist das immer mit Tamtam verbunden. Ein Hotelzimmer im Frankfurter Westend. Von draußen peitscht Regen gegen die Fenster, die Kulisse drinnen erinnert ein bisschen an die ersten Interviews von Edward Snowden.
Nur dass heute kein Whistleblower seinen Geheimdienst verpfeift, sondern ein neuer Asterix vorgestellt wird. „Die Tochter des Vercingetorix“ heißt er. Und lustig ist er. So viel sei an dieser Stelle schon einmal gesagt.

Die anwesenden Journalisten müssen Geheimhaltungsklauseln unterschreiben. Wer vor dem offiziellen Erscheinungstermin an diesem Donnerstag etwas verrät, dem drohen Vertragsstrafen über mehrere Tausend Euro.

Für Jean-Yves Ferri und Didier Conrad, die beiden kreativen Köpfe hinter der Comicreihe, sind solche Momente Rarität und Segen zugleich. Rarität, weil der Asterix-Texter Ferri normalerweise irgendwo in den französischen Pyrenäen wohnt, während Conrad, der Zeichner, in Austin, Texas weilt. Segen, weil beide sonst hauptsächlich via Skype oder Mail miteinander kommunizieren.

„Jetzt fängt die Zusammenarbeit so richtig an“, sagt Conrad, dem man den Jetlag an diesem Tag an den Augen ablesen kann. Ein Monat Asterix, ein Monat Marketing. Die Zeit nutzen die beiden Macher, um sich Gedanken über das nächste Abenteuer des kleinen Galliers mit der Flügelkappe zu machen. Und doch, sagt Ferri: „Es ist auch eine Bürde, Asterix zu erschaffen.“

Denn Conrad und Ferri sind zwar Zeichner beziehungsweise Autor der Asterix-Abenteuer (tatsächlich können beide beides), aber keinesfalls die Urväter der Idee. Sie sind Nachfolger, würde man in einem Familienunternehmen sagen.

Tatsächlich haben Comics mit einer Historie – im Managementsprech: „legacy“ – erstaunlich viel mit der Führung eines Familienbetriebs gemein. Es gibt lange Traditionen, oft Patriarchen, die das Sagen haben, und natürlich die Nachfolgefrage, die irgendwie immer über allem schwebt.

Asterix ist dabei nicht irgendein Comic-Heftchen. Die Geschichten aus Gallien gelten als die kommerziell erfolgreichste Comic-Reihe der Welt, vom japanischen Manga-Markt einmal abgesehen. 380 Millionen verkaufte Alben seit 1959, Übersetzungen in 111 Sprachen und Dialekte und ein gutes Dutzend Filme, die auf den Asterix-Alben basieren. Das muss erst einmal jemand nachmachen.

Vor 60 Jahren entwickelten René Goscinny und Albert Uderzo die Idee zu Asterix und veröffentlichten in 15 Jahren zwei Dutzend Bände. Dann die Zäsur. 1977 stirbt Goscinny unerwartet bei einem Belastungs-EKG. Uderzo, heute 82 Jahre, versucht nach dem Tod seines Kompagnons zunächst, die Reihe allein weiterzuführen und arbeitet dann mit Assistenten weiter. Doch die Kritiker zerfleischen den greis gewordenen Zeichner immer wieder.

„Gallien in Gefahr“, einer der letzten Uderzo-Bände, verkaufte sich zwar sehr ordentlich, gilt bei Liebhabern der Reihe aber bis heute als umstritten, weil er wenig von den alten Asterix-Abenteuern hat. An einer Stelle tauchen sogar Aliens auf.

Kurze Zeit später zieht sich Uderzo erst aus der Vermarktung zurück und legt wenige Jahre später seinen Zeichenstift komplett nieder. „Er hatte sich praktisch die Hand kaputtgezeichnet“, sagt Zeichner Conrad über seinen Vorgänger.

Und Ferri erinnert sich: „Eigentlich dachte ich: ‚Eine Fortsetzung von Asterix? – Das geht doch gar nicht!‘“ Aber um sich nicht lächerlich zu machen, habe er dann doch noch „eine kleine Idee“ beim Verlag eingereicht – „reine Höflichkeit“, wie der Autor beteuert.

Uderzo wittert Potenzial – auch wenn er sich mit überschwänglichem Feedback an seine Nachfolger zurückhält. Heute sei der Austausch da, wenn auch selten. „Man hat schon damals gemerkt, dass er sich zurückziehen will“, erinnert sich Ferri.

Wie in jedem Familienunternehmen üblich, gibt es auch im Asterix-Kosmos einen Nachlassverwalter – oder genauer gesagt, eine Verwalterin. Es ist Anne Goscinny, die einzige Tochter des Asterix-Schöpfers. Zusammen mit Urvater Uderzo kann die 51-Jährige bei jedem neuen Asterix-Band den Daumen heben oder senken. Der Verlag versorgt die beiden mit Exposés, gibt Zeichnungen weiter und räumt Möglichkeiten zum Widerspruch ein.

Eine Hommage an Greta Thunberg?

„Das sind aber nie große Eingriffe“, wie Texter Ferri erklärt. In den ersten zwei Conrad/Ferri-Bänden seien Anne Goscinny etwa zu viele Fußnoten platziert gewesen. „Das haben wir dann geändert.“

Ansonsten stehe man „nicht im Wettbewerb mit Madame Goscinny und Monsieur Uderzo“, so Ferri. Letztens habe Goscinny das Macherduo sogar zum Essen eingeladen. Man habe gut gesprochen.

Und in einem Interview zum neuesten Band sagte die sonst medienscheue Goscinny-Erbin, dass sie die 44 Seiten „als wahre Hommage an all jene Geschichten empfinde, die mein Vater und Albert Uderzo gemeinsam erschaffen haben“. Klingt tatsächlich mehr nach Abnicken als Absägen.

„Die Tochter des Vercingetorix“ ist nun der 38. Band der von Goscinny und Uderzo geschaffenen Reihe – und der vierte, den Conrad und Ferri gestaltet haben. Fünf Millionen Exemplare beträgt die Erstauflage, davon 1,6 Millionen allein hierzulande. „Damit ist Deutschland nach Frankreich direkt der wichtigste Markt für Asterix“, sagt Wolf Stegmaier, Redaktionsleiter bei Egmont Comic Collection, jenem Verlag, der Asterix auf Deutsch herausbringt.

Wie schafft man es bei einer so alten Serie, nach so langer Zeit immer noch etwas Neues zu finden, Messieurs? Die Antwort stecke doch schon in der Frage, sagt Zeichner Conrad. „Die meisten Asterix-Bände sind in den 60er-Jahren entstanden. Das ist jetzt ein halbes Jahrhundert her. Die Gesellschaft hat sich seitdem stark weiterentwickelt“ – und so könne auch Asterix heute Themen aufgreifen, die damals gar nicht existierten.

Im aktuellen Band steht die pubertierende Tochter des Vercingetorix, Adrenaline, im Mittelpunkt. Wegen ihrer rebellischen Art haben erste Vorableser schon geunkt, dass die neue Heldin mit den markanten roten Zöpfen der Klimaaktivistin Greta Thunberg nachempfunden sein dürfte.

Stimmt das? „Alles reiner Zufall“, beschwichtigt Ferri. Die Geschichte war fertig, weit bevor Greta Thunberg im medialen Scheinwerferlicht stand. Aber so sei es nun einmal mit Comics: „Die Leute interpretieren immer Aktuelles in die Geschichten hinein.“

Dabei haben Ferri und Conrad in der Vergangenheit durchaus beabsichtigt, politische Bezüge in ihren Storys eingewebt. So ist etwa die Figur Polemix im 36. Band „Der Papyrus des Cäsar“ Wikileaks-Gründer Julian Assange gewidmet. Was nicht heiße, dass Asterix für eine bestimmte politische Richtung stehe.

Denn das würde dem Wertekonzept der Urväter widersprechen. „Wenn Politik bei Asterix vorkommt, dann nur in einem sehr allgemeinen, globalen Zusammenhang“, so Autor Ferri.

In diesem Jahr sind übrigens nicht nur Asterix und Obelix 60 geworden, sondern auch Ferri und Conrad. Ob es noch in 60 Jahren neue Abenteuer der Gallier geben wird? „Wir bilden unsere Kinder dafür aus“, witzelt Ferri. Wie in einem richtigen Familienunternehmen eben.

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