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Konzept „New Horizon“ Thermomix ist kein Selbstläufer mehr – Vorwerk plant Stellenabbau

Der Thermomix verkauft sich nicht mehr so gut wie früher. Hersteller Vorwerk prüft nun einen Konzernumbau. Dabei stehen fünf Prozent der deutschen Stellen auf einer internen Streichliste.
Update: 18.12.2018 - 17:27 Uhr 1 Kommentar
2017 ging der Verkauf des Vorwerk-Küchengeräts um mehr als zwölf Prozent zurück. Quelle: dpa
Thermomix-Produktion

2017 ging der Verkauf des Vorwerk-Küchengeräts um mehr als zwölf Prozent zurück.

(Foto: dpa)

HamburgImmer für eine Überraschung gut: Der Thermomix-Hersteller Vorwerk wirbt in seinem Laden am Hamburger Gänsemarkt derzeit mit einem weihnachtlichen Slogan. Nach den Feiertagen droht der Belegschaft in Wuppertal jedoch eine weniger angenehme Überraschung. Das Familienunternehmen plant eine umfangreiche Reorganisation. In den Planspielen, die derzeit angestellt werden, geht es auch um einen deutlichen Stellenabbau.

320 der weltweit 12.333 Stellen stehen zur Disposition – schwerpunktmäßig in Deutschland. Dort wackeln knapp fünf Prozent der 3.300 Jobs. Vorwerk galt lange als ein Star unter den deutschen Haushaltsgeräte-Herstellern. Mit der intelligenten Küchenmaschine Thermomix hat Vorwerk einen grandiosen Imagewandel hingelegt.

Gab das 1883 gegründete Familienunternehmen Ende der 1970er-Jahre nur noch die Vorlage für den berüchtigten Staubsaugervertreter-Sketch von Loriot ab („Es saugt und bläst der Heinzelmann ...“), wurde die Marke in kürzester Zeit zum begehrten Lifestyle-Artikel. Schließlich kaufte Vorwerk sogar einen Staubsaugerroboter-Entwickler im Silicon Valley zu.

Doch der Wandel zum Digitalkonzern blieb oberflächlich: Im Wuppertaler Werk wickeln die Arbeiter die Magnetspulen für die Staubsaugermotoren wie eh und je. Doch die Vertreter treffen immer weniger Hausfrauen zu Hause an, um sie von den Vorteilen der deutschen Wertarbeit überzeugen zu können. Die in den vergangenen Jahren eröffneten eigenen Läden und der Onlineshop konnten das nicht ausgleichen.

Zudem brachten Mediamarkt und sogar Aldi und Lidl Küchenmaschinen aus Fernost, die in etwa so viel können wie der Thermomix – zu einem Bruchteil des Preises. Zu guter Letzt floppte 2018 ein Hoffnungsträger, der den Erfolg des Thermomix wiederholen sollte: Für den mit 599 Euro sündhaft teuren Teebereiter Temial gab es zeitweise wegen Problemen mit der Software einen Lieferstopp.

Weniger Umsatz, mehr Mitarbeiter

Schon der Geschäftsbericht für das Jahr 2017 war ein Dokument der Enttäuschung: „Das operative Jahresergebnis lag unter anderem aufgrund nicht in vollem Umfang erreichter Absatzziele signifikant unter dem Vorjahr. Die Entwicklung des Umsatzes lag bedeutend unter der Planung“, heißt es in dem Bericht nüchtern. Der Umsatz der Gruppe sank von 3,06 Milliarden auf 2,91 Milliarden Euro.

Zugleich stieg die Zahl der Mitarbeiter um knapp 400 auf 12.333. Dazu kommen mehr als 600.000 selbstständige Berater weltweit – ein Vertreterheer größer als die Stadt Dortmund. Die meisten davon preisen in Mexiko die vor 14 Jahren zugekaufte Jafra-Kosmetik an, gut 60.000 verkaufen jedoch Staubsauger, Akkuschrauber, Fensterputzer und eben Küchenmaschinen auf Partys und an der Haustür.

Trotzdem ging 2017 der Verkauf des Thermomix um mehr als zwölf Prozent zurück, der Kobold-Staubsauger verkaufte sich fast sechs Prozent schlechter. Mitte Januar will Vorwerk Konsequenzen ziehen. Dem Handelsblatt liegt ein Überblick über ein Planspiel namens „New Horizon“ vor. Kern ist die Neuordnung der Gruppenzuständigkeiten.

Die Holding in Wuppertal soll sich laut dem von den Boston-Consulting-Beratern erstellten Papier auf „die strategischen Themenfelder konzentrieren“ – unter Leitung von Gruppenchef Reiner Strecker. Der ehemalige Tabak-Manager führt das Unternehmen seit 2010 im Auftrag der Inhaberfamilie Mittelsten Scheid, die im Beirat vertreten ist.

Die Rolle der Auslandstochter Vorwerk International wird in dem Szenario durch ein Board aufgewertet, dem der heutige Vorstand Rainer Christian Genes, Manager Marcel Keller und der heutige Chef der Elektrowerke, Thomas Rodemann, sowie Haushaltsgeräte-Finanzchef Hauke Paasch angehören sollen. Das soll offenbar mehr Klarheit in die Strukturen der verzweigten Gruppe bringen.

Schließlich ist Vorwerk über Jahrzehnte gewuchert: Es gibt etwa immer noch ein Geschäft mit Teppichböden, in Schanghai baut Vorwerk Luft- und Wasserfilter für belastete asiatische Metropolen – allerdings in vergleichsweise kleinem Maßstab. Zudem hat sich Vorwerk an mehreren E-Commerce-Unternehmen beteiligt, darunter der Kochbox-Versender Hello Fresh und ein Start-up namens Dinner for Dogs.

Dabei ist das Unternehmen – ähnlich wie die Oetker-Gruppe – so strukturiert, dass Gewinnzahlen nicht veröffentlicht werden müssen. Der jüngste Geschäftsbericht beschreibt jedoch für so gut wie alle Gerätekategorien enttäuschende oder unter Plan liegende operative Gewinne. Stütze der Gruppe ist anscheinend die familieneigene AKF-Gruppe.

Der Vorwerk-Finanzarm gibt der Gruppe Kraft

Sie ist in der Nachkriegszeit entstanden, damit die Staubsaugervertreter den Wirtschaftswunder-Kunden Ratenkredite anbieten konnten. Heute ist das nur noch ein wachsendes Nebengeschäft. In der Hauptsache beschäftigt sich der Vorwerk-Finanzarm mit Leasing-Finanzierung für Fuhrparks und Maschinen für Mittelständler. Dieser starke Arm gibt der Gruppe Kraft für Investitionen ins eigentliche Kerngeschäft.

Die Eigenkapitalquote lag 2017 bei 33,6 Prozent, fast 1,2 Milliarden Euro liquide Mittel standen bereit. Geld steckt Firmenchef Strecker etwa in das Wuppertaler Werk. Noch mehr Mittel gibt er für diverse IT-Programme, die das Familienunternehmen ins Digitalzeitalter katapultieren sollen.

Doch die Digitalisierung kostet Arbeitsplätze. Laut dem „New Horizon“-Szenario der Unternehmensberater soll es zur Verlagerung und zum Wegfall von Stellen kommen. „Insgesamt reden wie von etwa 320 Stellen, wobei etwa 160 in den deutschen Geschäftsbereichen (primär, aber nicht ausschließlich in Wuppertal) liegen“, heißt es in dem als „Entwurf“ gekennzeichneten Papier.

Ziel sei ein „sozialverträglicher“ Abbau über drei Jahre mit einem Programm zum freiwilligen Ausstieg. Damit würde innerhalb kurzer Zeit ein zweiter großer Industriearbeitgeber in Wuppertal Stellen streichen. Bayer hatte angekündigt, 750 Jobs in der Stadt im Bergischen zu streichen.

Vorwerk teilte auf Anfrage mit, die geplante Umstrukturierung solle die Gruppe im „Digital-Bereich weiter verstärken. Wir werden in diesem Zuge in einigen Bereichen aufbauen und in anderen Anpassungen vornehmen.“ Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Offenbar ist das dem Handelsblatt vorliegende Konzept eines von drei möglichen Szenarien, über die Anfang 2019 beschlossen werden soll.

Klar ist schon jetzt: Ein bloßes Weiter-so gibt es nicht. Schließlich hat Strecker schon einmal den Wandel einer Branche mitgemacht: Bei British American Tobacco gestaltete den schrumpfenden Zigarettenmarkt mit. Damals, so scherzte er einmal intern, habe er einen Vorteil gehabt: Preiserhöhungen seien von den nikotinabhängigen Kunden stets akzeptiert worden. Bei Vorwerk muss der 57-Jährige mehr Kreativität zeigen.

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1 Kommentar zu "Konzept „New Horizon“: Thermomix ist kein Selbstläufer mehr – Vorwerk plant Stellenabbau"

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  • Bei dem katastrophalen Kundenservice, den Vorwerk/Thermomix bietet, wundert mich das nicht.
    Nach den Erfahrungen, die ich diesbezüglich gemacht habe, werde ich keinen Thermomix mehr kaufen und auch nicht weiterempfehlen.

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