Kinnevik-Chefin Cristina Stenbeck wird Aufsichtsrätin bei GoEuro – und bringt viel Geld mit

Die einflussreiche Schwedin steckt mit weiteren Investoren 150 Millionen Dollar in die Reiseplattform. Und übernimmt auch gleich einen Kontrollposten.
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Die Schwedin ließ sich vier Jahre Zeit, bevor sie das Erbe bei Kinnevik antrat. Quelle: picture alliance / IBL Schweden
Cristina Stenbeck

Die Schwedin ließ sich vier Jahre Zeit, bevor sie das Erbe bei Kinnevik antrat.

(Foto: picture alliance / IBL Schweden)

Düsseldorf, StockholmZwei Jahre ist es her, dass Cristina Stenbeck ihre letzte Aufsichtsratssitzung bei Zalando leitete. Mit dem Börsengang des Schuh- und Mode-Start-ups verabschiedete sich die 41-jährige Schwedin mit amerikanischem Pass aus der Bundeshauptstadt. Seit dieser Woche ist sie wieder zurück. Eine der einflussreichsten Frauen Schwedens zieht in den Aufsichtsrat der Reiseplattform GoEuro ein. Und bringt viel Geld mit.

GoEuro, eine Geschäftsidee des gebürtigen und in Berlin lebenden Inders Naren Shaam, hat erneut 150 Millionen Dollar bei Investoren eingesammelt und sein Kapital damit verdoppelt. Fünf Jahre nach der Gründung ist es aber auch eine Zeitenwende. Neuer und einflussreicher Investor ist die schwedische Kinnevik AB, deren Chefin Cristina Stenbeck ist.

Damit setzt sie ihr Ziel um, das die Investorin in einem ihrer seltenen Interviews einmal so umriss: „Ich möchte neue Geschäftsideen finden und entwickeln. Und sie fügte hinzu: „In allererster Linie habe ich mich immer als Eigner verstanden, und diese Rolle will ich wieder stärker wahrnehmen.“

GoEuro ist da offensichtlich der richtige Platz, um diese Wünsche umzusetzen. Das Unternehmen sei ein „Pionier der Reisebranche“, sagt Stenbeck. Das Start-up wurde vor fünf Jahren als Metasuchmaschine gegründet. Dort kann man sehen, wie man am besten von A nach B kommt, egal, ob mit Flugzeug, Bahn oder Bus.

Dabei ist GoEuro nach eigenen Angaben führend in Europa. Mehr als 80 Prozent der auf GoEuro gelisteten Transportanbieter verkauften ihre Tickets über diese Buchungsplattform. Seit der letzten Finanzierungsrunde im Oktober 2016 hat GoEuro in mehr als 20 neue Länder expandiert.

Mit dem weiteren frischen Kapital soll die Expansion forciert werden, sagte Vorstandsmitglied Malte Cherdron dem Handelsblatt. „Der europäische Markt ist größer, als man sich das vorstellt“, so der Manager. Aber es biete sich natürlich auch die Expansion nach Asien und Amerika an.

Gründer und CEO Naren Shaam war vor Jahren nach Europa gereist und hatte sich daran gestört, dass es meist nur nationale Buchungsplattformen für Reisen gab. Airlines, Eisenbahngesellschaften und Busunternehmen vermarkteten sich jeweils über eigene Vertriebswege. Vor allem für Besucher aus nichteuropäischen Ländern war es beinahe unmöglich herauszufinden, wie man am besten von Malaga nach München reist.

Deshalb baute Naren Shaam die Metaplattform GoEuro. Seitdem besteht seine Kunst darin, Transportunternehmen davon zu überzeugen, ihre Daten GoEuro zur Verfügung zu stellen. Zum Beispiel betreibt die Deutsche Bahn eine vergleichbare Plattform, Quixxit, die allerdings nie auf nennenswerte Nutzerzahlen gekommen ist.

Der Hauptinvestor der aktuellen Finanzierungsrunde ist nach Angaben von GoEuro neben Kinnevik die Investmentfirma Temasek aus Singapur. Hillhouse Capital beteiligt sich ebenfalls an der aktuellen Finanzierungsrunde. Details, wer nun wie viele Anteile an GoEuro hält, geben weder Investoren noch Naren Shaam bekannt. Kinnevik hat eigenen Angaben zufolge 49 Millionen Dollar investiert. Bei früheren Finanzierungsrunden waren unter anderem schon Goldman Sachs, Silverlake Kraftwerk oder Kleiner Perkins beteiligt. Alle Altinvestoren bleiben investiert, heißt es.

Kinnevik wurde 1936 von den Familien Stenbeck, Klingspor und von Horn gegründet. Die Aktien von Kinnevik sind auf der Liste der Nasdaq Stockholm für Large-Cap-Unternehmen geführt. Cristina Stenbeck war bis 2016 Aufsichtsratsvorsitzende der Investmentgesellschaft. Ihr unerwarteter Abgang sorgte damals für Schlagzeilen.

Schon viele Jahre zuvor war die Verunsicherung groß, als die erst 24-Jährige nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters Jan Stenbeck 2002 die Verantwortung für das Familienimperium übernehmen musste. Vor zwei Jahren beschloss sie, sich fortan mehr um die strategische Ausrichtung von Kinnevik zu kümmern.

Auch in Berlin wurde das mit großem Interesse verfolgt, war Stenbeck doch Aufsichtsratschefin des Modehändlers Zalando – und dessen größter Aktionär. Gut 31 Prozent an Zalando hält Kinnevik noch heute. Den Kontrollposten aber gab die Investorin im Zuge der Börsengangs von Zalando ab. Außerdem war Kinnevik damals mit 13 Prozent auch Aktionär bei Rocket Internet, dem Start-up-Inkubator der Samwer-Brüder.

Stenbeck erfand Kinnevik neu

Cristina Stenbeck, die zusammen mit einigen weiteren Familienmitgliedern rund die Hälfte der Stimmrechte bei Kinnevik kontrolliert, führt die vor genau 80 Jahren von ihrem Großvater Hugo Stenbeck gegründete Gesellschaft in dritter Generation. Und nicht nur unter ihrer Ägide hat sich das einflussreiche Unternehmen immer wieder neu erfunden, manchmal erfinden müssen.

Investierte Kinnevik anfangs hauptsächlich in die Forst- und Papierindustrie, verschob sich der Fokus seit den 1980er-Jahren immer mehr in Richtung Medien- und Telekommunikationsunternehmen. Cristinas Vater, der charismatische Jan Stenbeck, gab schon in den 1980er-Jahren die neue Richtung vor: Stenbeck startete mit TV 3 den ersten kommerziellen TV-Kanal in Schweden. In den Folgejahren gründete er die Gratiszeitung „Metro“, die es mittlerweile in 120 Großstädten in 23 Ländern gibt. Weitere Medienbeteiligungen folgten, und mit Tele2 und Millicom gelang auch der Einstieg in den Telekommarkt.

Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters sollte Cristina die Leitung des milliardenschweren Familienunternehmens übernehmen. Doch die in Amerika aufgewachsene junge Frau ließ sich vier Jahre Zeit, bis sie sich entschloss, den Platz des Vaters einzunehmen. Sie leitete prompt die nächste radikale Neuorientierung von Kinnevik ein. Oder, wie es ein Analyst ausdrückt: „Sie hat den Laden ordentlich umgekrempelt.“

Stenbeck sah tatsächlich schon recht früh im Onlinegeschäft eine Rendite versprechende Zukunft. Als dann 2007 der Berliner Unternehmer Oliver Samwer bei ihr anfragte, ob sie sich nicht an seinen Start-up-Ideen und dem Mode-Onlinehändler Zalando beteiligen wolle, zögerte sie nicht lange. Dazu kamen weitere Beteiligungen an Firmen aus dem Rocket-Reich.

Nun also GoEuro. Ein Unternehmen, das Mobilität organisiert. Und von dem Cristina Stenbeck einiges erwartet: Sie freue sich darauf, „ein Weltklasse-Unternehmen aufzubauen“. Weltläufig geht es jedenfalls in der Berliner Zentrale der Plattform schon zu. Dort arbeiten inzwischen 300 Frauen und Männer aus 45 Ländern.

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