Logistikunternehmen Verkauf der Kieserling Gruppe hat juristisches Nachspiel für Nachlassverwalter Hösel

Karsten Kieserling gründete eine Stiftung, um sein Logistikunternehmen langfristig zu bewahren. Doch der Testamentsvollstrecker hatte andere Pläne.
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Eine Stiftung sollte das Container-Geschäft für die Zukunft sichern. Quelle: Kieserling Holding
Lkw der Kieserling-Logistik

Eine Stiftung sollte das Container-Geschäft für die Zukunft sichern.

(Foto: Kieserling Holding )

DüsseldorfDer Autor war vom Stifter entzückt. Ein besonderer Unternehmer sei dieser Mann gewesen, schrieb Konrad Hösel 2008 im Sammelband „Stiften in Bremen“ über Karsten Kieserling. Optimistisch, vorausschauend und mit seinem frühen Einsatz moderner Technik ein Vorreiter in der Containerbranche. Oft habe er „den richtigen Riecher“ gehabt. Kieserling war 2006 mit 70 Jahren verstorben. „Plötzlich und unerwartet“, schrieb sein Testamentsvollstrecker Hösel.

Kieserling zeichnete aber noch etwas anderes aus, erfuhr der Leser. Der Mann, der die kleine Firma seines Vaters in ein Millionenunternehmen verwandelte, konnte loslassen. Im Juli 2004 unterzeichnete der Senator für Inneres und Sport der Hansestadt Bremen die Anerkennungsurkunde für die Kieserling Stiftung, in die er seine Anteile an der Unternehmensgruppe eingebracht hatte. So erhielt das unternehmerische Lebenswerk eine Struktur, die auf Dauer zukunftsfähig war, schrieb Hösel.

Es kam anders. Das Logistik-Unternehmen Kieserling geriet in fremde Hände. Und Hösel, der selbst Stiftungsratsvorsitzender war, hatte daran maßgeblichen Anteil. Deshalb hat ihn eine Tochter von Karsten Kieserling verklagt. Und die Staatsanwaltschaft Bremen ermittelt wegen des Verdachts auf Untreue.

Karsten Kieserling, Kieserling Logistik Quelle: Kieserling Stiftung
Karsten Kieserling

Karsten Kieserling, Kieserling Logistik

(Foto: Kieserling Stiftung)

Mehr als 21.000 rechtsfähige Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von schätzungsweise rund 100 Milliarden Euro gibt es in Deutschland. Vor allem bei Mittelständlern ist diese Gesellschaftsform beliebt. Nicht kurzfristiges Gewinnstreben einzelner Geschäftsführer soll ihr Lebenswerk steuern, noch dividendenhungrige Aktionäre.

Viele Unternehmer halten die Stiftung für die sicherste Bastion ihres Erbes. So wie Karsten Kieserling. 1936 in Bremen geboren, war er 27 Jahre alt, als sein Vater Erich ihm die kleine Fahrzeugflotte anvertraute, die er nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hatte. 1966 landete der erste Container in Deutschland an – der Junior sah seine Chance. In den folgenden Jahren entwickelte er das Unternehmen zu einem Marktführer der Logistikbranche. Kieserling durfte sogar radioaktives Material transportieren – ein Geschäft mit guten Renditen.

Alles schien geregelt

In den folgenden Jahrzehnten baute er Niederlassungen in Europa und Nordamerika auf und beschäftigte mehr als 600 Mitarbeiter. Mit 68 Jahren wollte Kieserling sein Lebenswerk zukunftsfest machen. Der Unternehmer vertraute dabei auf Konrad Hösel. Kieserling kannte den Wirtschaftsprüfer und Steuerberater gut. Hösel sollte nicht nur sein Testament vollstrecken, sondern auch Ratsvorsitzender der neuen Kieserling Stiftung werden. Als es im Juli 2004 so weit war, schien alles geregelt.

Ende April 2006 klingelte Hösels Telefon. Kornelia Gless-Kieserling rief an. Ihr Vater sei auf Mallorca verstorben, teilte die jüngere der Unternehmertöchter betroffen mit. Sie habe den Leichnam nach Deutschland überführt. Die Antwort von Hösel irritierte sie. „Er sagte, dass sei eine interessante Information“, erinnert sich Gless-Kieserling. Ein paar Tage später passten ihre Schlüssel für das Büro ihres Vaters nicht mehr. „Hösel sagte, es habe einen Einbruch gegeben und er habe die Schlösser austauschen müssen.“

Die Tochter schöpfte keinen Verdacht. Dem Unternehmen ging es gut, der Stiftung damit auch. Die Witwe und ihre beiden Töchter erhielten regelmäßig beträchtliche Auszahlungen. Die Erben hatten zwar keinen Einfluss auf das Unternehmen, aber einen Nutzen durch es. Genau so hatte es Karsten Kieserling gewollt.

Was er nicht wollte war, dass sein Unternehmen je in fremde Hände kam. Und doch geschah genau das.

2013 übernahm die Compass Logistics International AG die Anteile der Stiftung an der Kieserling-Gruppe. In den Verträgen ist von einem Notverkauf die Rede. Es bestehe „erheblicher Handlungsbedarf, um einen wirtschaftlichen Totalschaden“ abzuwenden. Der Kaufpreis betrug gerade mal drei Millionen Euro.

Die Kieserling-Gruppe hatte zum Verkaufszeitpunkt zwei Unternehmensbereiche: Container-Logistik und Konventionelle Logistik. Beide Geschäftsführer bestreiten, dass ein Notverkauf gerechtfertigt war. Eine „beispiellose Sauerei“, nennt Container-Geschäftsführer Wolfgang Weber den Vorgang. Drei Millionen als Kaufpreis seien lachhaft.

Beide Geschäftsführer bestätigen, dass die Zeiten in der Logistikbranche härter geworden seien. Trotzdem habe die Gruppe in jedem Jahr seit dem Tod Kieserlings gute Gewinne geschrieben und es habe nie Liquiditätsprobleme gegeben. „Ich kenne Interessenten, die hätten bis zu zehn Millionen Euro für dieses Unternehmen geboten, mich eingeschlossen“, sagt Weber. „Aber es gab ja gar kein Bieterverfahren.“

Warum nicht? Die jüngste Kieserling-Erbin hegt einen Verdacht. Bei ihrer Suche nach Gründen für den angeblichen Notverkauf stieß sie auf den Notkäufer: Testamentsvollstrecker Hösel. „Wir haben herausgefunden, dass Hösel selbst fast ein Drittel an der Gesellschaft hielt, die die Firma meines Schwiegervaters kaufte“, sagt Kieserlings Schwiegersohn, Sven Gless. „Ausgerechnet der! Dabei sollte doch Hösel das Erbe bewahren!“

Tatsächlich bereitete Hösel etwas anderes vor. Der Testamentsvollstrecker schloss einen Vertrag mit dem Mann, der später die Compass Logistics AG gründen sollte. Diese wiederum, so ist in einem Vertrag von 2012 festgehalten, würde anschließend die Kieserling Holding übernehmen. Und Hösel selbst hielt verdeckt über einen Treuhänder 32,5 Prozent an der neuen Eigentümergesellschaft.

Hösel hatte Insiderwissen

Hösel musste wissen, was er tat – nur wenige kannten sich aus bei Kieserling wie er: Der Ex-Vertraute des Chefs war Wirtschaftsprüfer und Steuerberater des Unternehmens. Er agierte als Vorsitzender des Stiftungsrates und wurde nach Kieserlings Tod Geschäftsführer der Holding und der Beteiligungsgesellschaft. Den Geschäftsführerposten überließ er ab 2007 seiner jetzigen Frau.

Die ganze Sache, sagen ehemalige Mitarbeiter, stinke zum Himmel. Einerseits hatte Hösel Insiderwissen bei der Kieserling-Gruppe. Andererseits war er kurz danach Berater des Kieserling-Käufers – und im Hintergrund selbst Teilkäufer. Wie ist das alles zu erklären? Hösel äußert sich nicht. Aus seinem Umfeld heißt es, er habe den Weg gewählt, der am wenigsten Schaden für das Logistikunternehmen brächte. Ein Bieterverfahren hätte Risiko bedeutet. Dass er selbst als Käufer einstieg, sei auf Wunsch des Haupterwerbers geschehen. Dieser habe das als „Bekenntnis zum Unternehmen“ verstanden.

Welche Version richtig ist, muss das Gericht entscheiden. Das dauert. Schon im Mai 2014 durchsuchte die Staatsanwalt die Büros der Stiftung, der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft von Hösel und dessen Privaträume. Untreue, lautete der Verdacht. Zwei Jahre später war aber noch immer nichts passiert – ein Grund für die Kieserling-Tochter, eine Schadensersatzklage einzureichen.

Das löste eine juristische Lawine aus. Die Erbin verklagte im März 2016 das Ehepaar Hösel und zwei Kieserling-Gesellschaften auf drei Millionen Euro. Daraufhin verklagten die beiden Gesellschaften gemeinsam mit der Stiftung Konrad Hösel, zwei Kollegen aus seiner Ex-Wirtschaftsprüfergesellschaft und weitere Beteiligte.

Der neue Stiftungsvorstand hatte inzwischen ein Gutachten in Auftrag gegeben, um den wahren Wert der Unternehmensgruppe zum Verkaufszeitpunkt zu beziffern. Ergebnis: zwölf Millionen Euro. Die Differenz fordern die Kläger nun als Schadensersatz: 9,3 Millionen Euro.

Die Behörden äußern sich nicht zu ihren Ermittlungen. Zu einer Verhandlung wird es 2018 wohl nicht mehr kommen. Die Kieserling-Tochter verzweifelt nun nicht nur an ihrem Erbe, sondern auch am deutschen Rechtssystem.

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