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Jürgen Greiwing Im Dienst der Naschkatzen: Wie dieser Logistiker die Konkurrenz abhängt

Die Familienspedition Greiwing aus Greven sichert die eigene Zukunft – mit lukrativen Zusatzleistungen für Lebensmittel- und Chemiefirmen.
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„Heute verhandelt man meist mit den Einkaufsabteilungen.“ Quelle: Greiwing
Jürgen Greiwing

„Heute verhandelt man meist mit den Einkaufsabteilungen.“

(Foto: Greiwing)

Greven-Reckenfeld An seiner Lebensplanung besaß Jürgen Greiwing nie einen Zweifel. „Da ist Diesel im Blut“, sagt der 51-Jährige von sich. „Mein Bruder und ich wollten schon immer in die Fußstapfen unserer Eltern treten.“ Die Fußstapfen sind ein Transportbetrieb im münsterländischen Greven, den Alfons Greiwing schon 1930 gründete.

Mit seinem Lastwagen versorgte dieser zunächst die Münsteraner Kohleöfen mit Nachschub, um nach dem Krieg mit Zementfahrten das Ruhrgebiet wieder aufbauen zu helfen. Bis 1950 blieb es bescheiden bei einem Fahrzeug, die Firma benannte er schlicht nach seiner Familie.

Kaum 13 Jahre alt, drängte Enkel Jürgen in den vom Vater 1960 übernommenen Betrieb. Zunächst allerdings nur in den Schulferien, die er vorzugsweise auf dem Lkw-Beifahrersitz verbrachte. Damals, erinnert sich der heutige Geschäftsführer, besaß die Spedition kaum 45 Mitarbeiter.

Heute sind es gut 800. Zudem bewegt Greiwing 200 Zugmaschinen und besitzt 550 Spezialauflieger, die zum Teil per Bahn auf die Reise nach Polen, Italien oder Schweden gehen. Über das Bundesgebiet haben die Westfalen seit 1990 zehn Umschlagstandorte verteilt, mit denen sie Kunden wie den Chemiepark Marl oder Frankfurt bedienen.

Für einen großen rheinischen Lebensmittelkonzern schaffen sie die Zutaten herbei, aus dem anschließend Naschwerk entsteht. Alles in allem ein erstaunlich lohnendes Geschäft. Allein im vergangenen Jahr, so ist einer Auskunft von Creditreform zu entnehmen, ging es mit dem Umsatz um 8,5 Prozent auf 102 Millionen Euro nach oben.

Zudem verdiente Greiwing schon 2017 eine Nettorendite von 3,2 Prozent und damit vergleichsweise prächtig. Selbst die beiden etwas größeren Konkurrenten Alfred Talke und Karl Schmidt, die sich wie die Grevener auf silofähige Transportgüter konzentrieren, mussten sich zuletzt mit rund der Hälfte begnügen.

Dabei gilt der Straßentransport in Deutschland als gefährdete Branche. 1 269 Insolvenzen zählte das Statistische Bundesamt 2018 im Sektor „Verkehr und Lagerei“. Schon im Jahr zuvor hatten Logistik-Unternehmen die deutsche Pleiten-Rangliste angeführt, weil dort auf 10.000 Unternehmen 83 Insolvenzen kamen.

Selbst die Bauwirtschaft schnitt mit „nur“ 80 Pleiten besser ab. Eine niedrige Markteintrittsschwelle – oft reicht ein Lkw-Führerschein – führen im Transportgewerbe zu Überkapazitäten, zudem setzt den Speditionen der Fahrermangel zu, der die Löhne nach oben treibt. Hohe Maut- und Dieselkosten mindern den Ertrag zusätzlich.

Dass man dieser Misere geschickt entkommen kann, zeigt nun Greiwing beispielhaft. Das Schlagwort dazu nennt der Firmenchef selbst: „Value Added Services“.
Das Geschäft baut Greiwing seit dem Start der ersten Standort-Niederlassung in Wesel vor knapp 30 Jahren mit enormen Investitionen aus.

35 Millionen Euro und Spatenstich

Statt Kunststoff- und Pharma-Granulate, Zucker, Milchpulver oder Stärke schlicht vom Hersteller zum Besteller zu karren, setzen die Grevener auf Outsourcing. Chemiefirmen, denen das eigene Betriebsgelände nicht mehr ausreicht, bieten sie Zwischenlager mit turmhohen Silos.

Gleichzeitig wird das eingelagerte Streugut an den Niederlassungen von ihnen homogenisiert, getrocknet, gesiebt, verpackt, etikettiert und kommissioniert. Nach Standorten etwa in Worms und im Duisburger Hafen kam erst vor wenigen Monaten im bayerischen Burghausen eine weitere Großanlage hinzu.

Für sie machte der Firmenchef nicht nur 35 Millionen Euro locker. Der zupackende Spediteur mit dem Dreitagebart trat zum Spatenstich gleich auch mit Helm und Schaufel an. Die „Hands-on“-Mentalität der Münsterländer hat offensichtlich Familientradition.

Bruder Roland, 48, der in der Geschäftsführung den Einkauf leitet, absolvierte neben seiner Ausbildung zum Speditionskaufmann gleich auch noch eine KFZ-Lehre.
Ihren „Value Added Service“ baut die Spedition jetzt schrittweise aus. „Wir gehen inzwischen sogar in die Produktionsanlagen“, berichtet Jürgen Greiwing.

Das Konzept, das er „On-Side“ nennt, beschreibt der Münsterländer geradeheraus: „Bei mehreren Kunden sortieren wir aus dem Granulat Fehler heraus, damit es am Ende nicht als C-Ware in die Parkbank-Industrie gehen muss.“ Aus dem Brummi-Transporteur ist damit inzwischen ein Hightech-Unternehmen geworden.

„Früher fuhr man mit dem Lkw zur nächsten Tankstelle, um mit dem Schlauch den Transportbehälter zu reinigen“, erzählt der Firmenchef, „heute besitzen wir eine App, die Fahrer zur nächst gelegenen abgenommenen, zertifizierten Reinigungsanlage leitet, und das per Navi.“

Weil viele der transportierten Granulate feuergefährlich, wassergefährdend oder hygieneintensiv sind, steuern die Münsterländer nur noch zertifizierte Lkw-Säuberungsstellen an. Von ihnen braucht Greiwing allerdings ein Netz in ganz Europa.

Gutscheinsystem belohnt Jubiläen

Ein wenig trauert der 51-Jährige dennoch den alten Zeiten hinterher. „Mein Vater hat seine Verträge üblicherweise mit Handschlag besiegelt“, erinnert sich der Spediteur. „Heute verhandelt man meist mit den Einkaufsabteilungen.“

So kernig wie einst die Kundschaft behandelt Greiwing allein noch seine Mitarbeiter. Mal zum Positiven, wenn die Spedition eine Sekretärin („gute Seele des Hauses“) zum Arbeitsjubiläum in der Presse feiern lässt, mal aber auch zum Leidwesen der Belegschaft.

Manche dort beklagen sich über eine hohe Zahl von Überstunden und ungünstige Arbeitszeiten. In einem Internetforum brachte es einer von ihnen neulich mit der spitzen Bemerkung auf den Punkt: „Es kann in Notfällen pünktlich gegangen werden.“

Doch dafür gibt es auch Anerkennungen. Greiwing biete ein Gutscheinsystem, merkt eine Mitarbeiterin an, das Jubiläen und Sonderleistungen belohne. „Wer viel arbeitet“, berichtet ein anderer, „bekommt auch viel.“

Damit der Einsatz der Mitarbeiter und Fahrzeugkapazitäten keinen zu starken Konjunkturschwankungen unterliegt, entschied sich Greiwing schon vor einigen Jahren, neben dem traditionellen Chemiegeschäft die Lebensmittelindustrie als Kunden hinzuzunehmen – was sich als geschickter Schachzug erwies.

Transportbehälter etwa für PVC-Granulate, stellt der Firmenchef klar, könne er zwar nicht im Anschluss für Lebensmittel-Gelatine nutzen – selbst dann nicht, wenn er sie gründlich reinigen lasse. Aber der Branchenmix helfe dabei, saisonale Schwankungen abzufedern.

Sein Unternehmen sei flexibel im Einsatz. Mit dem Abfeiern von Überstunden, das dürfte damit jedem Greiwing-Mitarbeiter klar sein, wird es in naher Zukunft womöglich also nichts.

Mehr: Viele LKWs fahren leer durch Deutschland. Ein Münchener Start-up hat einen Algorithmus entwickelt, der freien Laderaum effizient kombiniert.

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