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Karl Ludwig Schweisfurth Ein Wurstbaron, der zum Ökopionier wurde

Einst gehörte ihm der größte fleischverarbeitende Betrieb Europas. Dann stellte der Unternehmer radikal um. Nun starb der Ökopionier im Alter von 89 Jahren.
17.02.2020 - 18:22 Uhr Kommentieren
Der Ökopionier starb im Alter von 89 Jahren in der Nacht auf Samstag. Quelle: Mirco Taliercio/laif
Karl Ludwig Schweisfurth

Der Ökopionier starb im Alter von 89 Jahren in der Nacht auf Samstag.

(Foto: Mirco Taliercio/laif)

Düsseldorf, München In Hermannsdorf erwacht die Natur in diesem Jahr besonders früh zu neuem Leben. Die Krokusse blühen, an Büschen und Bäumen streben die Knospen der Sonne entgegen. Karl Ludwig Schweisfurth kann die ungewöhnlich milden Tage auf seinem Landgut südöstlich von München nicht mehr genießen. Der Ökopionier starb im Alter von 89 Jahren in der Nacht auf Samstag.

Die Anhöhe mit dem herrlichen Alpenblick ist der Schauplatz einer der erstaunlichsten Wandlungen eines deutschen Unternehmers der Nachkriegszeit. Denn der Industrielle führte einst Europas größten Fleischverarbeiter Herta, einen Betrieb mit zehn Fabriken, 5500 Mitarbeitern und 1,5 Milliarden DM Umsatz pro Jahr.

Er galt wahlweise als Wurstbaron oder Fleischfabrikant. Bis er 1984 den Konzern aus dem Ruhrgebiet an Nestlé verkaufte. In Oberbayern startete er daraufhin mit 55 Jahren seine zweite unternehmerische Karriere als Ökopionier.

Unweit von Glonn errichtete er die „Hermannsdorfer Landwerkstätten“, hier versuchte der Unternehmer mehr als drei Jahrzehnte lang, im Einklang mit der Natur zu wirtschaften, er nannte es symbiotische Landwirtschaft. Nachhaltig der Landbau, ökologisch die Tierhaltung, verantwortungsbewusst die Verarbeitung in der eigenen Metzgerei, der Bäckerei, dem Gasthaus und dem Bioladen. Damit überzeugte er auch den BUND-Vorsitzenden Hubert Weiger. „Karl Ludwig Schweisfurth war eine Persönlichkeit, die früh begonnen hatte, die industrielle Produktion von Lebensmitteln und damit sich selbst in Frage zu stellen", sagt der heutige Ehrenvorsitzendes des BUND. Er habe mit dem Ausscheiden aus seinem Unternehmen die Grundlage für eine ökologische Lebensmittelherstellung gelegt.“

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    Dass Schweisfurth die zweite Hälfte seines Lebens einmal auf einem bayerischen Weiler verbringen würde, war nicht abzusehen. Seine Familie war tief im Ruhrgebiet verwurzelt. Großvater Ludwig bot um die Jahrhundertwende in Herten mit einem Bernhardiner im Gespann in den Bergarbeitersiedlungen schlachtwarme Würste, Koteletts und Schnitzel an. Er wurde reich damit.

    Sein Sohn Karl machte ab 1924 das Unternehmen noch erfolgreicher und kümmerte sich stärker um die Mitarbeiter – auch die Zwangsarbeiter in der Nazizeit soll er gut behandelt haben. Die Firma wurde schon bald mit der im Ruhrpott berühmten Fleischwurst mit und ohne Knoblauch zu einem Imperium.

    Vorgezeichnet war, dass Karl Ludwig Schweisfurth, Jahrgang 1930, seinem Vater Karl und seinem Großvater Ludwig folgen würde. Metzgerlehre, Wanderjahre. Karl Ludwig besucht Angola und Amerika und ist fasziniert von der rationellen Verarbeitung im Sekundentakt in den Fleischfabriken von New York und Chicago. „Das muss Herta auch haben“, denkt er sich und setzt diese Ideen ab Mitte der 50er-Jahre um. Immer schneller, effizienter, in immer mehr Fabriken werden immer mehr Tiere zu immer mehr Würsten, Sülzen und Schinken verarbeitet.

    Als ihm klar wird, dass seine Söhne und die Tochter diesen Weg nicht mitgehen wollen, als es deshalb sogar zum Bruch mit seinen Kindern kommt, als ihm bewusst wird, wie die Schweine leiden und die Gülle die Böden verseucht, als er immer stärker vom Handel unter Druck gesetzt wird, da denkt Schweisfurth um.

    Prinz Charles kam zu Besuch

    „Mein Schlüsselerlebnis war der Blick der Schweine in einem Großbetrieb in Westfalen. Sie schauten mich an, als würden sie fragen: „Was machst du mit uns?“, erinnerte er sich vergangenes Jahr in einem Interview. An einem Morgen während seines alljährlichen Fastenurlaubs bei Buchinger im spanischen Marbella trifft er die Entscheidung, einen neuen Weg einzuschlagen, einen achtsamen. Neun Monate später setzt er die Unterschrift unter den Vertrag mit dem Nahrungsmittelmulti Nestlé und verkauft Herta.

    „Die ökologische Krise war damals ja schon sichtbar“, erklärt Franz-Theo Gottwald, seit 1988 Vorstandsvorsitzender der Schweisfurth Stiftung. Es sei dem Unternehmer schon zu jener Zeit klar gewesen, dass die Massentierhaltung Ausdruck einer Gesellschafts- und Kulturkrise sei. Also wollte er es in seiner neuen Heimat anders, besser machen. Schweisfurth sei es darum gegangen, Land- und Lebensmittelwirtschaft in Einklang mit der Natur zu bringen.

    Wie viel der Diplomkaufmann von Nestlé kassierte, behielt Schweisfurth für sich. Doch 50 Millionen DM steckte er in seine Stiftung, die sich um gesunde Ernährung kümmert, um umweltfreundlichen Landbau und artgerechte Tierhaltung. Schweisfurths Leitbild sei die „ökologische Agrarkultur“ gewesen, erklärt Gottwald. Seine symbiotische Landwirtschaft sei ein früher Paradigmenwechsel gewesen hin zu einer achtsamen Lebensmittelproduktion.

    So präsentiert sich Hermannsdorf in diesen Tagen als Idylle. Die Schweine suhlen sich vor dem Stall, Hühner und Hähne gackern unter freiem Himmel. Vor dem Laden trinken die Gäste einen Espresso. Die Bio-Landwirtschaft ist trotzdem bis heute kein Selbstläufer, sondern harte Arbeit.

    Ein Jahrzehnt nach dem Start in Bayern übergibt der Zigarrenliebhaber das Geschäft an seinen Sohn Karl – und der muss erst einmal sanieren. „Hermannsdorf war weit davon entfernt, wirtschaftlich zu sein“, erinnerte sich der Filius später. Der Vater versucht derweil, die Welt von seinen Ideen zu überzeugen. Er verfasst ein Buch nach dem anderen, schreibt vom „guten Fleisch“ und dem „Überleben auf unserem erschöpften Planeten“.

    2016 gerät Schweisfurths Lebenswerk in seine schwerste Krise, als Aktivisten die Unterbringung der Schweine beklagen und auch den Einsatz von Antibiotika. Fernsehsender zeigen verstörende Bilder, es hagelt hämische Kommentare konventioneller Landwirte. Der Imageschaden ist immens, wenngleich Sohn Karl Schweisfurth die Vorwürfe mit nüchternen Fakten auszuräumen versucht. Die Medikamente würden streng nach den Biovorgaben eingesetzt, wenn alternative Heilmittel versagten. Und die Ställe seien zwischenzeitlich umgebaut worden.

    Drei Jahre später dann die wohl größte Auszeichnung für das Vorhaben. Vorigen Sommer besuchte Prinz Charles Hermannsdorf, Englands bekanntester Umweltschützer und selbst ein Bio-Landwirt aus Überzeugung. „Ich bin wirklich stolz“, freute sich Schweisfurth hinterher. Er habe ihm eine Bienenkönigin gezeigt und dabei auch einige Weisheiten mitgegeben. Die wichtigste sei, das Geschäft rechtzeitig an die junge Generation zu übergeben. Zu dem Zeitpunkt steht längst Enkelin Sophie, Jahrgang 1987, an der Spitze des Ökoguts.

    All die Jahre lebte Schweisfurth in Hermannsdorf. Er wird im Familiengrab in Glonn beerdigt werden.

    Mehr: Risikoprodukt Wurst: Der Schweizer Konzern Nestlé stellt die deutsche Marke Herta zum Verkauf. Allein die vegetarischen Produkte will das Unternehmen behalten.

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