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Korruptionsprozess Skandal um die Dillinger Hütte: Angeklagte sollen Millionen-Aufträge verschoben haben

Ein Unternehmer soll Manager des Stahlwerks bestochen haben, was er bestreitet. Der Prozess wirft ein Schlaglicht auf mutmaßliche Korruption in der Stahlindustrie.
28.08.2020 - 14:40 Uhr 1 Kommentar
Das Landgericht Saarbrücken muss in einer Hauptverhandlung klären, ob in dem Stahlwerk Bauaufträge im zweistelligen Millionenvolumen verschoben wurden. Quelle: imago images/Hans Blossey
Stahlwerk Dillinger Hütte

Das Landgericht Saarbrücken muss in einer Hauptverhandlung klären, ob in dem Stahlwerk Bauaufträge im zweistelligen Millionenvolumen verschoben wurden.

(Foto: imago images/Hans Blossey)

Saarbrücken Als Jean François Baron von Sass, 68, ein älterer Herr mit Glatze und buschigen Augenbrauen, am Freitag durch eine Seitentür den größten Saal des Landgerichts Saarbrücken betritt, wartet sein Erzfeind bereits seit einer halben Stunde auf ihn. Fast ein Jahrzehnt hat Oberstaatsanwalt Eckhard Uthe, 64, den Baron gejagt, nun will er ihn dauerhaft ins Gefängnis bringen.

Uthe erhebt sich, um die drei Anklageschriften vorzulesen, die er eingereicht hat – insgesamt 35 Seiten. Als der Vorsitzende Richter vorschlägt, wegen der Bequemlichkeit besser im Sitzen zu lesen, wehrt Uthe ab: „So hört man mich besser.“ Dann steht er, zwei Stunden lang.

Der Oberstaatsanwalt trägt vor, dass der Bauunternehmer Manager der Dillinger Hütte geschmiert und Preise mit der Konkurrenz abgestimmt habe. Der Baron soll mit zwei Komplizen in der Neubauabteilung des Stahlwerks heimlich entschieden haben, wer die Zuschläge für die begehrten Aufträge erhielt. Von 2011 bis 2014 habe er Bauaufträge mit einem Volumen von 40 Millionen Euro verschoben.

Uthe wirft von Sass vor, sich mit Scheinrechnungen und Briefkastenfirmen Bargelder verschafft zu haben. Andere Unternehmen hätten ihm fünf Prozent des Umsatzes geben müssen – für Aufträge, die ihnen von Sass zugeschustert haben soll. Manager des Stahlwerks habe er wiederum mit Schmiergeldern und Geschenken von mehr als zwei Millionen Euro versorgt. Er soll sie auch häufiger in seine Villa auf Mallorca eingeladen haben.

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    Regungslos hört der Baron seinem Verfolger zu, die Augen verborgen hinter einer Sonnenbrille. Seit Monaten sitzt er in Untersuchungshaft und beharrt darauf, nichts falsch gemacht zu haben. Gespräche über ein Geständnis, um eine Strafe zu mildern, schlug er aus. Sein Anwalt Michael Heuchemer aus Bendorf plädiert auf Freispruch. Viele Vorwürfe seien verjährt, sagt er, Uthes Verfolgungseifer völlig übertrieben.

    Sittengemälde der saarländischen Stahlindustrie

    Heuchemers wichtigstes Argument: Wettbewerbsgerechte Ausschreibungen seien damals bei der Dillinger Hütte nicht vorgesehen gewesen. Das Stahlwerk habe in einem „strukturell korruptiven System“ funktioniert, deshalb könne der Baron nicht herausgegriffen und bestraft werden.

    Es gibt Zeugen, die der Kripo und auch dem Handelsblatt dieses Sittengemälde der saarländischen Stahlindustrie bestätigten. „Es ist wie ein Sumpf. Wenn Sie dort hineinfassen, werden die Finger klebrig“, sagte ein Spitzenmanager. So wird es in der Hauptverhandlung um viel mehr gehen als nur um den Showdown zwischen Uthe und von Sass. Ein ganzer Industriezweig steht vor Gericht.

    In Vernehmungen bei der Staatsanwaltschaft erzählten Zeugen von einer Region, in der Baufirmen den Vorständen kostenfrei ihre Häuser renovierten. Wo Weihnachtskarten mit Geldbündeln über 10.000 Euro dekoriert wurden. Und wo ein leitender Manager mithilfe eines einflussreichen Vorstands millionenschwere Versicherungsgeschäfte in eine andere Firma abgezweigt haben soll, ohne Konsequenzen zu erleiden.

    Der Oberstaatsanwalt gilt als hartnäckigster Korruptionsjäger des Saarlands. Quelle: imago
    Eckhard Uthe

    Der Oberstaatsanwalt gilt als hartnäckigster Korruptionsjäger des Saarlands.

    (Foto: imago)

    Vieles davon könnte im Landgericht wieder hochkommen. Zwar sind neben dem Baron bisher nur zwei ehemalige Mitarbeiter der Neubauabteilung angeklagt. Aber Oberstaatsanwalt Uthe ermittelt gegen weitere 20 Beschuldigte, darunter fünf Führungskräfte und zwei Ex-Vorstände der Hütte. Der Baron wisse viel, sagt sein Anwalt. Nur seine Vornehmheit verbiete es ihm bislang, „schmutzige Wäsche zu waschen“.

    Die Dillinger Hütte hat Fragen des Handelsblatts zu den Vorwürfen nicht beantwortet. In den letzten Jahren seien Compliance-, Kontroll- und Revisionsinstrumente geschärft worden, heißt es in einer kurzen Stellungnahme. „Erfahrungen der Vergangenheit“ hätten dabei eine Rolle gespielt.

    Für den Oberstaatsanwalt geht es kurz vor der Pensionierung um seinen Ruf. Uthe gilt als Korruptionsjäger Nummer eins im Saarland. Im Laufe seiner Karriere brachte er einen Museums-Chef, einen Saarbrücker Oberbürgermeister und einen Landtagspräsidenten zu Fall. Penibel nennen ihn Freunde, kleinlich seine Feinde. Einmal trug er in einer Anklageverlesung 43 Geschäftsessen mitsamt Preisen einzeln vor. Ein anderes Mal drohte er Angeklagten, er werde sie auch hinter Gittern nicht „in Ruhe lassen“.

    Die Karriere des Barons nahm 1999 Fahrt auf, als er die Saar-lngenieurbau GmbH (SIB) gründete. Der damalige Leiter der Neubauabteilung der Dillinger Hütte habe ihm zur Selbstständigkeit geraten und ihm einen Auftrag über 500.000 D-Mark erteilt, berichtet sein Anwalt. Der Baron erfüllte ihn zur Zufriedenheit.

    Der Bauunternehmer wehrt sich gegen die Vorwürfe, ein Korruptionsnetzwerk organisiert zu haben. Quelle: privat
    Baron von Sass

    Der Bauunternehmer wehrt sich gegen die Vorwürfe, ein Korruptionsnetzwerk organisiert zu haben.

    (Foto: privat)

    Im Stahlwerk erlebte er, wie die saarländische Stahlindustrie ihre Manager pamperte. Die sogenannten „Hüttenbeamten“ lebten in luxuriösen Dienstvillen. Mittags speisten sie im Kasino des Stahlwerks, zahlten für ein Drei-Gänge-Menü nur wenige Mark. Damals sei es üblich gewesen, die Privatadresse auf Visitenkarten zu drucken, erzählt ein Ex-Manager. „So wussten Geschäftspartner, wohin sie ihre Geschenke schicken mussten.“

    In diesem Umfeld muss dem Baron klar geworden sein, dass er, wenn er im Saarland Erfolg haben wollte, auch nach den Spielregeln des Saarlandes spielen musste. Er begann Allianzen zu schmieden. Aber dirigierte er am Ende die vielen Abhängigkeiten und Gefälligkeiten, wie ihm der Oberstaatsanwalt vorwirft, oder passte er sich den Gepflogenheiten an?

    Konspirative Treffen im Containerbüro

    Schauplatz vieler angeblicher Absprachen soll sein Containerbüro gewesen sein. Laut Anklage sollen hier zum Beispiel am 11. Juni 2013 von Sass, der Regionalchef von Hochtief und ein Mitarbeiter der Vergabeabteilung zusammengekommen sein, um die Angebote für das Fundament einer Rohrbrücke abzustimmen. Auftragsvolumen: rund 380.000 Euro. Um 11:51 Uhr habe der Chef der Neubauabteilung der Dillinger Hütte angerufen und den Preis eines dritten Bieters durchgestochen.

    Trotzdem habe die SIB die Deadline um 12 Uhr knapp verfehlt. Nur weil sich später ein Vorstand für den Baron eingesetzt habe, sei die Abgabe als „gerade noch rechtzeitig“ gewertet worden, heißt es in der Anklage. Die SIB erhielt den Auftrag.

    Ein knappes Dutzend mutmaßlich wettbewerbsverzerrender Absprachen hat Oberstaatsanwalt Uthe aufgelistet. Darunter finden sich Aufträge für eine Stranggussanlage (6,25 Millionen Euro), ein Grobblechwalzwerk (2,15 Millionen) und ein Blasstahlwerk (20,7 Millionen), das auf Betreiben des Barons schließlich von Hochtief errichtet worden sei. Hochtief wollte sich dazu nicht äußern.

    Die Lage des Containers spielt eine wichtige Rolle, die Verteidiger sehen in ihr den Beleg dafür, dass die Dillinger Hütte nie fair und neutral ausschreiben wollte. Der Container stand auf dem Fremdfirmen-Gelände des Werks. Partner, die häufig für das Stahlwerk arbeiteten, erhielten Stellplätze und damit einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil gegenüber Baufirmen von außerhalb.

    Der Baron verfügte gleich über sechs Container. Den Vertrag mit der SIB unterschrieben im Dezember 2007 zwei Vorstände der Hütte. Es gehe darum, die Arbeiten im „Erdbau, Tiefbau, Hochbau und Industriebau“ zu erleichtern. Wichtigste Bedingung: Aus dem Areal durfte von Sass ausschließlich Aufträge der Hütte bearbeiten.

    Vorwürfe standen damals schon im Raum. Nach Erkenntnissen der Fahnder soll 2004 ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG gewarnt haben, dass von Sass bevorzugt werde. Die Container erhielt er trotzdem – und obendrein viele Aufträge: Zwischen 2010 und 2014 gingen laut Ermittlern 103 von 104 Vergaben, bei denen die SIB beteiligt war, im Sinne des Barons aus.

    Nachdem 2011 eine anonyme Anzeige einging, nahm Uthe die Ermittlungen auf. Er ordnete umfangreiche Telefonüberwachungen an und ließ seine Fahnder gleich sechsmal zu Razzien ausrücken: mehrfach ins Stahlwerk, in Baufirmen, Privatwohnungen und später in eine örtliche Bank.

    Die Feindschaft eskaliert

    Der Anwalt des Barons beklagt eine „Hexenjagd“. Dabei dürfte sich die Feindschaft zwischen Uthe und von Sass im Jahr 2017 erheblich verschärft haben. Damals erreichte der Oberstaatsanwalt eine Verurteilung des Barons wegen Insolvenzverschleppung.

    Im Schlussplädoyer erzählte Uthe pointiert, wie man im Mittelalter mit Schuldnern umging. Man verkaufte oder verpfändete deren Familien. Seitdem sieht der Baron in Uthe einen Hetzer, der ihn fertigmachen will. Er stellte Dienstaufsichtsbeschwerde, die abgewiesen wurde.

    Im August 2018 saßen sich die beiden Männer erneut gegenüber, diesmal im Büro von Uthe. So steht es im Protokoll eines anwesenden Anwalts. Demnach schlug der Oberstaatsanwalt einen Deal vor: Von Sass möge Hintermänner nennen, dann würde er auf eine mildere Strafe plädieren. Der Baron ließ ihn barsch abblitzen. Er sei kein „Judas“, soll er gesagt haben. Uthe müsste zu diesem Zeitpunkt bereits einen gültigen Haftbefehl in der Tasche gehabt haben, der im Juli erlassen worden war. Trotzdem ließ er den Baron nicht festnehmen.

    Die Staatsanwaltschaft bestätigte nur ein Treffen, das ein Jahr vor dem Haftbefehl zu „verorten“ sei. Baron von Sass sei unangekündigt im Büro von Uthe erschienen, um ein informelles Gespräch zu führen. Das genaue Datum sei nicht mehr nachzuvollziehen. Merkwürdig ist, dass der sonst so gründliche Uthe ein derart wichtiges Treffen offenbar ohne Datum in den Akten führt.

    Zielfahnder auf Mallorca

    Der Baron wurde später auf Mallorca verhaftet, wo er mit seiner Familie Urlaub machte. Die spanische Justiz ließ ihn wieder auf freien Fuß. Uthe schickte Zielfahnder auf die Insel. Nach neun Monaten wurde Baron von Sass erneut festgenommen und ausgeliefert.

    Die Saarbrücker Presse berichtete Ende 2019 über die Mallorca-Episode. Zu lesen war, dass der Baron „untergetaucht“ und „flüchtig“ gewesen sei. Er habe sich in einer Kellerwohnung versteckt. Sein Anwalt Heuchemer bestreitet diese Darstellung. Zwei Verteidiger werfen der Staatsanwaltschaft vor, mit Durchstechereien ein negatives Bild vom Baron zu erzeugen. „Dieser Vorwurf wird zurückgewiesen“, sagt die Behörde dazu.

    Selbst wenn es stimmt, wäre es bislang erfolglos. Das Gericht verpasste dem Oberstaatsanwalt vor dem ersten Prozesstag einen Dämpfer. Im Eröffnungsbeschluss kassierte die Kammer mehrere Anklagepunkte und wies darauf hin, dass der Baron vielleicht nur wegen Beihilfe verurteilt werden könnte.

    Das wäre weniger, als der Staatsanwalt fordert, aber mehr, als der Baron erwartet. 2017 wurde seine Strafe von 14 Monaten Haft auf Bewährung ausgesetzt. Bei einem neuen Richterspruch könnte sie zur echten Zeit hinter Gittern werden. Das Sittengemälde der saarländischen Stahlindustrie wäre um eine Facette reicher.

    Mehr: Mit diesem Konzept will die Große Koalition die Stahlbranche retten.

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    1 Kommentar zu "Korruptionsprozess: Skandal um die Dillinger Hütte: Angeklagte sollen Millionen-Aufträge verschoben haben"

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    • Vieleicht sollte sich mal jemand den Berliner Sumpf unter die Lupe nehmen. Da wäre sicher mehr zu finden.

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